Tourette und Cannabis

Impulssteuerung bei Fehlzündungen im Gehirn

Stellt Euch vor, Ihr spürt ganz genau, dass Ihr gleich heftig niesen müsst. Und nun versucht mal, dieses Niesen zu unterdrücken und schaut, wie lange Ihr das schafft und wie viel Kraft und Konzentration Euch das kostet. Egal, was Ihr auch anstellt und wie Ihr es anstellt – wenn das Niesen raus will, dann kommt es auch raus.

Damit kriegt man zumindest eine kleine Vorstellung davon, wie es Patrick mit seinen Tics geht, denn Patrick hat das Tourette-Syndrom (TS). Er lebt mit seiner Mutter in Süddeutschland und geht inzwischen auch wieder zur Schule. Das Tourette-Syndrom ist eine unheilbare neuro-psychiatrische Erkrankung und äußert sich durch unwillkürliche multiple körperliche und/oder vokale Tics.

Unter welchen Beschwerden leiden Sie und wie lange geht das schon?

Seit ich etwa vier Jahre alt bin, habe ich leichte motorische Tics, die mich aber kaum beeinträchtigt haben, da es hauptsächlich Grimassen waren. Mit 14 Jahren brachen urplötzlich starke motorische und teils auch vokale Tics aus. Ich muss meinen Kopf werfen, mit den Schultern zucken, die Arme schlenkern, aufstampfen und so weiter. Manchmal kommen die vokalen Tics dann noch hinzu. Oft sind es einfache Laute oder Lautfolgen, manchmal auch Wörter wie “fuck”. Mein TS ist sehr kreativ und denkt sich immer neue Bewegungen und Laute aus – ich bin ununterbrochen in Bewegung und das ist extrem anstrengend. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich, meine Tics zu unterdrücken – zumindest, soweit ich das schaffe. Dann bin ich so darauf konzentriert, dass ich von allem anderen nicht mehr viel mitbekomme. Wenn ich dann nach Hause komme, ticke ich mich aus und bin hinterher immer total erledigt. Dabei hilft mir oft laute Musik – so kann ich die Tics ein wenig lenken. Außerdem stört es bei dem Krach keinen, wenn ich dann auch mal selbst laut werde. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Tics bleiben einfach in mir stecken – dann leide ich unter sehr schmerzhaften Muskelspasmen. Es gibt aber auch bessere Phasen, in denen die Tics nicht so stark sind und ich mehr unternehmen, lernen und leisten kann. Meine Tics werden oft durch Stress ausgelöst oder verschlimmert – dazu gehören zum Beispiel Prüfungen, Druck, emotionale Belastungen, neue Situationen und so weiter. Das ist dann so, als würde zu jeder Empfindung ein Laut oder eine Bewegung gehören.

Wie sind Sie auf Cannabis als Medizin gestoßen?

Nachdem ich auf alle gängigen Medikamente, die normalerweise bei TS verabreicht werden – hauptsächlich Neuroleptika wie Tiaprid, Zyprexa oder Abilify – allergisch reagierte, habe ich es nach langer persönlicher Recherche auch mal mit Dronabinol-Tropfen versucht – der hier enthaltene Wirkstoff ist ja teilsynthetisch hergestelltes THC. Die Dosierung ist recht schwierig, da die Wirkung erst nach etwa 30 Minuten einsetzt. Da mein TS unberechenbar ist, ist kein Tag wie der andere – somit gibt es außer der persönlichen Erfahrung auch keine Dosierungsanleitung. Außerdem hatte ich mit der Zeit auch Nebenwirkungen wie Benommenheit, Schwindel und Kopfschmerzen. Trotzdem war es das einzige Medikament, das mir effektiv geholfen hat. Nach weiterem Suchen stießen meine Mutter und ich dann auf Cannabis als Medizin. Die Wirkstoffkombination im “Rohstoff” solle noch besser bei TS helfen – und so ist es auch. Ich habe einen tollen Arzt, der da ganz offen ist und der auch zu Experimenten bereit ist – er unterstützt mich und hat auch immer versucht, mir zu helfen. Da mir längere Zeit aber kaum mehr zu helfen war, haben wir schließlich einen Antrag auf medizinisches Cannabis gestellt. Ich bin zwar der erste, aber mittlerweile nicht mehr der einzige Cannabis-Patient meines Arztes – darüber bin ich sehr froh, denn wenn ich an die Nebenwirkungen und Langzeitschäden von Neuroleptika denke, halte ich mich dann doch lieber an ein reines Naturprodukt, das weder meine Nieren, meine Leber noch sonst etwas in meinem Körper zerstört.

Wie und wie oft konsumieren Sie Ihre Medizin?

Ich rauche die Blüten der Sorte Bedrocan im klassischen Joint. Wie viel und wie oft, diktiert mir mein TS – pauschal kann ich das gar nicht sagen. Inzwischen kann ich aber zumindest bedarfsgerecht dosieren, da die Wirkung ohne Verzögerung eintritt. In guten Phasen rauche ich vielleicht zwei- bis viermal am Tag. In schlimmen Phasen kann es passieren, dass ich alle zwei Stunden ein paar Züge brauche. Dabei werde ich aber nicht “breit”, wie andere Menschen, sondern eher normal, da Cannabis genau auf die Regionen in meinem Gehirn zu wirken scheint, in denen die Fehlzündungen stattfinden. Das Tourette-Syndrom entsteht durch Sy-napsen, die falsche Impulse weiterleiten oder den Takt nicht halten können. Zwischen 80 und 90 Prozent meiner häufigen Tics werden durch Cannabis gut unterdrückt, bei sehr starken Tics sind es zwischen 60 und 70 Prozent. Somit reduziert sich auch meine Unfallgefahr durch diese Tics, wie zum Beispiel ein Ausrutschen in der Dusche oder auf der Treppe. Die Wirkungsdauer variiert und ist abhängig von der Stärke der Tics – es wirkt sich aber auch positiv auf meine Stimmung aus. Insofern ist medizinisches Cannabis für mich ein Glücksfall und vielleicht das Beste, das mir je passiert ist.

Wie einfach oder beschwerlich war Ihr Weg zu legalem medizinischem Cannabis?

Von den Dronabinol-Tropfen bis zu den Bedrocan-Blüten dauerte es ein gutes Jahr. Mein Arzt hat einen sehr ausführlichen und stichhaltigen Antrag gestellt, der innerhalb von etwa fünf Wochen bewilligt wurde. Bis dann mit der berechtigten Apotheke alles geregelt war, vergingen noch einmal etwa drei Wochen bis ich dann meine erste 5-Gramm-Dose aus der Apotheke holen konnte. Von den gängigen Neuroleptika bis zu Dronabinol war der Weg für mich viel schlimmer, da ich alle möglichen Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten durchleben musste. Da waren mein Arzt und ich oft mut- und ratlos. Und mein Tourette hatte sich dadurch sogar noch verschlimmert. Ich glaube, dass bei mir die Bewilligung wegen der nachgewiesenen Medikamentenunverträglichkeiten und meiner Spasmen so gut geklappt hat.

Zahlt Ihre Krankenkasse das medizinische Cannabis oder bleiben die Kosten an Ihnen selbst hängen?

Ein Antrag auf Kostenübernahme wurde gestellt und abgelehnt – also teile ich mir die Kosten mit meiner Familie. Aber wir geben nicht auf und versuchen es auch weiterhin. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Haben Sie selbst auch schon mal die repressive Seite unseres Staates in Bezug auf Cannabis kennen gelernt?

In gewisser Weise schon, denn Cannabis darf ja in unverarbeiteter Form nicht aus Deutschland ausgeführt werden, obwohl in manchen Ländern Cannabis als Medizin eindeutig erlaubt ist. Verarbeitet – zum Beispiel als Dronabinol-Tropfen, als Kapseln oder als Spray – ist es mit einer entsprechenden Sondergenehmigung gar kein Problem, seine Medizin mitzunehmen. Dein Arzt füllt dir einen Vordruck des Schengener Abkommens aus und das wird dann vom Gesundheitsamt abgestempelt – so ein Stempel kostet bei uns übrigens 9 Euro. Da ich nun auf mein Bedrocan angewiesen bin, kann ich Deutschland mit meinem Medikament praktisch nicht verlassen und musste daher auch schon mal einen Urlaub im europäischen Ausland abbrechen – trotz einer Ersatzmedikation mit Dronabinol. Meine Spasmen waren so schlimm, dass ich im örtlichen Krankenhaus war und schließlich mit ärztlicher Begleitung heimreisen musste. Irgendwie fühlte ich mich dadurch in meinen Menschenrechten verletzt – nur weil Hanfblüten weithin auch als Drogen gelten. Dabei gibt es weit schlimmere und ganz legale Medikamente. Ich finde, das muss zumindest innerhalb der EU endlich geändert werden – und in Ländern, in denen medizinisches Cannabis eh erlaubt ist, sollte es auch möglich sein, dieses mit sich zu führen oder auf ärztliche Verordnung vor Ort zu beziehen.

Hat man schon mal versucht, Ihnen den Führerschein wegzunehmen?

Bisher noch nicht – allerdings musste ich beim TÜV erstmal einen Test machen, um den Führerschein überhaupt machen zu dürfen.

Hält Ihre Familie zu Ihnen und können Sie mit ihr auch ganz offen über Ihre Medizin sprechen?

Ja, meine Familie steht geschlossen hinter mir. Nach meiner “Neuroleptika-Safari” waren alle nur noch heilfroh, dass mir endlich etwas hilft. Meine Mutter sagt oft zu mir: “Das Einzige, das du nicht kannst, ist Verstecken spielen. Alles andere dauert nur ein bisschen länger.”

Wie sehen Sie heute Cannabis als Medizin und welche Zukunft würden Sie sich für diese alte Heilpflanze wünschen?

Ich wünsche mir, dass Cannabis seinen Ruf als Droge oder Einstiegsdroge verliert. Alkohol und synthetische Drogen halte ich für viel gefährlicher als Cannabis. Es ist mir selbst schon oft passiert, dass ich pauschal als Junkie abgestempelt wurde – deswegen bin ich dafür, dass mehr über diese Pflanze aufgeklärt wird und endlich verlässliche medizinische Studien mit Cannabis gemacht werden! Damit zum Beispiel auch die Indikation für Tourette festgelegt werden kann und die Kassen sich endlich an den Kosten beteiligen. Und damit Cannabis in Deutschland ganz allgemein und nicht nur in Einzelfällen als Medizin anerkannt wird. Das ist doch wirklich allerhöchste Zeit! F-F-F-FUCK! Oh, Entschuldigung – das war gerade mein Tourette …