Internationale Zusammenarbeit in der Drogenpolitik

Religiöse Erfahrungen stehen dem Erleben der Pflanzen sehr nahe

Das vor kaum einem Jahr gegründete Knowmad Institut möchte in der internationalen Drogenpolitik die Frage nach den Menschenrechten und den wissenschaftlichen Grundlagen stellen. Die Gründerin der Stiftung, Daniela Kreher, hob spirituelle Projektionen und die bigotte Einstellung der christlichen Kirchen zu diesem Thema hervor.

 

Medijuana: Wann wurde das Institut gegründet und was sind seine Ziele?

Daniela Kreher: Zusammen mit meinem Kollegen, Martin Diaz, habe ich das Knowmad Institut 2018 in Deutschland gegründet. Es ist ein Thinktank, in dem wir die Menschenrechte, Menschenwürde, Souveränität und Technologie im Zusammenhang mit der Drogenpolitik betrachten. Mit unserer multidisziplinären Forschung möchten wir zeigen, dass es viele bessere Alternativen zum Krieg gegen die Drogen gibt, die keine Unmengen von Geld verschlingen und die grundlegenden Menschenrechte nicht außer Kraft setzen. Wir möchten auch mit den gewohnten falschen Vorstellungen aufräumen. Leute wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass sie von früh bis spät Drogen konsumieren, von der Schokolade über den Kaffee hin zum Tabak. Es wäre verlogen, zu behaupten, dass Kaffee und Alkohol o. k. sind, aber Cannabis nicht. Die gefährlichste Droge, der Zucker, ist vollkommen in Ordnung, und auch die mit ihm verbundene Sklavenarbeit.

MED: Nicht zu vergessen, dass die Zuckergroßindustrie sich jetzt in den Geschäftszweig Cannabis einkauft. Welche persönliche Geschichte brachte dich zur Drogenpolitik?

DK: Ich bin in Argentinien aufgewachsen und habe Theologie studiert. Bei der Arbeit mit Jugendlichen sah ich, welche Fehler die Kirche in der Prävention macht. Ich erkannte, dass das Hauptproblem nicht der Drogenkonsum war, sondern die Gesetze, welche die Kirche nicht infrage stellte. Damals wandelte sich meine Perspektive von vollkommener Abstinenz zur Schadensminimierung, was auch mit den Menschenrechten zu tun hat.

MED: Konntest du als Theologin deinen Ansatz der Schadensminimierung in die Kirchengemeinde einbringen?

DK: Ja, ich sprach mehrmals in Kirchen zu diesem Thema, was die Oberen nicht gerne sahen. Sie betrachten das Thema aus einem moralischen Blickwinkel, dabei geht es hier um ein medizinisches Phänomen. Auch der Sprachgebrauch hat große Bedeutung, die Worte und Ausdrücke, mit denen wir unserer Welt beschreiben. Im Spanischen hängt „Schadensminimierung“ mit „Risikomanagement“ zusammen, was mehr aussagt als die englischen oder deutschen Begriffe. Wir sprechen daher nicht von „Konsumenten“, „Bekifften“ oder „Abhängigen“, sondern von Menschen die Drogen benutzen. Die Kirche hat eine grundlegende Furcht vor den Drogen und ihre Konsumenten und hegt deswegen ernsthafte Vorbehalte gegen unseren Ansatz.

MED: Sie unterscheiden nicht zwischen Pflanzen, die in der Natur vorkommen und synthetischen Drogen?

DK: Für sie sind alle Drogen kleine Ungeheuer, und wenn du mit ihnen in Berührung kommst, gelangst du in die Hölle. Mit Martin habe ich oft über heilende und heilige Pflanzen gesprochen. Die Kirche will nicht akzeptieren, dass auch diese Pflanzen Geschöpfe Gottes sind, dass sie heilen, als Lebensmittel dienen, den Erdboden reinigen usw. Sie verfolgen sie unter Anwendungen von Menschen gemachter Gesetze. Uns interessieren besonders die religiösen und archaischen Traditionen im Zusammenhang mit den Pflanzen. Ich meine, dass religiöse Erfahrungen dem sehr nahekommen, was man mit den Pflanzen erleben kann. Jede Religion und jeder traditionelle Ritus pflegt eine enge Beziehung mit der einen oder anderen Pflanze, von denen ein Großteil psychoaktiv ist. Das psychoaktive Mittel des Christentums ist der aus Trauben hergestellte Wein, der als Blut Christi eine zentrale Rolle spielt und in einer engen Verbindung zu zahlreichen Ritualen, beispielsweise der Konfirmation, steht.

MED: Darum kannst du als praktizierende Christin nicht vollkommen abstinent leben?

DK: Stimmt. Das Hauptproblem liegt darin, dass die Verbindung zwischen Menschen und Natur durch die Industrialisierung verloren ging, daher müssen wir unser Verhältnis zu den Pflanzen wieder in Ordnung bringen. In der Kindheit ist es am einfachsten. Einem Kind kann man im Garten eine Rose zeigen und ihm sagen, dass sie sehr schön ist, man aber vorsichtig sein muss, weil ihre Dornen stechen. Von den Brennnesseln kann man ihm sagen, dass ihre Blätter brennen, aber ein Tee aus ihnen wohltuend ist. Auch mit dem Cannabis kann man sie auf diese Art bekannt machen. Unser primäres Ziel ist es, die Einstellung zum Cannabis zu normalisieren. Die psychedelischen Pflanzen können in Zukunft die mentale Gesundheit sichern.

MED: Mit welchen Mitteln wollt ihr die Normalisierung und die Schadensminimierung vorantreiben?

DK: Momentan steht nicht so sehr die Schadensminimierung im Vordergrund, weil wir der Ansicht sind, dass die dringendste Aufgabe eine Neugestaltung der internationalen Drogenpolitik ist. Die deutschen Aktivisten beschäftigen sich damit nicht sonderlich.

MED: Auch der Deutsche Hanfverband nicht?

DK: Ich habe mehrfach versucht, eine Übereinkunft zu erreichen, doch die nationale Drogenpolitik beansprucht all ihre Energien. Andere Organisationen berufen sich darauf, dass ohne eine Revision des UN-Abkommens die Landesgesetze gar nicht verändert werden können. Wie auch sonst wäre auch in der Cannabispolitik eine internationale Kooperation nötig. Man muss verstehen, dass Patienten, die auf medizinisches Cannabis angewiesen sind, nicht auf eine entsprechende Regulierung warten können und ohne sie gezwungen sind, auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Bei den diesbezüglichen Konferenzen geht es darum, Brücken zwischen dem Markt, den Aktivisten und den Regierungen zu bauen.

MED: Was ist der Beitrag eurer Organisation zu dieser gemeinsamen Arbeit?

DK: Unser Institut betreibt gegenwärtig drei Forschungsarbeiten. Die erste untersucht die Verbindung zwischen Cannabis und Frauen zwischen Kriminalisierung und Aktivismus, in Zusammenarbeit mit brasilianischen Soziologen. Die zweite Forschungsarbeit betrachtet die Drogenpolitik und die Menschenrechte im Dreieck von Honduras, Guatemala und El Salvador. Durch diese drei Länder werden die Drogen von Süd- nach Nordamerika transportiert, was zu einem Krieg zwischen den rivalisierenden Kartellen führt. Die dritte Forschungsarbeit untersucht den spirituellen Gebrauch von Cannabis in verschiedenen Religionen, einschließlich Judentum und Christentum.

MED: Wie viele Personen betätigen sich momentan bei Knowmad?

DK: Zwanzig. Eine Kommission von Fachleuten unterstützt die Arbeitsgruppe bei ihren Aufgaben, unsere Forschungsarbeiten werden darüber hinaus von einem Ethikausschuss kontrolliert. Wir möchten unabhängige Forscher unterstützen, da es in Lateinamerika kaum Möglichkeiten gibt, über dieses Thema zu arbeiten. Wir hoffen durch unsere Forschungen, die Präsentation von wissenschaftlichen Ergebnissen und deren Verbreitung einen Beitrag zur Veränderung des momentan vorherrschenden Bildes zu leisten. Uns mangelt es nicht an Arbeitskräften und Kreativität, aber wir brauchen einen Partner mit einem starken wirtschaftlichen Hintergrund zur Realisierung unserer Vorhaben.

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