Wirkung gegen Krebs

Was können wir von Cannabis erwarten?

Unter den Cannabinoidforschungen haben Studien zur Anti-Krebs-Wirkung besondere Bedeutung. Dies ist nicht verwunderlich, handelt es sich doch um eine Krankheit, unter der ein beträchtlicher Teil der Menschheit leidet. Das Internet ist voll von wundersamen Heilungsgeschichten. Was aber lässt sich mit Sicherheit über die Wirkung des Cannabis gegen Krebs aussagen?

Auf der letztjährigen Cultiva gab Dr. Manuel Guzmán, einer der gegenwärtig führenden Mediziner bei der Erforschung der Anti-Krebs-Wirkungen von Cannabinoiden, einen detaillierten Bericht über den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft. Sein Bericht löste nicht bei vielen ZuhörerInnen Begeisterung aus, denn er stellte fest, dass THC und CBD mit Sicherheit nur bei der Behandlung von Symptomen der Krebserkrankung angewendet werden könnten. In Kombination mit anderen Medikamenten seien sie als Zusatztherapie wirksam, aber über konkrete Wirkungen gegen Tumore könne man nur bei Mäusen berichten. Zudem sei bei diesen Tieren lediglich die Ausbreitung der Tumore in Kombination mit einer Chemotherapie verhindert worden, die vollkommene Bekämpfung der Krankheit sei nicht gelungen. Dr. Guzmán beruhigte die Gemüter damit, dass man dank der gegenwärtig durchgeführten Untersuchungen in den kommenden Jahren mehr über die Anti-Krebs-Wirkung der Bestandteile des Cannabis wissen werde, obwohl man noch weit davon entfernt sei, Krebsmittel auf der Grundlage von THC oder CBD herzustellen. KrebspatientInnen, die aufgrund ihrer Erkrankung nichts zu verlieren haben, werden dies sicherlich in der einen oder anderen Form ausprobieren, gleichgültig, was Gesetze oder medizinische Forschungen dazu sagen. Ein Kranker hat das Recht, die Therapie zu wählen, die er für die geeignetste hält. Wenn das in seinem Fall der Konsum von Cannabis ist, wem fügt er damit einen Schaden zu?

Wir haben einige medizinische Untersuchungen zu diesem Thema zusammengefasst, die euch helfen sollen, in dieser Frage klarer zu sehen.

Immer mehr Nachweise

Beginnen wir mit den neuesten Nachrichten. Im Juli dieses Jahres hielt der jamaikanische Forscher Dr. Henry Lowe von der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) eine Pressekonferenz zum Thema frisch lizenzierter Medikamente ab. Das Präparat Chrysoeriol etwa enthält Cannabisflavonide und wurde vom FDA als Medikament mit „Waisenstatus“ registriert, den Mittel gegen seltene Krankheiten ist. Chrysoeriol kann bei Akuter Myeloischer Leukämie (AML) im Falle von Mutationen des FLT3-Gens verwendet werden. Diese kommen bei etwa einem Viertel der AML-Kranken vor. Im Moment steht nur ein Medikament zur Behandlung von AML zur Verfügung, aber seine Wirkungsweise ist sehr beschränkt und es ist außerordentlich giftig. Chrysoeriol hingegen hat sich als praktisch nicht toxisch erwiesen.

Anfang des Jahres erregte die australische Firma Zelda Therapeutics Aufsehen, die nach präklinischen Untersuchungen verkündete, ihre Ergebnisse bildeten eine solide Basis für weitere Forschungen zur Anti-Krebs-Wirkung der Cannabispflanze, in erster Linie als Bestandteil einer kombinierten Therapie für TumorpatientInnen. Unter den Tumorerkrankungen konzentriert sich die Firma auf den Brustkrebs. Ihre Untersuchungen zeigen auf, dass Cannabisölpräparate mit hohem THC-Gehalt bei Mäusen Tumore genauso wirksam verringern wie das als Brustkrebsmedikament anerkannte Lapatinib. THC-haltige Öle vernichteten die Brustkrebszellen, ohne die gesunden Zellen zu schädigen. Zelda Therapeutics beabsichtigt momentan nicht, individuell anwendbare Präparate herzustellen, sondern nutzt das im Cannabis enthaltene Potenzial für die Herstellung von Ergänzungen zur Standardchemotherapie.

CURE Pharmaceuticals aus Kalifornien hingegen ist der Ansicht, dass Cannabis allein – nicht zusammen mit anderen Wirkstoffen – in der Lage ist, den Kampf gegen Tumore aufzunehmen. Mit ihrem Partner Technion – Israel Institute of Technology – untersuchen sie momentan die Wirkung von Cannabis auf Krebszellen unter Laborbedingungen. Ihre Wahl fiel unter anderem deswegen auf Israel, weil die dortigen rechtlichen Vorgaben es erlauben, innerhalb kürzerer Zeit Humanversuche durchzuführen. Auch in den USA wäre ein Erfolg in der Krebsforschung wichtig, um bei den verschiedenen Tumorerkrankungen die entsprechenden Sorten und Präparate verschreiben zu können.

 

Ich glaube es erst, wenn ich es sehe

KrebsforscherInnen haben allen Grund sich zu beeilen, denn ob es ihnen gefällt oder nicht – immer mehr Menschen wenden sich dem Cannabis zu, in der Hoffnung ihre Tumorkrankheiten damit heilen zu können. Auch der leitende Direktor von CURE Pharmaceuticals erkannte an, dass ein Großteil seiner Forschung von anekdotischen Berichten über Wunderheilungen motiviert worden ist. Wenn ein riesiger Pharmakonzern bereit ist Millionen aufs Spiel zu setzen, bedeutet das wohl, dass nicht mehr von Einzelfällen die Rede ist, sondern von Massenphänomenen, die auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden müssen.

Rick Simpson gilt als Pionier der Behandlung von Krebstumoren mit Cannabisöl. Simpson erfuhr die positiven Wirkungen von Cannabisöl am eigenen Körper, später behandelte er Verwandte und Freiwillige. Nachdem er sich seiner Sache sicher war, hielt er Vorträge über die Anti-Krebs-Wirkung des Cannabis vor großem Publikum. Bis heute ist es ihm gelungen, anhand mehrerer medizinischer Studien diese Annahme zu untermauern, obwohl Humanexperimente mit einer großen Zahl von ProbandInnen noch immer ausstehen. Das schreckt jene am wenigsten ab, die sich nach einer besorgniserregenden Diagnose an jeden Strohhalm klammern.

Der Epidemiologe und Suchtforscher Tomáš Zábranský, einer der Väter des tschechischen Programms für Cannabistherapie, äußerte letztes Jahr auf einer medizinischen Konferenz über den Gebrauch von Cannabisöl, es komme einer Art Flächenbombardement der Cannabisrezeptoren gleich, das entweder zum Erfolg führe oder nicht. Auch er habe unglaubliche Heilungen erlebt, doch als Vertreter der exakten Wissenschaft könne er hinsichtlich der Anti-Tumor-Wirkung von Cannabis nicht eindeutig Stellung beziehen. Zábranský wage lediglich zu sagen, dass sie in bestimmten Fällen funktionieren könne, obwohl der dahinter stehende Wirkmechanismus nicht bekannt sei. Die medizinische Wissenschaft steht nun vor der Aufgabe zu erforschen, welchen Rezeptor man mit welcher Art von Cannabis und in welcher Menge „bombardieren“ muss, um gegen Tumore wirksam zu sein.

Wahrscheinlich werden wir auf die Ergebnisse und darauf, dass Ärzte TumorpatientInnen Cannabis verschreiben können, noch lange warten müssen, aber bis dahin stehen wahrscheinlich für die Behandlung bestimmter Krebsarten Präparate mit Cannabinoidgehalt zur Verfügung.