Neuropsychiatrische Erkrankungen mit Cannabis behandeln

Im Gespräch mit einem Experten aus Israel über Anwendungsbereiche, Standardisierung und Komplikationen

Wir trafen Dr. Ilya Reznik vor Kurzem im Burgenland, bei den Hanffeldern von Medihemp. Er und einige andere Pioniere der Cannabinoid-Wissenschaften waren von der ARGE CANNA für ein Wochenende nach Österreich eingeladen worden. Während der letzten fünf Jahre koordinierte Dr. Reznik die Aktivitäten des Israel National Forum, der Gesellschaft für Medizinische Cannabisforschung und Therapie. Er ist assoziiertes Mitglied des Kanadischen Konsortiums zur Erforschung der Cannabinoide (CCIC) und wurde kürzlich in den Vorstand der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (IACM) gewählt.

Dr. Reznik im BurgenlandMedijuana: Wo sehen Sie die Vorteile von medizinischem Cannabis bei der Behandlung von neuropsychiatrischen Erkrankungen?

Dr. Reznik: Ich glaube, dass neuropsychiatrische Erkrankungen wie Parkinson, Tourette, Alzheimer, Post-Trauma und chronisches Schmerzsyndrom sehr erfolgreich mit medizinischem Cannabis behandelt werden können. Wir müssen nur in Erfahrung bringen, wie eine solche Behandlung für den jeweiligen Patienten anzupassen ist – angemessene Dosis, richtige Sorte. Wir müssen uns die vielfältigen Eigenschaften dieses wunderbaren Medikaments zunutze machen.

MED: Wer sollte die Möglichkeit haben, medizinisches Cannabis zu bekommen?

Dr. R.: Ich glaube, dass Cannabis nicht nur bei einer oder einigen wenigen Krankheiten helfen kann. Cannabis könnte wahrscheinlich für fast alle Patienten in Betracht gezogen werden, die bereit sind für diese Therapie. Dabei muss die Art und Weise der Verabreichung für den jeweiligen Patienten angemessen sein. Risiken und Nebenwirkungen müssen bedacht werden (z. B. orale Einnahme, verdampfen anstatt rauchen) – dann werden die Vorteile des medizinischen Cannabis überwiegen. In meiner Praxis verschreibe ich Cannabis vielen Patienten mit neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Parkinson und Tourette, Post-Trauma oder chronischen Schmerzen. Die Mehrheit dieser Patienten profitiert sehr von einer solchen Therapie. Dabei ist es wichtig, die Dosis richtig anzupassen und solche Patienten individuell zu versorgen. Wir müssen vorsichtig sein und das Follow-up dieser Patienten im medizinischen Setting beobachten.

MED: Wie stehen Ihre Kolleg/innen zum Thema medizinisches Cannabis?

Dr. Reznik wird interviewtDr. R.: Derzeit ist die Einstellung der Mehrheit meiner Kollegen leider sehr negativ. Ich gehöre zum Board of Directors der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (IACM), wir sind ein internationaler Verband, der aus Ärzten, Wissenschaftlern und Forschern besteht, welche Cannabis als Erstlinientherapie fordern. Und es ist unsere Pflicht, die Ausbildung aller medizinischen Fachkräfte – Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker – in der Art und Weise des medizinischen Gebrauchs von Cannabis voranzubringen, zum Beispiel wie Dosen einzustellen sind oder wie man die geeignetsten Sorten findet. Zunächst sollten wir uns selbst bilden und versuchen, die Haltung der meisten medizinischen Fachkräfte zu diesem Thema zu ändern. Denn im Moment ist die medizinische Gemeinschaft sehr negativ auf dieses Thema zu sprechen. Nur sehr wenige Ärzte unterstützen medizinisches Cannabis als Therapie für ihre Patienten.

MED: Wie kann Ihrer Meinung nach Cannabis in Krankenhäusern an Patient/innen verabreicht werden?

Dr. R.: In Krankenhäusern ist dies sehr kompliziert. Die Mehrheit der Patienten, die Cannabis zu medizinischen Zwecken einnehmen, kann ambulant behandelt werden. Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten, die verschiedenen Arten der Therapie und der Rehabilitation, zum Beispiel auch mithilfe von Physio- oder Hydrotherapie, anzuwenden. Im Krankenhaus wird Cannabis wahrscheinlich oft nicht mit den Hausregeln vereinbar sein. So könnte es sein, dass selbst das Verdampfen (Anm.: mit einem Vaporizer) nicht akzeptiert wird. Und ich spreche noch gar nicht davon, dass Patienten das Rauchen als Einnahmeform wählen. Rauchen ist in allen Krankenhäusern verboten, auf der ganzen Welt. Es wird schwierig sein, einen Arzt zu finden, der ein Medikament verschreibt, welches mit Rauchen in Verbindung steht. Also sollten wir andere Formen der Verabreichung von Cannabis finden, zum Beispiel in Form von Ölen, Zäpfchen oder Verdampfen, welche ohne das schädliche Rauchen auskommen. Sobald wir solche Methoden entwickelt haben, beispielsweise einen standardisierten Verdampfer, wie er bereits in Israel und in Holland in klinischen Studien getestet wird, können wir sie auch in Krankenhäusern einsetzen. Ich hoffe, dass dies in naher Zukunft passieren wird.