Märchenhaftes Material

Trotzdem sind die Trickfilme gut, verstehste?!

„Die Computerspiele haben keine Wirkung auf die Jungs. Wenn in unserer Kindheit PacMan auf uns gewirkt hätte, dann würden wir heute Tabletten kauend in dunklen Räumen herumrennen, während elektronische Musik dröhnt” – pflegen die Goas geistreich über die Harmlosigkeit der Computerspiele zu sinnieren. Nach meiner Erfahrungen sind die Trickfilme mindestens genauso harmlos.

 

In meiner  Kindheit hatte ich mir in den Kopf gesetzt, dass Spinat Popeye irgendwie besonders stark gemacht haben musste. Aber ich konnte noch soviel davon essen, ich wurde nicht erfolgreicher bei Raufereien mit den Jungs aus höheren Klassen. OK, die Superhelden sind eben Superhelden. Superman fliegt auch ohne besondere Ausrüstung, um die Menschheit zu retten. Auf die Klamotten von Captain Caveman wäre ich allerdings ziemlich neugierig gewesen. Von einem höhlenbewohnenden Urmenschen kann ich mir schwer vorstellen, dass er fliegen kann, sobald er seinen Namen ausruft, auch wenn diese Flüge immer nur kurze Zeit dauerten. Im Nachhinein betrachtet, ist diese Geschichte sehr kokainverdächtig, vielleicht hat er seine geheime Dosis in seiner überüppigen Haartracht versteckt.

Obwohl ich im Gegensatz zu Eric Cartmann  keine besondere Probleme mit den Blumenkindern habe, konnte ich nie die bluterstarrend bestimmten Abenteuer von Scooby Doo mit der Mannschaft des Hippi-Busses zu Ende anschauen. Wenn ich jetzt nachträglich darüber nachdenke, war meine Entscheidung sehr gut: der Herr von Scooby und seine Kumpel sind offensichtlich Opfer eines hässlichen LSD-Badtrips , woraus sie nie endgültig entkommen konnten. Und denkt man  an den unstillbaren Hunger von Scooby, so wirkt es durchaus glaubhaft, dass der treue Kläffer in dieser neurotischer Gesellschaft die Selbstheilung mit Space Cakes versucht hat. Das Ergebnis: der verkorkste, nerven-wrackige, in die Arme seines Herr-chens springende Hund, der mit sich selber spricht.

Wenn schon Halluzinogene, dann stimme ich lieber für Jamie und die Wunderlampe, wo der junge Bursche als Hauptheld allabendlich mit dem Lichtstrahl seiner Taschenlampe in den Zimmerboden ein Dimensions-tor zaubert und mit seinem Hund auf einer bunten, schraubenförmigen Rutsche in eine besondere Welt heruntergerutscht ist. Na, das war mal psychodelisch! Aladar Mezga aus einer ungarischen Serie machte ähnliche abendliche Abstecher mit seinem Blöki (Hund-d.Red.), aber hier blinzelten die Autoren bereits Richtung Sci-Fi, flog man doch nachts mit einem Raumschiff über den Kamin davon, forschend nach neuen, immer vergrämteren Zivilisationen.

Also bei den oben Genannten hege ich nur den begründeten Verdacht des Drogenkonsums – die heiteren pilzhausbewohnenden Knallblauen sind nur ein weiterer Grenzfall – jedoch zahlreiche Trickfilmstars rummeln nicht nur höchstwahrscheinlich, sondern tatsächlich. Ich habe folgende Theorie: Trickfilme halten eine Art schiefen Spiegel vor die Gesellschaft und das Zeitalter, in dem sie „geboren“ sind (ich weiss, es ist nicht allzu originell), und dadurch wird das Verhältnis der Gesellschaft zu einigen Fragen sichtbar, zum Beispiel zu Drogen. Wenn man diese Theorie zugrunde legt, und die Tatsache ergänzt, dass sich frühe Trickfilme grundsätzlich nicht mit der Drogenfrage auseinandergesetzt haben – ist es nicht überraschend, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allemal noch ein-zwei saufende „schlimme Jungs“ aus den Händen der Zeichner entstanden sind. Jedoch Ausnahmen gibt es auch hier, was die Regel überhaupt nicht stärkt. Betty Boop, die langbeinige, schwarz-weiße Weiblichkeit tat ein solches in einer Episode im Jahr 1934, was nicht einmal die damalige Medienbehörde erlaubte. In ihrer letzten Verbissenheit half sie ihrem von Zahnschmerzen geplagten Kumpel derart, dass sie die Maske am Schlauch des Lachga-ses auf sein Gesicht drückte und den Inhalt der Flasche mit maximaler Geschwindigkeit in die Kehle ihres in Not geratenen Partners laufen ließ. Dieser brach daraufhin natürlich in hysterisches Gelächter aus. Die Maske fiel dann auf den Boden, und langsam begann die ganze Umgebung zu lachen, sogar die Wanduhr, der Postkasten, und auch die Obelisken des Friedhofs brachen in selbstvergessenes Gelächter aus. Die Zensoren haben allerdings die Programmveröffentlichung der ominösen Episode mit düsterem Gesicht abgelehnt. Auf der populären Video-Verteil-Webseite kann man die verbotene Episode allerdings anschauen, man muss nur eingeben: Betty Boop Ha! Ha! Ha!

 

Schnabelhiebe von Krähen

Gerne würde ich jenes beschämende Zeitin-tervall überspringen, in dem die Trickfilmfiguren im Krieg gegen die Drogen benutzt wurden und Ninja Schildkröten mit den Kids Unterklasse einübten, wie man mit einem gezielten Eingriff den Dealer entwaffnet. Man möge mich nicht falsch verstehen, ich unterstütze in keiner Weise den Drogenkonsum von Minderjährigen, doch von so direkten Botschaften und vom Gebrauch der Trickfilme für politische Zwecke kriege ich Gänsehaut. Wertvorstellungen predigen, und in den Werbefilmen zwischen den Trickfilmen auf die Besitzgier und die Überhäufung der Kinder mit Konsumgütern abzielen und die Fundamente für Abhängigkeit schaffen. Naja, ich habe etwas abgeschweift, ich wollte eigentlich auf das Zeitintervall ansprechen, als die liberale und realistische Darstellungs-art auch in den Trickfilmen Raum gewonnen hat.

Ich würde nicht unbedingt Gift darauf nehmen, dass wir vor den 90er Jahren einen Trickfilm finden, der für die ganze Familie ansprechende Unterhaltung bietet. Der 20 jährige Erfolg der Simpson-Familie ist da ein wahrer Meilenstein. Natürlich brauchte das Publikum einige Zeit, bis die amerikanischen Eltern sich damit anfreundeten, dass Bart nie für seine Streiche die entsprechende Strafe bekommt, beziehungsweise dass wegen Homer`s tagtäglichen Kneipenbesuchen und seiner Unfähigkeit zur Erziehung  der ganze Haushalt an Marge hängen bleibt. Um zu meiner recht tiefsinnigen Schiefspiegeltheorie zurückzukehren, gibt es kaum Besseres, um die Gesellschaftskritik in der Serie „die Simpsons“ zu beweisen, als die Tatsache, dass der Film neben zahlreichen Emmy- und Anniepreisen auch den Preis der am längsten ausgestrahlten Animationsreihe gewann.  Und mit ziemlicher Sicherheit, falls einmal der Preis für „Meister Drogenkonsum in einer Trickfilmreihe” geschaffen wird, dann werden die Hauptfavoriten des Wettbewerbs auch die Simpsons sein. 12-er Ring hin und her, die Genialität des Erfinders Matt Groening besteht darin, den Zuschauern den Drogenkonsum in gesellschaftsfähiger Form und Dosis aufzutischen. Da Homer bei der Sache nicht gerade kleinlich ist: Er stellt aus Rüben und Peyote Kakteen ein Erfrischungs-getränk her, von dem die ganze Stadt einstürzt, er gewöhnt sich an Medikamente mit abgelaufener Haltbarkeit, er halluziniert von den Reinigungsmitteln und von dem Chili aus Guetemala, und somit lässt er den Zu-schauer einen an spirituellen Wiederholungen überreichen Trip erleben. Aber vielleicht ist die denkwürdigste Episode die Folge, in welcher der Doktor von Springfield für Homer Marihuana aufschreibt, damit seine Augenschmerzen gelindert werden, die er von den Schnabelhieben der Krähen erlitten hat. Das Leben von Homer wird von diesem Moment an grundlegend verändert. Nach der „Gutenmorgenzigarette” kommt er auf Regenbogenflügeln an seinem Arbeitsplatz an, und er findet alles witzig, auch den unqualifizierbaren Humor seines Chefs Mr. Burns. Folglich ernennt er ihn zum Vizepräsident der Firma. Unser Hauptheld, so scheint es, fängt an, gegen den Abstieg aufwärts anzulaufen . Homer bespöttelt unnachahmlich die „Sage nein zu Drogen” Annäherung, als er Bart folgendermaßen belehrt: Es ist „das besondere Medikament deines Vaters – was du nie ausprobieren darfst, weil es dein Le-ben zerstört! – es bietet zauberhafte Bilder und Töne … aber du kannst es nie erleben, nie!”

 

Eintritt – Austritt – Handtuch werfen

Die Serie Family Guy baute ab der Jahrtausendwende auf das bereits gut angelaufene Format der Simpsons auf, aller-dings spielten die Charaktere noch sarkastischere Rollen. Einen so versoffenen und ungehorsamen, sprechenden Hund konnten nicht einmal die Simpsons verantworten. Das Familienoberhaupt Griffin ist auch sein Geld wert, erinnern wir uns nur, wie Peter in der ersten Episode debütiert hat: er hat seiner Frau versprochen, dass er nicht mehr trinkt, dann betrank er sich so maßlos, dass er in verkatertem Zustand an seinem Arbeitsplatz einschlief, weswegen dort die Hölle los war, und er wurde am selben Tag noch herausgeschmissen. So hat es angefangen. Und in einem anderen Teil, ebenfalls besoffen, fuhr er als Geburtstagsbelustigung seiner Tochter mit dem Einrad und fiel auf seinen Vater, der in der nächsten Folge mausetot umfiel. Hinterher schwor er, dass er nicht mehr trinkt, jedoch tauschte er den Alkohol bald gegen Crack. Nachdem es sich jedoch herausgestellt hatte, dass sein wirklicher Vater ein irischer Säufer ist, fühlte er sich berechtigt, zu seiner früheren Lebensweise zurückzukehren. Bevor irgendjemand jetzt denkt, diese Darstellung sei ein wenig übertrieben, möchte ich dezent darauf hinweisen, dass dieser Teil für einen Emmy-Preis nominiert wurde, welcher dann allerdings doch nicht erteilt wurde. Auch folgende Episode ist nicht viel besser: der Familienhund namens Brian macht sich als erfolgreicher Drogenspürhund an Kokain heran und landet deshalb in der Entzugsklinik.

 

Das Frottiertuch ist gut, verstehste?!

Und am Ende haben wir noch das Dorf der Alkoholikereltern, den ständig schneebedeckten South Park und darin Mr. Mackey, den Geburtsvater der Lehre „Drogen sind schlecht, verstehste?!”. Diese Worte sind bereits geflügelte Worte geworden. Der verständnislose Schulpsychologe händigt seinen Schülern Gras aus, damit sie einmal mit dem „Bösen“ konfrontiert werden. Allerdings verschwindet das kreative Lehrhilfsmittel spurlos während der Vorstellung. Die Direktorin preist diese Demonstration mit dem Rauswurf. Der hoffnungslose Mackey freundet sich in seinem Kummer mit den Blumenkindern an und schüttet die bewusstseinserweiternden Substanzen in sich hinein, und infolgedessen setzt er seinen früheren Standpunkt auf den Prüfstand. Nur nach einer ausgiebigen Entziehungskur kehrt er in das alte Fahrwasser zurück. Seinen Charakter kann nur der rauchende Wischi überbieten. Dieses intelligente Badezimmerrequisit wurde ursprünglich darauf programmiert, dass es den Mensch automatisch sauberwischt. Irgendwie ist bei der Programmierung aber etwas falsch gelaufen, denn Wischi rutschte auf ernsthaftem Niveau auf die Spanglerei. Er denkt, dass ein rechtzeitig gerauchter Joint seine Erinnerungsfähigkeit verbessert. Also raucht er sich in den unerwartetesten Momenten  zu Schutt, bis er keine Ahnung mehr hat, wer und wo er ist. Zudem spornt er die Jungs an, es ihm gleich zu tun. Diese lehnen es jedoch konsequent ab. Schlechter geht es nicht. Dennoch ist Wischi ein liebenswerter Charakter, und ich hege gelinde Zweifel daran, dass der Charakter Wischi ernsthaft zur Verbreitung des Drogenkonsums unter Jugendlichen beitragen würde. Wer möchte schon einem süchtigen, fehlerbehafteten, hellblauen Frottiertuch ähneln?!

 

Bob Arctor