Superfood für Pflanzen

Ob die Welt das jetzt noch braucht? Superfood für Pflanzen? Soll ich jetzt Gojibeeren unter mein Substrat mischen, oder was?

Der Begriff Superfood existiert schon länger, er wurde aber erst im vergangenen Jahrzehnt vermehrt von Marketingagenturen aufgegriffen, um bestimmte Lebensmittel als besonders förderlich für Gesundheit und Wohlbefinden zu bewerben.

Superfood bezeichnet keineswegs Lebensmittel mit einem besonders hohen Gehalt an Makronährstoffen, also Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten. Denn damit wären Magerquark, Palmöl und Zucker das Superfood schlechthin.

Unter Superfood versteht man vielmehr solche Lebensmittel, die eine große Menge an Stoffen enthalten, die sonst nur in geringem Maße vorkommen und denen eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt wird, wie zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren.

Wie lässt sich dieses Konzept auf den Anbau von Pflanzen übertragen?

Analog zur obigen Definition bezeichne ich solche Stoffe als Superfood für Pflanzen, deren Wirkung sich positiv auf die Vitalität der Pflanzen auswirkt und dabei über die reine Bereitstellung von Nährstoffen hinausgeht.

Es handelt sich also um Stoffe, die nicht unbedingt reich an Makronährstoffen, also an Stickstoff, Phosphor und Kalium sind. Trotzdem üben sie einen maßgeblichen Einfluss auf das Pflanzenwachstum aus.

In der konventionellen Landwirtschaft werden vergleichbare Ansätze bisher weitgehend ignoriert. Denn dort geht es um die Verfügbarkeit von Nährsalzen, die über den Wurzelballen der Pflanze gegossen werden können, um ihre Ertragsleistung ans Limit zu pushen. So wird Brennnesseljauche regelmäßig jede Wirkung abgesprochen, da sie kaum Stickstoff, Phosphor oder Kalium enthält. Dabei ist sie reich an Silikaten, Enzymen und Bakterien und fördert so ein aktives Bodenleben, eine verbesserte Nährstoffaufnahme und robuste Pflanzen.

Brennnesseljauche ist nur ein Beispiel für viele Stoffe, die als Superfood für Pflanzen eingesetzt werden können, um Pflanzengesundheit und -leistung auf natürliche Weise zu steigern. Auch Ascophyllum nodosum (Brauner Knotentang), Alfalfa (Luzerne) und Bentonit (Silikate) sind Superfood für Pflanzen und beeinflussen diese auf unterschiedliche Art und Weise.

Ascophyllum nodosum (Brauner Knotentang)

Brauner Knotentang aka Ascophyllum nodosum ist eine im Nordatlantik verbreitete Braunalge. Sie ist nicht nur reich an Spurenelementen, sondern auch an Cytokinin, einem Phytohormon, das die Zellteilung (Cytokinese) von Pflanzen stimuliert und ihren Alterungsprozess reguliert.

Allein der Name Cytokinin weist also schon darauf hin, dass dieses Phytohormon den Stoffwechsel der Pflanze aktiviert und zu einer höheren Ertragsleistung führt.

WissenschaftlerInnen konnten 2011 nachweisen, dass ein erhöhter Cytokininspiegel nicht nur zu mehr, sondern auch zu größeren Blüten und Früchten führt. Der Mechanismus dahinter hängt mit der Steuerung des Alterungsprozesses zusammen: Cytokinin zögert den Zeitpunkt hinaus, an dem sich die pflanzlichen Stammzellen zu Blütenzellen entwickeln. So wächst das undifferenzierte Pflanzengewebe einfach weiter, bevor es sich zu Blütenzellen differenziert. Das Ergebnis: Es werden mehr Blütenansätze und schließlich auch mehr Blüten gebildet.

Daneben ist Ascophyllum ein hervorragender Lieferant von Alginsäure. Diese Säure geliert mit Kalzium zu Kalziumalginat, einem Gel, das die Wasserhaltekraft des Bodens erhöht und die Wurzelbildung der Pflanzen fördert.

Brauner Knotentang unterstützt deine Pflanzen also auf mehreren Ebenen. Obwohl er selbst nur wenig Stickstoff, Phosphor und Kalium liefert, ist er ein wichtiger und verlässlicher Partner im organischen Landbau.

 

Alfalfa (Luzerne)

Schneckenklee, besser bekannt als Luzerne oder Alfalfa, wird bei uns hauptsächlich als Futterpflanze angebaut. Den Beinamen Schneckenklee verdankt Alfalfa seinen Fruchtkörpern, deren Form an ein Schneckenhaus erinnert.

Alfalfa gilt als eine hervorragende Stickstoffquelle und ist reich an Mikronährstoffen und Spurenelementen. Eine wichtige, in Europa aber kaum beachtete Besonderheit von Alfalfa ist ihr hoher Gehalt an dem Phytohormon Triacontanol. Dieses Phytohormon beschleunigt die Zellteilung und führt zu einem kräftigeren Wachstum von Wurzeln, Trieben und Blüten. Wendet man es als Blattspray an, steigt die Konzentration von Kohlenhy-draten und Enzymen in der Pflanze.

Alfalfa und Ascophyllum erhöhen also den Phytohormonspiegel deiner Pflanzen. Deine Pflanzen reagieren darauf wie ein Sportler auf Steroide: Sie werden leistungsfähiger!

In den USA werden Luzerne aus diesem Grund schon seit vielen Jahren in der Landwirtschaft verwendet. Aber auch bei uns sind mittlerweile einige Produkte auf Alfalfabasis erhältlich, die den Stoffwechsel deiner Pflanzen mit Phytohormonen unterstützen.

 

Bentonit (Silikate)

Bentonit ist ein Klassiker im ökologischen Landbau, der das Pflanzenwachstum hervorragend unterstützt und reguliert. Es besteht zu rund 60 Prozent aus Montmorillonit, einem Silikat, das eine Oberfläche von 400 bis 600 m² pro Gramm hat und sich in Wasser ausdehnt.

Bentonit bildet aufgrund seines hohen Ionenaustauschvermögens besonders gut wertvolle Ton-Humus-Komplexe, erhöht die Wasserhaltekraft des Bodens und fördert ein gesundes Bodenleben.

Ton-Humus-Komplexe entstehen durch die Bindung eines Ton- und eines Humusteilchens an ein Nährstoffteilchen. Dabei wird die elektrische Ladung der Nährstoffe ausgeglichen und damit der Ionendruck auf die Wurzelmembranen der Pflanze reduziert. Zudem verbessert die krümelige Struktur der Ton-Humus-Komplexe den Boden dauerhaft.

Bentonit ist darüber hinaus ein hervorragender Lieferant von Silikaten. Silikatverbindungen zählen zwar zu den am häufigsten vorkommenden Stoffgruppen auf unserem Planeten, sind aber nicht immer auch für Pflanzen verfügbar. Die Pflanze kann also nicht alle Silikatverbindungen aufnehmen und für ihre Stoffwechselprozesse nutzen. So besteht beispielsweise Sand größtenteils aus Silikaten, löst sich aber kaum in Wasser und ist letztlich für Pflanzen nur schlecht verfügbar. Die in Bentonit enthaltenen Silikate hingegen können leicht von den im Boden lebenden Mikroorganismen zu Ortho-Kieselsäure – einer schnell verfügbaren Form von Silikaten – umgesetzt werden.

Silikate spielen eine wichtige Rolle für das Pflanzenwachstum, denn sie werden in den Zellwänden verbaut und erhöhen so die Resistenz der Pflanze gegen saugende Insekten sowie schädliche Pilz- und Bakterieninfektionen.

Die erhöhte Verfügbarkeit von Silikaten verbessert die Aufnahme von Nährstoffen, erhöht die Stresstoleranz der Pflanze gegen verschiedene Umweltfaktoren wie Hitze und Trockenheit und steigert zudem das Trockengewicht der Ernte.

 

Fazit

Die Antwort lautet also: Nein. Du brauchst weder dein Substrat mit Chiasamen anzureichern, noch deine Seeds zur Keimung in Granatapfelsaft einzuweichen. Achte bei deinem nächsten Einkauf im Growshop darauf, was eigentlich in den Düngemitteln enthalten ist, die du gerne kaufst. Wenn du die Augen offen hältst, findest du sicherlich ein Produkt mit Alfalfa, Ascophyllum oder Bentonit …

Das Konzept Superfood für Pflanzen kann der Anfang eines Umdenkens in Sachen Düngemitteln sein. Weltweit trägt die konventionelle Landwirtschaft dazu bei, dass die Versalzung der Böden immer mehr zunimmt. Deutschland wurde 2016 von der EU wegen der hohen Nitratbelastung des Grundwassers verklagt.

Hoffentlich lässt sich das Prinzip eines Tages vom Kleingarten auf die Landwirtschaft übertragen und unsere Felder werden natürlich und nachhaltig, im Einklang mit der Natur bewirtschaftet – und jenseits von Ertragsleistungen, die in Einheiten wie t/ha oder g/W gemessen werden.

 

Über den Autor:

Florian Henrich ist Gründer und Inhaber von Florian’s Living Organics und Experte in Sachen organische Düngemittel in Kleingärten. Er verfügt über jahrelange Erfahrung in der Herstellung und Anwendung organischer Düngemittel und ist im Bereich Im- und Export organischer Düngemittel, tierischer Proteine und organischer Rohstoffe tätig. Er veröffentlicht regelmäßig Blogeinträge unter www.florganics.de und www.facebook.com/florians.living.organics.