Von der Potenz betört

Mögliche Gefahren

Nach der Legalisierung des Grasmarktes in einigen Staaten sehen wir heute auch in den Geschäften, was wir früher nur aus einschlägigen Studien oder den Nachrichten kannten. Es gibt einen Zuwachs an ausgesprochen potenten Sorten mit einem THC-Gehalt von mehr als 20 Prozent. Die Frage ist jedoch: Haben wir es mit einem neuen Phänomen zu tun? Sollen wir lieber die Finger davon lassen? Sind das wirklich die populärsten Sorten?

2016-04-06-1459976677-2863116-20160209_093400

Obwohl Cannabis größtenteils – besonders in Europa – für den illegalen Markt angebaut wird, lässt sich seine Produktion durchaus mit der von Gemüse oder Obst vergleichen. Bei der Tomate ist es dem Anbauer wichtig, dass sie schnell reift, viel Ertrag bringt und größer, saftiger und aromatischer ist als bei der Konkurrenz. Bei den Orangen gibt es Sorten, die wegen ihres hohen Zuckergehaltes veredelt wurden, während ihr Vitamingehalt zweitrangig ist. Man kann natürlich infrage stellen, ob eine solche Orange in jeder Hinsicht besser ist – wer aber Süßes mag, wird ihr den Vorzug geben. Nicht anders verhält es sich bei der Veredelung von Cannabis, nur dass in den vergangenen Jahrzehnten kurze Blütezeit und hoher Ertrag sowie erhöhte Potenz die Ziele waren. Es wäre natürlich ein Traum, wiese eine Sorte all diese Eigenschaften gleichzeitig auf.

 

Kleingarten oder Treibhaus?

Es ist ein Erfahrungswert, dass man mit dem entsprechenden Anbaumedium, den optimalen Nährstoffen und Lichtquellen aus Samen der gleichen Sorte in kürzerer Zeit Pflanzen mit höherem Ertrag und höherer Potenz ziehen kann. Es spricht für sich, dass letztes Jahr auf einem Wettbewerb in Jamaika in der Kategorie Potenz die Sorte Kevie Skunk mit „insgesamt“ 17,8 Prozent THC zum Sieger gekürt wurde. In dem Artikel „Die stärksten Sorten auf dem Erdenrund 2016“ der High Times ist von mehreren Sorten die Rede, deren THC-Gehalt über 25 Prozent liege. Solch hervorragende Werte erreichen Züchter gewöhnlich unter Treibhausbedingungen – die siegreiche jamaikanische Sorte ist jedoch im Freiland aufgewachsen. Wir können uns nur ausmalen, was sie im Treibhaus bieten würde …

Die Werkzeuge und Techniken für den Anbau im Treibhaus werden ständig weiterentwickelt und verfeinert. Somit kann der Gärtner immer besser nach seinen Bedürfnissen Pflanzen züchten. Die hydroponischen Systeme haben in den achtziger Jahren ein neues Fundament für den Anbau zu Hause gelegt und brachten potentere Pflanzen hervor. Mit dem Erscheinen von Internetseiten und Foren zum Thema konnten die Anbauer neue Techniken kennenlernen und ihre Erfahrungen austauschen. In der Rubrik Fragen und Antworten, die man bisher nur aus Magazinen kannte, werden im Internet schnell Lösungen angeboten und mit deren Verbreitung auch ein immer umfangreicheres Wissen über Anbaumethoden gesammelt. Firmen, die entsprechende Erden und Nährstoffe anbieten, können für alle Bedürfnisse und bei allen Problemen entsprechende Lösungen anbieten.

Ständiges Diskussionsthema ist, ob die in Spezialerde gezogenen, unter LED-Lampen aufgewachsenen und mit ausgewählten Nährstoffen hochgepushten Pflanzen das wahre Gesicht ihrer Sorte zeigen oder ob wir ein harmonischeres Ergebnis erzielen würden, wenn wir sie der Natur überließen. Wer dem Zauber der Potenz erliegt, kann trotz noch so günstiger klimatischer Freilandbedingungen mit einer Ernte im Treibhaus besser fahren. Es könnte aber eine gute Idee sein, mit der gleichen Genetik ein Experiment an beiden Orten durchzuführen, wenn man sich noch nicht festgelegt hat.

US-HOLIDAY-INDEPENDENCE DAY-MARIJUANA-MARKET

Unerwartete Ergebnisse

Analysen von ungefähr 40.000 Cannabisproben zwischen 1995 und 2014 in den USA zeigen, dass der Durchschnitts-THC-Wert von 4 Prozent im Jahre 1995 bis 2014 auf 12 Prozent angestiegen ist, während der für uninteressant gehaltene CBD-Wert in dieser Zeit um die Hälfte sank. Das Verhältnis von THC zu CBD lag 1995 bei 1:14 und stieg bis 2014 auf 1:80 an. Die damit verbundenen Probleme begann man erst in den letzten Jahren zu erkennen. Es entstand der Mythos, dass der Konsum von extra starken Sorten zu Psychosen und Schizophrenie führe. Obwohl die Presse – und in der Folge auch ein Teil der PolitikerInnen – dazu neigten, mit dem Schreckgespenst des „superpotenten Skunk“ die Leute ins Bockshorn zu jagen, wissen wir in Kenntnis des Wirkungsmechanismus der Cannabinoide, dass ein hoher THC-Gehalt für sich genommen nicht für die ausgelösten unangenehmen Symptome verantwortlich gemacht werden kann. Es ist bekannt, dass eine große Menge THC mitunter Beklemmungen statt Euphorie auslösen und im schlimmsten Fall zu unangenehmen psychotischen Erlebnissen führen kann. Dieses Risiko sinkt durch einen angemessenen CBD-Gehalt. CBD gleicht als Krampflöser und Antipsychotikum die unangenehmen Wirkungen aus. Glücklicherweise erkennen immer mehr Menschen die positive Wirkung von CBD und bei der Züchtung neuer Sorten erhält ein angemessener CBD-Gehalt besonderes Augenmerk. Infolgedessen ist zu erwarten, dass die Notfälle aufgrund des Konsums starker Sorten sinken werden.

Zurück zu den jamaikanischen Sorten – unter den gemeldeten Sorten bei dem oben erwähnten Wettbewerb waren auch solche, die über einen CBD-Gehalt von 2–3 Prozent verfügten, was ausdrücklich auf eine entsprechende Züchtung zurückzuführen ist. Glaubt man der Wissenschaft, dann können sich die meisten von uns von den Krämpfen und paranoiden Gedanken durch Überkiffen verabschieden – aufgrund der Wiederentdeckung des CBD. Wer unerwünschten
Symptome allerdings auch bei CBD-haltigen Sorten erfährt, sollte den Cannabiskonsum aufgeben. Bei unbekannten oder potenten Sorten gilt die goldene Regel: Um unerwartete Erlebnisse zu vermeiden, sollte man nicht schon beim ersten Versuch die Pfeife, den Joint oder Vaporizer vollstopfen. Und nach dem ersten Zug bitte eine kleine Pause einlegen und die Wirkung abwarten!

US-DRUGS-OREGON

Konzentrate, Dabs

Was ist zu beachten, wenn wir es mit einer konzentrierten Form zu tun haben, die die Kraft des Ganjas um ein Vielfaches steigert? Konzentrieren wir uns beim Rauchen
und Verdampfen auf die Extrakte, die jüngst unter dem Namen „Dab“ bekannt geworden sind und deren THC-Gehalt nicht selten bei 50–90 Prozent liegt. Dab Sticker – die Videoportale sind voll mit Filmen über den Konsum – verhalten sich nach Meinung einiger Leute zum Gras wie Crack zum Kokain. Tatsache ist, dass diese Technik eher bei 20-Jährigen um sich greift. Obwohl man sich damit in Minutenschnelle k.o. schlagen kann, ist auch bei Dabs eine Überdosierung eher selten.

Das mit Bhutan, CO2 oder auf andere Art extrahierte Konzentrat wird grundsätzlich aus potenten Sorten hergestellt. Da aber nicht alle Cannabinoide und Terpene extrahiert werden, ist nicht nur die Wirkung stärker, sondern hat das Ganze einen vollkommen anderen Charakter als die Mutterpflanze. Wegen der hohen Potenz ist bei den Konzentraten die Quantität eine kritische Frage. Eine Durchschnittsdosis Dab liegt zwischen 25 und 50 mg – hier kann man sich schneller versehen, als dass man statt einem 1/4 Gramm ein halbes Gramm Marihuana in den Vaporizer stopft. Typischer Fehler, dass man schnell mehrere Portionen von Dab inhaliert, die nach ein paar Minuten gemeinsam ihre Wirkung entfalten. Im Gegensatz zu Cannabis im Joint oder Vaporizer genossen, kann man die Dab-Dosis ganz schnell vervielfachen, was aber nicht viel bringt. Beim Konsum zum therapeutischen Gebrauch kann diese Technik allerdings von Vorteil sein. Damit lassen sich vielleicht am schnellsten plötzlich auftretende unangenehme Symptome, beispielsweise chronische Schmerzen, Krämpfe und Brechreiz vertreiben. In den amerikanischen Bundesstaaten, in denen therapeutisches Cannabis angewendet werden darf, existieren speziell für den medizinischen Gebrauch hergestellte Konzentrate zum Verdampfen, beispielsweise solche mit hohem CBD- und niedrigem THC-Gehalt, die nicht für den Freizeitgenuss, sondern für die Bedürfnisse von PatientInnen entwickelt worden sind, damit ihr Organismus die nötigen Cannabinoide so schnell wie möglich rezipieren kann.

Es lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die KonsumentInnen potenter Cannabissorten und -konzentrate höheren Risiken ausgesetzt sind, sicher ist jedoch, dass man mit sehr viel mehr Umsicht zu diesen Stoffen greifen soll. Am besten ist es, wenn man weiß, welche Sorten, Potenzen und Konsumformen einem am besten bekommen und die Lebensführung nicht beeinträchtigen. Damit kann man die Unannehmlichkeiten einer Überdosierung vermeiden.