Quo vadis, Christiania?

Die Freistadt Christiania, ursprünglich eine Hippiekommune, hat in ihrer 45-jährigen Geschichte zahlreiche Razzien wegen offenen Handels mit Marihuana und Haschisch erlebt, doch die letzte Polizeiaktion unterscheidet sich gewaltig von den früheren Attacken. Immerhin führte sie dazu, dass auch auf höheren Ebenen Kritik an der Haltung des Staates in dieser Frage laut wurde.

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Der Tourismus in Kopenhagen verdankt Christiania viel. Die dort lebenden insgesamt 900 BewohnerInnen werden jährlich von etwa einer halben Million TouristInnen besucht. Zweifellos wird ein beträchtlicher Teil von ihnen von dem offenen Grasmarkt angezogen. Der Staat ist nicht geneigt, den Hanfhandel zu besteuern, und demonstriert lieber mit ein paar spektakulären Aktionen seine Missbilligung. Seit den 2000er Jahren werden immer öfter Razzien in dem Stadtteil durchgeführt, die zwangsläufig zu einem verstärkten Haschischhandel in anderen Stadtteilen führen. Die Mehrheit der BewohnerInnen würde dem Katz-und-Maus-Spiel am liebsten mit der Legalisierung ein Ende setzen. Die Stadtverwaltung von Kopenhagen hatte sich schon auf ein Experiment mit Coffeeshops eingelassen, die Idee wurde jedoch vom Justizministerium torpediert, daher blieb es mangels einer besseren Lösung bei den endlosen Schikanen für die Hippiekolonie. Nun wollte die Polizei einen Schlussstrich ziehen und verschärfte die Gangart. Am 7. Juni schlugen etwa 100 PolizistInnen an den 37 Ständen des Grasmarkts von Christiania zu. Ergebnis dieser Aktion waren 17 Verhaftungen und die Beschlagnahmung von ungefähr 10 Kilo Cannabis. Alle bisherigen Aktionen endeten nach dem gleichen Muster – die KundInnen beschafften sich das Gras vorübergehend in anderen Stadtteilen, und wenn sich der Sturm gelegt hatte, kehrten die HändlerInnen wieder in die Buden in der Pusher Street zurück, und langsam fanden sich auch die KundInnen wieder ein. Die jetzige Aktion unterschied sich nicht nur durch das große Polizeiaufgebot von den bisherigen. Die Polizei agierte diesmal ausgesprochen aggressiv und verpasste in einigen Fällen auch den Schaulustigen ein paar Schläge. Wer’s nicht glaubt, soll sich das auf YouTube anschauen. In dem Fall sind auch die dänischen Strafverfolgungsbehörden geteilter Meinung. Hochrangige Akteure meldeten sich zu Wort. Einer der bekanntesten Staatsanwälte Kopenhagens sagte: „Es ist meine persönliche Überzeugung, dass wir den Cannabishandel legalisieren müssen, denn diesen Kampf können wir nicht gewinnen. Das probieren wir nun schon so viele Jahre und haben nichts erreicht.“ Ein früherer Kommunalpolitiker ist der Meinung, dass das Geld, das über den Schwarzmarkt einfließt, nicht in die richtigen Hände gelange und es sehr viel klüger wäre, es nutzbringend einzusetzen. Ein ehemaliger Staatsanwalt meint, dass die AnhängerInnen des Verbots die Augen vor der Wirklichkeit verschließen würden. Er argumentiert, auch wenn es gelänge, Christiania zu säubern, würde am nächsten Tag an neuen Orten gehandelt, und damit sei die Strategie hoffnungslos. Nüchterne Argumente sind jedoch nicht dafür bekannt, dass man sie nur aussprechen muss, um PolitikerInnen von ihnen zu überzeugen. Der dänische Gesundheitsminister enttäuschte sofort alle, die aufgrund solcher Äußerungen positive Erwartungen nährten. Denn er verkündete, dass die Regierung keine Cannabislegalisierung plane. Angesichts der brutalen Aktionen überrascht das nicht besonders, und so geht der unsinnige Kampf weiter.

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