Tikun Olam: Cannabis soll Medizin sein!

Von der Kabbala zur modernen Medizin

Das Tätigkeitsspektrum von Tikun Olam, Israels erstem Zentrum für Medizinalcannabis, ist breit: Es reicht von der Sortenveredelung bis zur Behandlung von Patient/innen. Das Unternehmen machte mit Sorten auf sich aufmerksam, die einen hohen CBD-Gehalt besitzen und ohne psychoaktive Wirkung unangenehme Symptome lindern. Mit Ma‘ayan Weisberg, der zuständigen Mitarbeiterin für internationale Beziehungen, führten wir ein Gespräch über die Aktivitäten von Tikun Olam und die Zukunft des therapeutischen Cannabis.

Die Züchtungen “Raphael” & “Avidekel” im Treibhaus

Medijuana: Unseres Wissens bedeutet der Name Tikun Olam: „die Welt verbessern“. Die ganze Welt zu retten, ist das nicht ein hoch gestecktes Ziel?

Ma’ayan Weisberg: Stimmt. Der Name entstammt dem jüdischen Glauben, genauer gesagt der Kabbala, und besagt: Wenn wir alle sie ein bisschen besser machen, können wir gemeinsam die Welt verbessern. Dieses Streben steckt hinter dem Namen, den der Gründer Tzahi Cohen gewählt hat. Cohen stammt aus einer kleinen, gläubigen Stadt im Norden, wo viele die Kabbala studieren. Cohens Vision ist es, möglichst vielen leidenden Menschen Cannabis zukommen zu lassen. Cannabis hilft nicht nur bei vielen Krankheiten, sondern ist auch ökologisch der Gesellschaft zuträglich, denn es ist billig, leicht anzubauen und verschmutzt die Umwelt nicht, wie viele andere Medikamente es tun. Außerdem hat es sehr wenige Nebenwirkungen, was dem Arzt einen anderen Blick auf den Patienten erlaubt. Nach langer Orientierungsphase und Forschungsarbeit gab Cohen erstmals 2007 Patienten im Endstadium Cannabis und ersuchte dann die Regierung um eine Erlaubnis, für unseren Bedarf anbauen zu dürfen. Nach ihrer Erteilung war er der erste Mensch in Israel, der therapeutisches Cannabis anbauen und den Patienten darreichen konnte.

“Raphael”-Baby-Klone werden gepfl anzt- viel CBD wenig THC

MED: Seitdem ist Tikun Olam stark gewachsen, gegenwärtig ist es das größte Unternehmen für therapeutisches Cannabis in Israel. Wie viele Beschäftigte habt ihr?

MW: Wir haben 60 Mitarbeiter und versorgen 5000 Patienten.

MED: Wie wird therapeutisches Cannabis heutzutage in Israel behandelt?

MW: Es wird weiterhin als gefährliche Droge behandelt, aber wir haben eine Genehmigung für den Anbau und die Therapie.
Patienten mit einer Spezialgenehmigung können bei uns kaufen. Momentan gibt es einen ernsten Streit unter den Wissenschaftlern, und wenn sie unseren Standpunkt teilen und auch vertreten, wird es leicht sein, die Gesellschaft vom Nutzen des therapeutischen Cannabis zu überzeugen. Ich sehe es so, dass momentan die Hälfte der Menschen diese Behandlungsmethode akzeptiert, was an sich schon einen gewaltigen Fortschritt bedeutet. Man muss aber auch hinzufügen, dass es gegenwärtig lediglich erlaubt ist, den Patienten Cannabis als letzte Möglichkeit zu geben. Das bedeutet, dass jeder Patient erst alle bekannten Therapien durchlaufen muss. Nur wenn diese erfolglos bleiben, können wir ihm Cannabis geben.

MED: Wie sieht die Ausrichtung von Tikun Olam aus, wo liegt das Hauptgewicht?

"Eran Almog"MW: Obwohl es viel Energie erfordert, versuchen wir allen Bereichen große Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, daher unterhalten wir besondere Gruppen für Forschung, Zucht und Anbau. Angebaut wird in klimatisierten Räumen, aber wir verwenden auch Sonnenlicht. Ein Computerkontrollsystem stellt sicher, dass alle Pflanzen genau die Nährstoffe, Licht und Temperatur bekommen, die sie benötigen. Wir benutzen keine schädlichen Chemikalien und bemühen uns, so organisch wie möglich zu züchten. Im Laboratorium arbeiten Biologen und Wissenschaftler an der Herstellung und Analyse unserer Produkte. Hier besteht die Möglichkeit Moleküle zu isolieren, mit denen man unterschiedliche Experimente durchführen kann, beziehungsweise zur klinischen Forschung in Zusammenarbeit mit Universitäten und Krankenhäusern. Behandelt wird in Kliniken, wo von uns speziell ausgebildetes Pflegepersonal arbeitet. Hier beraten wir die Patienten und nehmen ihre Daten auf. Im Lauf der Jahre ist eine große Datenbank entstanden, mit deren Hilfe wir den Symptomen die entsprechende Sorte zuweisen können. Dadurch können wir sehr erfolgreiche Behandlungen anbieten. Außerdem klären wir die Patienten darüber auf, was sie nehmen, mit welchen Nebenwirkungen sie rechnen müssen und im Falle der Einnahme anderer Medikamente teilen wir ihnen die Gegenanzeigen mit. Schließlich liefern wir den Patienten die Cannabisprodukte ins Haus. Die Auslieferung unterliegt strengen Sicherheitsvorschriften und geschieht mit Panzerwagen und bewaffneten Sicherheitskräften.

MED: Ich nehme an, dass nicht der Patient die Wahl trifft, welche Sorte bei seinen Symptomen am besten geeignet ist.

MW: Patienten mit einer Genehmigung, die sich an uns wenden, laden wir zuerst zu einer Beratung ein. Die Schwestern erfassen die Daten und nach deren Auswertung empfehlen wir eine bestimmte Sorte, die sie bei uns im Geschäft kaufen oder bestellen können. Alle Sorten, die wir anbauen, sind in mehreren Darreichungsformen erhältlich: als Kapseln, als Öl, als getrocknete Blüten oder in vorgefertigten Zigaretten.

MED: Welche Mengen baut ihr an?

MW: Dazu kann ich nichts sagen, aber ich nenne ein paar Zahlen zur Kalkulation. Bei uns arbeiten sechzig Menschen, es gibt insgesamt 5000 Patienten, die durchschnittlich 40–50 Gramm im Monat benötigen.

MED: Welche Sorten gibt es bei euch in erster Linie?

MW: Wir haben THC-reiche Sorten, solche mit gleichem Anteil von THC und CBD sowie CBD-reiche Sorten mit niedrigem THC-Gehalt. Letztere wirken am ehesten bei Entzündungen und sind durch ihre antipsychotischen Eigenschaften besonders sicher. Unsere Sorte Avidekel wird beispielsweise bei Kindern zur Vorbeugung epileptischer Anfälle benutzt. Das ist übrigens die berühmte Sorte mit hohem CBD-Gehalt, die von der Hebrew University getestet wurde. Die Forscher haben herausgefunden, dass Avidekel, im Gegensatz zu anderen Medikamenten, über Wochen Entzündungen hemmt und die Organe keine Toleranz entwickeln, sodass die Dosis nicht erhöht werden muss und sich keine anderen Symptome einstellen. Das ist einzigartig! Die Forschungsergebnisse wurde gerade veröffentlicht und sind auf unserer Webseite abrufbar.

“Erez Mutter”

MED: Ist es mit solch erfolgreichen Sorten noch nötig, weitere Varianten zu veredeln, oder sind die vorhandenen für die vielfältigen Symptome ausreichend?

MW: Selbstverständlich besteht die Notwendigkeit! Die meisten Sorten, die heutzutage erhältlich sind, wurden zur Entspannung gezüchtet, mit hohem THC-Gehalt, um sie teuer verkaufen zu können. Die Sorten AK47 und Bubba Kush klingen nicht sehr medizinisch; das sind keine Sorten, die man einem Patienten geben kann. Wir sammeln Sorten aus allen Teilen der Welt und bauen sie an, und wenn wir sie dann den Patienten geben, stellt sich heraus, dass viele eine eher therapeutische Wirkung haben als eine psychoaktive. Und darum geht es. Ich möchte nicht, dass unsere Patienten high werden, sondern dass sie sich besser fühlen und sich ihre Lebensqualität steigert. Dass sie ein normales Leben führen können, wieder arbeitsfähig werden und mit ihrer Familie zusammen sein können. Beim therapeutischen Cannabis geht es nicht darum, dass der Patient den ganzen Tag bedröhnt herumsitzt, sondern darum, ihm die Lebensqualität wiederzugeben.

MED: Auf eurer Webseite gibt es Sorten mit hohem THC-Gehalt und kaum CBD, ähnlich den Sorten für den rekreativen Konsum. Wem empfehlt ihr diese Sorten?

MW: Viele Patienten leiden unter chronischen Schmerzen und sie brauchen THC. Neuen Patienten geben wir keine Sorten mit hohem THC-Gehalt, nur solchen, die schon lange Zeit ihre Schmerzen mit Opiaten gestillt haben, deren Körper sich also an den Gebrauch von psychoaktiven Stoffen gewöhnt hat. Die meisten Patienten, die Sorten mit hohem THC-Gehalt benutzen, haben früher starke Opiate genommen, zum Beispiel Oxyconitin, aber durch den Umstieg auf Cannabis können sie sich langsam aber sicher von den Opiaten befreien. Sie berichten nicht von High-Sein, aber ihr Schmerzgefühl verschwindet, sie können wieder ihrer Arbeit nachgehen und für ihre Familie und Gemeinschaft da sein.

MED: In welchen Fällen zeigen die Sorten mit gleichem Anteil von THC und CBD ihre Wirkung?

MW: Nehmen wir zum Beispiel unsere Sativa-Sorte Midnight, die THC und CBD im Verhältnis 50:50 enthält. Sie ist sehr gut für onkologische Patienten geeignet, sie steigert ihren Appetit, senkt ihre Beklemmungen und wirkt wohltuend auf das schützende Endocannabinoidsystem.

MED: Wenn wir schon beim Immunsystem sind: Gibt es eine Möglichkeit, dass Patienten, die nach langer Krankheit, hauptsächlich Krebs, wiederhergestellt sind, Cannabisprodukte vorbeugend benutzen, um einem Rückfall entgegenzuwirken?

MW: Ich würde mich sehr freuen, wenn das möglich wäre, ist es aber leider nicht. Bei Krebs können die Ärzte Cannabis nur verschreiben, wenn der Patient eine Chemotherapie bekommt, als vorbeugende Therapie wird es aber nicht akzeptiert. Die Genehmigung für die Patienten gilt nicht auf Lebensdauer, sondern nur sechs Monate, daher verlieren die Patienten, die den Krebs überwunden haben, sie automatisch. Wenn der Patient gesund wird und sich wieder besser fühlt, wird der Arzt ihm kein Cannabis mehr empfehlen, was traurig ist, denn die Nebenwirkungen einer Chemotherapie stellen sich nicht von einem Tag auf den anderen ein. Die Ärzte haben jedoch die präventive Nutzung noch nicht anerkannt.

Produkte von Tikun Olam (Öle, Kapseln, vorgedrehte Joints, getrocknete Blüten, Speisen)

MED: In den Vereinigten Staaten und Europa besteht ein immer größerer Bedarf an CBD-reichen Sorten und ich weiß, dass ihr ihn gern befriedigen würdet. Wie steht es um dieses Projekt?

MW: Der Staat Israel erlaubt uns keinen Export. Wir können aber gemeinsame Unternehmen gründen und Geschäftskooperationen eingehen, wie im Fall der kanadischen Firma Medreleaf. Sie verkaufen unsere Sorten und verwenden unser Know-how. Ich hoffe, dass die Regierung uns in Zukunft mehr zugestehen wird, denn es wäre auch für das Land nutzbringend, man denke nur an die Steuermehreinnahmen.

MED: Habt ihr einen Standpunkt bezüglich des Konsums von Cannabis zur Entspannung?

MW: Für uns ist diese Frage nicht relevant. Obwohl viele Israelis es zur Entspannung nutzen, konzentrieren wir uns auf das therapeutische und medizinische Potenzial. Aus unseren Forschungen geht jedoch eindeutig hervor, dass Alkohol, Rauchen und die in weiten Kreisen benutzten rezeptpflichtigen Medikamente viel gefährlicher sind als Cannabis. Allgemein kann man sagen, dass der therapeutische Gebrauch von Cannabis sicher ist, und viele rekreative Konsumenten wissen vielleicht nicht einmal, dass sie Cannabis zur Eigentherapie verwenden. Vielleicht haben sie Kopfschmerzen oder sie sind nervös. In der modernen Welt leben wir sehr unter Stress. Wahrscheinlich nehmen viele rekreative Konsumenten es als eine Art Therapie anstelle von Tabletten und Beruhigungsmitteln. Das Wichtigste aber ist, dass Cannabis immer medizinische Qualität haben muss. Darunter verstehe ich, dass der Züchter strenge Regeln einhalten muss, beispielsweise bei Gebrauch von gesundheitsschädlichen Insektiziden und Hormonen. Wenn du etwas zur Entspannung nimmst, möchtest du gesund bleiben und keine unangenehmen Wirkungen hervorrufen, oder? Ich glaube, dass das Cannabis beim Anbau nach entsprechenden Regeln ohne Chemikalien und bei richtiger Lagerung ein Medikament ist. Und das gilt nicht nur für Medizinalcannabis, sondern allgemein. Wenn die Welt das verstanden hat, wird der Streit über den therapeutischen oder rekreativen Gebrauch irrelevant sein.

MED: Wie siehst du die Rolle von Cannabis in der Medizin in zehn Jahren? Glaubst du, dass große Veränderungen bevorstehen?

MW: Da bin ich sicher. Die gängigen Therapien verschmutzen die Welt, denn die Chemikalien gelangen durch den Urin in die Umwelt. Andererseits wollen die Menschen weniger Medikamente konsumieren – es genügt daran zu denken, wie viele Menschen in den Vereinigten Staaten abhängig werden und täglich an Schmerzmitteln sterben. Nun gibt es ernste Diskussionen darüber und ich meine, dass die Welt in zehn Jahren erkennen wird, dass es eine andere Wahl gibt. Die Welt, in der Ärzte und Medikamente für Patienten göttergleich waren, geht zu Ende. Ich vertraue darauf, dass sich die Menschen bewusster werden, was sie konsumieren und wie das auf sie oder die Umwelt wirkt. Und darauf, dass Cannabis für immer mehr Krankheitsbilder eingesetzt wird und Krankheiten mit seinem Gebrauch verhütet werden können. Ich glaube, mit der Zeit wird das unweigerlich eintreten.