Personal Jesus

Wenn die Gebete der Drogenhändler erhört würden

Wenn man eine Gemeinsamkeit finden möchte zwischen den nordmexikanischen Besitzlosen und den Mitgliedern der Drogenkartelle, die zum Ausbruch aus der Armut den illegalen Handel gewählt haben, folgt man am besten den Spuren der Religionsforscher und schaut beispielsweise, zu wem diese Menschen beten. Denn katholisches Land hin oder her, sie erwarten von ihren Volksheiligen – die der Vatikan vehement ablehnt – dass sie ihnen Glück, Schutz und das tägliche Brot bringen.

 

Besucht man die Heimat einer der ältesten mexikanischen Drogenkartelle, Culiacán, die Hauptstadt des nördlichen Staates Sinaloa, kommt man nach einigem Suchen bald zum Gnadenort eines gewissen

Jesús Malverde

Es ist ratsam, dort nicht lange zu verweilen, wenn man nicht mit allzeit bereiten, Gebete murmelnden Drogendealern zusammentreffen will. Der Heilige Nummer Eins des Sinaloa-Kartells ist nämlich nicht Jesus von Nazareth, sondern Jesús Malverde, dessen Leben sich im Dunkel der Sagen verliert. Es gibt Studien, nach denen er nicht einmal existiert hat. Seinen Anhängern zufolge war er jedoch ein Bandit vom Kaliber eines Robin Hood. 1909 wurde er von der Obrigkeit hingerichtet. Ob mit Schüssen oder durch Erhängen ist umstritten, wie auch die Frage, ob er bei der Eisenbahn oder auf dem Bau gearbeitet hat, bevor er sein Leben daransetzte, die Reichen zu bestehlen, um die Armen zu beschenken. Der Legende zufolge verachtete der großherzige Bandit weder Alkohol noch Glücksspiel, weder Frauen noch gute Musik – damit weicht er stark vom Archetyp des enthaltsamen katholischen Heiligen ab. Seine Anhänger platzieren neben Kerzen oft auch alkoholische Getränke, brennende Zigaretten und ein paar Pesos auf dem Altar. Wegen der nahen US-Grenze ist Sinaloa einer jener Staaten Nordmexikos, in denen der “Eintritt ins Kartell” die populärste Methode ist, um der Armut zu entfliehen. Und wer diesen Weg beschreitet, tut gut daran, sich gegen die Obrigkeit abzusichern. Die Anhänger des “mexikanischen Robin Hood” glauben, dass das Tragen einer Statuette, einer Medaille oder die Einrichtung eines Hausaltars die Überlebenschancen deutlich erhöht, ja sogar die geschmuggelten Drogen unsichtbar machen kann. Während einige ihm für geglückte Drogendeals danken, erklären andere, dass sie sich – ausgerechnet mit Gebeten an Malverde – von der Drogenabhängigkeit befreien konnten. An Malverdes Altar in Sinaloa tauchen oft Kartellmitglieder auf, die in der Realität nichts mit Robin Hood zu tun haben: Vor heiklen Aktionen erflehen sie den Schutz des Heiligen, um dann mit gewaltigen Autos und dicken Geldbündeln zurückzukehren und ihm ihren Dank auszusprechen. Doch es pilgern auch Arme an den Gnadenort von Culiacán und sind empört, dass die Kartelle ihren seit Jahrzehnten verehrten Heiligen für sich einspannen. Sie schreiten gewöhnlich an den Altar, um Geld und Glück zu erflehen, unter anderem zum Überschreiten der amerikanischen Grenze. Dass dies schon vielen gelungen ist, beweist die Tatsache, dass es dank der mexikanischen Migration in die südlichen US-Staaten dort viele Geschäfte gibt, die auf Statuen, Amulette, T-Shirts, Kerzen und ähnlichen Banditenkrimskrams mit Abbildungen von Malverde spezialisiert sind. Da in der mexikanischen Folklore die Grenzen von Naturheilkunde und Glauben verschwimmen, findet man solche Statuetten auch in Heilpflanzengeschäften. Die Reliquien nützen aber nicht nur den BenutzerInnen, sondern auch der Polizei. Wenn sie an einem Tatfahrzeug Bilder von Malverde finden, folgen sie wahrscheinlich einer heißen Spur. Außer der Polizei ziehen auch andere ihren Nutzen aus der Heiligenverehrung der Stadt. Vor drei Jahren brachte eine westmexikanische Brauerei aus dem Staat Jalisco – nach gründlicher Analyse der Zielgruppe – die Biermarke “Malverde” auf den Markt, welche die in sie gesetzten Hoffnungen in höchstem Maße erfüllte. Nach den Worten des Besitzers trinken die Drogendealer den Gerstensaft, als sei er Weihwasser.

Der Heilige Tod

In den vergangenen Jahrzehnten bekam Malverde in der Person von Santa Muerte (Heiliger Tod) eine Thronfolgerin, die eine eigentümliche Verquickung der präkolumbianischen Glaubenswelt und des Katholizismus verkörpert. Durch die Analyse der Glaubensrituale wissen wir, dass die mittelamerikanischen Kulturen – allen voran die Azteken – engen Kontakt mit den Toten pflegten. Sie glaubten an ein Leben nach dem Tod. Diesen hielten sie, nach Geburt und Hochzeit, für den dritten und letzten Wendepunkt des Lebens. Die Azteken verehrten Mictlantecuhtli, den “Herrscher des Totenreiches”, als Gott und versuchten, mit Menschenopfern seine Gunst zu erringen und auf seine Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Nach der Bekehrung zum Christentum haben sich die Ureinwohner Mexikos scheinbar von den aztekischen Göttern entfernt, obwohl sich bei kulturanthropologischen Untersuchungen herausstellte, dass sich im mexikanischen Synkretismus hinter fast jedem christlichen Heiligen eine präkolumbianische, aztekische Gottheit verbirgt. Und obwohl sich drei Viertel der MexikanerInnen zum Katholizismus bekennen, steht nach Meinung der ForscherInnen außer Zweifel, dass sie in der Person von Santa Muerte den aztekischen Totengott verehren, dem man, wie seinem Ahnen, ein echtes oder symbolisches Opfer bringen muss, damit er die Bitten der Gläubigen erfülle. Die Gläubigen der bis in die 1990er Jahre nur in Untergrundriten verehrten Santa Muerte sind überwiegend Katholiken, die sie – wie auch die Namensgebung zeigt – mit den übrigen Heiligen auf eine Stufe stellen. Doch in den Augen vieler erheben ihre besonderen Fähigkeiten sie über die anderen Heiligen. Man glaubt, dass Santa Muerte außergewöhnliche Bitten erfüllen kann, beispielsweise durch Magie erreichen kann, dass die Erwählte sich in den Betenden verliebt. Aber sie kann auch die Bösen verfluchen und um ihren Besitz bringen, ja sogar den Tod des/der Betreffenden verursachen. Gleichzeitig bietet sie Schutz vor Unfällen, Angriffen und dem Eintritt eines gewaltsamen Todes. In den letzten zwanzig Jahren sind ihre AnhängerInnen aus dem Dunkel ans Tageslicht gekommen. Es gibt Schätzungen, nach denen die Heilige gegenwärtig etwa zwei Millionen AnhängerInnen hat – sie wird überwiegend von den untersten Volksklassen und den Gesetzlosen verehrt. Zu der letzten Kategorie gehören die Mitglieder der Drogenkartelle, welche man meist weder als Christen noch als Atheisten bezeichnen kann. Sie haben einen Glauben entwickelt, der ihre Umwelt reflektiert. In dieser Welt ist der gewaltsame Tod ein alltägliches Ereignis, daher ist es verständlich, dass sie bei der Heiligen des Todes Schutz bzw. den Sieg über den Feind erflehen.

In gewisser Weise personifizieren Malverde und Santa Muerte auch die Enthaltsamkeit. Sie lehnen Drogen zwar nicht ab, aber sie helfen – wenn man ihren AnhängerInnen glauben will – bei der Bekämpfung der Abhängigkeit. In dem Dokumentarfilm La Santa Muerte von Eva Aridijs aus dem Jahre 2007 sieht man beispielsweise, wie ein Gläubiger den Rauch seines Joints, an dem er ohne Unterlass gezogen hatte, auf die Statue der Santa Muerte bläst und, bevor er weggeht, den Stummel auf dem Altar zurücklässt, um so eine positive Wirkung auf die irdische Statthalterin des Todes auszuüben. In einer anderen Szene bittet eine große Gruppe von Menschen die Heilige, sie und ihre Angehörigen vor der Drogenabhängigkeit zu bewahren. Drogen tauchen zwar mit gegensätzlichen Konnotationen auf, trotzdem ist das gemeinsame Element die Suche nach Hilfe und Schutz. Obwohl viele AnhängerInnen glauben, dass sie durch ihre Gebete ihre Drogenprobleme abgeschüttelt haben, müssen wir uns trotzdem nicht wundern, dass die katholische Kirche weder Jesús Malverde noch Santa Muerte in die Reihe ihrer Heiligen aufgenommen hat.