Verteidigungsrede eines Richters für Pot

Gustin L. Reichbach, Richter im amerikanischen Staat New York, wurde vor drei Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs behandelt. Nach langwieriger Suche fand er im Marihuana einen Balsam für die von seiner Krankheit verursachten Leiden und für die Linderung der Symptome, die mit der Chemotherapie einhergehen. Als erster aktiver New Yorker Richter trat er an die Öffentlichkeit, weil seiner Meinung nach der Gebrauch von medizinischem Marihuana in der Behandlung unheilbarer Patienten “außer Frage stehen muss”. Das Erscheinen des nachfolgenden Artikels, der im Mai in der New York Times erschienen war, überlebte er nur um zwei Monate. Am 14. Juli gab sein Organismus endgültig den Kampf auf.

Dreieinhalb Jahre zuvor hatten die Ärzte an meinem 62. Geburtstag einen Knoten in meiner Bauchspeicheldrüse gefunden. Wie sich herausstellte, war das Geschwür bösartig, im dritten Stadium. Sie sagten mir, ich habe noch 4-6 Monate zu leben. Heute gehöre ich der kleinen Gruppe an, die mit dieser Krankheit so lange überlebt haben. Aber nach meiner vierzigjährigen juristischen Laufbahn, wovon ich über zwanzig Jahre Richter im Staat New York war, habe ich nicht geahnt, dass meine Suche nach palliativen Behandlungen (die nur der Linderung der Symptome und nicht der Heilung der Krankheit dient) schließlich zum Marihuana führen würde.

Für das Überleben musste ich einen enormen Preis zahlen, inklusive einer monatelangen Chemotherapie, einer Strahlenhölle und brutaler Chirurgie. Vor einem Monat begann ich eine neue Therapie, die noch mehr an meinen Kräften zehrt. Jede Woche, nachdem ich eine intravenöse Infusion chemotherapeutischer Drogen verabreicht bekommen habe, die drei Stunden dauert, trage ich eine Pumpe, die in den folgenden 48 Stunden noch mehr von diesen Drogen injiziert.

Übelkeit und Schmerz sind ständige Begleiter. Man bemüht sich, den dramatischen Gewichtsverlust, der ein Teil dieser Krankheit ist, zu bekämpfen und genügend zu essen. Das Essen, eine der größten Freuden des Lebens, ist jedoch zu einem täglichen Kampf geworden, jedes Gäbelchen ein kleiner Sieg. Jedes Medikament, das man verschrieben bekommt, führt zu zwei oder drei anderen Medikamenten, die seine Nebenwirkungen bekämpfen. Die schmerzlindernden Mittel führen zu Appetitverlust und Verstopfung. Die Übelkeit verringernden Mittel erhöhen den Blutzucker, ein ernstes Problem für mich bei meinem angegriffenen Pankreas. Der Schlaf, der das Elend des Tages beiseite schieben könnte, wird immer flüchtiger.

Inhaliertes Marihuana ist die einzige Medizin, die meine Übelkeit lindert, meinen Appetit anregt und mich leichter einschlafen lässt. Das orale Ersatzmittel Marinol, dass mir die Ärzte verschrieben hatten, war wirkungslos gewesen. Freunde haben beschlossen, mich auf eigenes Risiko mit dem Stoff zu versorgen, statt nur die Agonie meines Leidens anzusehen. Ich fühle, dass ein paar Züge vom Marihuana vor dem Essen mir “Munition” für meinen Kampf, zu essen, geben. Und ein paar weitere Züge zur Schlafenszeit bringen mir den verzweifelt nötigen Schlaf.

Dies ist keine Geschichte von Recht und Gesetz, sondern eine Angelegenheit von medizinischen und Menschenrechten. Meine Behandlung am Memorial Sloan Kettering Cancer Center bedeutet den höchsten Standard der medizinischen Versorgung. Aber man kann von Ärzten nicht erwarten, dass sie das Recht brechen, auch wenn sie wissen, dass es im besten Interesse ihrer Patienten wäre. Wenn die palliative Behandlung als grundlegendes medizinisches und Menschenrecht begriffen würde, sollte Marihuana für den medizinischen Gebrauch jenseits der Kontroverse stehen.

Sechzehn Staaten, inklusive unserem Nachbarstaat New Jersey (Connecticut steht vor einer Wende und könnte der siebzehnte werden), erlauben schon den legitimierten klinischen Gebrauch von Marihuana. (Am 1. Juni 2012 erlaubte der Staat Connecticut die Verwendung von Marihuana zu medizinischen Zwecken. – Anm. d. Red.) Die Gesetzgebende Versammlung des Staates New York diskutiert gerade einen Gesetzentwurf, Marihuana als effektive und legitime medizinische Substanz anzuerkennen und einen rechtlichen Rahmen für den Gebrauch zu erstellen. Die Gesetzgebende Versammlung hat auch schon früher solche Entwürfe verabschiedet, die aber im Senat des Staates nicht durchkamen. Dieses Jahr wird es, so hoffe ich, anders sein. Krebs ist eine parteiübergreifende Krankheit und so allgegenwärtig, dass es unmöglich ist, sich vorzustellen, dass es Gesetzgeber gibt, deren Familien von dieser Geißel verschont geblieben sind. Damit, dass ich nun das Wort ergreife, möchte ich allen helfen, die von Krebs befallen sind und jenen, die später folgen werden.

Da ich gegenwärtig noch als Richter Prozesse leite, bezweifeln wohlmeinende Freunde die Weisheit meiner Entscheidung, mit dieser Angelegenheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber ich sehe klar, dass ebenfalls betroffene Krebskranke aus einer Vielzahl von Gründen nicht in der Lage sein könnten, unserer Zwangslage Ausdruck zu geben. Eine weitere herzzerreißende Aporie in der Welt des Krebses, dass die Droge, die Linderung ohne Nebenwirkungen verschafft, als Narkotikum ohne medizinischen Wert eingestuft wird.

Weil die Kriminalisierung einer wirksamen medizinischen Methode die faire Rechtsprechung beeinträchtigt, fühle ich mich ermächtigt, als Jurist und an einer tödlichen Krankheit Leidender, das Wort zu ergreifen. Ich flehe den Gouverneur und die Gesetzgebende Versammlung von New York – einem Staat, der immer eine Führungsrolle innehatte – an, sich den fortschrittlich und human denkenden sechzehn Staaten anzuschließen und die Vorlage zum medizinischen Marihuana dieses Jahr anzunehmen. Die Medizin als Wissenschaft hat noch keine Heilmethode gefunden, aber es ist barbarisch, uns den Zugang zu einer Substanz zu verweigern, die erwiesenermaßen unsere Leiden lindert.

Gustin L. Reichbach ist Richter am State Supreme Court in Brooklyn.