Kalifornische Maniküre

Als Trimmarbeiter in San Francisco

Wegen der großen Konkurrenz müssen professionelle Cannabiszüchter geeignete Leute für alle möglichen Arbeiten anstellen. Wahrscheinlich ist weniger bekannt, dass zur Herstellung des hochwertigen kalifornischen Ganjas viele Züchter ausländische Arbeitskräfte einsetzen, von denen manche vom anderen Ende der Welt kommen. Mit einem von ihnen – Daniel, Trimmarbeiter und Abenteurer –sprachen wir über seine Erfahrungen auf den Hanffarmen Kaliforniens.

Kalifornische Maniküre

Vor ungefähr zwanzig Jahren begann das erste Programm für therapeutisches Marihuana in den USA, ein Vorbild, dem bis heute mehr als zwanzig Staaten folgten. Vor fünf Jahren hätte Kalifornien fast als erster Staat legalisiert, die Initiative scheiterte jedoch an ein paar Prozentpunkten, der Erfolg warf aber sein Licht voraus. In Kalifornien befürwortet man den legalen Ganjamarkt schon deshalb, weil er schätzungsweise jährlich 500 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bringen würde. Das ist gut das Sechsfache der Hanfsteuer in Colorado, die bereits alle Erwartungen übertroffen hat. In Kalifornien dreht sich, etwas überspitzt gesagt, alles um den Hanf und in diesem gewaltigen Geschäftszweig versuchen immer mehr ausländische Arbeitskräfte ihren Platz zu finden. Daniel aus Europa (den vollständigen Namen verschweigen wir) hat sich den Trimmarbeitern angeschlossen und ist um eine Menge Erfahrungen reicher geworden, nicht nur, was die Maniküre des Cannabis anbelangt.

Medijuana: Wie kommt man in dieses Metier? Klingelt plötzlich zu Hause das Telefon und man erfährt, dass man nach Kalifornien gehen kann, Cannabis trimmen?

Daniel: Bei mir war das ganz konkret so. Mehrere Bekannte haben das schon gemacht, daher hatte ich eine gewisse Vorstellung davon. Als die Gelegenheit da war, habe ich zugeschlagen. Wenn ich nicht gehe, nehmen sie sich einen anderen, da habe ich meinen Job aufgegeben und mich aufgemacht. 1.500 Euro Startkapital braucht man, für das Flugticket und den ersten Monat dort.

MED: Also war alles vorbereitet, du wusstest, wohin, und ein Bekannter hat dich empfohlen.

Daniel: Ja, und meiner Meinung nach geht das nur so, ohne Kontakte läuft nichts, dazu ist der Markt schon zu gesättigt. Aber wenn du einen Kontakt hast, dann bekommst du auch mehr, denn in Kalifornien mag man die Arbeiter vom Balkan oder Lateinamerika, weil sie fleißiger sind als die Leute von dort. Ich habe oft von 8 Uhr morgens bis 10, 11 Uhr abends in einem Keller von 2m² gearbeitet, das habe ich bei den Ortsansässigen kaum gesehen.

MED: Also kein Bewerbungsgespräch und keine Zeugnisse, sondern das entscheidet sich dort, je nachdem, wie effektiv du bist?

Daniel: Genau. Da wird nach Leistung bezahlt und jeder versucht so viel wie möglich zu schaffen. Wenn ihr fünf Leute für 30 Kisten seid, weißt du, dass die Kiste leer wird, und je mehr du geleistet hast, desto mehr Geld bekommst du.

Als Trimmarbeiter in San FranciscoMED: In welchem Teil von Kalifornien warst du?

Daniel: 50 km nördlich von San Francisco und in Nordkalifornien, aber nicht auf den Plantagen in den Bergen, denn ich habe meist im Treibhaus gezogene Pflanzen getrimmt. Ortsnamen möchte ich nicht nennen. (lacht)

MED: Dann schauen wir bei Google Maps!

Daniel: Wenn du die Region Nordkalifornien auf der Karte anschaust, siehst du überall Foliengewächshäuser, so viele Züchter gibt es dort.

MED: Ist das allgemein bekannt?

Daniel: Absolut. Es ist ganz normal, dass alle Foliengewächshäuser haben. Die meisten produzieren für den Schwarzmarkt, keiner hängt das an die große Glocke, aber viele beschäftigen dich ganz legal. Ich habe zum Beispiel ganz legal, mit einer Genehmigung für medizinisches Cannabis, als Mitglied eines Therapiekollektivs gearbeitet. Der einzige Rechtsverstoß dabei war, dass ich statt Medizin Geld bekam, denn nach den Statuten des Kollektivs habe ich für meine Arzneimittelration gearbeitet.

MED: Wie hast du die Therapiekarte bekommen? Hast du eine Krankheit, die dazu berechtigt?

Daniel: Ich habe Arthritis und auch Papiere, die das belegen. Oft aber reicht es, wenn du Rückenschmerzen angibst. Wenn du nachweisen kannst, dass du ständig dort lebst, kommst du leichter an die Karte. Der Arzt hat mir gesagt, dass ichCannabis nie mit Tabak zusammen drehen und möglichst einen Vaporizer verwenden soll. Und um das High-Sein zu vermeiden, hat er mir Creme empfohlen.

MED: Wie hast du angefangen und wie sieht überhaupt ein typischer Arbeitstag eines Trimmers aus?

Daniel: Anfangs war ich allein und das Problem war, dass ich keinen hatte, bei dem ich die Handgriffe abschauen und an dem ich meine Leistung messen konnte. Schon vorher habe ich als Handwerker gearbeitet, daher fiel es mir nicht schwer, mich reinzufinden. Schon am ersten Tag habe ich eine ordentliche Menge geschafft. Im Allgemeinen arbeitet man wie ein Nomade. Ich habe an drei Orten gearbeitet, wozu ich Mitglied in drei Kollektiven werden musste. Das brachte mit sich, dass ich in Zelten lebte mit bescheidenen Waschmöglichkeiten. Die Arbeitsbedingungen waren sehr unterschiedlich. Ich habe an Orten gearbeitet, wo wir im Neonlicht, neben einem Ventilator unter einer Dunstabzugshaube zu viert an einem Tisch von 1m² saßen. Woanders hatten wir größeren Komfort und es gab jeden Abend Austern. (lacht)

Saisonarbeit - Cannabis trimmenMED: Gibt es mehr ausländische als einheimische Arbeitskräfte?

Daniel: Ja, es arbeiten dort viele Ausländer. Der amerikanische Durchschnittstrimmer ist ein Zwanzigjähriger mit Uniabschluss und ziemlich fragwürdiger Arbeitsmoral. Wenn ich 14 Stunden arbeitete, dann schafftendie zwei, deswegen wurden sie auch nach kurzer Zeit entlassen. Außer der Leistung achtet der Züchter auch darauf, dass du gut mit dem Produkt umgehst. Wenn du zum Beispiel die Kiste mit dem frisch getrimmten Ganja offen stehenlässt oder dem Züchter irgendeinen Schaden verursachst, dann wirst du nicht mehr eingestellt. Öfter habe ich gesehen, dass Arbeiter die gleichen Fehler machten. Das Ganze interessierte sie überhaupt nicht, sie hatten nicht die geringste Ahnung, wie man die Arbeit verrichtet. Wenn du gewissenhaft arbeitest und auch auf solche Kleinigkeiten achtest, wie das Entfernen der faulen Stellen und des Mehltaus, dann kannst du nächstes Jahr wiederkommen.

Außerdem ist es wichtig, die Kollegen als gleichrangig zu behandeln und die „Trimmeretikette“ einzuhalten. Ich habe beispielsweise mit einem gearbeitet, der sich immer die größten Buds rausgepickt hat und mir die kleinen, die mehr Arbeit machen, hingeworfen hat. Das ist gegen die „Trimmeretikette“. Es geht auch nicht, dass du die Schere eines anderen benutzt, bis die Klinge stumpf ist, sodass er sich eine neue kaufen muss, die du dann auch wieder benutzt.

MED: Hat dein Kollektiv auch für Apotheken produziert oder nur für Dealer?

Daniel: Außer für den Eigengebrauch der Mitglieder ging noch etwas an Apotheken, das meiste aber an Dealer. Einfach deshalb, weil der Schwarzmarkt doppelt so viel einbringt wie die Apotheken. Zur Therapie würde ich nichts vom Schwarzmarkt nehmen, weil das meiste voller Chemiespray ist, besonders der Stoff aus dem Treibhaus.

MED: Hattest du auch mit chemisch behandelten Sorten zu tun?

Daniel: Es gab auch organische – ein Unterschied wie Himmel und Erde. Die organischen Sorten konnte ich endlos trimmen, da hatte ich nie Probleme. Bei den mit Chemie behandelten hatte ich schon nach einer Woche einen Ausschlag und die Augen tränten. Davon habe ich nie was geraucht. Viele Arbeiter haben aus Prinzip beim Trimmen eine Schutzmaske getragen. Organisch angebaute Sorten riechen nicht nur anders, es ist ein anderes Gefühl, eine Blüte zu konsumieren, von der ein Marienkäfer die Blattspitzen abgefressen hat und nicht die Chemie. Übrigens hat von denen, die mit mir gearbeitet haben, keiner geraucht, ich auch nur ein, zwei Mal in der Woche. Aber es ist ein großer Vorteil, wenn du nicht nur die Sorte kennst, sondern auch die Anbaumethode.

Medizinisches Cannabis - USA

MED: Wie viel kann man mit dieser Arbeit verdienen?

Daniel: Für ein Pfund (circa 450 Gramm) bekam ich 200 Dollar, aber das wird dieses Jahr wohl weniger werden, weil alle anbauen und der Markt wahnsinnig übersättigt ist. Die Menge, die du pro Tag erzielen kannst, hängt von der Sorte ab, mit der du gerade arbeitest. OG Kush zum Beispiel ist dicht, davon wiegt ein Bud doppelt so viel wie beim Sour Diesel beispielsweise, das eine luftigere Sorte ist. Mindestens ein Pfund pro Tag habe ich getrimmt, vorher bin ich nicht vom Tisch aufgestanden. Manchmal kamen auch anderthalb oder zwei Pfund zusammen. Ich weiß, das klingt nach viel Geld, aber Kalifornien ist ziemlich teuer. 1.000 Dollar im Monat gehen locker weg. Die Arbeit besteht aber nicht immer aus Trimmen, manchmal gibt es auch andere Gartenarbeiten, für die im Durchschnitt 20 Dollar bezahlt werden. Und das Ernten im Zelt bei 40 Grad oder aber Stecklinge in Töpfe pflanzen ist keine leichte Arbeit, man braucht schon etwas physische Ausdauer dazu. Aber ich kann nicht klagen, in drei Monaten habe ich 5.000 Dollar nach Hause gebracht.

MED: Hast du überlegt, längerfristig in Kalifornien zu bleiben?

Daniel: Das ist Saisonarbeit, die kein dauerhaftes Auskommen sichert. Wenn man mich demnächst wieder anspricht, werde ich sicher gehen, aber langfristig sehe ich meine Zukunft in Europa. Es ist nicht schwer, sich in den Staat Kalifornien zu verlieben, denn er ist unendlich offen, liberal, tolerant, vom Sonnenschein und dem gesunden Essen ganz zu schweigen. Meiner Meinung nach leben die Menschen dort mustergültig. Das kommt sicher auch von der großen Verbreitung des Rauchens, aber alle sind ruhig, friedlich und offen, randalierende Betrunkene sieht man überhaupt nicht. Das Cannabis ist dort die natürlichste Sache der Welt. Ich würde mich freuen, wenn sich das auch bei uns einbürgern würde und man die Cannabiskonsumenten nicht als Kriminelle betrachten würde.

Cannabis für ApothekeMED: Wie sehr fürchten die Züchter die Legalisierung in Kalifornien, die angeblich kurz bevorsteht?

Daniel: Sie sind davon nicht begeistert, weil sie die Preise stark drücken wird, aber sie kann auch eine positive Seite haben. Als einfacher Züchter kannst du dann einen Laden eröffnen und deine Ernte verkaufen. Das ist nicht schlecht, aber mit der Legalisierung wird dieser Markt auch bald überschwemmt sein. Im Moment kann man in Kalifornien für ein Pfund durchschnittlich 1.600 bis 2.200 Dollar bekommen, aber in New York ist es schon 4.000 Dollar wert. Das Geschäft bleibt auch nach der Legalisierung in Kalifornien bestehen. Es ist eine andere Frage, dass man in der Erntezeit September–Oktober schon jetzt nicht mehr so viel für ein Pfund Ganja bekommen wird, weil der Markt voll mit Produkten aus Foliengewächshäusern ist. Deshalb warten die Züchter, die genügend Reserven haben, bis April, Mai, weil dann Mangel herrscht. Da kann man 500 Dollar mehr bekommen. Aber es gibt auch hohe Kosten – die Gärtner, die Trimmer, der Strom, das Wasser, das Benzin, und für den Schutz muss man auch was ausgeben. Ein Pitbull ist das Minimum, aber die Polizei kann auch jederzeit auftauchen. Und wenn du das alles geregelt hast, kann es immer noch sein, dass eine Fäule alle Pflanzen vernichtet. Das ist natürlich das Problem des Züchters, mich persönlich stört eher die Umweltverschmutzung durch den illegalen Anbau, womit sich die Züchter wirklich nicht abgeben. Sicher sind ökologische Düngemittel und biologisch abbaubare Netze teurer als Chemikalien und Kunststoffnetze, aber diese Stoffe sind eine Gefahr für die Umwelt. Die Legalisierung könnte jedoch auch die Anbaubedingungen regulieren.