Alternativbehandlung

Es ist eine Pflicht des Staates, ein Programm zum medizinischen Einsatz von Marihuana zu schaffen”

Während in Osteuropa die Länder eines nach dem anderen den Weg der Entkriminalisierung einschlagen und sich auch die Länder Südamerikas in Zukunft gerne von dem aus den USA exportierten Drogenkrieg fernhalten, hält die im Wesentlichen unter amerikanischen und immer intensiverem russischen Einfluss stehende UNOCD weiterhin krampfhaft an dem kostspieligen und sinnlosen, für die Verteidigungsindustrie jedoch durchaus gewinnbringenden Kampf fest. Und so machten die aus aller Welt in Wien eingetroffenen Experten Anfang März auch jetzt nicht die UNO zum Motor der Drogenreform, jedoch wurden einige Stimmen laut, die forderten, dass wenigstens die Wirksamkeit der Programme zum medizinischen Einsatz von Marihuana anerkannt werden solle und dass die Weltorganisation ihre Mitgliedstaaten dazu auffordern möge, ähnlich wie für die Opiate, ein System für die Versorgung mit medizinischem Marihuana zu erarbeiten. Zu der Veranstaltung erschien der israelische Delegierte der ENCOD, Boaz Wachtel, der in seiner Heimat Mitglied des parlamentarischen Fachgremiums für das Gesundheitswesen und gleichzeitig Leiter des israelischen Programms zum medizinischen Einsatz von Cannabis ist und auch selbst hunderte von Patienten behandelt.

 

Medijuana: Wie sind Sie zu dieser ganzen Cannabis-Geschichte überhaupt gekommen und wodurch wurden Sie auf die Heilwirkung von Marihuana aufmerksam?

Boaz Wachtel: Das ist eine lange Geschichte. Ich lebte in den USA, wo ich bereits im Jahre 1988 auf die Iboga-Therapie für Drogenabhängige stieß. Seitdem führe ich auch selbst Behandlungen dieser Art durch. Anschließend, im Jahre 1994 zog ich nach Israel und im gleichen Jahr gründeten wir die Organisation „Israelische Stiftung für die Reformierung der Drogengesetze“, da auch Iboga in zahlreichen Ländern und internationalen Abkommen als Droge angesehen wird. Ich wurde daraufhin auch Mitglied des parlamentarischen Gremiums, wo ich vorschlug, dass man Kranken zu medizinischen Zwekken Zugang zu Iboga und Marihuana verschaffen solle. Mit diesem Vorschlag  wandte ich mich 1995 im Auftrag eines AIDS-Patienten an den Gesundheitsminister, mit der Bitte, in diesem Falle die Empfehlung zum Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken zu billigen – und er  nahm meinen  Antrag an. Im Anfang fürchteten sich die Menschen natürlich vor den Behörden und es war recht schwierig, auch Patienten für das Programm zu gewinnen. Es kam auch zu Diskussionen im Zusammenhang mit praktischen Fragen, so z.B. ob die Patienten Marihuana selbst anbauen dürften – das Programm lief also nur schleppend an. Ich bin allerdings stolz darauf, dass sich mittlerweile 7500 Patienten und 20 Anbauer dem nationalen Heilprogramm angeschlossen haben und Israel zu den einzigen drei Ländern der Welt gehört, das eine Landesbüro für die medizinische Nutzung von Cannabis eröffnet hat. Das erste Büro dieser Art wurde in Holland ins Leben gerufen. (hierzu Genaueres s. in unserem Artikel auf Seite 14 – d. Red.). Das zweite in Kanada und das Dritte wird in Israel seine Pforten öffnen. Ich hoffe, dass sich bald auch Österreich anschließen wird, und gemeinsam mit den erwähnten Ländern der Welt ein Exempel statuiert und den Patienten das Recht auf eine effizientere Behandlung einräumt.

M: Ein staatliches und vor allem subventioniertes Marihuana-Programm – das klingt hierzulande noch recht utopisch.

BW: Dabei bin ich der Meinung, dass es eine großartige Idee und ein zukunfts-trächtiger Weg ist. Und dabei gilt es, den Schwerkranken nicht nur Zugang zum medizinischen Cannabis zu gewähren, sondern den Menschen auch ins Bewusstsein zu rufen, dass Marihuana ein sehr effektives Schmerzmittel und ein Appetitanreger ist, AIDS-Kranken Erleichterung bringt, neuropathische Schmerzen lindert, die Symptome neurogenerativer Krankheiten lindert, bei diversen Krampfzuständen – seien diese nun postmenstruelle Beschwerden oder gar die Symptome, die mit dem Tourette-Syndrom einhergehen- positive Wirkung hat. Es handelt sich hier um ein Heilkraut, das man den Patienten einfach zur Verfügung stellen muss! Seit zehn wird in israelischen Krankenhäusern auf den Stationen, auf denen Tumorerkrankungen behandelt werden, Cannabis eingesetzt, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Schwindel und Erbrechen zu lindern, wodurch die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessert wird. Wenn ihr jemandem begegnet, der behauptet, Marihuana habe keine Heilwirkung, sagt ihm bitte, dass er schlicht und ergreifend lügt. Cannabis wird seit mehreren Tausend Jahren als Heilmittel verwendet, und es ist wirklich an der Zeit, dass alle Länder den Patienten Zugriff darauf gewähren, damit sie bis zu ihrem Tode ein besseres Leben leben können. Und genau deswegen bin ich jetzt auch hier: um mich für die Patienten und Kranken einzusetzen, die dies von der Regierung fordern. (Das Interview wurde am 10. März beim Drug Peace Festival aufgenommen – d. Red.)

M: Sofern ich richtig informiert bin, gehören Sie auch einer politischen Partei an, die für die Legalisierung von Cannabis kämpft.

BW: Ja, im Jahre 1999 gründeten wir eine Partei unter dem Namen Partei des grünen Blattes, die sich die Legalisierung von Cannabis und den Einsatz von Programmen zur Risikosenkung zum Ziel gesetzt hat. Dreimal haben wir es auch fast bis in Parlament geschafft und wir haben erreicht, dass der Einsatz von Marihuana zu medizinischen Zwecken genehmigt wurde. Jetzt hoffen wir, dass es nun auch zur Entkrimina-lisierung kommt, oder mit anderen Worten, dass die Regierung die jungen und älteren Cannabis-Konsumenten keine Strafe auferlegt, unabhängig davon, aus welchem Grund sie Cannabis konsumieren. Wir konnten beträchtliche Erfolge erzielen, und obwohl ich seit 2006 nicht  mehr der Partei angehöre, unterstütze ich dennoch weiterhin den Einsatz von Cannabis in der Medizin – eine Angelegenheit, die mittlerweile zum Mainstream-Topic in den Medien wurde, und dadurch die Meinung der Allgemeinheit zum Cannabis beeinflusst.

Morgen werde ich als stolzes Führungsmitglied der ENCOD der CND-Sitzung beiwohnen, wo wir das größte Problem lösen, und zwar die negativen Auswirkungen des UN-Drogenabkommens. Fairerweise soll hier allerdings auch erwähnt werden, dass es genau diese UN-Abkommen sind, die medizinische Marihuana-Programme derzeit ermöglichen. Daher weise ich also auch die österreichische Regierung darauf hin, dass sie gegen die Gesetze verstößt, wenn sie eine Regelung dieser Art nicht verabschiedet, denn das Abkommen besagt, dass die Regierung ein Ministerien übergreifendes Büro einzurichten hat, das die Anwendung von Cannabis in der Medizin regelt, ähnlich wie dies bei den Opiaten der Fall ist. Wenn sie dazu nicht bereit ist, zitiert sie vor Gericht, und es bestehen gute Chancen, dass ihr den Prozess gewinnt. Ihr braucht dazu lediglich ein unabhängiges Gericht, denn die Formulierung des UN-Abkommens ist absolut eindeutig. Dies ist ein langwieriger Prozess und leider  bleibt auch in der Zeit seiner Abwicklung vielen Patienten auf der Welt der Zugriff auf medizinisches Marihuana verwehrt. Aber man muss diesen Prozess in allen Ländern erst mal ins Rollen bringen.

M: Es kann sein, dass wir dazu sogar geeignete Rechtsanwälte finden würden aber noch einmal zurück zum vorigen Thema: Habe ich Sie richtig verstanden, das in Israel heute der Einsatz von medizinischem Marihuana absolut akzeptierte Tatsache ist und der nächste Schritt nun die Entkriminalisierung wäre?

BW: Ja. Während der Weg zu dem einen Ziel nur sehr langsam zurückgelegt werden kann, ist es um das andere sehr gut bestellt und es handelt sich dabei schließlich um zusammenhängende Fragen des Gesundheitswesens. In Israel bin ich auch Mitglied des AIDS-Komitees und muss dabei immer wieder feststellen, dass eine aus drei AIDS-Infizierungen auf das Drogenverbot zurückzuführen ist, da die Drogensüchtigen die Nadeln gemeinsam benutzen. Die Risikosenkung kann durch den Austausch der Nadeln Leben retten, und die Metadonprogramme bereiten der Kriminalisierung der Kranken ein Ende. Es gibt noch viel zu tun und zuhause vor dem Fernseher zu sitzen ist sowie-so nicht meine Art.  Daher möchte ich auch die Experten und die Bürgerinitiativen dazu anregen sich dieser Bewegung anzuschließen und die ENCOD zu unterstützen.

M: Ist also Ihrer Meinung nach die Risikosenkung ein effektives Einsatzgebiet für Cannabis?

BW: Ja, absolut. Zum Beispiel kann man die Konsumenten von härteren Drogen auf Marihuana umstellen, aber auch zur Behand-lung von posttraumatischem Stress und Depressionen, die durch Drogensucht auftreten können. Wenn man alle Drogen einmal zusammengenommen betrachtet, stellt man fest, dass der Konsum von Cannabis die ungefährlichste Methode ist, sich wohlzufühlen bzw. Krankheitssymptome zu behandeln.

Tomas Kardos