Welches Gras ist medizinisch verwendbar?

Das Marihuana als Arznei ist kein Marketing-Gag

Unter den Konsumenten halluzinogener Substanzen ist weithin bekannt, dass hauptsächlich das Attribut psychoaktiv (bewußtseinserweiternd) dazu führt, dass die Substanz konsumiert wird. Erst nachrangig verwendet man solche Subs-tanzen aus anderen Gründen und nimmt die bewußtseinserweiternde Wirkung als Nebenwirkung in Kauf. Bei Marihuana ist die Situation vergleichbar: meist wird es zum Vergnügen und zum Abschalten konsumiert, nur wenige wenden es zur Linderung von Krankheiten an. Erst in den 90er Jahren begannen Ärzte damit, den Patienten bestimmte Sorten Cannabis als Medikament zu verordnen, je nachdem, welche Krankheit es zu heilen galt.

 

Natürlich wird Cannabis nicht von allen Patienten gleich gut vertragen, daher können wir auch nicht von einem universell anwendbaren Medikament sprechen. Cannabis erweist sich allerdings zunehmend bei der Behandlung verschiedenster Symptome als wirkungsvoll, gleichzeitig kommt es zu weitaus weniger Nebenwirkungen als bei anderen Medikamenten, beispielsweise bei der Einnahme von Opiaten. Wir werden die mehrtausendjährige Geschichte der arzneitechnischen Anwendung von Cannabis überspringend und uns auf die Gegenwart konzentrieren. Angesichts aktueller Studien und Forschungsergebnisse wollen wir betrachten, welche Cannabis-Sorten von Experten zur Behandlung welcher Krankheiten empfohlen werden. Zum besseren Verständnis sollten wir vorab betrachten, welche Wirkstoffe in Cannabis enthalten sind, und welche dieser Stoffe in der Verwendung als Arzneimittel von Bedeutung sind.

THC und CBD – natürlich und synthetisch

Von den ca. 400 chemischen Stoffen, die im Cannabis vorkommen, sind ca. 80 Stoffe solche, die ausschließlich für diese Pflanze charakteristisch sind. Dies sind die sog. Cannabionide. Cannabinoide gehören zur Gruppe der Terpenophenole, und unter denen sind es zwei Stoffe, auf die sich das Interesse der Arzneiwissenschaft richtet: THC und CBD (Cannabidiole). Bei den Sorten, die als Arzneimittel verarbeitet werden, ist die enthaltene Menge der beiden chemischen Stoffe entscheidend. Mit Wissen über die jeweils enthaltenen Mengen von THC und CBD erfolgt die Auswahl der Sorten, die als Medizin eingesetzt werden.

Man kann es mit der Weisheit des Schöpfers oder der Weisheit von Mutter Natur erklären, dass die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe von Cannabis geschickt gewählt ist. Vorrangig THC verursacht Euphorie, lindert Schmerzen und wirkt gegen Appetit-losigkeit, während andere Inhaltsstoffe mit anti-psychotischer Wirkung (in erster Linie CBD) antidepressiv wirken und zielgerichtete als Gegenspieler zu dem in Marihuana enthaltenen THC die unerwünschten Nebenwirkungen aufheben. Laut den Befürwortern der arzneitechnischen Verwendung von Cannabis ist im Gegensatz dazu das Anwendungsgebiet der teuer hergestellten synthetischen Produkte (beispielsweise Marinol) sehr viel kleiner und weniger vielseitig, als das der Cannabispflanze mit ihren ca. 400 chemischen Bestandteilen. Bei der Behandlung der meisten Krankheiten ist die komplexe Wirkung der pflanzlichen Medizin auf Cannabis-Basis viel besser verträglich als die Wirkung des synthetisch hergestellten reinen THC. Es gibt viele Berichte über das aus Cannabispflanzen hergestellte Sativex-Spray, was neben THC auch CBD enthält. Allerdings ist dieses Spray nur in einigen Ländern erhältlich und kein billiges Vergnügen. Dieses Produkt lindert jedoch einen breiteren Kreis von Symptomen, da CBD schmerzlindernde, krampflösende, antidepressive- und brechreizlindernde Wirkungen hat, des weiteren auch wirkungsvoll gegen rheumatische Gelenksentzündungen ein-gesetzt werden kann. Wirkungsvoll lindert das Medikament auch die Symptome von Multipler Sklerose. Nicht unerwähnt soll die antipsychotische Wirkung bleiben, wodurch die unerwünschten Nebenwirkungen des THC ausgeglichen werden. Die Frage stellt sich dennoch: wozu und warum stellen wir etwas für viel Geld synthetisch her, was in den meisten Klimazonen sowieso selbst he-ranwächst? Mit der Vielfalt der in der Cannabispflanze enthaltenden, chemischen Bestandteilen kann der Mensch den Wettbewerb kaum aufnehmen. Ein anderer, bedeutender Wirkungsstoff des Cannabis sind die Cannabichrome (CBC), die über entzündungs- und schmerzlindernder Wirkung verfügenden sollen. Auch dieser Wirkstoff ist in synthetisch hergestelltem „Gras“ nicht enthalten. Diese Reihe kann beliebig fortgesetzt werden, zumal die aktuelle Forschung sich mit der heilenden Wirkung von derzeit noch weniger bekannten Cannabinoiden beschäftigt und ständig neue Wirkstoffe entdeckt.

Die Fachgebiete von Dr. Canna

Mitch Earleywine fasst im Jahr 2002 in seinem Werk mit dem Titel „Marihuana” den wissenschaftlichen Standpunkt der möglichen Anwendungsgebiete für Cannabis als Arznei folgendermaßen zusammen:

„Kontrollierte Untersuchungen bestätigen, dass die Cannabinoide den durch Glaukom (sog. grüner Star) verursachten, erhöhten Augendruck vermindern, schmerz-lindernd wirken, Brechreiz mindern, den Appetit anregen, Gewichtszunahme fördern, krampflindernd wirken und unwillkürliche Bewegungen verringern. Andere Forschungs-ergebnisse belegen die Wirksamkeit bei der Behandlung von Asthma, Schlaflosigkeit und Depressionen. Bisher wurde allerdings selten die Forschungsergebnisse der Behandlung mit Cannabinoiden mit den Ergebnissen anderer Behandlungsarten verglichen.  Die Fallstudien und Tierversuche weisen darauf hin, dass das Mittel auch bei einer Reihe von anderen physischen und psychologischen Problemen wirkungsvoll eingesetzt werden könnte. Zu diesen Anwendungsmöglichkeiten zählen epileptische Anfälle, Geschwüre, Menstruationskrämpfe, das prämenstruelle Syndrom, Morbus Crohn, Trinitus, Schizophrenie, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom bei Erwachsenen, unkontrollierbare Gewalts-ausbrüche, posttraumatisches Stresssyndrom (PTSD), und – überraschenderweise  – die Drogenabhängigkeit.”

Die Forschungen der letzten Jahren brachten weitere positive Ergebnisse, in Anbetracht der Krebserkrankungen, die im Kreis der erwachsenen Bevölkerung eine der führenden Todesursachen ist. In einer Studie, die 2007 von Forschern der Harvard-Universität publiziert wurde, kamen man zu der Feststellung, dass die Krebszellen der Lunge, die mit THC behandelt wurden, halb so schnell wachsen und somit die Intensität der Metastasenbildung verringert wurde.  In der Studie wurde das THC über gezielte Injektionen verabreicht. Die positiven Ergebnisse der Studie führen aber dazu, dass auch andere Verabreichungsformen getestet werden. Eine vor zwei Jahren in Madrid durchgeführte Studie zeigte auf, dass THC in der Lage ist, die Verbreitung der aggressivsten Form der Hirntumore (wie die Gliobasthom Multiform (GBM)) zu bremsen. An der CBD-Front wissen wir auch immer mehr über die wohltuende Wirkungen. Ebenfalls im Jahr 2007 wurde eine Studie publiziert, die die positive Wirkung des Wirkstoffs CBD auf den Brustkrebs beschreibt. Kalifornische Forscher haben herausgefunden, dass CBD die Aus-breitung der Krebszellen bei Brustkrebs aufhält, und damit haben sie – so die Hoffnung – eine nicht-toxische Alternative zur Chemotherapie entdeckt, welche Krebspatienten vor Schmerzen und auch von unangenehmen Nebenwirkungen verschont.

Laut einem in der Fachzeitung Cancer Prevention Research publiziertem Artikel aus dem Jahr 2009 geht hervor, dass die Wahr-scheinlichkeit der Tumorbildung im Hals und Kopf von Personen, die Gras rauchen, geringer ist, als bei anderen Menschen. Aus diesen Forschungsergebnissen kann man auf eine antikarzinogene (anti-krebserregende) Wirkung von Cannabinoiden schließen.

Sativa vs. Indica

Jetzt sollten wir uns auch noch mit der wesentlichen Frage beschäftigen: aufgrund welcher Faktoren kann man bei einer Cannabisart sagen, dass ihre Wirkung sie zu einer arzneimitteltaugliche Sorte macht? Können die Sativa- und Indica-Rassen für die selben Symptome verwendet werden?

Den dünnblättrigen, hochwachsenden und meist für Freilandanbau gedachten Sativas werden gewöhnlich zerebrale Wirkungen nachgesagt: geflügelte Gedanken, gehobe-ner, kreativer Zustand, Optimismus und ähnliches. Gleichzeitig wird der Konsument bei maßvollem Konsum weniger abhängig und weniger in den Alltagskompetenzen eingeschränkt.

Die niedrig wachsenden, breitblättrigen Indica-Arten (nicht für das Freiland geeignet), haben einen höheren CBD-Gehalt, daher kann ihre Wirkung als beruhigend und auf körperlicher Ebene stattfindend genannt werden. Laut Ärzten könnten die Indica-Sorten die entsprechende Wahl für diejenige sein, die den Stress lösen wollen, die relaxen möchten, den Schmerz stillen wollen, oder Schlafstörungen beheben möchten. Daraus resultiert, dass die Indica erst nach Erfüllung der Alltagspflichten zum Einsatz kommen sollten, oder aber zur Linderung chronischer Schmerzen in Frage kommen.

Mit Kreuzung der Sativa/Indica-Arten geschaffene Hybridarten vereinigen die Eigenschaften beider Pflanzen. Dies erschwert die Wahl der richtigen Sorte, weshalb in den USA, wo das arzneitechnische Marihuana legalisiert ist, erfahrene Experten bei der Wahl helfen. Neben der zu behandelnden Krankheit sind natürlich auch die Vorlieben der Patienten entscheidend. Ein Krebspatient mit Krebs im Endstadium möchte sicherlich nicht hochaktiv sein oder hyperassoziative Gedankenreihen ankurbeln. Doch für den Patienten, der bisher Opiate zur Schmerzlinderung eingenommen hat und demzufolge seine Tage in Dumpfheit durchvegetierte, könnte eine Sativa-dominierende Rasse eine gute Alternative bieten und sehr wahrscheinlich auch seine Lebenslust zurückbringen.

Die Vereinigung Männer und Frauen für das Arzneitechnische Marihuana (WAMM) publizierte im Jahr 2001 das Ergebnis einer über drei Jahre durchgeführten Forschung, bei der untersucht wurde, ob es Unterschiede zwischen der Wirkungen der Sativa- und Indica-Rassen bezüglich der Behandlungen unterschiedlicher Symptome gibt. Aufgrund der fast 2000 Berichten der 77 Patienten kam die Studie zu dem überraschenden Ergebnis, dass mit Ausnahme weniger Symptome die Unterschiede irrelevant sind. In der untenstehenden Tabelle haben die Patienten die für die aufgelisteten Symptome bzw. Zustände erfolgte Wirkung mit Zahlen zwischen 1 und 10 bewertet . Kleine Zahlen wurden vergeben, wenn die Symptome weniger geworden waren, große Zahlen stehen für eine Verstärkung.

Laut der Erklärung der Forscher zeichneten sich grundlegender Unterschiede nur hinsichtlich der Energiezunahme und bei der Appetiterregung ab, in beiden Fällen leistete die Indica bessere Ergebnisse. Es ist auch erwähnenswert, dass Anfälle, die durch Sativa vermindert wurden, durch Indica verstärkt wurden. Die Hybridarten zeichneten sich positiv bei Verminderung des Brechreizes, bei der Krampflösung, bei Behandlung der Schlaflosigkeit und bei Erreichen des Bewusstseins aus.

Aufgrund der oben genannten Fakten kann sich jeder ein Bild daraus machen, auf welche Weise anhand des Krankheitsverlaufes eine angemessene Sorte für den Patienten/die Patientin ausgewählt wird. Es ist kein Wunder, dass die Patienten erst nach mehreren Versuchen die für sie am besten passende Rasse finden, aber wenn sie diese gefunden haben, gibt keinen Grund mehr, das ausgewählte Mittel auszutauschen.

Tomas Kardos