Natürliche Selbstmedikation

Ohne Symptome und Schmerzen: mit Cannabis

Ein im letzten Jahr eröffneter Wiener Growshop zog nicht nur unsere, sondern auch die Aufmerksamkeit vieler Züchter auf sich, da er von Anfang an Patienten, die therapeutisches Cannabis nutzen, in den Fokus stellte. Zunächst war das nur der theoretische Anspruch, dann aber nahmen die Dinge Form an. Wir konnten beobachten, wie der neue Laden für die Käufer gestaltet wurde, und stolperten unerwartet auf immer mehr Medizinalcannabispatienten. Einer von ihnen, Ferdinand, erzählte uns von seinem Leidensweg. Und warum wir unser Gespräch ausgerechnet im Future Grow führten, wird dann auch klar.

Wie sich herausstellte, reicht die Geschichte ein Jahrzehnt zurück. Damals war Hanf in Österreich noch vollkommen illegal. Ferdinand hatte damals auch andere Mittel ausprobiert, beispielsweise Heroin, aber seit 2005 ist er vollkommen clean. “Das war nur mit einer langen Methadonbehandlung gelungen, heute sage ich, zum Glück. Das ging nur unter ständiger ärztlicher Aufsicht, wobei sich ständig Probleme für mich ergaben. Meine Zähne waren sehr schlecht, wurden locker und fielen später aus. Schließlich hatten die Zahnärzte den Verdacht auf ein Geschwür und es stellte sich heraus, dass dies wirklich die Folge eines Tumors war. 2006 wurde ich dann operiert, ohne dass man eine andere Therapie versucht hätte. Sie entfernten den Tumor, aber zwei Monate später war er wieder da. Es folgte eine weitere Operation, doch der Tumor tauchte wieder auf.”

Die Ärzte empfahlen neben den Operationen eine Chemotherapie. “Cannabis wurde natürlich nicht erwähnt. Aber ich hatte damals schon persönliche Erfahrungen. Noch als Opiatabhängiger bemerkte ich, dass ich mit einem Cannabisextrakt viel weniger Morphium brauche. Später hatte ich außerdem kaum noch gegessen, weil dir vom Morphium vollkommen der Appetit vergeht. Der parallele Konsum von Cannabis hilft da auch.”

Heute werden Bulimiepatienten (chronische Magersucht) in vielen entwickelten Ländern mit Cannabis behandelt. In Kanada, Israel und Tschechien ist das ein absolut akzeptierter Bestandteil der Medizin. In Ferdinands Fall reduzierte das Cannabis die Menge des benutzten Morphiums und beseitigte seine Appetitlosigkeit. Damals wusste er noch nicht, dass er inzwischen Eigenbehandlung betrieb und Cannabis zur Schadensbegrenzung anwendete.

Klarheit konnte er sich erst viele Jahre später verschaffen, als er im Krankenhaus nach seiner zweiten Operation mit dem Oberarzt sprach. “Ich fragte, warum sie sofort operieren müssen. Der Krebs muss doch eine Ursache haben, die gefunden werden müsste. Den nächsten Operationen stimmte ich nicht zu und nahm die Risiken auf mich”, erzählt er. Der Oberarzt der Neurologie empfahl ihm unter der Hand, einen Wiener Arzt namens Dr. Kurt Blaas aufzusuchen. “2006 war Dr. Blaas der Einzige in Österreich, der Cannabis innerhalb der Therapie benutzte. Heute verschreiben es mindestens zehn Ärzte, aber damals war er der Einzige, und ich brauchte ihn. Wir kamen überein, dass ich Dronabinol probiere. Aber eine Schachtel, 20 Kapseln, kosteten 270 Euro. Das konnte ich nicht bezahlen. Also bat ich ihn um ein Rezept, für den Fall, dass man aus irgendeinem Grund eine Blutprobe bei mir macht, damit ich den hohen THC-Gehalt im Blut erklären kann. Und seitdem benutzte ich nur Cannabis.”

2006 begann er – zuerst “unter ärztlicher Aufsicht”, dann selbstständig – die Cannabistherapie, die er bis heute fortsetzt. Das Geschwür kam nicht wieder; nach ein paar Jahren war er symptomfrei. Nach seiner Ansicht aber ist viel mehr geschehen: “Damals studierte ich alle erhältliche Literatur und kalkulierte meine Möglichkeiten. Mein ganzes Leben und meine Ansichten veränderten sich. Vom Einkauf über die Ernährung bis zum Verkehr, alles. Heute kaufe ich nur noch hier in der Nähe gezüchtete Sachen. Ich komme aus der Stadt, aus der Welt der Autos, und begann nun, die Natur wahrzunehmen. Ich denke ganz anders, seitdem ich begonnen habe, einen Teil der Pflanzen, die ich konsumiere, selbst zu ziehen oder wenigstens diejenigen zu kennen, die sie anbauen – egal, ob das Cannabis ist oder Rüben.”

Bevor aber jemand anfängt, daran zu glauben, wie großartig das ist, und dass jeder sich selbst versorgen können sollte, stellt sich schon heraus, dass man nicht einmal zur Behandlung einer Krankheit legal anbauen darf. “Ich baue seit 2006 Hanf an. 2010 war zum ersten Mal die Polizei bei mir, weil jemand mich angezeigt hatte, statt bei mir anzuklopfen und mit mir zu sprechen. Natürlich fanden sie auf dem Balkon meine vier kleinen Pflanzen. Ich sprach mit ihnen, erzählte ihnen meine Geschichte und zeigte ihnen die Morphiumrezepte. Darauf sagte auch der Polizist, dass ich seiner Meinung nach lieber das Cannabis vom Balkon benutzen solle. Ich hatte schon früher den Eindruck gehabt, dass die Behörden das Hanf nicht als Medikament betrachten. Ich war mir bewusst, dass das so nicht legal ist. Aber ich hatte deswegen noch nie etwas mit der Polizei oder dem Gericht zu tun gehabt. Damals haben sie natürlich alles fotografiert und mitgenommen. Ich half ihnen bei allem, gab ihnen die Daten, die sie wollten: Telefonnummer, Internetzugang (erfahren sie sowieso, wenn sie das wollen). Aber ich wollte, dass sie sehen, dass ich mit offenen Karten spiele. Mit mir kann man über alles reden, nur nicht darüber, dass ich statt Cannabis eine Chemotherapie wähle oder mich immer wieder operieren lasse. Aus anderen Gründen nehme ich schon lange keine Drogen mehr.”

Natürlich kämpfen viele Menschen wie Ferdinand dafür, die Situation zu verändern. Patienten, die nicht alles vorbehaltlos akzeptieren, nur weil es in einem Krankenhaus gesagt wird, können viel tun. Wenn sie das Cannabis zur Behandlung ihrer Krankheit benutzen, dann schadet ihre Tat weder ihnen selbst noch ihrer Umgebung. Wenn niemandem ein Schaden zufügt wird, wofür sollte dann jemand zur Verantwortung gezogen werden?

Als wir anfingen, mit Ferdinand über die Sorten zu sprechen, die er bevorzugt, stellte sich heraus, dass wir einem erfahrenen Patienten gegenübersitzen – nicht nur, was die gezüchteten Sorten anbelangt, sondern auch hinsichtlich der Konsummethoden. “Über die Cannabissorten und die Zuchtverfahren könnte ich stundenlang erzählen. Je länger du züchtest, desto mehr erfährst du über sie und es ist umso interessanter, je mehr Details sich dir auftun. Aber das ist ja fast überall so”, sagt er. “Über die Jahre habe ich viele verschiedene Phänotypen und Sorten ausprobiert, gegenwärtig züchte ich MK-Ultra beziehungsweise G13, OG Kush, beide benutze ich zur Schmerzlinderung. Ich habe ein Zuchtzelt von einem Quadratmeter und vier bis sechs Pflanzen, die ich aus Samen gezogen habe. Ich habe zwei Ernten pro Jahr, etwa 80 bis 250 Gramm pro Pflanze, was meinen Bedarf abdeckt.”

Hinsichtlich der Konsummethode bevorzugen die meisten Therapiepatienten nicht das Rauchen, das ist eher das Gebiet der rekreativen Konsumenten. Bei einigen Krankheiten sind zur wirkungsvollen Behandlung solch hohe Tagesdosen nötig (bis zu 15 bis 20 Gramm), die man durch Rauchen gar nicht konsumieren kann. Die Mehrheit der Patienten nimmt den Wirkstoff in Lebensmitteln, mithilfe eines Inhalators oder in Form eines Extrakts zu sich. “Es gibt sehr verschiedene Arten, Cannabis einzunehmen. Für mich haben sich die Extrakte am besten bewährt, die ich selbst herstelle. Die Blütenstände lasse ich vier Wochen lang in 96%-igem Alkohol weichen und das Extrakt tropfe ich in alle möglichen Getränke zum Konsum. Der Vorteil der Tropfen ist beispielsweise, dass sie unauffällig sind und man sie überall einnehmen kann. Zu Hause benutze ich auch den Vaporisator, aber wenn ich unterwegs bin, kann ich nicht inhalieren. Die Benutzung von Verdunstern ist schwierig, aber die Tropfen sind bequem. Die zweite Frage ist die Dosierung. Die Extrakte kann ich mit gleichbleibender Stärke herstellen und mittels der Tropfen kann ich die Dosierung auch genau vornehmen. Zehn Tropfen am Tag, das ist überall machbar, man braucht nur ein Glas Wasser dazu.”

Ferdinand lebt in Wien, allein. Seine Familie hat sich an seine Lebensweise und seine Selbstmedikation gewöhnt und akzeptiert sie, wie er es ausdrückt. “Im Blut bleiben immer noch Krebszellen, auch nach der Operation. Es ist natürlich nicht egal, wo das Geschwür sitzt, aber das Cannabis bietet die Chance einer Hilfe. Zwischen 2006 und 2008 habe ich halbjährlich mein Blut untersuchen lassen, und es gab immer eine Entzündung, obwohl ich damals schon mit der Hanftherapie begonnen hatte. Zum ersten Mal frei von Entzündungen war ich 2009. Ich hatte zwei Chemotherapien, als ich operiert wurde, danach habe ich damit aufgehört. Mir blieb ein wenig Haar, aber am Ende war ich total fertig. Ich kann nicht behaupten, dass die Entzündungen hundertprozentig durch das Hanf zurückgegangen sind. Aber es ist sicher, dass er dabei eine Rolle gespielt hat.”

Für die Patienten ist nicht nur die Cannabinoidzusammensetzung der Sorten wichtig, sondern auch die konstante Qualität und – weil das Cannabis nicht geraucht wird, was die Bakterien vernichten würde, – auch die Reinheit. Diese könne man durch optimale Bedingungen bei der Zucht erreichen, erklärt Ferdinand. “Roman, den Geschäftsbesitzer, kenne ich schon lange. Ich wusste, dass er auch Cannabispatient ist und daher genau weiß, wie wichtig die konstante Qualität ist. Als er das Geschäft eröffnete, habe ich nicht einmal darüber nachgedacht – es schien selbstverständlich, dass ich hier einkaufe – Samen, Dünger und andere Utensilien. Als Patient bekomme ich 20% Rabatt. Hier gibt es alle Marken, es gibt keine Massenprodukte, aber vieles, was speziell ist und mit großer Aufmerksamkeit ausgewählt wurde. Die Sachkenntnis ist ein sehr bedeutender Aspekt. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich auch zum Arbeiten hierher kommen.”