Mexikanisches Echo

Die möglichen Auswirkungen der Legalisierung in Amerika

Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, dass Mexiko beim Cannabisanbau weltweit an erster Stelle steht. Seit Jahren steht es mit jährlich 7.500 Tonnen an der Spitze und lässt die Vereinigten Staaten mit etwa 4.500 Tonnen hinter sich, Kana-da liegt mit 3.500 Tonnen auf dem dritten Platz. Dieses Kräfteverhältnis hat sich in den vergangenen Jahren nicht verschoben. Ein Großteil der mexikanischen Ernte strömt nach Amerika, wo – wie man sagt – an jeder Unze Gras mexikanisches Blut klebt.

60 % des Stoffs, den die Kartelle Zeta und Sinaloa in die USA exportieren, ist Marihuana – für das die amerikanischen Kiffer natürlich zwanzigmal mehr bezahlen als die mexikanischen Anbauer dafür bekommen. Auf den gewaltigen Gewinn sind mehrere Gruppen von Kriminellen scharf. Im nördlichen Grenzgebiet wird der Kampf der Kartelle in erster Linie um die Kontrolle der Transportwege geführt. Polizei und Armee haben sich unter der Regierung des ehemaligen Präsidenten Felipe Calderón im Jahre 2006 in diesen Kampf eingeschaltet, mit einem frappierenden Ergebnis: 500.000 Tote und den vollkommenen Verlust der öffentlichen Sicherheit in den Städten des Nordens kann die Regierung vorweisen, ohne dass die Kartelle nur ein wenig von ihrer Macht eingebüßt hätten. Das weiß in Mexiko jedes Kind, denn die Nachrichten berichten über nichts anderes.

An einem gewöhnlichen Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, kann jeder Einwohner von Mexiko City auf den Titelseiten von zwei bis drei Tageszeitungen die verstümmelten, zerstückelten Opfer der Drogenkartelle sehen, auf Fotos, die in Europa Minderjährigen nicht gezeigt werden dürften. Reporter, die sich mit Nachrichten über die Kartelle beschäftigen, sind eine bedrohte Spezies, aber vorläufig gibt es keinen Mangel an Nachrichten über den Drogenkrieg. Jede beliebige Nachrichtensendung, ob morgens oder abends, widmet die Hälfte ihrer Sendezeit den Drogenkartellen. In den Sendungen bemüht man sich, über erfolgreiche Polizeiaktionen zu berichten, aber wegen der Fakten und zur Aufrechterhaltung des Feindbildes muss auch über die brutalen Taten der Verbrecherorganisationen gesprochen werden. Demnach ist es kein Wunder, dass die besonnenere Hälfte Mexikos ernsthafte Hoffnungen in die amerikanischen Volksabstimmungen über die Legalisierung setzt, denn es ist einsichtig, dass die Legalisierung beim Nachbarn einen ungleich größeren Schlag für die Kartelle bedeutet als die Larifari-Aktionen der Polizei.

 

Dann soll die ganze Welt legalisieren!

Mehrere der Sachverständigen, die der Regierung nahestehen und das Verbot befürworten, sind der Meinung, dass nach einer weitgehenden Legalisierung in Amerika die Kartelle, die sich momentan auf die nördliche Grenze und den amerikanischen Markt konzentrieren, ins Landesinnere gehen könnten, um dort das geerntete Marihuana loszuschlagen. Es steht also zu befürchten, dass der Konsum in Mexiko steigen wird. Eine andere Frage ist, ob die Nachfrage das Angebot bestimmt oder umgekehrt. Dennoch ist dies immer noch das einzige akzeptable Argument gegen die einseitige Legalisierung in den USA. Es steht außer Zweifel, dass die Vertreter des obigen Mottos nur deshalb so selbstsicher sein können, weil eine globale Legalisierung ausgeschlossen ist (man denke nur an die Drogenpolitik Russlands oder einiger asiatischer Länder). Ein weniger verstecktes, dafür aber lächerliches Argument geht auf das Konto der mexikanischen Staatssicherheit. Nach der Beweisführung ihres Sprechers öffneten sich mit der Legalisierung die Pforten der USA, was die Kartelle zu weiterem Export ermuntern würde. Die Situation ist jedoch die – das wissen wir seit der Chicagoer Alkoholmafia –, dass die Illegalität die Verbrecherorganisationen anreizt, mit überteuerter Sativa die Nachfrage zu befriedigen. Die Legalisierung wird voraussichtlich nur den Preis des Grases senken, und kurzfristig wird das gezüchtete amerikanische Qualitätsgras eine anziehende Alternative zu dem “blutigen mexikanischen” Gras sein. In Verbindung damit ist entscheidend, was die Kartelle nach der Legalisierung in Colorado und Washington, und – noch wichtiger – nach einer möglichen in Kalifornien, anfangen werden.

 

Wenn und falls …

Die in Mexiko kursierenden Mutmaßungen stellen gar nicht mehr die Frage, ob ein geregelter Markt für Gras entstehen wird, sondern bis wann er ganz ausgebaut sein wird und ob er auch auf der mexikanischen Seite verwirklicht wird. Das Ergebnis des Referendums wurde – nach Amerika – hier mit Sicherheit am meisten erwartet und die Köpfe der Drogenabteilung dachten schon damals darüber nach, was die Kartelle anfangen werden, wenn der amerikanische Staat ihrem erstklassigen Produkt wirklich das Wasser abgräbt. Dieses Dilemma entstünde auch dann, wenn die ganze Welt mit einem Schlag für die Legalisierung stimmen würde. Im Großen und Ganzen ist sicher, dass ein auf Konkurrenz basierender, geregelter Markt die Macht der Verbrecherorganisationen erschüttern und ihre Präsenz in den staatlichen mexikanischen Institutionen zurückdrängen würde. Die mexikanische Demokratie, die noch nie existiert hat, könnte einen Schritt näher rücken.

Jorge Hernández Tinajero, der Präsident der Organisation Kollektiv für eine integrale Drogenpolitik (CUPIHD) ist der Meinung, dass die Legalisierung in den USA der öffentlichen Meinung hilft, die bisherige Drogenpolitik einem kritischeren Blick zu unterziehen, und anstelle der bisherigen moralischen, dogmatischen Meinungsbildung aufgrund pragmatischer Gesichtspunkte die Frage zu prüfen. Der Leiter von Mexikos wichtigster drogenpolitischer Organisation wies auch darauf hin, dass der Markt, den die Prohibition hat entstehen lassen, für die Ärmsten der Armen, also die wehrloseste Gesellschaftsschicht, das Überleben sichert, was eine Zerschlagung dieses Marktes fast undenkbar macht. Viele sehen den Marihuana-Anbau als die größte Chance, ihr persönliches Glück zu machen, und so erhält das System, das auf dem momentanen Verbot basiert – während es versucht, die Kartelle zu liquidieren – praktisch selbst den Kreislauf der organisierten Kriminalität am Leben. Auch aus diesem Grunde meint der Präsident der CUPIHD, dass – in einen echten gesellschaftlichen Kontext versetzt – die amerikanische und die eventuelle mexikanische Legalisierung eine Menge neuer Fragen aufwerfen würden, auf die man möglichst bald Antworten finden müsse.