Zeit und Zeitgefühl Nov28

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Zeit und Zeitgefühl

Ist der Augenblick in der Zeit oder die Zeit im Augenblick?

Gleich zu Beginn müssen wir zugeben, dass wir auf die im Untertitel gestellte Frage keine Antwort wissen, sicher weiß sie auch sonst niemand. Ansätze und Theorien gibt es, wir haben auch eigene Ideen dazu, möchten jetzt aber niemanden mit Amateur-Welterklärungen langweilen. Viele werden zustimmen, dass im Augenblick die wertvollste Erfahrung von Zeit liegt, aber es ist bestimmt sinnvoll, zuerst zu klären, was der Augenblick und die Zeit eigentlich sind. Warum empfinden wir die Zeit einmal als schnell, ein andermal als langsam und manchmal wiederum ganz anders als andere Menschen? Warum ändert sie sich ständig? Oder ändert sich nicht die Zeit, sondern der Betrachter? Gibt es überhaupt eine Zeit, die keiner misst? Gibt es überhaupt eine Zeit?

Die Antwort auf die letzte Frage liegt auf der Hand: Die Zeit gibt es, und sie ist permanent. Wenn aber die Welt so einfach wäre, könnte man sie aus der Weinstube an der Ecke steuern. Tatsache ist, dass ein Tag 24 Stunden hat, eine Stunde 60 Minuten, was 60 Sekunden sind und so weiter, das ändert sich nicht. Ein Jahr besteht aus 365 Tagen seit …, also schon sehr lange. Das aber ist nicht die Zeit, sondern ein paar Übereinkünfte über sie, und das ist nur zum Teil richtig. Einerseits haben wir nicht immer den heutigen Kalender benutzt – das Mondjahr hat zum Beispiel nur 364 Tage. Wir haben die Zeit nicht schon immer gemessen, und schon gar nicht schon immer so erlebt, wie wir es heute tun.

Die Physik betrachtet die Zeit zusammen mit dem Raum als sogenannte Grundeinheiten und bestimmt andere physikalische Begriffe wie Geschwindigkeit, Kraft und Energie mit ihrer Hilfe. Den Begriff der Zeit können wir nur operativ definieren, das heißt, indem wir die angewandte Messmethode und die gewählte Maßeinheit beschreiben. In diesem Kontext betrachten wir die Zeit als physikalischen Begriff, der messbare Parameter hat (physikalische Zeit). Nach Newtons “realistischer Sichtweise” ist die Zeit ein Grundbestandteil des Universums, eine Ausdehnung, in der Ereignisse der Reihe nach stattfinden (newtonsche Zeit). Seiner Auffassung nach ist die Zeit eine real messbare Substanz, die “fließt”, und in der die Gegenstände aus der Vergangenheit in die Zukunft “fortschreiten”. Die Zeit an sich ist aber nicht so exakt oder objektiv. Einsteins Relativitätstheorie beschreibt die Zeit als physikalisches Naturphänomen mit einem subjektiven Charakter. Nach der Theorie von Herman Minkowski (die auf der Relativitätstheorie aufbaut) verfügt ein gegebener Punkt in einem Koordinatensystem neben der Ausdehnung im Raum auch über die auf die Zeit bezogenen Eigenschaften. Das ist die vierdimensionale Raum-Zeit-Ansicht, in der sinngemäß die Zeit die vierte Dimension ist.

Um es noch ein wenig komplizierter zu machen, existiert auch die sogenannte “idealistische Anschauung”, nach der die Zeit kein Grundbestandteil des Universums ist, keine Dimension, sondern ein grundlegender, organischer Teil des menschlichen Geistes, zusammen mit solch abstrakten Begriffen wie Raum oder Zahl. Diese Theorie stammt von Kant. In seinem Werk Die Kritik der reinen Vernunft beschreibt er die Zeit ähnlich wie den Raum als von der Erfahrung unabhängig wahrnehmbar (kantsche Zeit). Seiner Meinung nach sind weder Raum noch Zeit Wirklichkeit (so wie die Materie), sondern beide das beoachtende Eine, der zur Erklärung der Erfahrungen des Subjekts nötige Teil des seelischen Gefüges. Die räumlichen Messungen bestimmen die physikalische Entfernung der Dinge, zeitliche Entfernungen bestimmen wir mit dem Messen der Zeit. Und damit können wir die Bewegung der Gegenstände ins Verhältnis zueinander setzen. Tatsache ist auf jeden Fall, dass im Großen und Ganzen unser Verhältnis zur Zeit bestimmt, mit welcher Genauigkeit und Detailliertheit wir in der Lage sind, zu beobachten und zu messen.

Wenn jedoch die Zeit nur zusammen mit der beobachteten Veränderung interpretierbar ist (z. B. durch eine Bewegung oder das Eintreten eines Ereignisses), dann können wir das im Verhältnis zu der besagten Beobachtung als relative Menge betrachten. Seit der Urknalltheorie (Big Bang) existiert indessen die galaktische Zeit(-rechnung), die wir gegenwärtig auf unsere bekannte Welt bezogen als absolut betrachten. Demnach kann man die Zeit als Ansteigen der Entropie des Universums auffassen, was in gewisser Weise für Newtons Begriff der absoluten Zeit grundlegend ist.

Zeitgefühle

Im Gegensatz zu den beschriebenen physikalischen Bezügen der Zeit ist das (Er-)Fühlen der Zeit ein ungleich komplizierterer psychologischer Prozess. Grundlage dafür ist unsere Fähigkeit, die Länge einer bestimmten Periode direkt (sogar ohne Messung) zu erfassen und mit einer anderen Zeitdauer zu vergleichen. Diese vergleichende Bewertung ist die Grundlage für unser komplexes und individuelles Verhältnis zur Zeit.

Die Zeit, wiewohl wir sie spüren, steht mit keinem unserer Sinnesorgane in Verbindung. Die Zeit besteht jedoch aus einer Abfolge von Geschehnissen, bei denen unsere Sinnesorgane pausenlos Reize wahrnehmen – diese bilden zusammen die Grundlage unserer Wahrnehmung. Eigentlich könnten wir sagen, dass wir die Zeit gleichzeitig sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Die vergangene Zeit beurteilen wir im Allgemeinen nicht als kurz oder lang, je nachdem, wie viele Minuten, Tage oder Jahre im physikalischen Sinne vergangen sind, sondern wie wir die in der vergangenen Periode wahrgenommenen Reize beurteilen. Auch wenn all unsere Sinne gleichzeitig “verstummen” würden, wären wir doch eine Zeit lang in der Lage, das Vergehen der Zeit zu spüren.

Unsere individuelle Zeitrechnung beginnt mit der Geburt, aber unser Bewusstsein ist erst viel später in der Lage, den Begriff der vergehenden Zeit zu erfassen. Als Erwachsene gemahnt uns unsere Umgebung – die ständigen Veränderungen unseres Körpers, das Altern, das Bewusstsein des nahenden Todes – an das Vergehen der Zeit. Unser individuelles Verhältnis zur Zeit ist in Wirklichkeit nichts anderes als unser Verhältnis zu uns selbst, zu unserem eigenen Leben oder in kleineren Einheiten zu den einzelnen Lebenssituationen. Das Gefühl wird gleichermaßen beeinflusst von Abgeschiedenheit, Weltanschauung, der religiösen Überzeugung und der kulturellen Einbindung. Die gefühlte Zeit kann weder als absolut noch im wissenschaftlichen Sinn als vertrauenswürdig betrachtet werden. Sie gehört eher in die Welt des Glaubens.

 

Gelebte Zeit

Henri Bergson, der französische Philosoph und Nobelpreisträger, betrachtete die Zeit weder als ein faktisches homogenes Medium (Newton), noch als ein geistiges Gefüge (Kant), sondern als etwas, das “Dauer” hat. Bergson bezeichnete diese “Dauer” als Schöpfungsfähigkeit, die der Wirklichkeit Substanz gibt und als Erinnerung, welche die Fantasie nur mit einfacher Intuition fassen kann. Den Begriff der Dauer erläutert er detailliert in L’Evolution Créatrice (1907). Demnach ist die Zeit keine mathematische Abstraktion, keine sachlich messbare “Uhr-Zeit”, sondern vielmehr eine Art individuelles Gefühl, wie die Wonne oder die Schönheit.

Dieses Verständnis der Zeit als individuelles Erleben (Bergson-Zeit) ist die Grundlage für das Phänomen der “Zeit-Krümmung”. Dieses könnte man beschreiben mit dem Spruch, “In den letzten zwanzig Minuten sind
zwei Minuten vergangen”, den man oft von Bekifften hört. Warum die gleiche Zeitdauer verschiedenen Menschen als unterschiedlich lang erscheint, ist ein Phänomen, mit dem sich Erforscher des “mentalen Zeitmaßes” beschäftigen. Sie haben beobachtet, dass dieses Phänomen in erster Linie mit unserer Gefühlsverfassung zusammenhängt. Wenn wir ein bestimmtes Ereignis als interessant, spannend, angenehm oder begehrenswert empfinden, dann spüren wir, wie die Zeit sich regelmäßig verschnellert. Nehmen wir etwas als langweilig oder unangenehm wahr, verlangsamt sich die Zeit für uns. Ein solches Gefühl der Zeit nennen wir “gelebte Zeit”. Wenn wir die Zeit anhand der gemachten Erfahrungen messen würden, könnten wir beispielsweise feststellen, dass ein Jahr für ein fünfjähriges Kind 20 % seines Lebens und seiner Erfahrungen darstellt. Für einen Fünfzigjährigen wären es dagegen nur 2 %. Für ein Kind kann sich ein Jahr wie eine Ewigkeit ausdehnen, während es für jemanden über 50 schnell vorübergeht.

 

Verändertes Zeitbewusstsein

Einige psychoaktive Stoffe, zum Beispiel die Entheogene, sind in erstaunlichem Maße fähig, unser Zeitgefühl zu beeinflussen. Das Phänomen ist umso interessanter, als die Veränderung des Zeitgefühls nicht nur in eine Richtung geht. Durch die Wirkung von LSD, Zauberpilzen (Psilocybe cubensis, Psilocybe mexicana), Peyote (Lophophora williamsii) oder Kugelkaktus kann die Uhr zu einem sehr seltsamen Mittel werden – die von ihr angezeigte Zeit stimmt nämlich nicht unbedingt mit dem Empfinden des Betrachters überein. Die Zeit verlangsamt sich manchmal, sie bleibt manchmal sogar stehen, oder man sieht sie sich rückwärts drehen. Die Ereignisse verlieren ihre Aufeinanderfolge, die Reihenfolge gerät durcheinander. Der Betrachter findet: “Unglaublich, dass es erst acht Uhr ist, aber was heißt denn acht Uhr schon?” Wenn die Schranken des Empfindens von Raum und Zeit fallen, verringert sich auch die Bedeutung der Zeit. Die psychoaktiven Mittel beeinflussen je nach ihrem Charakter das Zeitgefühl. Der Gebrauch von Stimulanzien verursacht sowohl beim Menschen als auch bei Tieren eine Unterschätzung der Zeitintervalle. Antidepressiva dagegen haben eine entgegengesetzte Wirkung auf unsere Sinne. Diese Phänomene können mit dem Dopamin- und Adrenalinspiegel im Hirn in Zusammenhang gebracht werden. Hinter der abweichenden Einschätzung der Zeitintervalle könnte der Wechsel im Neurotransmitterspiegel im Hirn stehen. Die Forschungen deuten darauf hin, dass bestimmte Gebiete der Hirnrinde – unter anderem der rechte Hirnlappen und der vordere Hirnlappen auf der rechten Seite sowie das Kleinhirn und die Basalganglien – in dem biochemischen Prozess des Zeitempfindens gleichermaßen eine Rolle spielen. Konsumenten bestimmter bewusstseinsverändernder Mittel können grenzenlose Zeitlosigkeit erfahren und in einen Zustand der seelischen, bewussten Unendlichkeit geraten. Das Erlebnis, außerhalb der Zeit zu sein, ist ein wichtiges Element der bewusstseinserweiternden Reisen. Weniger psychedelisch wirkende Mittel – wie auch das Marihuana – beeinflussen unser Zeitgefühl weniger.

Die Zeit bildet ein wichtiges Element innerhalb buddhistischer Lehren, die aus der Urheimat des Cannabis – dem Himalaja – stammen. Primäres Ziel ist die Selbstreflexion des Geistes, die die Zeiterfahrung verändert, jedoch ohne äußere, chemische Reize. Durch ständiges, monotones Wiederholen der Mantras – nicht selten über Wochen –, der speziellen Atemtechnik und der Konzentration ist ein Zustand des “Eintretens ins Jetzt” erreichbar. Oft wird dieser Zustand einfach nur der “Augenblick” genannt. In diesem Zustand hört der Betrachter auf, die psychische Welt zu empfinden und gerät in eine stofflose, unendliche, zeitlose Wirklichkeit.