Keine Gnade vom Staat?

In einer früheren Ausgabe der Medijuana hatten wir bereits Cannabispatient Alex Jähn aus Baden-Württemberg vorgestellt – jetzt geht seine Geschichte weiter. Im Augenblick sieht es so aus, als müsste der werdende Vater für zweieinhalb Jahre in den Strafvollzug, da 2012 in seinem Auto zwölf Kilo Cannabis gefunden wurden.

Medijuana: Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, erfuhren wir von deinem Verkehrsunfall, den folgenden chronischen Schmerzen und deinem beschwerlichen Weg zu legalem Cannabis – und jetzt sollst du in Haft gehen. Wie kam es dazu?

Alex Jähn: Ich habe ja erst seit etwa einem Jahr die Möglichkeit, medizinisches Cannabis legal in der Apotheke zu kaufen – das heißt, die ganzen Jahre davor musste ich meine Schmerzen durch illegal erworbenes Cannabis lindern. Damit war ich auf den schwarzen Markt angewiesen und musste Ende 2012 feststellen, dass in unserer Gegend nirgendwo mehr etwas zu kriegen war. Schon ein Jahr zuvor hatte ich während meines Krankenhausaufenthalts erfahren müssen, wie schmerzhaft Tage und Wochen ohne Cannabis für mich sind. Und als mir dann 2012 ein Bekannter die Möglichkeit bot, etwas durch eine einzige Autofahrt zu beschaffen, habe ich ziemlich dumm reagiert und recht leichtsinnig zugesagt. Ich dachte mir damals ‚Naja, was soll´s – da fährst du halt mal ein bisschen Auto´, und hatte dabei Filme wie “The Transporter” vor meinem geistigen Auge. Als mir mein Versorger dann erklärte, dass es nur deshalb nichts gäbe, weil er gerade keinen fände, der eine sechsstündige Autofahrt in Richtung Aachen unternehme, um die drei bis vier Kilo abzuholen, habe ich gar nicht weiter nachgedacht und bin losgefahren.

MED: Mit dem Gefühl ein “Transporter” zu sein?

AJ: Irgendwie schon. An einer bestimmten Tankstelle sollte ich dann einen Kaffee trinken gehen und dabei den Kofferraum offen lassen – das habe ich gemacht, und als ich zum Auto zurückkam, fand ich dort eine große Pappkiste und eine kleine Umhängetasche vor. Wie ich später erfuhr, war die Umhängetasche als Weihnachtsgeschenk für mich gedacht – mit den darin enthaltenen zwei Kilo wäre ich locker zehn Monate ausgekommen. Das wusste ich in dem Moment aber noch nicht – ebensowenig ahnte ich, dass sich in meinem Kofferraum nun insgesamt knapp zwölf Kilogramm Cannabis befanden. Kaum dass ich mit dem Auto losgefahren war, sah ich auch schon Blaulichter und musste rechts ranfahren und feststellen, wie überrascht selbst die Zöllner von der großen Menge Cannabis waren. Das Ende von der Geschichte ist, dass ich jetzt eine zweieinhalbjährige Haftstrafe absitzen soll, obwohl ich die Ladung nachweislich nicht einmal angefasst habe.

MED: Was heißt “jetzt”?

AJ: Ich habe gerade erst die Aufforderung per Post bekommen, dass ich innerhalb von zwei Wochen zum Haftantritt zu erscheinen habe. Da ich noch nie straffällig war und daher auch keinerlei Vorstrafen habe, soll ich in den offenen Vollzug kommen – ich habe daraufhin gleich mal dort angerufen und erklärt, dass ich ganz offiziell Cannabis aus medizinischen Gründen konsumiere, da nichts anderes bei mir funktioniert. Und ob ich dann auch in der Strafvollzugsanstalt meine Medizin nehmen könne. Das fand man am anderen Ende der Leitung ziemlich lustig, bevor mir dann mitgeteilt wurde, dass es selbst für Schwerbehinderte nicht tragbar wäre, in der JVA Cannabis zu konsumieren. Für mich würde das bedeuten, dass ich nach spätestens zwei Wochen körperlich kaputt wäre – das habe ich ja alles schon einmal durchgemacht, denn natürlich hatte man mich sofort eingesperrt, nachdem ich mit den zwölf Kilo im Kofferraum erwischt worden war.

MED: Dann hat sich der Prozess also etwa anderthalb Jahre hingezogen, bevor ein Urteil gefällt wurde?

AJ: Ja, allerdings hoffen wir noch, es abwenden zu können. Wir haben einen Antrag auf Haftverschonung eingereicht, in dem auf meine besondere Situation eingegangen wird, und hoffen nun auf das Beste – aber im Moment ist noch alles in der Schwebe. Ich glaube, das größte Problem ist, dass ich mich geweigert habe, meinen Versorger zu verraten – denn er war jemand, der mir half, als mir niemand anderes geholfen hat. Also sind die zwölf Kilo komplett auf meine Kappe gegangen, und dabei sind halt die zweieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung rausgekommen. Mein Anwalt meint aber, dass ich praktisch nicht haftfähig sei und daher hoffentlich nicht in den Vollzug einziehen muss – ob er sich mit dieser Ansicht durchsetzen kann, wird die Zukunft zeigen. Ich hoffe es natürlich sehr, denn ich hatte zwar mit einer Strafe gerechnet, nicht aber damit, tatsächlich wieder ins Gefängnis gehen zu müssen. Aber die pochen halt stur auf das Gesetz und die große Menge und unterstellen, dass es eine Beihilfe zum Handeltreiben gewesen sei, da der Großteil der Lieferung – also der Inhalt der Pappkiste – ja für den Weiterverkauf durch meinen Versorger gedacht war.

MED: Man kann dir ja schon mal nicht vorwerfen, dass du aus finanziellem Interesse gehandelt hast …

AJ: Das hat zum Glück auch das Gericht in seinem Urteil so gesehen und bestätigt, dass es mir nie um Profit, sondern immer nur um die Beschaffung meiner Medizin ging. Im Endeffekt hatte mir mein Versorger gesagt: “Ich kann das selber nicht holen – und wenn das sonst niemand holt, dann haben wir halt nichts.” Was hatte ich denn da für Alternativen? Aber ich will mich ja hier gar nicht ausheulen oder Mitleid heischen, sondern die Leute einfach darüber informieren, wie es einem hier in Deutschland ergehen kann. Da ist man krank und leidet unter Schmerzen und ist praktisch gezwungen, sich mit dem Schwarzmarkt einzulassen, um so an das einzig geeignete Schmerzmittel zu gelangen, und dann trifft man eine einzige falsche Entscheidung und kriegt die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Da interessiert es dann auch niemanden, dass mein Kind in den nächsten Tagen zur Welt kommt und das Gericht einräumt, dass ich Reue zeige und die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls gegen Null tendiert.

MED: Mal abgesehen von diesen unerfreulichen Entwicklungen – welche Erfahrungen hast du innerhalb des letzten Jahres gesammelt, in dem du ganz legal medizinisches Cannabis konsumieren konntest?

AJ: Ich habe gemerkt, dass es mit einer Erlaubnis noch nicht getan ist – denn meine Medizin ist sehr teuer. Ich habe in dem knappen Jahr über 15.000 Euro für medizinisches Cannabis in der Apotheke ausgeben müssen. Als Patient kriegt man ja von lieben Leuten hier und da auch mal etwas zugesteckt, was ich dann eigentlich nicht annehmen dürfte. Dabei habe ich gemerkt, dass manche Schwarzmarkt-Sorten viel besser bei meinem Krankheitsbild wirken als das Apotheken-Gras, was zwar legal, dafür aber auch dreimal so teuer ist. Das heißt, ich könnte für das gleiche Geld dreimal so viel Cannabis kriegen, was dann auch noch viel besser wirkt.

MED: Bedrocan und Bedica sind also nicht mehr die Medizinalhanfsorten deiner Wahl?

AJ: Klar, diese Sorten sind schon okay – aber ich habe eben auch schon einige viel, viel bessere Sorten probiert. Einige davon waren auch von Sensi Seeds – aber eben nicht Bedrocan und Bedica. Auf meinen individuellen Schmerzverlauf wirken Kush-Sorten deutlich besser – also schwerere Sorten, die süßlich duften. Ich merke das immer schon am Geruch und glaube sagen zu können, dass alles, was richtig süß riecht, sehr gut für mich ist. Im Vergleich dazu riecht es ziemlich chemisch, wenn man so eine Bedrocan-Dose öffnet und den Geruch einsaugt. Das ist dann ein recht beißender, fast schon saurer Geruch. Trotzdem hole ich mir regelmäßig Cannabis aus der Apotheke, um im legalen Rahmen zu bleiben – aber was soll ich machen, wenn es wie gerade jetzt und schon seit vielen Wochen einfach nichts gibt?

MED: Wie, es gibt kein Cannabis mehr in deutschen Apotheken?

AJ: Nein, im Augenblick gibt es da wohl Lieferschwierigkeiten – die Apotheken wollen zwar alle bestellen, aber die Importfirma hat seit Ende letzten Jahres keine Bestände für Deutschland mehr im Angebot. Das heißt, wir sollen zwar nicht auf dem Schwarzmarkt kaufen, kriegen aber auch nichts mehr in der Apotheke – das war über die Weihnachtszeit so, das war im Januar so und in der ersten Februarhälfte. Das ist natürlich für viele Patienten ein Riesenproblem – und natürlich werden viele versucht haben, sich anderweitig ihre Medizin zu besorgen. Das ist halt die andere Seite der Medaille – hier ist ein Monopol auf eine dringend benötigte Medizin entstanden, welches mittelmäßiges Gras zu Wucherpreisen verkauft und dann nicht mal eine konstante Versorgung gewährleistet. Die Importfirma bestimmt praktisch die Verkaufspreise in Deutschland – wenn man dann auf der Seite des holländischen Gesundheitsministeriums liest, dass eine Dose Bedrocan 38 Euro kostet und weiß, dass in Deutschland Patienten bis zu 120 Euro pro Dose aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, dann kriegt man da schon ein Verständnisproblem.