Pro & Contra

Cannabis in der Medizin

Es gibt viele angesehene Professoren, Ärzte und Doktoren, die zwar alle schon mal davon gehört haben, dass auch Cannabis einen medizinischen Nutzen haben kann, die jedoch selbst nicht so weit gehen würden, Cannabispräparate tatsächlich zu verschreiben. Geschweige denn, die natürliche Alternative aus der weiblichen  Hanfblüte zu empfehlen.

Wir wollten wissen, was deutsche Ärzte von Cannabis als Medizin halten und fragten auf verschiedensten Wegen bei vielen Kliniken und Praxen an, ob man zu einem Gespräch über das medizinische Potenzial von Cannabis bereit wäre. Nach unzähligen Absagen fanden wir schließlich zwei Ärzte, die mit uns über ihre persönliche Sicht auf die Pflanze Hanf sprechen wollten. Beide Doktoren wollten dabei jedoch anonym bleiben, da sie bei einer Publikation mit dem Titel “Medijuana” vermuteten, dass hier eh nicht unparteiisch und damit “seriös” berichtet wird. Als erstes befragten wir einen Berliner Klinikarzt, der Cannabis gegenüber recht skeptisch eingestellt ist:

Fänden Sie es angebracht, auch in Deutschland Cannabis als Heilpflanze anzuerkennen?

Die wissenschaftliche Literatur ist da noch nicht sehr ergiebig. Es gibt sicherlich viele Untersuchungen und viele Veröffentlichungen, aber da gibt es teilweise sehr große Widersprüche. Wenn man sich mal allein auf die Literatur, die es über Versuche am Menschen gibt, beschränkt und die vielen Tierversuche oder Laboruntersuchungen außer acht lässt und nur gute, kontrollierte Studien am Menschen betrachtet, dann gibt’s da meiner Ansicht nach noch zu wenige Studien, die wirklich einwandfrei nachweisen würden, dass Cannabis in bestimmten Situationen eine eindeutige Wirkung hat.

Woran liegt es, dass es nur so wenige Studien gibt? Fehlt es am Geld oder am Interesse an einer Erforschung des medizinischen Potenzials der Hanfpflanze?

Das Interesse ist sicher da, und prinzipiell gibt es auch Geld dafür, denn Studien kosten natürlich immer Geld. Dieses Geld kann aus verschiedenen Quellen kommen – es kann entweder von der öffentlichen Hand kommen, zum Beispiel von Einrichtungen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vergeben werden, oder natürlich von der Industrie. Da gibt es schon Möglichkeiten – bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft kann man zum Beispiel jederzeit Gelder beantragen.

Wie ist denn Ihre ganz persönliche Meinung zu Cannabis als Medizin?

Meiner Meinung nach kann man so was im Einzelfall schon mal in Erwägung ziehen.

Ich kenne Patienten, die ich teilweise auch selbst behandelt habe – beispielsweise Tumor-Schmerzpatienten – und denen man sagen könnte, dass in ihrem speziellen Fall Cannabispräparate nützlich sein könnten. Aber ich würde den Patienten nicht generell sagen, dass bei einer bestimmten Art von Schmerz Cannabispräparate mit Sicherheit helfen.

Glauben Sie, dass etwas an der These dran ist, dass die Pharmaindustrie Cannabis ganz bewusst ausbremst, da sich eine natürliche Pflanze nicht patentrechtlich schützen lässt und die Industrie viel lieber ihre teureren Synthetik-Varianten verkaufen will?

Also, das kann durchaus sein. Es ist zumindest denkbar, denn es gibt ja viele Substanzen, die ihren Patentschutz schon lange verloren haben und die deswegen auch von der Industrie nicht weiter beforscht werden. Das ist durchaus eine übliche Praxis, denn die Industrie investiert natürlich bevorzugt Geld in neue Substanzen, die patentierbar sind und die man dann – wenn man so ein Patent hat – auch für mehr Geld verkaufen kann. Das trifft aber nicht nur auf Cannabis zu, sondern auf viele andere Substanzen auch, die an sich wirksam sind und interessant wären, die aber von der Industrie nicht beachtet werden.

Könnte man da nicht vermuten, dass die Studien, die Cannabis einen medizinischen Nutzen absprechen, zum Großteil von der Pharmaindustrie finanziert werden?

Diese Vermutung beinhaltet zu viel Spekulation. Es gibt vielleicht so um die zwanzig Studien in der wissenschaftlichen Literatur, die sich teilweise widersprechen. Nichtsdestoweniger handelt es sich jedoch um konkrete Ergebnisse aus Versuchsreihen – beispielsweise findet die eine Studie bei einer Gruppe mit Rückenschmerzen einen positiven, die andere Gruppe einen negativen Effekt. Wenn man sich die Gesamtzahl der Studien ansieht, dann ist ungefähr die eine Hälfte positiv und die andere negativ. Da die Ergebnislage so uneinheitlich ist, kann man aus dieser Gesamtschau keine eindeutige Schlussfolgerung in Hinsicht auf die Wirksamkeit von Cannabis ziehen.

Nach diesem Gespräch fragten wir uns natürlich, ob dieser Berliner Arzt mit seiner persönlichen Meinung tatsächlich die allgemeine Meinung der deutschen Ärzteschaft repräsentiert. Erfreulicherweise verlief unser kurz darauf folgendes Gespräch mit einer in Frankfurt praktizierenden Allgemeinärztin dann aber doch etwas anders:

Was für Probleme haben viele deutsche Ärzte mit Cannabis, sodass sie oft schon jedem Gespräch darüber ausweichen?

Das verdeutlicht vielleicht folgende Kurzgeschichte: Ich war ja letzte Woche auf einer Fortbildung gewesen, und da gab es auch eine öffentliche Diskussion zu dem Krankheitsbild eines Patienten. Ich schlug vor, es doch mal mit Dronabinol zu versuchen und musste daraufhin feststellen, dass die meisten meiner Kollegen noch gar nichts davon gehört hatten und mich ganz unumwunden fragten, was das denn für ein Präparat sei. Tatsächlich ist das Wissen um Dronabinol bei vielen Ärzten noch gar nicht angekommen, obwohl es dieses Mittel nun schon seit über zehn Jahren gibt. Erst neulich hatte ich wieder eine Diskussion mit einem Onkologen gehabt, der mir erklärte, er wüsste gar nicht, wofür er nun auch noch Dronabinol brauche – denn wenn ein Patient Schmerzen hätte, dann könne er ihm Morphine geben, einem Appetitlosen würde er Kortison verordnen, gegen Übelkeit gäbe es MCP und bei Unruhe oder Depressionen würden Neuroleptika helfen. Warum solle er seinen Patienten da ein Cannabis-Präparat zumuten – schließlich wolle man die Kranken nicht auch noch süchtig machen. Ich glaube, viele Kollegen haben einfach wenig Interesse, sich mit der Möglichkeit einer Rezepturverordnung zu beschäftigen – obwohl gerade Rezepturen für multimorbide und schwerst-therapierbare Patienten erst eine maßgeschneiderte Therapie ermöglichen. So komplex wie der Mensch ist, brauchen wir für ihn auch komplexe Rezepturen. Inzwischen gibt es – beispielsweise mit Dronabinol – ja auch schon sehr viele positive Erfahrungen, vor allem im Bereich Appetitanregung und in der Supportivtherapie bei Krebspatienten. Dronabinol kann aber auch bei Multipler Sklerose erfolgreich eingesetzt werden, und daher finde ich es sehr schade, dass immer noch viel zu wenige Ärzte davon wissen.

Woran liegt das? Gibt es nicht genug Studien zu den Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis in der Medizin?

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist die Datenlage zu Cannabis tatsächlich immer noch sehr begrenzt, da wissenschaftlich akzeptable Studien sehr strengen Kriterien unterliegen. Die meisten vorhandenen Studien zu Cannabis können dem leider nicht standhalten – in Deutschland werden auch nur sehr wenige Gelder für wissenschaftliche Studien über Cannabinoide zur Verfügung gestellt. Die meisten Studien werden bei uns ja von der Pharmaindustrie finanziert. Und da es auf pflanzliche Wirkstoffe kein Patent gibt, wird die Forschung auf derartigen Gebieten kaum vorangetrieben.

Liegt es an fehlenden Finanzmitteln oder an mangelndem Interesse, dass das medizinische Potenzial der Hanfpflanze nicht angemessen erforscht wird?

An beidem. Große Unternehmen haben wenig Interesse an Forschungen mit nicht patentierbaren Substanzen. Und den kleinen, innovativen Unternehmen fehlen einfach die nötigen Geldmittel für die zum Teil sehr aufwändige und teure Forschung. Dazu kommt, dass es in der Diskussion pro und kontra Cannabis in der Medizin immer noch an Trennschärfe fehlt und hier oft noch die medizinische Anwendung mit der Legalisierung der Freizeitdroge und dem Selbstanbau vermischt wird. Einmal erklärte mir die Chefin einer Cannabis-Selbsthilfegruppe: “Wissen Sie, wir haben unheimlich viele Ärzte, die ihren Patienten gerne eine Morphium-Pumpe legen, aber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie Cannabis hören.” Es scheint fast so, als wäre Cannabis das letzte große Tabu für einen Großteil der deutschen Ärzteschaft.

Was hielten Sie persönlich davon, wenn Cannabis als Medizin legalisiert werden würde?

Über den Sinn einer Legalisierung von Cannabis kann man mit mir als Privatperson durchaus diskutieren – aber als jemand, der kranke Menschen behandelt, ist es für mich überhaupt nicht hilfreich, eine Legalisierung zu fordern. Das Problem ist dann nämlich, dass zum einen gar nicht jeder in der Lage ist, Cannabis vernünftig anzubauen, und zum anderen ein Problem mit der richtigen Dosisfindung besteht – das heißt, ich würde den Patienten damit eine sinnvolle Therapie verweigern, bei der richtig dosiert wird. Das wäre letztendlich gar nicht in ihrem Sinne.

Martin Mücheberg

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