In drei Jahren lachen wir hoffentlich darüber

Maximilian Plenert ist seit mehr als zehn Jahren im Bereich Drogenpolitik aktiv, er ist Mitherausgeber des Alternativen Drogen- und Suchtberichts, Mitglied des Schildower Kreises, war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Hanfverband (DHV) und organisiert Patientenselbsthilfe als selbst betroffener Patient. Wir haben mit ihm über seine Projekte gesprochen und ihn zu den Anfangsschwierigkeiten der Cannabisverschreibung befragt.  

Medijuana: Wie bist du damals zur Ausnahmegenehmigung gekommen bzw. wie hast du einen Arzt gefunden, der dich bei dem Prozedere begleitet?

Maximilian Plenert: Bei mir war es so, dass ich meine eigentliche Diagnose, meine ADHS-Diagnose, erst relativ spät bekommen habe, als Erwachsener erst. Die haben auch erstmal versucht, mich wegen Depressionen zu behandeln. Ich war beim Psychotherapeuten, aber alles ist schiefgegangen, weil es im Kern dann doch ADHS war. Ich hab mir dann quasi erstmal selbst die Diagnose erarbeiten müssen, teilweise haben mich sogar schon Leute vorher darauf angesprochen – ADHS-ler untereinander, die erkennen sich, das merkt man mitunter. Und dann hat es in meinem Kopf erstmal angefangen zu rattern: Warum benutze ich überhaupt Cannabis? Das ergab natürlich mit der ADHS-Diagnose viel mehr Sinn. Dass Cannabis bei ADHS helfen kann, wusste ich von Berufs wegen. Zum Glück hatte ich mit Dr. Grotenhermen beruflich zu tun und auch mit dem System der Ausnahmegenehmigungen. So konnte ich diese Themen mehr oder weniger in der Arbeitszeit beackern und dann bei meiner normalen Psychiaterin meine ADHS-Diagnose bekommen. Die wollte mit Cannabis nichts zu tun haben, aber Dr. Grotenhermen hat mich im Weiteren begleitet.

MED: Du hast also schon vor deiner Diagnose, quasi zum Freizeitkonsum, Cannabis benutzt und bist so darauf gekommen, dass es dir helfen könnte?

MP: Vielleicht habe ich es schon damals medizinisch eingesetzt, aber da ich die Diagnose noch nicht hatte, geschah das völlig unbewusst. Ich glaube, da draußen laufen unglaublich viele Leute rum, die mehr oder weniger stark ausgeprägte Störungen haben. Es gibt ja quasi so ein subklinisches Niveau, wo keine Diagnose gestellt wird, aber Cannabis zur Therapie verwendet wird. Natürlich habe ich es auch als Genussgebrauch gesehen, aber im Nachhinein gesehen habe ich es damals durchaus schon medizinisch eingesetzt.

MED: Wie funktioniert das System der Cannabisverschreibung heute – im Gegensatz zu den Ausnahmegenehmigungen – und wie sind deine Erfahrungen damit?

MP: Also mit der neuen gesetzlichen Regelung, die wir in Deutschland haben, haben wir endlich Normalität. Dadurch ist es für mich das gleiche Prozedere wie für mein Methylphenidat (Ritalin, Anm. d. Red.), das ich auch noch verschrieben bekomme. Auch wenn es im Detail noch Probleme gibt – es ist eine krasse Normalisierung. Denn man bekommt ein Rezept und jeder Arzt darf es verschreiben, das ist ja der völlige Paradigmenwechsel. Bei den BTM-Rezepten gab es das Problem, dass die nur sieben Tage gültig waren, was zusammen mit den Lieferproblemen eine große Schwierigkeit darstellte. In Berlin, da haben wir die Apotheke am Roten Rathaus, die hat das Lager voll, da ist das überhaupt kein Problem, aber wenn man in der Provinz wohnt und das Rezept zugeschickt bekommt und dann zur Apotheke geht, dann vielleicht erstmal eine einzelne Dose bestellt und die nicht lieferbar ist – da kommt es dann vor, dass der Apotheker die Dose endlich hat, aber sagt: „Das Rezept ist schon abgelaufen, du musst dir ein neues besorgen.“ Die Lieferprobleme sind immer noch unschön, aber ansonsten ist es ein großer Schritt in Richtung Normalisierung, auch wenn es sich natürlich noch nicht ansatzweise entfaltet hat, das Gesetz.

MED: Wie läuft es heute mit der Kostenübernahme durch die Kassen? Und ganz speziell in deinem Fall?

MP: Das ist sehr durchwachsen – wir hatten Leute, die hatten ein paar Tage nachdem das Gesetz in Kraft getreten ist, eine Kostenübernahme, und auf der anderen Seite gab es für die Mehrheit derer, die eine Ausnahmegenehmigung haben, bisher keine Kostenübernahme. Gerade für Patienten mit Ausnahmegenehmigung ist es schlechter geworden mit dem Gesetz. Die Krankenkassen sperren sich natürlich, die wissen auch noch nicht richtig Bescheid. Die letzte Änderung des Gesetzes beispielsweise, dass nicht nur die Kostenübernahme beantragt werden muss, sondern nun der Antrag nur noch im Ausnahmefall abgelehnt werden darf, das haben die Kassen noch nicht ganz verstanden. Sonst sind Kassen bei der Übernahme von Medikamenten, die nicht zugelassen sind, sehr restriktiv, aber das Gesetz für Cannabis ist umgekehrt. Also eigentlich müssten die Krankenkassen jeden Fall explizit begründen – warum sie in diesem speziellen Fall die Therapie nicht übernehmen können. Bei mir muss der Klageweg beschritten werden, aber auch da hatten schon ein paar Patienten Erfolg.

MED: Also bis zur Normalisierung bedarf es noch einiger Klagen …

MP: Ja, also ich bin da immer optimistisch – manche Leute kritisieren mich: „Max, du bist da viel zu blauäugig.“ Aber nein, ich bin Optimist. Es gab einen anderen Patienten mit der gleichen Konstellation – ADHS, Techniker Krankenkasse, gleiches Bundesland, auch gleiche MDK-Gutachterin (MDK – Medizinischer Dienst der Krankenversicherung), wir haben die gleichen Ärzte und denselben Anwalt und der Kollege hat vor Gericht direkt einen Eilantrag gestellt, und er hat Recht bekommen – die Frau vom MDK wurde völlig zerpflückt und von der Richterin zurechtgewiesen, dass das ein völlig klarer Fall sei. Der hat jetzt eine vorläufige Kostenübernahme, dem wird Cannabis bezahlt – also bin ich guter Dinge. Ich bin an die TK herangetreten: „Leute, gleicher Fall, wollt ihr nochmal vor Gericht verlieren? Schaut euch mal den Fall an.“ Aber das hat sie nicht interessiert. Aber wenn ich vor Gericht ziehe mit meinem Fall, mit den gleichen Ärzten, demselben Anwalt, derselben Gutachterin und Sozialrichterin, wird das schon klappen. Und ich hoffe, dass die Krankenkasse dann zwei-, dreimal auf die Nase bekommt und von der Sozialrichterin so vorgeführt wird, dass die irgendwann auch keinen Bock mehr haben. Man muss im Prinzip ganz klar sagen: Jedes Mal, wenn eine Krankenkasse sagt, wir übernehmen bei jemandem mit einer Ausnahmegenehmigung die Kosten nicht, dann sagen sie im Prinzip, dass die Bundesopiumstelle die Genehmigungen für den Erwerb von Cannabis an ADHS-ler wie mich frei verteilt, als wären es Bonbons, ohne irgendeine Prüfung.

MED: Also ist die Situation für ehemalige Besitzer einer Ausnahmegenehmigung insgesamt schlechter geworden?

MP: Es haben sich ja die Preise erhöht – das liegt daran, dass Cannabis jetzt rechtlich anders eingestuft wurde, und das hat die Leute teilweise auch überrascht. Mein Apotheker hier, der vermutlich der größte Grasdealer von legalem Cannabis in Deutschland ist, selbst der hat erst kurz bevor das Gesetz in Kraft trat verstanden, was das bedeutet. Im Gesetz steht jetzt Cannabis drin mit einem Preis, aber halt etwas kryptisch als Einstufung in die Arzneimittelpreisverordnung. Das heißt, die Leute, die früher eine Ausnahmegenehmigung hatten, müssen jetzt höhere Preise zahlen, sie zahlen jetzt quasi das Doppelte. Sie wurden aufgefordert, ihre Ausnahmegenehmigung abzugeben, also müssen sie jetzt zusätzlich zum Arzt. Gerade Dr. Grotenhermen ist ja bekannterweise eh völlig überlastet, aber vor Ort haben sie noch immer keinen Arzt, das heißt sie müssen sich die Rezepte schicken lassen. Früher konnten sie einfach in die Apotheke gehen. Heute gibt es teilweise eine völlig irrsinnige Bürokratie. Da werden Leute mit Ausnahmegenehmigung bei Migräne von der Krankenkasse aufgefordert, noch die Berichte von ihrem Orthopäden vorzulegen … Der andere bekommt eine Rechnung vom Arzt für die Beantwortung des Fragebogens des Kostenantrags. Also es ist völlig verrückt. In drei Jahren lachen wir hoffentlich darüber.

MED: Also sind die Ärzte und auch MDK-Gutachter noch eher ablehnend Cannabis gegenüber?

MP: Gut, der MDK ist in erster Linie eh ein Ablehnungsorgan, das ist deren Funktion. Das kann man mal so hinnehmen. Ansonsten sind die Ärzte halt vorsichtig, sie wissen eben noch nicht viel, haben auch Angst, in Regress genommen zu werden. Nur weil der Patient die Kostenübernahme hat, heißt das nicht, dass die Krankenkasse das Okay gibt, dass der Arzt die Menge Cannabis verschreiben darf zulasten seines Budgets.

MED: Nun noch zu deiner Person. Du bist schon lange drogenpolitisch aktiv – an welchen Projekten warst du beteiligt? Und dein neues Projekt „Besser Leben mit Cannabis“ – worum geht’s da?

MP: Ich war bei verschiedenen Petitionen des Deutschen Hanfverbands dabei, mein Einstieg beim DHV war eine Onlinepetition, wo wir aus dem Stand auf Platz 14 aller Onlinepetitionen gelandet sind. Meine öffentliche Frage an Frau Merkel bedeutete durchaus eine ganz nette Medienpräsenz und auch mein Auftreten auf 3sat bei „scobel“. Wobei ich ja nicht nur im Bereich Hanf aktiv bin, sondern auch im Bereich allgemeiner Drogenpolitik, wie dem alternativen Drogen- und Suchtbericht, der jüngst wieder neu herauskam. Da gibt es noch genug Stellen, wo man den Finger auf die Wunde legen muss. Mein aktuelles Projekt – ich höre jetzt beim Hanfverband auf und bin bei Sens Media untergekommen – „Besser leben mit Cannabis – Auskunft von Patient zu Patient“. Im Prinzip ist es ein FAQ-Projekt, denn es gibt so viele offene Fragen von Patienten, Ärzten, von so vielen Leuten, und es fühlt sich niemand wirklich zuständig, hier Informationen zu liefern. Wir brauchen Patientenratgeber, wir brauchen Ärzteratgeber, wir müssen gerade an die neuen Patienten denken, die haben ja gar keine Ahnung von Cannabis, da muss man ja bei Adam und Eva anfangen und die Dinge erklären. Ich gehe davon aus, dass man da mit relativ wenig Aufwand viele Informationen an den Mann und die Frau bringen kann. Das ist so mein Ding, und natürlich auch Patientenselbsthilfe: Wir haben in Berlin unsere Berliner Gruppe am Start, wir treffen uns regelmäßig alle zwei Wochen in den Räumlichkeiten der AIDS-Hilfe, die sind dem Thema auch sehr zugeneigt.