„Mein Urlaub von der Krankheit“

Cannabis und Morbus Bechterew

Matthias (53) lebt in Krefeld und leidet unter Morbus Bechterew, einer rheumatischen Erkrankung der Wirbelsäule und der peripheren Gelenke. Diese Krankheit lässt die Wirbelsäule ganz versteifen und verknöchern – ähnlich einem Bambusstock. Wegen seiner Erkrankung bezieht Matthias eine Erwerbsunfähigkeitsrente – und Cannabis aus der Apotheke.

Medizin: Cannabis oder Tabletten?

Medijuana: Bitte erzähle uns zunächst von deinen gesundheitlichen Problemen durch Morbus Bechterew und wie du zu dieser seltenen Erkrankung gekommen bist.

Matthias: Alles fing Ende 1987 mit einem Hexenschuss an, dann kam der nächste und der übernächste. Mit der Zeit wurden dann auch die Rückenschmerzen immer schlimmer. Ich bin dann auch ein paar Mal geröntgt worden, doch man konnte auf den Aufnahmen nichts erkennen. So ging meine Odyssee dann immer weiter – ich lief von Arzt zu Arzt, zu Orthopäden und Rückenspezialisten, doch niemand konnte sich anfangs einen Reim darauf machen. Morbus Bechterew wurde bei mir – einem gerade erst 30-jährigen Mann – damals ausgeschlossen. Zu meinen immer chronischeren Rückenschmerzen kamen dann auch noch Magenbeschwerden – offensichtlich vertrug ich die vielen antirheumatischen Medikamente nicht gut, die meinen Magen mittlerweile schon etwas ruiniert hatten. Ich wurde dann von einem Spezialisten zum nächsten geschickt, erhielt verschiedenste Medikamente bis hin zu Tilidin oder Novosulfamin und galt schließlich bei manchen Ärzten sogar schon als Simulant, weil man sich einfach nicht erklären konnte, an welcher Krankheit ich leide. Irgendwann wurde dann auch mal über familiäre Vorerkrankungen gesprochen und ich erwähnte, dass mein Großvater Morbus Bechterew hatte – so begann man ab 1996 dann auch in dieser Richtung nachzuforschen und mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass es das war. Bis heute gibt es in der medizinischen Fachwelt noch keine klare Diagnose, wie oder wodurch genau man Morbus Bechterew kriegt.

Matthias - Morbus BechterewMED: Wie bist du dann auf Cannabis als Medizin gestoßen?

M: Durch eine Patientin, die ich kennenlernte, als ich – vom Arzt verordnet – um die zehn mit Kodein versetzte Paracetamol pro Tag einnahm. Ich wusste, das geht stark auf die Leber, und als mir dann besagte Patientin erklärte, dass sie mit ihrer Oma ab und zu mal nach Holland fahre, da gegen das Rheuma ihrer Oma Cannabis hilft, erinnerte ich mich an meine Zeit als 20-Jähriger, in der ich auch gerne mal etwas Haschisch geraucht habe und zum Zwecke der Beschaffung über die holländische Grenze kam. Nun – über 20 Jahre später – fuhr ich wieder nach Holland und probierte Cannabis erstmals als Medizin. Ich kaufte fünf Gramm von einer starken Indica-Sorte, rollte einen Joint, rauchte ihn und dachte: „Moment mal, du bist ja total entspannt!“ Ich spürte nun ganz deutlich die befreiende Linderung, die mir dieser erste Joint nach so langer Zeit verschafft hatte. Nach einigen Tagen hatte ich die fünf Gramm dann weggeraucht und meine Frau sagte mir, dass ich viel entspannter wirke und auch wieder deutlich besser aussehe.

MED: War dir zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass man mit der „richtigen“ Krankheit Cannabis auch in Deutschland aus der Apotheke beziehen kann?

M: Nein, aber ich habe mich dann ziemlich schnell schlau gemacht und wollte die Medizin meiner Wahl auch ganz legal konsumieren dürfen. Ich bin dann ganz viel hin und her gelaufen, bis ich irgendwann Dr. Hanf kennengelernt habe, der mir empfahl, es einmal mit Dronabinol zu versuchen. Nun begann meine lange Suche nach einem Arzt, der meinen Fall unterstützen und begleiten würde – manch einer wusste gar nichts mit dem Thema anzufangen, andere lehnten es sogar strikt ab. Dronabinol sei viel zu teuer – so etwas könne er mir gar nicht verschreiben. Schließlich wären wir hier nicht in Frankfurt am Main und ich wäre kein reicher Mann. Als Alternative wurde mir dann u. a. auch Morphium gegen meine chronischen Schmerzen angeboten – doch das wollte ich nicht, da ich kein Risiko eingehen wollte, morphiumsüchtig zu werden. Also habe ich dann die THC-Farm angerufen und gefragt, ob in Krefeld eine Apotheke existiert, die THC-haltige Medikamente anbietet. So erfuhr ich, dass es zumindest eine solche Apotheke hier gibt. Einen in der Nähe praktizierenden Arzt, der auch Hanfpatienten begleitet, konnte man mir zwar nicht nennen, aber nach einigem Drängen nannte mir der Apotheker den Namen des Arztes, der ihm die Patienten mit den Dronabinol-Rezepten schickt.

MED: Da wirst du dir sicher ganz schnell einen Termin geholt haben …

Morbus Bechterew und medizinisches Marihuana

M: Korrekt, und ich habe alle meine Unterlagen mitgenommen und dem Arzt meinen Fall ausführlich geschildert. Er verschrieb mir dann tatsächlich Dronabinol und schickte mich mit dem Rezept in die mir schon bekannte Apotheke. Anfänglich bekam ich drei mal zwei Tropfen am Tag und merkte auch eine gewisse Linderung – allerdings nicht in dem Maße, wie ich es vom Rauchen kannte. Also habe ich die Dosis langsam auf drei mal fünf Tropfen am Tag gesteigert, womit es mir dann schon deutlich besser ging. Allerdings hatte ich damit nun ein Geldproblem – denn wie sollte ich mir diese teure Medizin auf Dauer leisten können? Das waren ja immerhin um die 300 Euro für so ein kleines Fläschchen und ich hätte zweieinhalb Fläschchen pro Monat gebraucht. Ich schrieb meiner Krankenkasse und fragte, ob sie mir das Medikament finanzieren – doch wie schon befürchtet, erhielt ich nur eine knappe Absage. Als ich dann mitkriegte, dass man sich inzwischen auch natürliche Blüten aus der Apotheke holen kann, sprach ich nochmals mit meinem Arzt, der sich damit aber noch gar nicht auskannte. Also machte ich mich schlau und teilte dann mein Wissen mit ihm, woraufhin er sich ein eigenes Bild machte und mir schließlich fünf Gramm pro Tag verschrieb. Wir waren dann beide etwas überrascht, als die Genehmigung kam – nun hatte ich, ähnlich wie bei Dronabinol, nur wieder das Finanzierungsproblem, denn natürlich übernahm meine Krankenkasse auch nicht die Kosten für die Blüten aus der Apotheke. Also muss ich die von meiner kleinen Erwerbsminderungsrente auch weiterhin selbst bezahlen – aber was bleibt mir anderes übrig? Nur so komme ich zu meinem Urlaub von der Krankheit.