Jamaikanischer Ganjatourismus

Ein Kanaan mit Rum und Gras

In den mediterranen Ländern Europas geht man gern auf Weintouren und besucht berühmte Anbaugebiete. In Schottland sucht man die berühmten Malt-Whisky-Destillen auf, um am Originalschauplatz einen Schluck von seinem Lieblingsgetränk zu nehmen. In Jamaika ist der Tourismus auf ganz andere Feinschmecker eingestellt. Wer nach Appleton kommt, kann leicht in eine ausufernde Rum-Tour gelangen. Wer sich aber mehr für solche Kultorte wie die Geburtsstadt von Bob Marley interessiert – Nine Mile –, oder das für Ganja berühmte Negril, der findet sich mit größerer Wahrscheinlichkeit auf einem Hanfausflug wieder. Entgegen der gängigen Meinung ist Jamaika ein verhältnismäßig konservatives, religiöses Land, wo Marihuana verboten ist und auch die Gras-Touren offiziell nicht erlaubt sind. Die Praxis zeigt, dass es trotzdem reichlich Interessenten gibt und auch Anbieter. Die Besucher von Nine Mile finden leicht örtliche Helfer, die ihnen bereitwillig ein paar versteckte Cannabisplantagen zeigen, unter anderem natürlich Bob Marleys Lieblingsgras – das Original Sinsemilla –, oder die andere große Legende, das Purple Skunk.

Probieren geht über studieren – daher ist die Kostprobe ein Teil der Tour, der nicht ausbleiben darf. Viele Reisende aus Nordamerika erkennen an, dass sie bei sich zu Hause jederzeit viel potentere Sorten finden. Aber das einmalige Erlebnis, die Sorten, die Bob Marley inspiriert haben, in den Bergen von Jamaika selbst zu konsumieren, kann die Reise wahrhaft unvergesslich machen. Kein Wunder, dass viele Jamaikaner glauben, dass man diese Anziehungskraft besser nutzen könnte, unter anderem durch die Lockerung der Marihuanagesetzgebung. Im Zusammenhang mit der Entkriminalisierung sagte der jamaikanische Justizminister kürzlich, dass man die Ergebnisse der Nachbarländer prüfen würde, um dann zu entscheiden, wie es weitergeht.

Die jamaikanische Organisation Ganja Law Reform Coalition schnappte sofort zu und veranstaltete – um den Gang der Dinge zu beschleunigen – im September in Kingston eine internationale Konferenz, mit der sie die fachliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der legalen Reglementierung für das Cannabis in Gang setzen wollte. Wie streng das Gesetz es auch ahndet, der Grastourismus geht unvermindert weiter, aber die Einnahmen kommen nicht dem notleidenden Land zugute. Ein “Reisebüro” wirbt beispielsweise mit folgender unverhohlener Botschaft: “Nachdem wir zusammen einen Joint geraucht und uns kennengelernt haben, nehmen wir Dich mit auf die beste jamaikanische Ganjatour, wo Du Gras rauchen und essen kannst, sodass Du am Ende persönlich mit Bob Marley sprichst.”