Nachhaltiges Wirtschaften

„Der Freilandanbau muss das Ziel sein“

Solange der Anbau von Cannabis verboten ist, besteht die größte Herausforderung für einen umweltgerechten Anbau darin, ihn geheimzuhalten. Nach der Legalisierung aber sind es die Geldgier und die dominierenden Interessen der Großindustrie, die nachhaltiges Wirtschaften verhindern. Anthony Silvaggio vertritt die Meinung, dass es Aufgabe des Staats ist, die nachhaltige Produktion von Cannabis voranzutreiben.

 

Die International Cannabis Policy Conference beabsichtigt, die Cannabisregulierung mit den Zielen der nachhaltigen Entwicklung in Einklang zu bringen. Anthony Silvaggio erklärte in seinem Vortrag, welche Umweltschäden auf das Konto des Verbotssystems und ungeeigneter Regulierungsmaßnahmen gehen. Wir trafen uns mit ihm zum Interview und wollten dabei auch erfahren, worin die größten Schwierigkeiten eines nachhaltigen Cannabisanbaus in Zeiten der legalen medizinischen und rekreativen Nutzung bestehen.

Medijuana: Wie treffen in deiner Arbeit Cannabis und Nachhaltigkeit aufeinander?

Anthony Silvaggio: Seit ungefähr zehn Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Cannabis und Umweltschutz, in erster Linie mit den Umweltschädigungen durch den Krieg gegen die Drogen. Ich arbeite als Dozent an der Humboldt Universität in Kalifornien im Fachbereich Soziologie und als Koordinator in einem soziologischen Doktorandenprogramm. Ich bin Gründungsmitglied des Interdisciplinary Marijuana Research, des ersten Instituts für Cannabisforschung in Kalifornien. Außerdem bin ich als Forschungsleiter des staatlichen Center for the Study of Cannabis and Social Policy (CASP) in Washington beschäftigt.

MED: Welche Praktiken waren aus dem Blickwinkel des Umweltschutzes im kalifornischen Cannabisanbau in den vergangenen Jahrzehnten vorherrschend?

AS: Ich beschränke mich bei der Antwort auf mein Arbeitsgebiet. Wer sich ein bisschen im Humboldt County auskennt, weiß, dass es das Zentrum des Cannabisuniversums hinsichtlich Anbau und Kultur ist. Seit rund 50 Jahren bestimmt die Pflanze die Gemeinschaft im County. In den sechziger und siebziger Jahren wurde auf kleinen Farmen für den persönlichen Gebrauch angebaut, eine Aufzucht in Treibhäusern gab es kaum. Das lag größtenteils daran, dass man sich damals nicht besonders um die Gesetze scherte und seine Nase auch nicht in die Nachbargärten steckte. Den Anbau in jener Zeit kann man als ökologisch nachhaltig bezeichnen. In den achtziger Jahren brach der Krieg gegen die Drogen jedoch auch hier ein und führte zu neuen Formen des Anbaus. Wegen der Suchhubschrauber und großflächiger Vernichtung durch das Militär gingen die Leute zum Anbau in Treibhäusern über oder nutzten brachliegende Ackerflächen, um das persönliche Risiko zu verringern. Das Verbot brachte damals die ersten schädlichen Methoden mit sich.

MED: Wodurch ist umweltschädlicher Anbau charakterisiert?

AS: Durch den Drogenkrieg stiegen in den achtziger und neunziger Jahren die Preise für Cannabis außerordentlich, und damit steigerte sich auch die Risikobereitschaft. Man fing an, in abgelegenen Gebieten, zum Beispiel in Berghütten, wo es nicht einmal Strom gab, zu produzieren. Man benutzte Dieselgeneratoren, aus denen Treibstoff ins Grundwasser gelangte. Auf diesen Territorien wurden die Bäume gefällt und die komplette Vegetation vernichtet. Das beobachteten wir schon vor der Legalisierung des medizinischen Cannabis im Jahre 1996, aber die wahre Explosion kam danach.

MED: Inwiefern beeinflusste die Legalisierung den Anbau?

AS: Das Gesetz stellt diejenigen unter Schutz, die aus medizinischen Gründen anbauen. Früher riskierten die Dealer, dass man sie schnappt, ins Gefängnis sperrt und ihren Stoff beschlagnahmt. Nach dem Erlass des Gesetzes versuchten sich auch Leute an der Zucht, denen es irgendwie gelungen war, eine medizinische Lizenz zu ergattern und mit Cannabisanbau einfach nur Geld zu machen. Daher stieg nach 1996 die Zahl der Züchter deutlich an. Das Gesetz regulierte den Anbau nicht und die Menschen sahen, dass die Polizei nichts tun kann, also bauten sie auf immer größeren Gebieten an und errichteten riesige Glashäuser, die fast die ganze Landschaft einnehmen. Dies führte zu ernsthaften Umweltschäden, weil sie eine gewaltige Menge Wasser verbrauchten und befestigte Straßen zu den Flüssen bauten, um dort ihre Abfälle zu entsorgen. In den Treibhäusern wurden Unmengen von Pflanzenschutzmitteln eingesetzt, chemische Hydrotechnik und alle möglichen schädlichen Chemikalien. Auch in den Growshops wurden unter dem Ladentisch genehmigungspflichtige Pflanzenschutzmittel verkauft. Es gab nur wenige Züchter, die für den Schwarzmarkt organisch produzierten.

MED: Schritten die lokalen Behörden und die Justiz nicht ein?

AS: Rund um die Universität stehen inzwischen Treibhäuser, worauf die kommunale Verwaltung mit vielen Jahren Verspätung mit einer drastischen Extrasteuer auf den Stromverbrauch reagierte. Anfang der 2000er Jahre berichtete ich dem Landwirtschaftskomitee mehrmals über das Problem der Pflanzenschutzmittel, erhielt aber immer die Antwort, es fehlten die Kapazitäten, um Ermittlungen anzustellen. Schließlich gelang es 2014, Richtlinien zum Umweltschutz festzulegen. Es verging viel Zeit, bis man einsah, dass etwas, das einerseits Wohlbefinden bringt, auf der anderen Seite mit gewaltigen Umweltschäden einhergehen kann.

MED: Kalifornien war für die gesamten Vereinigten Staaten Pionier für die legale Cannabisregulierung. Kennst du aus anderen Staaten Beispiele für Gesetze und Praktiken, die die Nachhaltigkeit im Blick haben?

AS: Nein, eigentlich nicht. Die Industrie drängt auf immer größere Freiräume im Rahmen der Gesetze. In 33 Bundesstaaten ist der medizinische Gebrauch erlaubt, in zehn Staaten der Freizeitgebrauch. In einigen Staaten, beispielsweise in Colorado, gibt es eine Regelung für den Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln, dort wurde aber den Bedürfnissen der Industriegiganten Rechnung getragen, und nicht medizinischen Grenzwerten. Bei uns in Kalifornien trat eine strikte Richtlinie hinsichtlich des Wasserverbrauchs in Kraft und auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird kontrolliert, aber man findet immer wieder Testlabors, die die gewünschten Ergebnisse vorlegen. Es ist auch ein Problem, dass Cannabis in riesigen Hallen angebaut wird, obwohl es ausreichen würde, die Kräfte der Natur auszunutzen und im Freiland anzubauen. Für eine sterile, standardisierte, medizinische, konstante Qualität kann der Anbau in Treibhäusern notwendig sein, für den Freizeitkonsum aber auf keinen Fall, besonders dann nicht, wenn ein Extrakt hergestellt werden soll. Der Anbau im Freiland muss unser Ziel sein.

MED: Das klingt logisch. Treibhäuser bauen wir in Alaska; in Kalifornien nutzen wir die Gegebenheiten der Natur.

AS: Das Wetter-Argument lasse ich nicht gelten. Cannabis wächst überall, man muss nur die entsprechenden Sorten auswählen. Für kalte, feuchte Orte eher Indica und für warme, trockene Gebiete eher Sativa. Es wäre am besten, eine variable Technologie einzusetzen und in den Treibhäusern erneuerbare Energiequellen zu benutzen.

MED: Welche Regelungen und Praktiken wären nötig, um den Cannabisanbau umweltbewusst zu gestalten?

AS: Bei der Festlegung der Regeln müssen Zivilgesellschaft und Anbauer beteiligt werden. Ich spreche von einem wirklichen Einbeziehen, nicht darüber, dass Politiker sich zu einer Konferenz treffen und dann damit alles getan ist. Man müsste eine solche Regel ausarbeiten, die es auch Kleinanbauern ermöglicht, wettbewerbsfähig zu sein. Ihre Steuerlast müsste verringert werden, weil sie sonst mit den Großen nicht Schritt halten können. Alle Anbauer sollten eine Umweltschutzschulung erhalten und Steuervergünstigungen sollten Anreize schaffen, nachhaltig anzubauen. Momentan werden Strafen verhängt, statt positiv zu bestärken. Strafen von 10.000 US-Dollar für einen überdimensionierten Wasserverbrauch gehen nicht in die richtige Richtung. Die Zahl der Anbaulizenzen pro Firma müsste beschränkt werden, ebenso die Grundfläche, die sie für die Zucht in Anspruch nehmen kann, weil momentan einzelne Großunternehmen ganze Counties beherrschen. Früher war ein Hektar das Limit, und alle hatten mehr als genug Platz. Nun gibt es kein Limit, obwohl es nötig wäre, um eine nachhaltige Bewirtschaftung zu verwirklichen. Schließlich müssten wir ein starkes Meldesystem aufbauen, denn es genügt nicht, anzugeben, wo das Produkt hergestellt wurde. Der Konsument muss auch erkennen können, unter welchen Bedingungen der Anbau erfolgt ist. In diesem System müssten die Methoden einer ökologischen, nachhaltigen Produktion nachvollziehbar sein.

MED: Und wie sieht es mit den Abfällen aus, die bei der Produktion anfallen?

AS: Das fängt schon bei den Vape Pens (Verdunster in Form von Füllfederhaltern zum Wegwerfen – d. Hrsg.) an, die jeder gut findet. Es werden Millionen davon hergestellt. Die meisten bestehen aus Plastik und man möchte, dass wir uns daran gewöhnen, sie zu benutzen. Meist können sie nicht wiederbefüllt werden, und wenn doch, bekommen sie nach kurzer Zeit ein Leck und man muss sie wegwerfen. Es ist empörend, dass eine ganze Produktfamilie kreiert wird ohne Rücksicht auf die Umweltauswirkungen. Man müsste schon wesentlich weiter sein, beispielsweise könnte man Hanf selbst als Grundstoff für solche Gerätschaften für den Freizeitkonsum einsetzen. Da es auf staatlicher Ebene keine entsprechende Vorschrift gibt, wird hier niemand von sich aus die Initiative ergreifen. Der Staat schenkt diesem Thema momentan keine große Beachtung, was sich ja bei solchen Fragen zeigt. Da etwas zu bewegen, ist am schwierigsten.

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