Wie finde und erhalte ich „meine” Hanfpflanze? Mar21

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Wie finde und erhalte ich „meine” Hanfpflanze?

Wir wurden gefragt ob in jeder Hanfpflanze sowohl THC als auch CBD enthalten ist, oder ob es zum gezielten medizinischen Einsatz auch Sorten gibt die nur THC oder CBD enthalten, bzw. wie man eine Sorte mit „seiner“ perfekten Mischung davon findet.

 

Eine kurze Beschreibung der medizinischen Cannabinoidverhältnisse verschiedener Hanfpflanzen:

Jede natürlich vorkommende Hanfpflanze enthält das komplette Spektrum medizinisch wirksamer Cannabinoide, wobei dieses je nach Typ und Reife stark variiert.

Die wichtigsten in der Medizin verwendeten Cannabinoide sind THC und CBD, sowie CBN, CBG und CBC. Allein von THC gibt es zahlreiche Varianten, die stärkste und bekannteste davon ist Delta-9-tetrahydrocannabinol. Dieser Wirkstoff ist in allen Hanfsorten zumindest geringfügig enthalten, und darf in Österreich von bestimmten Ärzten mittels „Suchtmittelrezept“ verschrieben werden. Die je nach Behandlung hohen Kosten werden nur selten von den Krankenkassen übernommen. Für den industriellen Anbau zur Faser- und Samengewinnung wurden, um eine andere Verwendung zu erschweren, von den grossen Saatgutfirmen spezielle Sorten entwickelt, die nur einen geringen Anteil an THC enthalten. In Ländern wie Ungarn hatten sich ursprüngliche Fasersorten mit niedrigem THC-Gehalt erhalten, aller-dings war es nicht so leicht diesen dauerhaft zu reduzieren. Der Wunsch nach einer THC-freien Hanfpflanze lies sich nicht realisieren. Bis heute übersteigen auch die 41 von der EU zertifizierten Sorten den gewünschten Wert von 0,2%. Wie auch jede wachsende Hanfpflanze enthalten diese Sorten einen hohen Anteil an CBD (Cannabidiol) welches ebenfalls medizinisch Verwendung findet und z.B. in Holland als Präparat zugelassen ist. In Österreich darf CBD vom Arzt noch nicht verschrieben werden, steht aber auch nicht in der Suchtgiftverordnung. Der Vorteil in der holländischen Mischung dürfte an der Wechselwirkung der Cannabinoide liegen. Aus CBD entsteht in der Pflanze oder im Labor nicht nur THC sondern auch CBN welches ebenfalls seinen Teil zur Wirkung beiträgt, auch wenn manche Cannabinoide allein fast keine Wirkung aufweisen sollen. Das Zusammenspiel der zahlreichen Hanfinhaltsstoffe dürfte auch erklären warum laut Ärzten, trotz der widrigen Versorgungslage, das Naturprodukt in der Beliebheitsskala der Patienten klar führt. Sobald die Patienten ihr Cannabis einmal tauschen, fällt schnell auf dass jeder Patient sein spezielles Cannabis zur Linderung seiner persönlichen Symptome bevorzugt. Diese „Treffer“ sind oft nur von kurzer Dauer, da selten eine konstante Versorgung gewährleistet ist.

In Wien gab es lange eine Gruppe älterer MS-Patientinnen, die mit Resten und Proben aus der hedonistischen Growerszene versorgt wurden. Jede der Damen hatte bald ihre eigenen Sortenwünsche, bevorzugt wurden die kleinen harzigen Blätter der Blüten, deren Wirkstoffe in warmer Butter gelöst wurden und so vor dem Schlafengehen auf Brot gut dosiert werden konnten. Änderungen oder gar Ausfälle bei der Versorgung durch Spenden haben den Damen damals gar nicht gut bekommen. Oft haben die Patienten selbst oder Angehörige die Sicherung einer regelmässigen Versorgung durch eigene Pflanzungen übernommen.

Nun könnte man den Weg der Pharmafirmen gehen und aus dem THC vom Arzt und dem CBD aus Faserhanf eine persönliche Mischung herstellen. Dann hat man schon mal zwei der vielen Wirkstoffe. Der holländische Weg, wo die Patienten „ihre” Sorte in Apothekenqualität kaufen oder selbst anbauen, sowie die derzeitige amerikanische Lösung scheinen zumindest aus Sicht der Patienten weitaus interessanter zu sein. Hier wird aus einer grossen Auswahl möglichst standardisierter Hanfblüten ausgewählt und diese möglichst schonend konsumiert (gegessen oder verdampft). Dabei können durch die unterschiedlichen Cannabinoid-Profile Symptome individuell behandelt werden. Auch in Österreich haben die Ärzte mittlerweile Erfahrungen und Studien, welche Cannabinoide bei welchen Symptomen helfen könnten. In einem Gespräch mit dem Arzt kann man also herausfinden, in welche Richtung man sich auf der Suche nach seiner Sorte bewegen sollte.  Einige Praxistests wird man dann dennoch brauchen, da man selbst bei der richtigen Sorte den perfekten Reifegrad finden sollte, um eine optimale Wirkung bei geringster Dosierung zu erhalten.

Wie findet und erhält der europäische Selbstversorger also seine perfekte Hanfpflanze?

Sofern man dem Arzt nicht schon eine Sortenempfehlung entlocken kann, so kann er zumindest ein erfolgversprechendes Cannabinoidspektrum angeben. In manchen holländischen Samenkatalogen gibt es bereits Laborberichte zu den einzelnen Sorten sowie Hinweise zum medizinischen Einsatz. Davon muss man dann einfach ein paar Sorten probieren. Stecklinge hätten hier den Vorteil ihrer genetischen Einheitlichkeit und Reproduzierbarkeit, die Variationen innerhalb einer Samensorte kann man aber auch, wie beim Selektieren einer guten Mutterpflanze, zu seinem Vorteil nutzen. Genau darum geht es dann, um das Selektieren einer Mutterpflanze nach seinen persönlichen medi-zinischen Kriterien. Je nach Stabilität einer Züchtung kann es zu Unterschieden bei Wachstum und Wirkung kommen, wodurch man eben eine grössere Auswahl bekommt. Hat man also eine Sorte gefunden, von der man den wirksamsten „Genotyp“ erhalten will, benötigt man zuerst mal eine Kopie von jeder Pflanze. Dazu lässt man, je nach Platz und Neugier, möglichst viele Samen einer Sorte keimen, lässt sie ein wenig wachsen, bis man von jeder Pflanze ein oder zwei Stecklinge nehmen kann aberjeder Pflanze noch genug Basis überbleibt (ca. 1 Monat). Voraussetzung dafür sind zwei etwa gleich grosse, getrennte Wachstums- und Blütekammern (wegen der unterschiedlichen Lichtzyklen). Wenn man es eilig hat schickt man nun gleich die ursprüngliche, nun beschnittene, Samenpflanze in die Blüte und behält die ebenfalls numerierten Stecklinge als Kopie im Wachstum (dann sollte aber beim Wurzeln der Stecklinge nichts schiefgehen, sonst hat man keine wachsenden Pflanzen mehr). Wer es nicht eilig hat und gern die ursprüngliche Samenpflanze als Mutterpflanze will, behält die Samenpflanzen im Wachstum, lässt die Stecklinge wurzeln, und schickt diese dann in die Blüte. Somit hat man auf jeden Fall die Originale gesichert, muss aber länger auf das Testergebnis warten. Egal für welche der zwei Varianten man sich entscheidet, wichtig ist immer alle Pflanzen gut zu beschriften und mit dem Aussortieren möglichst lang zu warten. Wenn keine feminisierten Samen verwendet wurden sieht man bei den blühenden Pflanzen zuerst die männlichen Pflanzen. Sobald diese eindeutig feststehen, können diese entfernt werden, die Pflanzen mit der selben Nummer in der Wachstumskammer ebenfalls. Bei allen weiblichen Pflanzen sollte man nicht zu früh entscheiden, die Schönste muss nicht die Beste sein und auch kleinere Blüten können eine passende Wirkung haben. Auf der Suche nach Medizin sollte man also nicht zu voreilig umschneiden. Gegen Ende der blühenden Pflanzen hat man dann die selbe Anzahl wachsender und blühender Pflanzen, Mütter und Töchter. Nun kann man beginnen verschiedene Reifegrade der Pflanzen zu testen. Auch die Trocknung und Lagerung spielt nun eine Rolle. Während CBD weniger wird, THC seinen Höhepunkt erreicht und CBN (von Pharmafirmen bisher unterschätztes und oft mit CBD verwechseltes Cannabinoid) entsteht, kann jeder seine exakte Abstimmung der Wirkstoffe finden, und diese dann aus den eigenen Stecklingen reproduzieren.

Hat also zum Beispiel die Pflanze Nr. 5 nach 9 Wochen Blüte und 4 Wochen Trocknung die individuell beste Wirkung, so hat man mit der anderen Pflanze Nr. 5 im Wachstums-raum seine neue Mutterpflanze gefunden und kann diese in Zukunft ähnlich behandeln oder neue Variationen erforschen. Es kann auch vorkommen dass sich unterschiedliche Genotypen einer Sorte für unterschiedliche Tageszeiten besser eignen. Dann kann man natürlich auch mehrere Mutterpflanzen einer Sorte archivieren. Die anderen verbliebenen Pflanzen im Wachstumsraum, deren Kopien in der Blüte eine weniger optimale Wirkung hatten, können nun entsorgt werden um Platz für die ausgewählten Exemplare zu schaffen. Hier hat man in Zukunft einen Genpool seiner persönlichen Medizin.

Dadurch ist man zwar kurz seine eigene Laborratte, kann aber langfristig eine möglichst niedrige Dosierung bei optimaler Wirkung erreichen und die Zeit bis zu einer flexiblen Lösung der Pharmafirmen überbrücken. Wie immer sollte der Arzt über alles informiert sein um die Behandlung mit möglichen anderen Medikamenten abzustimmen.

J. Udo Brinkmann