Leukämie und Cannabisöl

„Ich ertrug das Ganze seelisch und körperlich viel leichter“

 

Manche PatientInnen sind gezwungen, sich selbst zu behandeln, wenn der Gebrauch von Cannabis – egal, in welcher Form – auch dann von der Staatsgewalt bestraft wird, wenn er nachweisbar und ausschließlich der Selbsttherapie dient. Zum Beispiel in Ungarn. Wir sprachen mit einem Cannabispatienten, dem seine Leukämie-Erkrankung nicht viele Wahlmöglichkeiten ließ. Wie die meisten seiner AltersgenossInnen nahm er an, dass Cannabis eine leichte Droge ist. Dann erfuhr er im Alter von 22 Jahren, dass er Leukämie hat. Damit hat sich vieles verändert.

Medijuana: Wie hast du von deiner Krankheit erfahren? Wie wurde sie behandelt? Wie hat sich dein Leben verändert?

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, ein paar Tage vor Weihnachten, wurde sie diagnostiziert. (Das Interview entstand kurz vor Weihnachten. – Anm. d. Red.) Zuerst bemerkte ich, dass meine Nase sehr oft blutete und sich überall auf meinem Körper beim kleinsten Druck oder Schlag blaue Flecke bildeten. Heute weiß ich, dass ich sehr wenig Thrombozyten hatte. Ich wurde zur Untersuchung ins Bezirkskrankenhaus geschickt, wo gerade ein Professor Dienst hatte und mir nicht viel Gutes sagen konnte. Er sagte, dass ich wahrscheinlich Leukämie habe. Das war ein Schock für mich. Am nächsten Tag hatten sie die Ergebnisse und man begann sofort mit der Chemotherapie. Ich wurde praktisch innerhalb einer Woche von einem Durchschnittsjugendlichen zu einem Leukämiekranken, der zur Chemotherapie geht.

MED: Du hattest keine Zeit zum Nachdenken. Oder gab es nichts nachzudenken?

Ich wusste nichts über Leukämie, woher auch? Eine Woche später wusste ich leider mehr. Bei mir wurde ALL (Akute lymphatische Leukämie) diagnostiziert. Das ist eine schnell verlaufende Art, nicht wie chronische myeloische Leukämie (CML), und sie kann sich ohne Vorzeichen heranbilden. Mit Chemotherapie und Medikamenten kann man sie nicht heilen, in jedem Fall ist eine Knochenmarktransplantation nötig. Das wurde mir auch sofort mitgeteilt.

MED: Wie viel Zeit verging zwischen der Diagnose und der Knochenmarktransplantation und wie vertrug dein Körper die Chemotherapie?

Ein paar Monate insgesamt. Leider hat aber mein Organismus die Chemotherapie nicht gut vertragen, die zur Vorbereitung auf die Transplantation gehörte. Neben der Chemo bekam ich auch Medikamente, die mich auch sehr mitgenommen haben. Dann kam noch eine weitere Chemotherapie, die mich so fertigmachte, dass ich glaubte, ich käme danach nie wieder auf die Beine. Bei der letzten Chemo war ich einen Monat im Krankenhaus, mein Organismus war so erschöpft, dass ich gar nicht in der Lage gewesen wäre aufzustehen und nach Hause zu gehen. Ständiger Brechreiz, Übelkeit, Schwindelgefühl und Unwohlsein. In der Lunge hatte ich Wasser. Ich fühlte mich wirklich, als würde ich bei der Behandlung draufgehen. Die ein, zwei Wochen nach der letzten Chemo waren am schlimmsten. Diese Chemotherapie bombardierte wirklich meinen Organismus, das Immunsystem, alles. Klar habe ich mich auch ein wenig gehen lassen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sich das alles in drei Monaten, von Dezember bis Ende März, abgespielt hat.

MED: Und was geschah dann? Hat sich dein Zustand verbessert? Wie lange dauerte es bis zur Transplantation? Und wie verging die Zeit?

Man entließ mich aus dem Krankenhaus, später bekam ich noch die restliche Chemotherapie, aber eine weniger starke. Und ich schluckte weiterhin die Medikamente. Am Anfang konnte ich das Medikament nicht bei mir behalten. Kaum hatte ich es eingenommen, erbrach ich es wieder. Wir warteten auf die Transplantation und wussten, wenn es nicht innerhalb von ein paar Monaten geschieht, werde ich das nächste Weihnachtsfest nicht erleben. Wegen der Nebenwirkungen war ich kaum in der Lage, etwas zu tun, konnte nicht lernen, nicht arbeiten, alles war zum Stillstand gekommen. Zum Glück hielt meine Familie zu mir. Ich begann, mich nach anderen Therapien umzuschauen, weil ich vom Arzt erfahren hatte, dass meine Krankheit trotz der Chemo wieder ausgebrochen war, und dass mir jetzt auch die Transplantation nicht mehr helfen würde. Denn dazu müsse man zuerst den Organismus von Krebszellen reinigen. Wenn das nicht gelinge, dann hätte das alles nicht viel Sinn. Wir warteten auf den Spender und in der Zwischenzeit suchte ich Möglichkeiten und Alternativen. Da entdeckte ich das Cannabisöl von Rick Simpson.

MED: Wusstest du vorher, dass man Cannabis auch zu Therapiezwecken einsetzen kann und es parallel zur Chemotherapie sehr empfohlen wird?

Früher kannte ich es nur als Freizeit-droge, wie die anderen Jugendlichen auch. Dann fand ich aber eine Facebook-Gruppe für medizinisches Cannabis. Ich verfolgte ihre Aktivitäten, ihre Posts und beschloss dann, Phoenix Tears (das Cannabisöl von Rick Simpson – Anm. d. Red.) zu versuchen.  Ich erkundigte mich überall, wie das funktioniert. Inzwischen hatte ich erfahren, dass es die Verbreitung der Krebszellen verlangsamt, und so hatte ich genau das gefunden, was ich benötigte, damit meine Krankheit nicht wieder ausbricht, bis sich ein Spender gefunden hat und ich neues Knochenmark bekomme. Ich nahm auch Kontakt mit ihnen auf und es stellte sich heraus, dass man es nicht im Laden bekommt, sondern nur illegal beschaffen kann. Aber nach allem, was ich erfahren hatte, beschloss ich, es auszuprobieren.

MED: Hat deine Familie das unterstützt? Und was hat der behandelnde Arzt, mit dem du dich sicher abgestimmt hast, dazu gesagt?

Die Familie war sehr dafür. Sie haben sich auch darüber informiert. Meiner Meinung nach reichte meiner Mutter die letzte Chemotherapie und der Zustand, in den sie mich versetzt hat. Sie hatten zwar Vorurteile, aber es gelang, sie zu überwinden. Sehr viel schwieriger war es dann, das Öl zu beschaffen. Besonders als sich herausstellte, wie viel es kostet, denn es war nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Das wollten sie nicht und wir hätten es auch nicht bezahlen können, daher beschlossen wir, es selbst herzustellen. Das war nicht einfach, auch wenn man mal die juristischen Risiken außer Acht lässt. (Es ist auch nicht sehr wahrscheinlich, dass jemand Anklage erhebt.) Mit mehreren Ärzten habe ich gesprochen. Der Professor war nicht dafür, denn er meinte, es würde nicht funktionieren. Aber ein jüngerer Arzt beruhigte mich, er kannte Cannabisöl und wusste, dass es sicher nicht schaden würde. Das gab mir Auftrieb, und das war für meine Mutter sehr wichtig. Schließlich hatten wir das Öl hergestellt, und ich begann es anzuwenden.

MED: In welcher Form hast du es benutzt und wie lange?

Nur in der Zeit zwischen der Chemotherapie und der Transplantation bzw. während der Rehabilitation habe ich es benutzt. Mit Ausnahme der Zeit, als ich direkt nach der Transplantation in einem sterilen Zimmer lag. Jeden Tag, ein bis drei Mal als Tropfen im Tee. Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Nur, die richtige Dosierung zu finden, bereitete etwas Schwierigkeiten. Es ist sehr dickflüssig und man muss mit wirklich kleinen Dosierungen beginnen, denn es kann einen wirklich umhauen. Dabei konnte ich mich nur auf mich selbst und die Reaktionen meines Körpers verlassen. Ich begann mit Tropfen von der Größe eines halben Reiskorns, vorher hatte ich Berichte gelesen, dass man den Körper langsam daran gewöhnen muss. Dann nahm ich sie etwa fünf Monate lang, regelmäßig täglich ein bis drei Mal, je nachdem, wie mein Zustand war. Der war manchmal nur schlecht, manchmal aber sehr schlecht.

MED: Welche Erfahrungen hast du an dir selbst dabei gemacht?

Ich spürte, dass mein körperlicher und seelischer Allgemeinzustand durch den Gebrauch des Öls viel besser wurde. Den Brechreiz konnte ich sehr gut unterdrücken, langsam kehrte mein Appetit zurück, aber am wichtigsten war doch das Gefühl, dass ich so die ganze Tortur leichter überstehen könnte – die Chemotherapie, die Behandlung mit den Medikamenten und die Transplantation selbst. Das Öl beruhigte mich, am Anfang sedierte es mich auch ein wenig. Das Wichtigste aber ist, dass man sich nicht so viel Stress macht, weil man sich weniger Sorgen macht: um die Sache, um das Morgen, um sich selbst. Man ist sehr viel ruhiger, offener. Psychisch ist es also auf jeden Fall einfacher. Da ich nicht mit den Ärzten zusammenarbeiten konnte, weiß ich nicht, welche Rolle das Öl dabei gespielt hat, dass sich die Zahl der Krebszellen nicht wieder erhöhte, während ich auf die Operation wartete. Das sah ich aber auch später, wenn ich mich mit anderen verglich, die eine Transplantation bekommen hatten. Die ungefähr zur gleichen Zeit operiert worden waren und mit denen ich dann später Ball spielte. Mein Organismus regenerierte sich deutlich schneller und effektiver. Ich kam nach der Operation schneller zu Kräften und ertrug das Ganze physisch und mental besser. Direkt nach der Operation beginnt im Allgemeinen die Nachbehandlung, die fünf bis sechs Wochen dauert, in einem sogenannten sterilen Raum. Bei mir dauerte sie nur drei Wochen und verlief ohne die erwarteten Nebenwirkungen (Fieber, Durchfall usw.), auf die man vorbereitet wird. Bis heute sind meine Resultate sehr gut, aber es gab leider Mitpatienten, die nach der Transplantation einen Rückfall hatten.

 

MED: Hast du die Behandlung mit Medikamenten schon abgebrochen oder benutzt du das Cannabisöl zusätzlich?

Ich werde nicht abbrechen, denn ich weiß nicht genug darüber, um das eigenständig zu entscheiden. Vor und nach der Operation musste ich so viele verschiedene Medikamente einnehmen, und bis heute bekomme ich Präparate, die das Immunsystem stärken, also die Behandlung mit Medikamenten geht weiter. Ich bin aber überzeugt, dass das Cannabisöl eine sehr große Hilfe war. Nach der Chemotherapie und in der Rehabilitation war ich sehr geschwächt. In meiner Freude habe ich einer Ärztin von dem Öl erzählt und ihr Bilder und Videos gezeigt. Erzählt, wofür das Cannabis, das CBD und die Cannabinoide gut sind. Es hat mich sehr geärgert, dass sie mich auslachte und sagte, das Ganze sei ein großer Unsinn und ich solle das sein lassen. Schade, dass auch andere das sagen werden, obwohl meine persönlichen Erfahrungen das Gegenteil beweisen.

MED: Was zeigen deine Erfahrungen und wie fühlst du dich jetzt?

Im Moment ist mein Zustand sehr gut, natürlich nur im Vergleich dazu, wie es mir vorher ging. Ich würde sagen, dass ich während der Chemotherapie ungefähr 20 Prozent von meinem ursprünglichen Selbst hatte, jetzt aber wieder 60 Prozent, wobei das Öl eine große Rolle spielte, und auch, dass ich daran glaubte. Meiner Meinung nach könnte es auch meinen Mitpatienten helfen. Leider gibt es auch welche, denen es nicht mehr helfen kann.