Sex und Marihuana

Die in Sünde empfangene Beziehung?

Vom tantrischen Nirwana bis zur Impotenz

Unabhängig von Raum und Zeit gibt es kaum einen Kiffer auf diesem Planeten, der nicht schon versucht hätte, die durch Grasrauchen verursachte Euphorie mit den Leibesfreuden zu  kombinieren. Es klingt logisch: Gutes mit dem noch Besseren kombinieren – was soll da Schlechtes herauskommen? Das Ergebnis ist jedoch nicht so eindeutig, nicht einmal dann, wenn  die Beziehung zwischen Marihuanakonsum und Sexualität über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte beobachtet wird. Was spricht also für die Kombinierung der Lüste?

 

Wir gehen davon aus, dass all das, was wir heutzutage als Kultur des Grasrauchens in der sogenannten entwickelteren Hälfte der Welt kennen, noch Lichtjahre entfernt ist von dem, was derselbe Begriff in im alten Indien damals bedeutete, so stellen wir schnell fest, dass wir einer breitgefächerten Frage gegenüberstehen.

Manchen könnten die Propagandafilme, die am Anfang des 20 Jahrhunderts als Abschreckung inszeniert wurden, in den Sinn kommen. Diese Filme zielten ausschließlich darauf ab, zu suggerieren, dass Marihuana-Konsum mit dem Verlust der Potenz gleich-zusetzen ist (und einen nebenbei noch zum Blutmörder macht). Den Rest kann die irregeführte Jugend „natürlich“ nur ohne Verantwortung ausnützen. Andere stellten die Frage aus einer völlig anderen Perspek-tive: für diejenigen bedeute der Konsum die Aufhebung von Hemmungen und Ängsten, während gleichzeitig das physische und emotionale Bewusstsein derart erweitert wird, dass der Koitus zur Unendlichkeit zu werden scheint; kosmische Einheit der Individuen, intensivstes Erleben der intimsten Bezie-hung zweier Menschen… Es ist überraschend: beide Extreme können Realität sein.

Aus historischer Sicht

Zweifellos finden sich die reichste Quellen der Überlieferungen zu diesem Thema in Indien. Die Heilpflanzen-Kultur dieses südasiatischen Landes baut grundlegend auf die Cannabis-Derivate und  auf die aus Cannabis hergestellten Erzeugnisse. Es ist also nicht überraschend, dass zahlreiche Aufzeichnungen viele Anleitungen zur Anwendung dieses besonderen Medikaments enthalten und beschreiben, wie Cannabis zur Behandlung sexueller Störungen bzw. zum intensiveren Erleben des Geschlechtaktes eingesetzt werden soll.

Bei der Beschreibung des tantrischen, se-xuellen Rituals ist Cannabis das A und O für den Geschlechtsverkehr, sozusagen das No. 1 Aphrodisiakum, welches den Paaren helfen soll, den universellen göttlichen Akt zu erleben.

Bitte denken Sie jetzt nicht an einfachen Sex – ganz im Gegenteil: das Erlebnis der Vollkommenheit bedarf eines ungewöhnlichen Bewusstseins im Bezug auf Körper und Geist.

Zu Beginn des Rituals genießt das Paar ein Getränk aus Cannabis (Bhang). Anschließend nehmen die Partner ein rituelles Bad. Nach dem Bad massiert der Mann den ganzen Körper der Frau mit duftendem Öl und Parfüm, kämmt ihr Haar und befriedigt sie oral als erste Station der endgültigen Erfüllung. Yoga und Meditation folgen als nächster Schritt, diese Phase dauert so lange an, bis der Bhang seine volle Wirkung entfaltet hat – und all das nur das Vorspiel.

Der Geschlechtsakt wird erst im Anschluss vollzogen. Die tantrische Verflechtung der Körper kann 7-8 Stunden dauern, solange, bis das Ego von Mann und Frau mit Raum und Zeit verschmolzen sind und beide sich in einem endlosen und reinen Nirwana ve-reinigen.

Man findet diese archaische, rituelle Verbindung von Sexualität und Cannabis nicht nur in der indischen Kultur, sondern auch in vielen anderen Kulturen. Allerdings wird selten solche Vollendung entwickelt, wie in der indischen Kultur. Offensichtlich ist jedoch, dass –bis auf wenige Ausnahmen- all diese Überlieferungen für uns nur interessantes Material sind, quasi ein gutes Programm auf einem bewusstseinserweiternden Sender. Leider aber macht man sich im heutigen Zeitalter nicht viele Gedanken über das Bewusstsein. Immerhin scheint

 

die moderne Wissenschaft

auf ihre Art auch bemüht zu sein, diese aufregende Kombination zu erforschen. Forschungsergebnisse bestätigen, dass durch vernünf-tigen Konsum tatsächlich der se-xuellen Trieb und auch Potenz und Libido angeregt und verstärkt werden können. Gleichzeitig wurde auch als Tatsache belegt, dass maßloses Rauchen gerade bei Männern das Gegen-teil bewirkt. Es konnte bewiesen werden, dass der chronische Marihuanakonsum den Hormon-Haushalt der Männer durcheinander wirft: deren Organismus fängt an, vermehrt weibliches (Östrogen) und weniger männliches Hormon (Testosteron) zu produzieren. Dieses Ergebnis verursacht in den meisten Fällen keine konkreten Probleme. Allerdings beweist nicht nur eine Studie, wie sehr die sexuelle Leistung und Libido bei den Männern schwankt, die nicht nur für besseren Sex dem Konsum verfallen sind.

Wir wollen nicht in den Dschungel der Biochemie eintauchen und uns in Formeln und Zellen vergraben, aber spaßeshalber ist es interessant, einen näheren Blick auf den Wirkmechanismus des Cannabis im Bezug auf die Sexualität zu werfen.

Im menschlichen Körper ist das endokrine System für den Hormonhaushalt verantwortlich.  Das Zentrum dieses Systems ist die Hypophyse, welche im Gehirn gelegen ist, genauer im Hypotalamus. Hier sind in geringer Zahl die Cannabinoid-Rezeptoren angesiedelt, die bei der Regelung der Funktionen des Hormonsystems eine Rolle spie-len. Spanische Forscher fanden im Jahr 1977 heraus, dass sowohl exogene als auch endogene Cannabinoide – d.h. von außen dem Körper zugeführte (z.B. THC) und vom Körper selber produzierte (z.B. Anandamid) Cannabinodie eine spezielle Wirkung auf das Hypophysensystem haben: die Produktion des luteinisierenden Hormons (LH), welches bei der Frau für den Zyklus des Eisprungs und beim Mann für die Testosteron-Produktion in den Hoden verantwortlich ist, wird verringert.  Im Laufe der Forschung stellte sich heraus, dass die Verringerung der Produktion nur bei höherem THC-Spiegel signifikant ist.

Der regelmäßige und übertriebene Konsum verringert jedoch tatsächlich den Spiegel des LH, und als Folge des Testosteron-Mangels im männlichen Organismus steigt der Östrogen-Spiegel, und ein erhöhter Spiegel des weiblichen Hormons kann wohl kaum ein Schlüssel zu vollkommender Männ-lichkeit sein. Zudem führt chronischer und langjähriger Cannabiskonsum zur Erhöhung des Globulin-Spiegels, welcher wiederum die Verringerung des Testosteron-Spiegels zur Folge hat.

Eine anschließend durchgeführte Studie beschäftigte sich damit, ob es ein natürliches Mittel gibt, welches die Folgen des chronischen Cannabis-Konsums rückgängig machen könnte. Die Forscher fanden die Antwort in der Golgathablume. Ihr Extrakt beinhaltet in großer Menge einen Zusatz namens Naphthoflavon, welcher den relativen Testosteron-Spiegel erhöhen kann. Es gibt auch Beweise dafür, dass im Rauch eines Joints Stoffe enthalten sind, die die negative Wirkung vom THC auf die Libido aufheben – folglich hat das klassische Kiffen in dem Fall weniger negative Auswirkung auf die Funktion des Hormonsystems als alternative Konsumformen wie Verzehr oder Verdampfung.

 

Für die Frauen

könnte die Behandlung mit Cannabinoiden bei Sexualstörungen in Einzelfällen ein wirkungsvolles Mittel sein. Unsere Quelle schildert die Krankheitsgeschichte einer 43-jährigen Frau, bei der eine bipolare Störung mit manischen und depressiven Phasen (manische Depression) diagnostisiert worden war. Die verschriebenen Antidepressiva und stimmungsstabilisierende Medikamente hatten die Nebenwirkung, dass sie zur Störungen der Libido führten. Die Patienten war unfähig, einen sexuellen Orgasmus zu erleben, und ihre Libido ging gegen Null. Sie wurde mehrfach ins Krankenhaus eingelie-fert, da sie sich weigerte, weiterhin die Medikamente einzunehmen, die ihre Lebensqua-lität so stark einschränkten und störten. Man versuchte, unterschiedliche Antidepressiva zu verabreichen, um so die Libido der Patientin zurückzugewinnen, aber das Sexualleben blieb gestört. Schließlich verschrieb man ihr 10 mg Marinol (synthetisches THC) zur Einnahme eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr. Die Patientin musste anfangs begleitend zur Therapie einen Fragebogen bezüglich Libido, Feuchtigkeit der Vagina und Orgasmus sowie zur allgemeinen Zufriedenheit ausfüllen. Nach etwas mehr als zwei Wochen verbesserte sich die Situation grund-legend. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Fallstudie nahm die Patientin bereits seit zwei Jahren durchschnittlich zweimal wöchentlich Marinol. Ihr Sexualleben wurde dank THC normalisiert, und sie konnte wei-terhin die bisher verordneten Medikamente zur Behandlung der bipolaren Störung einnehmen. Dies ist allerdings nur ein Fall in der modernen Medizin. Auch wenn Cannabis in diesem Fall in synthetischer Form verabreicht wurde, so entspricht das Resultat doch vollkommen den alten Lehren.

 

Im Fall der Männer

ist die Situation anders, wie wir bereits wei-ter oben geschildert haben, besonders dann, wenn es sich um systematischen und chronischen Konsum über längere Zeit handelt. Auf ausländischen Internetseiten findet man einige Topics zu dem Thema, wo impotente Männer verbittert über ihre Erfahrungen berichten. Folgende Zitate stammen von abchomeopathy.com:

Ich bin 28 Jahre alt, seit 1,5 Jahren ist mein Sexualleben wegen dem überflüssigen und übertriebenen Marihuanakonsum völlig zugrunde gegangen. Ich hatte das Gefühl, von einem Tag auf den anderen plötzlich einen Kurzschluss zu haben. Ich habe bereits zahlreiche Pflanzen- und sonstige Präparate ausprobiert, ohne Erfolg. Laut meinem Arzt ist mein Hormonhaushalt in Ordnung. Jed-liche Hilfe ist willkommen – Adam 777

Ich kämpfe mit Potenzstörungen. Vor 2 Wochen passierte es zum ersten Mal, ich war ziemlich erschrocken. Ich bin fast sicher, dass die Ursache Gras ist. Ich muss gestehen, dass ich es damit ziemlich übertrieben habe. Zuerst dachte ich, mit meiner Freundin ist das Problem, sie kann mich nicht genug anmachen. Dann der Gedanke, dass ich viel-leicht schwul bin, oder so? Habe Adam`s Posting gelesen und ich fürchte, dass es sich für den Rest meines Lebens erledigt hat mit Sex. Denkt Ihr, wenn ich jetzt aussteige (ich rauche ca. 7 Jahre) dann kann ich meine Libido zurückbekommen? – tom crate

Zur Vermeidung von Missverständnissen: hier geht es definitiv nicht darum, auf irgendeine Weise Propaganda gegen Cannabis zu machen! Es ist eine klare Tatsache, dass übertriebener Konsum bei Einzelpersonen zuungunsten der Männlichkeit gehen kann. Was besonders beängstigend ist, ist die Tatsache, dass die Firmen, die potenzsteigernde Präparate herstellen, viel eher eine Antwort auf diese Probleme gegeben haben. Eine Studie belegte, wie populär rezeptfreie Potenzpräparate besonders in Kreisen von Cannabiskonsumenten sind. In Holland ist be-reits flüssiges Mittel im Umlauf, es enthält die zwei Hauptkomponenten, die auch in Viagra enthalten sind, und soll direkt mit dem Gras zusammen konsumiert werden…

Das kann aber ehrlich gesagt nicht die richtige Lösung sein. Wenn wir an die uralten Lehren glauben (und warum sollten wir dies nicht?), die von den Erfahrungen aus vielen Jahrhunderten untermauert sind, wäre es unverantwortlich, zu behaupten, Cannabis sei der Hauptfeind der Sexualität. Gleichzei-tig muss man aber auch die Behauptungen mit Vorsicht genießen, Cannabis sei ein ausgesprochen wirkungsvolles Aphrodisiakum. Die Eigenschaft des Aphrodisiakums kann sich nur entfalten, wenn ein durchdachter und maßvoller Konsum erfolgt.

Es scheint, als würde die tatsächlich eintretende Wirkung stark von der einzelnen Person abhängen. Während bei dem Einen der Konsum von Cannabis in sexuellen Situationen wirklich enthemmend wirken kann und körperliche Erlebnisse von ungeahntem Ausmaß ermöglicht, können Andere unter der Wirkung geradezu asexuell werden. Es ist also ungemein wichtig, sich selber wirklich gut zu kennen, um eine entsprechende Ent-scheidung treffen zu können.

 

K.H. Mint

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