Traumaaufarbeitung mit MDMA

Ecstasy öffnet die Gefühlswelt und verwischt die Grenzen des Ichs – deshalb ist es in der Partykultur so populär. Nun wendet die Psychotherapie genau diese Eigenschaften bei der Aufarbeitung schwerer Traumata an.

 

Während wir zufrieden die weltweite Verbreitung von medizinischem Cannabis beobachten und fordern, so schnell wie möglich in den Genuss einer progressiven Regulierung zu gelangen, werden im Kielwasser des Marihuana weitere klassische Drogen als Medikamente der Zukunft präsentiert. MDMA, früher Wirkstoff der Ecstasy-Tabletten, ist ein Anwärter auf diesen Status und noch dazu ein psychotherapeutisches Mittel zur Aufarbeitung von Traumata. Die Turiner Konferenz „Right to Science and Freedom of Research on Narcotic and Psychotropic Substances“ widmete sich auch diesem Thema.

Einbrechen der Erinnerungen

Natalie Ginsberg von der renommierten Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) machte in einem Vortrag mit den neuesten Entwicklungen und Ergebnissen der MDMA-Therapie bekannt. MAPS wurde in den 1980er Jahren in Kalifornien gegründet, um die Anwendung von Psychedelika und medizinischem Cannabis voranzutreiben. Ihr verdanken wir zum Großteil die vor zehn bis 15 Jahren von Neuem in Angriff genommenen Untersuchungen zu medizinischen Wirkungen psychedelischer Mittel. MDMA verspricht bei der Behandlung einer der schwersten Formen von Traumata, der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD), das größte Potenzial. Es kann hier einzigartige Hilfe bieten. Schwere Traumata wie sexuelle Gewalt oder Kriegsschrecken können die Auslöser von PTSD sein. Bei dieser Störung dringen die Erlebnisse immer wieder unkontrollierbar in das Bewusstsein des Opfers ein, das sich von ihnen nicht befreien kann. Viele Betroffene treten verbittert die Flucht in den Alkohol oder zu bewusstseinstrübenden Drogen an oder begehen Selbstmord. Ginsberg referierte, dass 75 Prozent der PatientInnen auf die gegenwärtig eingesetzten PTSD-Medikamente absolut nicht reagierten. Die Rede ist von einem akuten Problem, einer mentalen Störung, Im August 2017 ehrte die Food and Drug Administration (FDA) MAPS damit, dass sie die PTSD-Therapie mit MDMA „einen durchschlagenden Erfolg“ nannte. Dieser Ehrentitel, der nur wenigen Medikamenten zugesprochen wird, ist der Tatsache zu verdanken, dass bei nur 17 Prozent der in die experimentelle Forschung einbezogenen PatientInnen PTSD-Symptome zurückblieben.

Therapie der Ruhe

Im Gegensatz zu der Behandlung mit Antidepressiva – bei denen man nach der Einnahme, die Hände im Schoß, auf Erlösung wartet – trägt zum Erfolg des MDMA bei, dass die Anwendung von einer streng regulierten Psychotherapie ergänzt wird. Mit dem Erfolg, dass der Patient MDMA bestenfalls nur dreimalig zur Heilung einnimmt. Es besteht kein Anlass für weitere Anwendungen. Ein ähnliches Ergebnis ist bei Antidepressiva unvorstellbar. Zwei Therapeuten werden in die MDMA-Behandlung einbezogen. Sie findet in einer für den Patienten sicheren Umgebung statt, möglichst meidet man kalte Behandlungsräume und sorgt für ein freundliches Umfeld. Zwei Therapeuten bauen in drei Sitzungen ohne Anwendung von Medikamenten Vertrauen auf und vertiefen die Beziehung zum Patienten. Es folgen drei Termine, bei denen MDMA eingenommen wird – an einem wohlbekannten, sicheren Ort, in einem bequemen Bett liegend. Die Augen des Patienten sind bedeckt und über Kopfhörer hört er angenehme Musik. Dies dauert jeweils sechs bis acht Stunden – geht also über die gewöhnlich drei- bis vierstündige Wirkung des MDMA hinaus. Die Therapeuten sind bis zum Ende anwesend und sprechen bei Bedarf mit dem Patienten. Es folgen drei weitere Sitzungen ohne Medikamentengabe, die dazu dienen, die Erlebnisse zu besprechen und die positiven Erfahrungen in den Alltag zu integrieren, und damit dem Einbrechen der traumatischen Erlebnisse ein Ende zu bereiten.

 

Psychedelische Kliniken

Ginsberg erläuterte kurz die Geschichte der MDMA-Therapien und erinnerte daran, dass die ersten psychotherapeutischen Anwendungen schon im Jahr 2000 in Spanien an einigen Frauen mit PTSD durchgeführt wurden. In den USA wurden die ersten Forschungen erst 2007 durchgeführt, daher ließen die Ergebnisse so lange auf sich warten. Als Zweites verweist MAPS auf die Aikido-Strategie. Die aus dem Arsenal des Krieges gegen die Drogen bekannte Technik besagt, dass der Staat für die Unterstützung von gut 5.000 Forschungsprojekten zu den Risiken von MDMA mehr als 300 Millionen Dollar bereitgestellt hat, während für die Untersuchung der positiven Wirkungen zum größten Teil zivile Organisationen die erforderlichen Mittel beschafften. Infolgedessen verfügen wir über alle erdenklichen Informationen zu den Gefahren des MDMA, aber nur wenige Erkenntnisse über die positiven Wirkungen – aus der Niederlage gilt es, einen Sieg zu machen. MAPS hat nun einen neuen Ansatz erdacht, um die Unverhältnismäßigkeit auszuhebeln: „Risikominimierung gegen das Kapital“. Dazu wurde die Non-Profit-Organisation in eine gemeinnützige Gesellschaft umgewandelt, um mit ziviler Unterstützung und privaten Spendern die klinische Forschung finanzieren zu können. Die erzielten Erfolge mit MDMA könnten einen Wandel der öffentlichen Meinung zu psychedelischen Therapien bedeuten, was die künftige Arbeit erleichtern würde. Durch den Ehrentitel „Therapie mit durchschlagendem Erfolg“ könnte nach Einschätzung von MAPS die MDMA-Therapie zu einer validierten Heilmethode werden. Wenn dies in Erfüllung geht, beabsichtigt MAPS, auf psychedelische Therapie spezialisierte Kliniken zu gründen, wo die Elemente des Heilungsprozesses in einer optimalen Umgebung angeboten werden können.