Warum weniger mehr ist Dec28

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Warum weniger mehr ist

In den Ländern, in denen Cannabis nicht legal erhältlich ist, gilt oft seine Potenz als Qualitätsmaßstab. Dieses Phänomen kennen wir auch von der Alkoholprohibition, die eine Nachfrage nach hochprozentigen Getränken hervorrief. Die glücklicheren Staaten der USA erleben gerade eine Trendwende. Nach Berichten von GeschäftsinhaberInnen suchen KäuferInnen nicht mehr bevorzugt Sorten, die einen umhauen, sondern solche, mit denen man noch gut funktionieren kann. Das könnte zu einer Umkehrung des Trends führen, der seit den achtziger Jahren anhält: Züchter versuchen ständig, den THC-Gehalt der Pflanzen zu steigern. Starke Sorten verursachen aber oft Niedergeschlagenheit statt Euphorie, was bewusste KonsumentInnen sich nur selten wünschen. Wer entspannen will, möchte nicht die Orientierungsfähigkeit verlieren. Auch wäre es gut, nicht ständig den Gesprächsfaden zu verlieren. Rauchen bis zur Amnesie hat auch seinen Reiz, aber erfahrene KonsumentInnen versuchen, diesen Zustand zu vermeiden. Der Genuss unerwartet starker Sorten kann leicht den Abend verderben, daher ist es nicht überraschend, dass in den Staaten, die legalisiert haben, der Großteil der KonsumentInnen mittelstarke Sorten bevorzugt, um angenehme und kontrollierbare Erlebnisse zu haben.

Über Alkohol weiß jeder, dass ein paar Gläschen lockermachen und in gute Laune versetzen, dass es aber falsch ist zu glauben, man könne dies mit mehr Alkohol noch steigern. Das Gegenteil ist der Fall. Eine hohe Dosis Alkohol kann aggressiv oder überempfindlich machen. Am Tag danach leidet man unter Kopfschmerzen und einem Filmriss. Auch wenn hohe Dosen von Cannabis nicht so drastisch wirken wie Alkohol, erhöhen sie auf jeden Fall das Risiko, dass das Erlebnis unerfreulich ausfällt und bei anfälligen Personen auch unangenehme psychische Symptome hervorgerufen werden. Zudem ist es fraglich, ob beim Konsum aus medizinischen Gründen der Gebrauch von Sorten mit einer höheren Oktanzahl angezeigt ist. Wenn wir auf die jahrtausendealte Praxis der Cannabistherapie zurückblicken, finden wir zahlreiche Indizien für die Verschreibung von moderaten Dosierungen, obwohl damals nur sehr viel schwächere Sorten zur Verfügung standen. Heute verfügen wir über Forschungsergebnisse, welche die schmerzstillende Wirkung des Cannabis belegen. In den meisten Fällen jedoch berichten PatientInnen über eine Verstärkung der Schmerzen, wenn eine große Menge konsumiert wurde. Man weiß zwar nicht, ob diese von der großen Dosis THC oder von anderen Komponenten verursacht wird, doch deuten die Untersuchungen darauf hin, dass manchmal weniger mehr ist. Wenn eine höhere Dosis die Symptome entsprechend mindert, sollen die Nebenwirkungen doch nicht zu stark werden. Die unter Hochdruck gezüchteten Sorten mit unterschiedlichen Cannabinoidprofilen versuchen ebendort Abhilfe zu schaffen. Wir sind der Überzeugung: Wenn mehrere unterschiedliche Sorten zur Verfügung stehen, wird sich mit der Zeit auch Europa, das mit dem Verbot großgeworden ist, schwächeren Sorten zuwenden.