Salzige Limonade (Teil 1)

In Mumbai ist jeder ein Dealer

Sofort füge ich hinzu: natürlich nicht im europäischen Sinne. Eher im Sinne von Ed Rosenthal, demzufolge jeder Patient, der regelmäßig Medizinalcannabis konsumiert, höchstens nicht weiß, welche Gesundheitsprobleme, Zustände oder Symptome er da gerade behandelt. Er spürt einfach, hoppla, dass er sich schon besser fühlt, ein wenig erleichtert. Irgendwie so gehen auch die Inder damit um: Hauptsache, es wird ein bisschen leichter, ein wenig erträglicher.

Der Titel soll auch unterstreichen, dass die älteste Tradition des Cannabiskonsums nicht in Jamaika oder einer anderen Karibikinsel, auch nicht in der arabischen Welt, beispielsweise in Marokko und erst recht nicht in Holland, sondern irgendwo in Nordostindien zu finden ist. Für das Cannabis sind hier – neben vielen anderen Heilpflanzen – seit Jahrtausenden zahlreiche traditionelle Anwendungsmethoden bekannt und ihre traditionellen Namen geben auch Auskunft über den Wirkstoffgehalt. Die niedrigste Stufe ist ein Trockenprodukt mit dem Namen „bath“, das nur ein paar Prozent THC enthält und aus Blättern und „Herabgefallenem“ hergestellt wird. Auf dem Lande wird es anstelle von Tabak auch geraucht und man schreibt ihm zahlreiche wohltuende Wirkungen zu. Beispielsweise, dass es die Männer im Gegensatz zum Alkohol friedlicher und auf die Familie fixierter macht. Ganja ist die Cannabisblüte mit dem höchsten Wirkstoffgehalt. Es wir eher wegen seiner Heilwirkung benutzt, die hier niemand infrage stellt. Charras, das die meisten psychoaktiven Stoffe enthält, ist das Cannabisharz und dient hauptsächlich spirituellen Zwecken. Es ähnelt dem, was wir als Haschisch kennen, obwohl es zwischen den beiden einen kleinen Unterschied gibt. Charras wird hergestellt, indem der vor erntereifem Harz glitzernde Blütenstand gut zusammengedrückt wird. Die Härchen, die an der Handfläche kleben, werden mit einer geschickten Bewegung des Daumens der anderen Hand entfernt, dann wird es zusammengeknetet. Ein schillerndes, leuchtendes, dunkles, fast schwarzes Material, in das natürlich nolens volens etwas Haut und Fett, Schweiß und Staub gelangt.

Mumbai: die schillernde Hauptstadt des Elends

Anfang Dezember kamen wir in Mumbai, Indiens zweitgrößter Stadt, an. 14 Millionen Einwohner und unglaubliche Kontraste. So viele Banken und Hochhäuser gibt es höchstens in London oder den amerikanischen Metropolen. Die meisten der Einwohner leben beengt, in Chaos und Elend. Eins der größten Elendsviertel der Welt mit zwei Millionen Besitzlosen befindet sich fast in der Mitte von Mumbai. Wir konnten es uns nicht ansehen, aber seinen Geruch nahmen wir von einer Autostraße aus wahr, die darüber hinwegführt. Hier kennt man keine Sozialversicherung, keine Rente, kein soziales Netz, keine Straßenbeleuchtung und vielleicht auch nicht den Begriff der persönlichen Hygiene. Im Gegensatz zu den nördlichen Provinzen, wo bis heute Ganja benutzt wird, gleicht die Situation hier eher den Zuständen in den multikulturellen Städten Europas. Niemanden haben wir getroffen, der irgendwann einmal von der UN-Konvention aus dem Jahre 1961 gehört hätte, die auch Indien damals unterschrieben und damit den Anbau und den Konsum von Cannabis, Opiaten und einigen Hundert anderen Heilpflanzen in die Illegalität gedrängt hat. Unabhängig vom Ziel des Konsums. Als rekreative Droge ist der Alkohol verbreitet und zu therapeutischen Zwecken erschienen westliche Medikamente, die sich die Mehrzahl der Inder natürlich nicht leisten kann.

Die Mehrheit hat keine Arbeitsplätze im europäischen Sinn des Wortes, aber alle leben und schlagen sich durch, so gut sie können. Hauptsächlich bieten sie untereinander und den Ausländern Dienstleistungen an oder sie versuchen, etwas zu verkaufen. Auf den schmalen Grünstreifen in der Mitte der Landstraßen setzen sie blühende Pflanzen (und natürlich stellen sie auch ihr Logo auf geschmacklosen großen Tafeln auf), und die hinter den Büschen kauernden Familien pflücken die Blumen und versuchen die daraus geflochtenen Kränze jemandem zu verkaufen. An der Victoria Station in Mumbai sammelt ein Junge, in dem entsetzlichen Gestank und dem unglaublichen Schmutz, weggeworfene Fahrkarten ein, dann klebt er sie auf ein etwas saubereres Papier, ergänzt sie mit nicht gerade künstlerischen, aber geschickten Zeichnungen und versucht, sie an Ausländer zu verkaufen. In der Provinz überschwemmen spätnachmittags Massen von Muschelsammlern die Meeresstrände. Mangels anderer Möglichkeiten bleibt vielen nur die Vermittlung von Dienstleistungen. In Indien kein zum Aussterben verurteilter Beruf. So unglaublich es sein mag, auch hier ist alles zu bekommen, aber nicht leicht zu finden. Wenn du aber jemanden kennst, der das hat, was ich suche, dann hast du 20, 30, 50 Rupien mehr.

Room Service mit Ganja

Das erste, fast verbindliche Ziel in Mumbai ist das Gateway of India. Wir hatten vorher die Information bekommen, dass sich in seiner Nähe das Café Leopold befindet, dort könnten wir sicher Ganja kaufen. Wenn der Mensch sympathisch ist und uns einlädt, sollten wir ruhig mitgehen, kann sein, dass er uns in eine Wohnung oder einen privaten Ort bringt, aber kein Grund zur Besorgnis, die Menschen sind freundlich, über die Preise kann man verhandeln, und je besser der Nexus, umso eher. Wir hatten noch nicht einmal angefangen, den besagten Ort zu suchen, da fiel uns auf, dass in Indien wenig geraucht wird, obwohl die Zigaretten sehr billig sind. Einheimische Marken gibt es von 20 bis 30 Eurocent, die indischen Marlboros kosten 2 Euro, und natürlich gibt es dort Bidis, 14 Stück für 10 Eurocent. Was da drin sein kann, da konnten wir nur raten, angeblich Tabak, in ein Palmenblatt gedreht. Unsere Unterkunft war ein paar Kilometer von dem Gateway entfernt, was in Anbetracht der hiesigen Straßenzustände und des unerträglichen Verkehrs eine Autofahrt von mindestens einer halben Stunde bedeutete. Ohne es besonders forcieren zu müssen, erfuhren wir von dem jungen Hotelpersonal, dass sie, wenn überhaupt, lieber Gras rauchen als Tabak, das Rauchen aber im Grunde verurteilen. Unter ihnen gab es einen aus dem Norden, der ein ziemlich regelmäßiger Konsument war, worüber wir vollkommen offen sprachen, während er uns das Frühstück servierte. Keine mystische Stimmung, kein rebellischer Zwischenton. Als ich das Vaporisieren und den Konsum in Lebensmitteln erwähnte, waren sie zu meiner Überraschung im Bilde. Im Bedarfsfall bringt der junge Kellner für 50 – 100 Rupien (0,65 – 1,30 Euro) das Ganja, natürlich nicht aus der Küche oder von der Rezeption, sondern von weiß Gott woher. Er ist kein Dealer, aber für etwas Kleingeld hilft er, es zu beschaffen, denn sein Durchschnittslohn (und in Indien gilt ein solches Hotel als sehr guter Arbeitsplatz) beträgt etwa 80 – 100 Euro im Monat. Verständlich, dass er sich etwas dazuverdienen will. Er begleitete uns in einen nahegelegenen Nightclub, der zu unserer nicht geringen Überraschung von drei Uhr nachmittags bis neun Uhr abends geöffnet war. Er bekräftigte, dass man dort, wo es viele Touristen gibt, beispielsweise an dem schon erwähnten Gateway of India, nichtlange herumfragen müsse. Die Preise sind natürlich auf die Touristen zugeschnitten. Nirgendwo in Indien ist es Pflicht, sie auszuzeichnen, und daher setzt sie der Verkäufer nach der angenommenen finanziellen Lage des Käufers, in unserem Fall aufgrund der Hautfarbe fest, sogar in den Apotheken. Außer im Plaza fanden wir nur an einem Ort eine ausgehängte Preisliste, auf der stand: Eintritt für Inder 20 Rupien, andere Nationalitäten 60 Rupien.

Darf´s was Anderes sein, Sir?

Am nächsten Tag waren wir also dort am Gateway, was tatsächlich ein gewaltiges verziertes Steintor direkt am Meeresufer ist. Als wir aus dem Taxi stiegen, stand vor uns schon Mensch Nummer 1. In ausgesprochen schönem Englisch schlug er eine Stadtrundfahrt vor, dann der Reihe nach alles, worauf er Zugriff hatte und was ihm eine Rupie einbringen konnte.

Stadtrundfahrt im Auto, mit Klimaanlage, Fremdenführung auf Englisch? Nein, danke! Ein Foto, Sir? Nein, danke! Stadtplan von Mumbai, Sir? Danke, haben wir. Haschisch, Marihuana, Sir?  Danke, jetzt  nicht.  Darf´s was Anderes sein, Sir?

Dieser Dialog wiederholte sich in der nächsten halben Stunde viermal, es hätte aber gut zehnmal sein können, oder zwanzigmal. Ich gehe davon aus, dass sie einer Familie mit einem Baby oder japanischen Rentnern kein Haschisch oder Marihuana anbieten, aber in unserem Fall – zwei junge europäische Reisende – ließ das keiner aus.

Mensch Nummer 2:  Marihuana, Sir? Vielleicht. Wie viel? Wie viel wollen Sie, Sir? 10 Gramm. 3500 Rupien. Danke, dann nicht. Warte, Sir! Ich mach‘s billiger. Gutes Ganja, Sir!

Im Gegensatz zu den auf Touristen spezialisierten Dealern auf der La Rambla in Barcelona beispielsweise, verkaufen diese Leute nicht nur Gras und Haschisch. Das ist nicht einmal ihr Hauptgeschäftsprofil. Die Stadtrundfahrt für etwa 20 Euro pro Stunde scheint im Übrigen einträglicher, wenn man die Zusammensetzung der Touristen betrachtet. Wir aber forcierten noch ein wenig das Thema Ganja.

Gib uns 10 Gramm für 1000! No, Sir, 3500 Rupien. Das ist zu viel. 5 Gramm für 1000. Das ist zu wenig, sagte er, fast weinend. Für 3000 nehmen wir es nicht. Warte, Sir! Wir besprechen das. Nimm mehr, dann wird´s billiger!

Der erste Typ, mit dem wir ins Gespräch kamen, war in den Fünfzigern, Bäuchlein, Schnurrbart, im Hemd und so ein Väterchen, dann einer mit eingefallenem Gesicht, sehr braune Haut, mit einem auffallend langen Nagel am kleinen Finger, mittleres Alter, spürbar auch Familienvater; ein ganz junger Mann mit Jungengesicht, dann eine Gruppe aus zwei, drei jungen Kerlen, charakteristisch in Hemd, Stoffhose und Sandalen, wie jeder hier. Die Taxifahrer, die Jungs mit den Autorikschas, die Rezeptionisten, der Zigarettenverkäufer, die Chauffeure auf dem Lkw-Parkplatz neben dem Hotel, der Barmann in dem bewussten Klub oder der Motorradverleiher. Der Handel geht nicht offen vonstatten, die am Gateway of India postierten Polizisten wissen offensichtlich, was hier vor ihrer Nase geschieht, auf dem Platz direkt vor dem weltberühmten Taj Mahal Palace Hotel mit seinen 1500 Zimmern, 200 Meter entfernt vom Eingang einer der größten Marinebasen. Die interessanteste Figur in dieser Hinsicht nannte sich Arafat, war ein Fahrrad- und Mopedverleiher, 25 Jahre alt, nettes Gesicht, der uns auf Nachfrage ebenfalls seine Hilfe anbot.

Sadhus und Inder

Man spürt, dass sich die Toleranz gegenüber Ganja in der Akzeptanz der 4 – 5 Millionen Sadhus erschöpft, die hauptsächlich im Norden in der Himalajaregion leben. Die modernen Großstädte mit ihren Plazas und jungen Leuten in Jeans unterscheiden sich nur wenig von Europa. Bald aber stellten wir fest, dass in Indien jeder ein Dealer sein kann. Nach unseren Vorabinformationen (in Richtung Süden sinken die Preise und der Eurokurs wird günstiger) beziehungsweise aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen mit der Preisbildung (für Weiße ist alles etwa dreimal so teuer) schlossen wir, dass der reale Straßenpreis für 10 Gramm je nach Ort zwischen 800 und 1000 Rupien liegen müsste, was etwa 10 – 12 Euro entspricht. Vorläufig ist es unser Ziel, diesen Preis zu erreichen. In Mumbai haben wir schließlich die Qualität nicht getestet. Der Hauptgrund dafür war, dass wir nur vier Nächte der vor uns liegenden anderthalb Monate dort verbrachten und uns danach auf den Weg nach Goa begaben. Dort waren die ersten Stationen Panjim und Vasco da Gama, wo wir ein Motorrad ausliehen und uns aufmachten, die Provinz zu erforschen. Unser erster Freund am Ort ist Raju, der Chauffeur des Hotels und seine Antwort ist immer die gleiche, wie die der Einwohner von Mumbai: O.K. my friend, no problem my friend!

Wir versuchen auch, ein paar Freilandplantagen zu entdecken, die es in der Umgebung angeblich in großer Zahl gibt, und vielleicht kommen wir bald dazu, etwas zu testen!