Britische Kranke zeigen sich selbst an

In Großbritannien erhielt seit dem Start des Programms für therapeutisches Cannabis nur ein Bruchteil der PatientInnen ärztliche Rezepte. Da das legale Cannabis für die meisten wegen seines hohen Preises keine Option darstellt, wählten viele den häuslichen Anbau. Um ihre Plantagen vor einer Beschlagnahmung durch die Polizei zu schützen, kamen einige PatientInnen dem zuvor und zeigten an, dass sie aus medizinischen Gründen für sich selbst anbauen.

 

Von den Erfolgsgeschichten des medizinischen Cannabis in Großbritannien bleibt wahrscheinlich folgender Fall am deutlichsten in Erinnerung: Die Mutter eines kleinen Jungen, der unter schweren epileptischen Anfällen litt, fand sich nicht damit ab, dass ein verfehltes Gesetz ihrem Jungen Hilfe in seinem lebensbedrohlichen Zustand verweigert. Sie setzte alle Hebel in Bewegung, verhandelte mit Ministern, schaltete die Presse ein und erreichte innerhalb von ein paar Monaten, dass nicht nur ihr Junge, sondern auch andere schwer kranke PatientInnen mit einer Ausnahmeregelung Cannabisöl erhalten können, solange die erkämpfte Regelung nicht Gesetzeskraft erhält. Dieses Gesetz wurde zwar inzwischen angenommen, aber die Umsetzung lässt noch auf sich warten. Jedoch ist der Inselstaat zum Glück für seine aufrechten Menschen bekannt, die so lange kämpfen, bis sie ihr Recht durchgesetzt haben.

 

Hände weg von den Plantagen!

Obwohl im Vereinigten Königreich seit November 2018 Cannabis erhältlich ist, scheut sich ein Großteil der ÄrztInnen vor der Verschreibung. In Zahlen bedeutet dies, dass gegenwärtig nur knapp 500 Menschen Rezepte erhalten haben. Oft muss man sich Cannabis von PrivatärztInnen verschreiben lassen, was die ohnehin teure Beschaffung weiter verteuert. Mangels einer Erlaubnis nehmen viele PatientInnen ihr Schicksal selbst in die Hand und bauen das nötige Cannabis für ihre Behandlung illegal an. Die größte Gefahr dieser Mikroplantagen ist die Polizei, die mit Vorliebe Razzien gegen die SelbstversorgerInnen durchführt. Ein Patient war darüber so empört, dass er eine Petition ins Leben rief, die es zum Ziel hatte, den privaten Anbau aus gesundheitlichen Gründen nicht unter Strafe zu stellen. Wie aber kann eine Behörde wissen, wer aus medizinischen Gründen anbaut, wer zum Freizeitkonsum oder gar für kleingewerblichen Handel? Aus diesem Grund haben UnterzeichnerInnen der Petition ihre Adressen offengelegt und erklärt, dass sie zur Erhaltung ihrer Gesundheit Cannabis anbauen, und zwar ausschließlich für den Eigenbedarf. Landesweit wurde diese Petition von mehreren hundert Menschen unterschrieben und aus praktisch allen Landesteilen erhielt die Polizei Anträge, den privaten Anbau zu verschonen.

 

Teure Behandlung für Auserwählte

Die 32-jährige Carly Barton ist die erste Patientin in Großbritannien, die eine Genehmigung zum Anbau von Cannabis erhielt. Nach einem Schlaganfall im Alter von 24 Jahren leidet sie unter chronischen Schmerzen, die mit Fibromyalgie zusammenhängen und nimmt gewöhnlich alle zwei Stunden
Marihuana in einem Vaporizer zu sich. Der erste Tag, an dem sie Cannabis ausprobierte war zugleich der letzte Tag, an dem sie Morphium benutzte. Zudem setzte sie danach sukzessive auch die übrigen Schmerzmittel ab. Mit einem Rezept könnte sie aus Holland importiertes Cannabis erhalten, die monatlichen Kosten von ungefähr 1.500 € überschreiten jedoch ihre finanziellen Mittel. Auf dem Schwarzmarkt könnte sie die nötige Menge für einen Bruchteil dieses Preises erhalten, jedoch ist Selbstanbau zu Hause die wirtschaftlichste und am besten kontrollierbare Methode. Wegen der irrealen Preise wandte sie sich in einem Brief an den Innenminister Sajud Javid und an die zuständigen Strafverfolgungsorgane und bat darin um Unterstützung. Sie teilte mit, dass sie aus gesundheitlichen Gründen sechs Cannabispflanzen zieht und gab auch ihre Adresse an. Aus dieser Initiative entstand eine Petition, der sich Hunderte anschlossen. All dies belegt, dass die britische Praxis landesweit doppelten Schaden verursacht. Obwohl der Staat die nötige Unterstützung für die Behandlung mit medizinischem Cannabis gibt, tritt er sofort in Erscheinung, wenn jemand mit eigenen Pflanzen die nötige Menge anbaut. Nun sind seit der Einreichung der Petition etliche Wochen vergangen und die PatientInnen haben von der Polizei keine Antwort bekommen. Dies ist als gutes Zeichen zu werten. Etliche sind sogar der Meinung, dass die Polizei auf der Seite der PatientInnen steht und beim medizinischen Selbstanbau ein Auge zudrücken wird.

Unterschiedliche Ordnungsbegriffe

Bevor nun jemand, ermutigt vom Beispiel der britischen Patientin, auf die Idee kommt, die Polizei seines Landes über seinen Eigenanbau in Kenntnis zu setzen, muss man ein paar Worte über die unterschiedlichen Sichtweisen der britischen Polizei verlieren. Der Polizeichef der Stadt Durham beispielsweise verzichtet nicht nur auf die Strafverfolgung, sondern verkündete auch die Entkriminalisierung des Cannabis. Nach seiner Argumentation untergräbt die Aufrechterhaltung des Cannabisverbots die öffentliche Sicherheit, gefährdet die KonsumentInnen und garantiert organisierten Verbrechern Einnahmen von mehreren Millionen Pfund. Der Polizeichef erwähnte ausdrücklich die SelbstanbauerInnen von wenigen Pflanzen und erklärte, dass sie nicht in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fallen. Diese Meinung wird natürlich nicht von allen britischen PolizistInnen
geteilt, daher kann sich nicht jeder, der die Petition unterzeichnet hat, in Sicherheit wiegen. Das Portal Leafly sprach mit einer 54-jährigen Dame aus Südwales, die ebenfalls unter Fibromyalgie leidet. Man muss wissen, dass die dortige Polizei im Gegensatz zu der in Durham keinerlei Toleranz gegenüber Cannabis zeigt.  Jeden Tag hört man von Polizeiaktionen.  Die Patientin befürchtet, dass die Polizei bei einem Verdacht gewaltsam in die Wohnung eindringt und daher wagt sie es nicht, zu Hause zu konsumieren. Dabei ist es ihr einziger Wunsch, ein paar Pflanzen zu ziehen, um eine Auswahl zu haben und um zu wissen, was sie konsumiert. Sie erzählte auch von einem anderen Patienten, der einem Arzt berichtet hatte, dass Cannabis bei seinen Symptomen hilft. Kaum eine Woche später sprach ein Sozialarbeiter bei ihm vor und erkundigte sich nach dem Wohlergehen seiner Tochter. Er unterschrieb die Petition, um klar zu zeigen, dass er kein Krimineller ist, er nur seine Krankheit therapiert und nicht beabsichtigt, die Verbrecherkartelle zu vergrößern. Solange ein Großteil der ÄrztInnen den PatientInnen kein Cannabis verschreibt und solange die legale Beschaffung so teuer ist, sind von den betroffenen PatientInnen ähnliche Aktionen zu erwarten. An den Beispielen aus verschiedenen Ländern können wir erkennen, dass im ersten Zeitraum nach der Legalisierung von medizinischem Cannabis dessen Beschaffung ausgesprochen teuer ist. Bis sich die Lage entspannt hat, müsste die Polizei sich zurückhalten und diejenigen PatientInnen in Frieden lassen, für die der Eigenanbau die einzige Lösung darstellt. Wünschenswert wäre, dass sich die Ansichten aus Durham verbreiten, ebenso die Entkriminalisierung, damit die Justiz klar zwischen KonsumentInnen und HändlerInnen unterscheiden kann. Wir können sicher sein, dass wir noch viel über das britische Programm für medizinisches Cannabis hören werden und wir hoffen, dass dies in Zukunft dann positive Nachrichten sein werden.

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