Medizinisches Cannabis in Kinderschuhen

 „Wir versuchen den Leuten zu helfen, so gut es geht“

MediCann ist eine NGO, die sich für die Legalisierung von medizinischem Cannabis in der Slowakei einsetzt. Die Slowakei, ein Mitgliedsstaat der EU, verhängt drakonische Strafen für den Besitz von Cannabis. Wir haben mit Richard Prokop über die Situation für PatientInnen in der Slowakei gesprochen und darüber, wie die derzeitige Lage verändert werden kann.

Medijuana: Vielleicht kennen einige unserer LeserInnen euren Verein in der Slowakei. Für alle anderen: Kannst du den Verein und dich bitte vorstellen?

Richard Prokop: Hallo, mein Name ist Richard und ich bin der Gründer vom Verein MediCann in der Slowakei. Wir sind die erste NGO für medizinisches Cannabis und Cannabispatienten. Wir sind ein eingetragener, legaler Verein, jedoch ist medizinisches Cannabis noch immer illegal. Wir bieten Informationen und Bildung und beraten PatientInnen, um Lösungen zu finden.

MED: Welche Intention treibt dich an? Was ist deine Motivation? Bist du auch Patient?

RP: Am Beginn war es meine persönliche Erfahrung mit Cannabis als Medizin, als ich einen Hüftbruch erlitten hatte. Im Laufe der Zeit haben sich mein Cousin und ich ziemlich geärgert über die rechtliche Situation bei uns in der Slowakei. Deshalb haben wir uns dann entschlossen, etwas zu ändern. Unser Verein hat jetzt schon über 2.000 Mitglieder.

MED: Gibt es in der Öffentlichkeit Stimmen für medizinisches Cannabis? Fordern PatientInnen ihre Rechte ein?

RP: Die Möglichkeiten sind doch sehr begrenzt aufgrund der sehr harschen Gesetze. Üblicherweise geht man hier in den Knast, wenn man über 10 Gramm Cannabis besitzt – eine Menge, die für die meisten Patienten maximal für ein paar Tage ausreicht. Cannabis ist rechtlich auf derselben Stufe wie Heroin – dementsprechend fällt uns auch die Aufklärung schwer. Nichtsdestotrotz ist, auch aufgrund unserer Aktivitäten, ein gewisser Meinungswandel in der Gesellschaft erkennbar. Viele Zeitungen, auch die größeren, schreiben jetzt über Cannabis als Medizin.

MED: Wie ist der legale Status von Cannabis – als Medizin, aber auch zum Freizeitkonsum?

RP: Der Anbau von Nutzhanf ist zwar legal, aber auch nur für die Herstellung von Lebensmitteln wie Samen oder Hanfsamenöl oder für die Produktion von Fasern. Extraktionen sind nicht erlaubt. Beim Besitz und Konsum von Cannabis, sei es zum Freizeitkonsum oder zu medizinischen Zwecken, gibt es keine Eigenbedarfsmengen oder Ähnliches. Im Regelfall kommt man beim ersten Vergehen bzw. bei geringeren Mengen nicht gleich ins Gefängnis. Wir kennen aber auch Fälle von PatientInnen, die Cannabis angebaut haben, die jetzt fünf bis sechs Jahre im Gefängnis sitzen. Wir versuchen, diese Fälle vermehrt in die Medien zu bringen.

MED: Gibt es legale cannabisbasierte Medikamente wie Dronabinol oder Sativex?

RP: Ja, offiziell ist Sativex verschreibungsfähig in der Slowakei. Aber unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass es beinahe unmöglich ist, dieses auch verschrieben zu bekommen. Kein Doktor will über diese seltsame „Marihuana-Medizin“ sprechen, geschweige denn ein Rezept dafür ausstellen. Es gebe genügend andere Therapieoptionen, ist oft zu hören. Wenn dann die Verschreibung doch geklappt hat, wird es schwierig, eine Apotheke zu finden, die Sativex kennt und dieses auch bestellen kann. Bis das Medikament beim Patienten angekommen ist, vergehen bis zu sechs Wochen. Die nächste Hürde ist dann noch der Preis, der mit 700 Euro für ein bis drei Monate (abhängig von der Indikation) für slowakische Verhältnisse sehr hoch angesetzt ist – der Durchschnittslohn hier liegt bei ungefähr 600 Euro und die Pensionen bei 400 Euro pro Monat. Zu guter Letzt weigern sich jegliche Versicherungen, für Sativex aufzukommen.

MED: Wie ist die Qualität des durchschnittlichen Cannabis in der Slowakei? Wie weit ist Homegrowing verbreitet?

RP: Die Verfügbarkeit von Cannabis wird nicht durch Verbote beeinflusst, auch nicht durch solch strenge Verbote wie bei uns. Das ist nur ein Zeichen dafür, dass der „War on Drugs“ kläglich gescheitert ist. Viele Leute bauen hier in den Bergen an geheimen Orten Cannabis an, einige auch zu Hause mittels Growboxen. Die durchschnittliche Qualität ist ganz gut, auch für den medizinischen Gebrauch.

MED: Gibt es seitens der Politik Anzeichen dafür, dass eine Änderung möglich ist?

RP: Einige Parteien haben in der Vergangenheit über eine mögliche Entkriminalisierung diskutiert, diese kam aber aufgrund der Gegenstimmen der Konservativen nicht zustande. Womöglich wird der Konsum von Cannabis in der Öffentlichkeit von einer Straftat zu einem Verwaltungsakt degradiert, aber auch das ist noch nicht sicher. Wir halten Kontakt mit verschiedenen Behörden und Ministerien.

MED: Wie ist es, in der Slowakei Aktivist zu sein? Stehst du irgendwie unter Beobachtung, gibt es bei dir öfter Polizeikontrollen oder Ähnliches?

RP: Es ist immer etwas riskant, sich gegen das System aufzulehnen. Wir versuchen das Ganze smart und clever anzugehen. Wir helfen übrigens mit unseren Aktivitäten auch Personen, die wichtige Positionen bei der Polizei bekleiden – von daher sind uns einige auch wohlgesonnen.

MED: Wie stehst du zu den Errungenschaften der letzten Jahre in der Europäischen Union allgemein? Viele Länder lassen Cannabis als Medizin zu, andere schaffen zumindest die diesbezüglichen Strafen ab.

RP: Was wir im Moment sehen, ist die Cannabisrevolution. Cannabis war in seiner gesamten Geschichte nur wenige Jahrzehnte lang verboten, und jetzt kommt es wieder retour. Ich denke, dass Cannabis spätestens in zehn bis 20 Jahren weltweit wieder legal sein wird – da dies der einzig richtige Weg ist.

MED: Da die Gesetze bei euch ja sehr streng sind, nehme ich an, dass die Polizei auch dementsprechend agiert. Kannst du uns Beispiele aus der Praxis nennen, wie Repression in der Slowakei aussieht?

RP: Wie ich vorhin schon erwähnt habe, ist die Repression sehr stark. Alle Cannabisnutzer, auch Patienten, sind grundsätzlich mal Kriminelle. Die Polizei hat weitreichende Befugnisse, kontrolliert ohne Verdacht die Leute auf der Straße und in Parks. Auch rufen manche die Polizei, wenn sie jemanden beim Kiffen sehen.

MED: Warst du persönlich auch schon von der Repression betroffen?

RP: Leider schon zweimal. Beim ersten Mal fand die Polizei bei mir 0,65 Gramm Cannabisblüten und ich wurde zu einer Geldstrafe von 300 Euro verdonnert. Beim zweiten Mal fanden sie nicht wirklich mehr bei mir, 0,85 Gramm. Da bekam ich eine Strafe auf Bewährung, das bedeutet für mich, bei irgendeinem weiteren Verstoß gegen das Gesetz muss ich ins Gefängnis.

MED: Was sind eure Pläne für die Zukunft?

RP: Da die Situation sehr schwierig ist und es auch in den nächsten Jahren keine großen Veränderungen geben wird, fokussieren wir auf unsere Aktivitäten und versuchen, den Leuten zu helfen, so gut es geht. Wir machen nicht, was die Regierung will, wir machen das, was die Patienten brauchen. Wir sind auch in internationalen Verbänden organisiert und werden auch weiterhin versuchen, Druck auf unsere Regierung auszuüben, die Gesellschaft aufzuklären und die Medien auf unsere Seite zu bringen.