Virtuelle Seidenstraße

Eins der Hauptziele des fünfzig Jahre andauernden Krieges gegen die Drogen war es, die Straßen von Drogen zu säubern. Wie unsere Abbildung zeigt, ist das bis heute nicht gelungen, aber bei der heutigen Informationsflut wäre das auch nicht genug. Denn wenn man den Dealer zur Tür rauswirft, klopft er am Fenster – genauer gesagt, am Bildschirm.

Mit dem Auftreten von Designerdrogen wurde auch in Europe klar, dass die Zeit der Straßendealer zu Ende ist, denn der Großteil der Drogengeschäfte wird heutzutage nicht in dunklen Gassen, sondern im virtuellen Raum abgeschlossen. Man schaut sich was an, registriert sich, bestellt es, und am Abend liegt es vor der Tür, auf‘s Gramm genau in einem unauffälligen Postpaket. Der Erfolg von Ebay und vom Online-Designer-Handel mag vor zwei Jahren die Gründer von Silk Road inspiriert haben. Hier kann man nicht die Nervengifte, die auf die C-Liste gehören und nicht einmal an Ratten getestet worden sind, beschaffen, sondern die guten, alten Klassiker: Heroin, Kokain und Marihuana in tausend Varianten. “Aber warum wird das denn nicht verboten?”, könnte man mit gesundem Bauernverstand fragen. Aber die Schöpfer dieser Webseite sind keine Bauern, sondern gewiefte Informatiker, welche die Seite für die klassischen Suchmaschinen unerreichbar im Deep Web versteckt haben und Transaktionen nur mit virtuellem Geld, den so genannten Bitcoins, zulassen. Für die Qualität des angebotenen Stoffs übernehmen sie sogar eine Garantie, und anhand der Reaktionen der BesucherInnen erhalten sie Informationen darüber, welcher Dealer zuverlässig ist und welches Dope gefragt ist. Nixon würde sich sicher im Grabe umdrehen, aber hilflos drehen sich auch die Beamten der Drug Enforcement Administration (DEA), die sie seit dem Start der Webseite im Februar 2011 weder eliminieren noch den Betreibern auf die Spur kommen können. Silk Road setzt jährlich einige zehn Millionen Dollar um. Kann es sein, dass die Dealer in der virtuellen Welt der Polizei einen Schritt voraus sind? Kurz gesagt, wurden die Deep-Web-Technologie und die dazugehörigen Suchmaschinen von Aktivisten für die für Redefreiheit kämpfenden, oft in Diktaturen lebenden Menschen entwickelt, denen im Leben keine Online-Rauschgifthandels-Variante in den Sinn gekommen wäre. Die Geschichte wiederholt sich – zwischen Verbot und Unterdrückung bricht immer wieder das Freiheitsstreben durch, oft in einer viel extremeren Form als zuvor. Hören wir also auf die Politiker, hauptsächlich auf die Nachfolger Nixons, und legen wir die Webseiten still, die illegale Drogen in positiven Farben schildern und warten dann ab, in welcher Form sie wieder auftauchen. Sicher ist, dass es einem nicht gedankt wird.