Medizinisches Cannabis in Spanien

Die wichtigsten Vorträge der World Cannabis Conferences 2018

Die Spannabis hat schon immer besonderen Wert auf ihre Konferenzen gelegt, und das war in diesem Jahr nicht anders. Auf den zweitägigen World Cannabis Conferences 2018 gab es von mittags bis acht Uhr abends Vorträge zu verschiedenen Themen.

Den Anfang machten Vertreterinnen der Cannabisszene, die zum großen Teil der Asociación REMA – Red Estatal de Mujeres Anti-prohibicionistas – angehören, einer Organisation von Frauen, die sich mit Drogenpolitik und Feminismus beschäftigen. Anschließend stellte sich das Hash Marijuana & Hemp Museum vor – falls jemand das Institut in Barcelona, das über 12.000 Ausstellungsstücke zum Thema Hanf verfügt, noch nicht kennen sollte. Bei den Gesprächen am Runden Tisch wurde untersucht, welche innovativen Produkte von der Hanfindustrie zu erwarten sind.

Cannabusiness und Aktivismus

Thema des Nachmittags war die Entwicklung der schnell wachsenden Cannabisindustrie. Die medizinische Legalisierung und die weichere Gesetzgebung schaffen gewaltige Geschäftsmöglichkeiten für Unternehmer; die schon bestehenden Marihuanafirmen können mit dem internationalen Vertrieb beginnen. Der Vortrag gab eine allgemeine Beschreibung der weltweiten Marihuanaindustrie und einen Überblick über die Länder, die vor Kurzem legalisiert haben. Dort lockt der Markt mit den besten Geschäftsbedingungen. Der letzte Block blieb bei der Cannabisindustrie vorbehalten und läutete die International Cannabis Business Conference (ICBC) ein, die führende Konferenz des B2B-Sektors. Die inhaltliche Qualität sowie der lokale und globale Kontext begünstigen hier den Aufbau von Geschäftsnetzen. Am ersten Tag gab es zahlreiche Gespräche mit berühmten AktivistInnen aus der Bewegung und den Cannabis Clubs. In den Fokus geriet der Club Pannagh, der aus der Perspektive der Grundrechte die Möglichkeiten einer künftigen Regulierung untersuchte.

 

Chronisch Kranke, traditionelle Therapie

Das übergreifende Thema des Samstags waren medizinische Anwendungen und die neuesten Erkenntnisse in diesem Zusammenhang. Unter anderem beleuchteten Vorträge die neuroprotektive Wirkung von Cannabis. Der Runde Tisch des International Center for Ethnobotanical Education, Research & Service (ICEERS) präsentierte die Ergebnisse einer Studie zur Lebensqualität eines chronisch Kranken, dessen Symptome mit Cannabis behandelt werden. Zu hören waren beispielsweise Erfolgsgeschichten von mit CBD behandelten epileptischen Kindern und über die Verbesserung der Lebensqualität bei einzelnen chronischen Krankheiten. Ein besonderer Block beschäftigte sich mit der Bedeutung der Cannabisanalyse, die einen bedeutenden Fortschritt auf dem Gebiet der therapeutischen Anwendungen brachte. Den Untersuchungen ist zu verdanken, dass Zucht und Anbau heute unter Einbeziehung vieler Kriterien vonstattengehen und so Verunreinigungen ausgeschlossen werden können. Die Feststellung eines hohen THC-Gehalts gemahnt den Patienten zur Vorsicht und kann eine strengere Regulierung nach sich ziehen. Zuletzt gab es Vorträge über traditionelle und alternative Cannabistherapie und die Praxis von Schamanen aus verschiedenen Teilen der Welt.

Die Herausforderungen des spanischen System

Unter den Vorträgen wollen wir die Präsentation der Observatorio Español de Cannabis Medicinal (OECM) hervorheben, die eine gründliche Einführung in das spanische Medical-Programm, seine Arbeitsweise und die Herausforderungen bot. OECM wurde im Oktober 2005 mit dem Ziel gegründet, die Initiativen zur Wissensverbreitung über die positiven Eigenschaften des Cannabis und seiner medizinischen Anwendungen voranzutreiben und zu koordinieren. Die Organisation bietet auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien und klinischer Untersuchungen privaten und staatlichen Organisationen Informationen. Sie unterrichtet Institutionen, Medien und Zivilgesellschaft über die heilenden Wirkungen von Cannabis und seiner Derivate. OECM ist also kein Sammelbecken von AktivistInnen, sondern hat bekannte WissenschaftlerInnen wie Franjo Grotenhermen, Ethan Russo, Manuel Guzmán und Cristina Sánchez in seinen Reihen. Einen Vortrag hielt die Vorsitzende Carola Pérez, welche die Philosophie der Organisation kurz zusammenfasste:

– Jeder Arzt hat das Recht, mit Cannabinoiden unter Einhaltung der ärztlichen Vorschriften zu heilen.

– Jeder Patient hat, unabhängig vom gesellschaftlichen Status und seiner finanziellen Situation, das Recht, an einer Cannabinoidtherapie unter ärztlicher Aufsicht teilzunehmen.

Dies ist in Spanien nur zum Teil verwirklicht, weil viele ÄrztInnen die Cannabistherapie nicht kennen oder sie aufgrund von Vorurteilen ablehnen, sodass viele PatientInnen nicht in den Genuss der lebensrettenden Behandlung kommen. Im Interesse einer Veränderung verbreitet die Organisation die wichtigsten Untersuchungsergebnisse und gibt den Beschäftigten im medizinischen Bereich Fortbildungen zur Cannabistherapie. Pérez hob ein großes Problem des spanischen Systems hervor: Infolge fehlender Regulierung könnten Kranke keine standardisierten Extrakte erhalten. Die Lage sei paradox, da PatientInnen die für sie besten Präparate erhalten sollten, es aber keinen Qualitätsstandard für die Produkte – ähnlich wie bei Medikamenten – gebe. Daher unterstützt man Forschungen, die zu einer Standardisierung der Cannabinoide für die therapeutische Anwendung führen sollen. OECM hält es für ihre wichtigste Aufgabe, die in der Therapie benutzten Cannabispräparate zu analysieren und die Cannabinoidkonzentration festzustellen und auf Verunreinigungen – Schwermetalle, Infektionen, Schimmel und Lösungsmittel – zu prüfen.

Bedeutsame Schritte und inspirierende Ergebnisse

Obwohl die Organisation noch nicht lange existiert, kann sie auf wichtige Ereignisse zurückblicken. Bei der Konferenz, mit der sie sich 2016 vorstellte, nahmen rund 300 Personen teil – unter ihnen 80 PatientInnen und 150 ÄrztInnen. Einer der Vortragenden war Raphael Mechoulam, der Entdecker von THC und CBD. Auf ihrer Konferenz im September letzten Jahres brachten sie PolitikerInnen der vier großen spanischen Parteien und wichtige MedienvertreterInnen an einen Tisch, um über die Art und Weise der Kommunikation und die Regulierung von medizinischem Cannabis eine Einigung herbeizuführen. Präsentiert wurde ein Manifest der PatientInnen, das die Politik auffordert, den Zugriff auf Cannabismedikamente zu erleichtern und den gemeinsamen Anbau für medizinische Zwecke zu erlauben. Genaue Regulierungsvorstellungen wurden 2017 in einer Gesetzesvorlage zusammengefasst, die dem Parlament vorgelegt werden soll. Zukunftspläne sind die Analyse von 15 CBD-Ölproben bei der Fundación Canna und im Laboratorium Salud in Madrid. Die Fortbildung der Beschäftigten im medizinischen Bereich wird fortgesetzt; weitere Absprachen mit PolitikerInnen sind geplant. Die Verbindungen zu den Medien werden ausgebaut und ein spezielles Programm zur Gründung von Cannabis Clubs entwickelt. Das Programm wirkt inspirierend auf Länder, in denen die ärztliche Fortbildung und der Aktivismus für die Patientenrechte noch in den Kinderschuhen stecken.

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