Schwarzes Schaf

Verbot hemmt Heilung

Auf der englischen Webseite Volteface, die sich mit Drogenpolitik beschäftigt, erschien im Februar eine interessante Publikation unter dem Titel „Schwarzes Schaf“, die Hindernisse bei der Behandlung von ProblemkifferInnen analysiert. Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen: In einem Verbotssystem ist es schwieriger, wirkungsvoll Hilfe zu leisten.

Die Untersuchung bezieht sich auf die Situation in Großbritannien und ist daher nicht 1:1 auf alle europäischen Länder übertragbar, doch aus den gemachten Erfahrungen können trotzdem europaweit Lehren gezogen werden. Vielleicht erinnert man sich an die wissenschaftlichen Mediensensationen der vergangenen Jahrzehnte, die in Großbritannien zur mehrfachen Neueinstufung des Marihuanas in verschiedene Risikostoffgruppen führte. In den letzten zwei Jahren malten sie das Schreckgespenst des „superpotenten Skunk“ an die Wand, der bei ahnungslosen KonsumentInnen angeblich Psychosen auslöse. Dann stellte sich natürlich heraus, dass dieses Phänomen nicht mit der hohen Potenz zusammenhängt, sondern mit dem zu niedrigen Gehalt eines anderen Inhaltsstoffes, des CBD, und das nur bei KonsumentInnen, die zu Psychosen neigen. Die Studie von Volteface stellt dar, dass die Gesundheitsbehörden dem Cannabis bei Weitem nicht so viel Aufmerksamkeit widmen wie die Medien – bei der Zahl der problematischen KonsumentInnen war in den letzten Jahren ein Anstieg zu beobachten. Den spannendsten Teil des Berichtes stellt eine Analyse der Hindernisse dar, die das Verbotssystem generieren und die Ausarbeitung erfolgreicher Therapiemaßnahmen erschweren. Nachfolgend richten wir unser Augenmerk auf die lehrreichen Ergebnisse der Untersuchung; zunächst aber ein paar Worte zur Natur der Cannabisprobleme.

Bestehende Abhängigkeit

Entgegen anderslautenden Behauptungen kann man sich auch an den Konsum von Cannabis gewöhnen, genauso wie an jedes andere Genussmittel oder jede entspannende Aktivität. Obwohl die Entzugserscheinungen nicht so stark sind wie bei Alkohol-, Tabak- und Kokainabhängigkeit, legen viele beim Auftreten von Problemen die Pfeife nicht beiseite, weil der Stoff leicht zu beschaffen und der Konsum verbreitet ist. Schätzungsweise sind in Großbritannien 2,6 Prozent der Bevölkerung über 16 Jahren problematische CannabiskonsumentInnen (wenn auch nicht im engsten Sinne des Wortes Süchtige), was gut eine Million Menschen bedeutet. Eine Suchtbehandlung erhalten in der Regel KonsumentInnen von Alkohol und gefährlicheren Drogen. Nur ungefähr 15 Prozent der Marihuanaabhängigen haben bisher überhaupt an einer Therapiemaßnahme zur Konsumverringerung oder Totalaufgabe teilgenommen und kaum 5,5 Prozent von ihnen bekamen im Jahr vor der Erhebung eine Behandlung bewilligt.

Ebenso problematisch ist es, dass die Therapien nicht wirksam genug sind. Wenn wir die Opiumabhängigen nicht mitzählen, waren es die zwanghaften KifferInnen, die im Untersuchungszeitraum von sechs Monaten im geringsten Maße etwas an ihren Konsumgewohnheiten änderten. Kaum 42 Prozent von ihnen reduzierten den Konsum oder beendeten ihn. Dieser Anteil bleibt hinter dem der KonsumentInnen gefährlicherer Stoffe wie Kokain und Amphetamin zurück. All das bedeutet jedoch: Während die Therapien für andere Drogenabhängige ihr Ziel erreichen, lässt sich an den Programmen für ProblemkifferInnen noch viel verbessern. Dazu sind jedoch Veränderungen im weiteren Umfeld nötig.

Illegale Herausforderungen

Die Publikation „Schwarzes Schaf“ widmet einen gesonderten Teil jenem Einfluss, den die Illegalität der angebotenen Behandlungen auf ihre Qualität hat sowie auf die Neigung der KonsumentInnen, an ihnen teilzunehmen. Dr. Ian Hamilton, Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität York, sagte, dass bei Cannabiskonsum am häufigsten Hilfe wegen Angststörungen und Paranoia gesucht würde. In dem unregulierten System gebe es jedoch viel Unsicherheit bezüglich der Behandlungen. Nach der Analyse von Volteface wären von den Therapiemöglichkeiten sehr viel bessere Ergebnisse zu erwarten, wenn man sie nicht innerhalb des Cannabisverbotes umsetzen müsste. Unter anderem deshalb, weil man die Schicht der ProblemkonsumentInnen auf einem legalen Markt gezielter ansprechen und ihnen Hilfe zur Schadensprävention anbieten könnte. Wenn man beispielsweise in Cannabisläden Reklame für Programme zur Konsumreduzierung machen könnte, dann würde die Botschaft die Zielgruppe direkt erreichen. Wenn der Konsum nicht mehr als Straftat gelten würde, dann nähme auch die Bereitschaft zum Dialog über Probleme zu und die Einweisung in eine Therapiemaßnahme würde ebenfalls leichter. In einem legalen System könnten Informationen über die Risiken des Cannabiskonsums ehrlicher und wirksamer dargeboten werden – so auch die Angaben zu den Gesundheitsrisiken wie bei Tabakwaren. Nicht zuletzt könnte man den Wirkstoffgehalt der verwendeten Sorte bestimmen und die KonsumentInnen zu solchen Sorten umleiten, bei deren Konsum das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen wie Angststörungen oder psychotische Zustände geringer ist.

In einer Vergleichsstudie über die Gewohnheiten des Cannabiskonsums in Holland und San Francisco erfahren wir, dass die Mehrheit der KonsumentInnen Sorten mit einem mittleren Potenzial bevorzugt, wenn die Möglichkeit besteht, unter verschiedenen Ganjasorten zu wählen, während in der Illegalität eher stärkere Sorten gewählt werden, um den Dealer seltener aufsuchen zu müssen.

 

Der Dealer ist kein Arzt

Nebenbei ließen sich sukzessive Untersuchungen im Kreis der KonsumentInnen durchführen, sodass man auf Konsumtrends reagieren könnte. Dies ließe sich bei einer reinen Entkriminalisierung nur zu einem geringen Teil verwirklichen, denn von Dealern kann nicht erwartet werden, dass sie ihrer Ware Hinweise zur Schadensbegrenzung beifügen. Genauso wenig kann man sie darum bitten, aus medizinischen Gesichtspunkten geeignete Marihuanasorten zu vertreiben. „Das wahre Problem ist, die Cannabiskonsumenten zu erreichen. Wir müssen die Kultur des Cannabiskonsums verstehen, damit wir die Hilfsangebote verbessern können, und das ist nur bei einem regulierten Markt möglich“, fasst Hamilton zusammen. Zur Legalisierung befragte Volteface auch KonsumentInnen, deren Beiträge sich als sehr nützlich erwiesen. So führt die Studie unter anderem zwei Standpunkte an: „Ich glaube, dass der Rat eines Sachverständigen bei Weitem nützlicher ist als der eines Dealers.“; „Meiner Meinung nach ist die Verbotspolitik schädlicher als jede Droge und deren Konsum.“ Zahlreiche weitere Vorteile verbänden sich mit der Verdrängung der Dealer. Es ist ein klassisches Argument der LegalisierungsbefürworterInnen, dass ein regulierter Markt einen gewaltigen Schlag gegen das organisierte Verbrechen bedeuten würde. Hinsichtlich erfolgreicher Therapien wäre die Verringerung der Stigmatisierung des Marihuanakonsums noch wichtiger. Dann wären KonsumentInnen keine schwarzen Schafe mehr und man könnte den problematischen Konsum endlich aus einem medizinischen Blickwinkel angehen. Wenn der/die ProblemkonsumentIn die Erfahrung macht, dass er/sie nicht in erster Linie als Kriminelle/r behandelt wird, wären auch die Therapiemöglichkeiten wirksamer.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein legaler Markt die Qualität der präventiven und therapeutischen Eingriffe auf vielfältige Weise erhöhen würde. Im Augenblick erreichen diese nur wenige Menschen, zudem sind sie nicht besonders erfolgreich. Und dann haben wir noch nicht darüber gesprochen, dass die 10 bis 20 Prozent Steuereinnahmen aus dem Cannabisverkauf auf die Entwicklung von medizinischen Versorgungsmaßnahmen verwandt werden könnten und so eine wirksame Prävention und Aufklärungskampagnen ausreichend finanziert werden könnten. So geschehen in Colorado, wo dank der Legalisierung die Zahl der jugendlichen CannabiskonsumentInnen nicht anstieg und wo für problematische KonsumentInnen individuelle Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen. Nun soll niemand mehr behaupten, dass das Cannabisverbot unserem Schutz dient!