Illegale Überlebende

Prof. Lumír Hanuš über medizinisches Cannabis

Während das Cannabis in Europa seinen Dornröschenschlaf hielt, wurden im Krankenhaus einer tschechoslowakischen Kleinstadt Kranke mit Cannabiscreme kuriert. Hier begann in den Siebzigerjahren die Karriere von Lumír Hanuš, der zu einem der bekanntesten Forscher auf seinem Gebiet wurde. Auf einer Konferenz in Budapest fragten wir ihn nach den Anfängen, dem israelischen Therapieprogramm und der Rolle des Cannabis in der modernen Therapie.

Medijuana: Heute ist Tschechien in Europa wegweisend auf dem Gebiet der medizinischen Cannabisprogramme. Konnte man das in den Siebzigerjahren in der Tschechoslowakei schon kommen sehen als Sie begannen, sich mit Hanf zu beschäftigen?

Lumír Hanuš: In der Stadt Olomouc forschte schon seit den Fünfzigerjahren Professor Zdenek Krejcí an der Palacký-Universität über die antibakteriellen Eigenschaften von Pflanzen und fand das Cannabis am wirksamsten. Deswegen wurden in den Krankenhäusern der Tschechoslowakei ständig Cannabispräparate benutzt, besonders in der Form von Cremes. Ich arbeitete von 1970 bis 1980 an der Palacký-Universität und stellte einen Cannabisextrakt her, der als Grundstoff für die Creme diente. Obwohl ich mit ausgesprochen potenten Sorten arbeitete und die Plantage nur von einem Zaun umgeben war, verschwand niemals ein Blättchen. Später stellte sich heraus, dass das Cannabidiol (CBD) für die antibakterielle Wirkung verantwortlich ist. Zum ersten Mal wies es Dr. Raphael Mechoulam nach, der mich 1990 an die Hebräische Universität nach Jerusalem berief, wo ich noch heute arbeite. Spannend ist, dass die Cannabidiolsäure (CBDA) 1955 entdeckt wurde, wir aber schon 1954 an der Palacký-Universität eine Konferenz über Cannabis als Heilmittel abgehalten haben. Wir können aber auch noch weiter zurückgehen. Es gibt mehrere 100 und mehrere 1.000 Jahre alte Aufzeichnungen über die Anwendung von Cannabis als Heilmittel, das wir heutzutage wiederentdecken.

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MED: Was sind heute die medizinischen Hauptanwendungsgebiete für Cannabis?

LH: Wenn wir uns Israel anschauen, dann wurde es früher als Zusatzmittel bei der Behandlung von Krebskranken verwendet, heute ist das häufigste Anwendungsgebiet die Schmerzstillung. Eine ebenfalls wichtige Rolle spielt das Cannabis in der Behandlung von psychiatrischen und neurologischen Anomalien wie dem Posttraumatischen Stresssyndrom (PTSD), einem schweren Trauma, das beispielsweise von Kriegserlebnissen, Autounfällen oder erlittener Gewalt ausgelöst wird. Das Cannabis hilft dabei, die immer wiederkehrenden Erinnerungen zu vergessen.

MED: Wie ist es gelungen, neue Gebiete für die medizinische Anwendung zu erschließen?

LH: In Israel konnte früher ein einziger Arzt Cannabis verschreiben. Später waren es zehn Onkologen und in näherer Zukunft kann bei bestimmten Symptomen auch der Hausarzt bis zu 30 Gramm verschreiben. Mit einer Erlaubnis des Gesundheitsministeriums kann man den entsprechenden Züchter auswählen, der die ideale Sorte für den jeweiligen Patienten anbaut. Momentan gibt es neun Züchter im Land, von denen jeder 1 bis 2 Tonnen Cannabisblüten produziert, was momentan die Nachfrage von 20.000 Kranken befriedigt. Das ist eine gewaltige Zahl im Vergleich zu Tschechien, wo momentan jährlich 40 Kilogramm hergestellt werden. Im Gegensatz zu Tschechien ist das Cannabis in Israel für die Patienten billiger, da sie nur 10 Prozent des Preises begleichen müssen, was die Unkosten der Anbauer deckt.

MED: Das bedeutet, dass die israelischen Patienten nicht zu Hause für sich selbst anbauen müssen.

LH: Bei den Patienten bin ich auch nicht für einen Anbau zu Hause. Einerseits verstehen die meisten nichts davon, wie man qualitativ hochwertige Blüten frei von Zusatzstoffen produziert; Analysen können sie wegen der hohen Kosten nicht in Auftrag geben. Es ist viel besser, wenn sie Cannabis verschrieben bekommen, dessen Zusammensetzung genau bekannt ist. Wenn der Patient die ihm entsprechende Sorte gefunden hat, wird er schon wissen, was er in Zukunft nehmen soll. Wenn er zu Hause anbaut, sind die Ergebnisse schwankend, einmal wirken sie bei den Symptomen, ein anderes Mal aber nicht.

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MED: An verschiedenen Orten in Europa sind schon Cannabispräparate erhältlich – beispielsweise Sativex – können diese auch durch natürliche Pflanzen ersetzt werden?

LH: Sativex ist ein teures Medikament. Sein natürliches Äquivalent können wir billiger herstellen. Es gibt Pflanzen, die THC und CBD im Verhältnis 50:50 enthalten, diese könnten Sativex ersetzen. Aber auch die sechs Sorten der holländischen Firma Bedrocan decken nicht die gesamte Palette ab. In Israel werden jährlich mehrere Tonnen Cannabis produziert, mehr als 200 Sorten – da sind wir Bedrocan bei Weitem voraus.

MED: Sie wurden in erster Linie durch die Entdeckung der inneren Cannabinoide bekannt, welche die Heilwirkungen des Cannabis besser erklären. Trotzdem stellt sich, durch die Entdeckungen neuer Cannabinoide und ihrer vorteilhaften Eigenschaften, die Frage, ob wir den Wirkungsmechanismus des Cannabis ausreichend verstehen. Gehen wirklich alle wohltätigen Wirkungen auf das Konto von THC und CBD?

LH: THC und CBD erklären nicht jede Heilung. Wenn man zwei Sorten mit gleichem Verhältnis von TBC zu CBD hat, kann es sein, dass die eine den Zustand verbessert, die andere aber nicht. Das lässt den Schluss zu, dass es eine Synergie mit den übrigen Bestandteilen gibt. Möglicherweise haben nicht nur die Cannabinoide, sondern auch die Terpene, Flavonoide oder andere Bestandteile einen Anteil an der Heilwirkung. Nicht nur in der Cannabisforschung, sondern auch in der Genetik müssen wir Fortschritte machen. Es ist auf eine Vielzahl genetischer Gründe zurückzuführen, wenn in einer Familie viele Menschen früh sterben. Und dann haben wir beispielsweise noch gar nicht über die Komplexität von Krebserkrankungen gesprochen. Vielleicht werden in zehn Jahren persönliche Therapien nach der detaillierten Anamnese der Patienten zur Verfügung stehen, mit ihnen zugeordneten Cannabissorten.

MED: Kann man sagen, dass in gewissen Teilen von Israel und Europa das Cannabis seinen Tabucharakter verliert?

LH: Die Illegalität verursacht noch immer ernsthafte Probleme. Auf Reisen um die Welt fand ich Cannabissorten, die es verdient hätten, untersucht zu werden. Wenn ich sie aber nach Israel einführe, riskiere ich 20 Jahre Gefängnis. Wenn ich außerhalb des Kreises der 20.000 registrierten Patienten Cannabis benutzen würde, wäre das Risiko das gleiche. Und wenn ich unter 18-Jährigen Cannabis geben würde, könnte ich sogar 25 Jahre bekommen. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man für den Besitz einer Bong fünf Jahre Gefängnis bekommen. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, dass die Ärzte lieber nichts von Cannabis hören wollen, weil es für sie mit Illegalität und Gefängnis zusammenhängt. Aufseiten der Patienten ist das Gleiche zu beobachten. Sie vertrauen lieber den traditionellen Medikamenten mit ihren Nebenwirkungen. Ist es nicht paradox, wenn ein Arzt aus Sicherheitsgründen lieber Morphin verschreibt, das, wie allgemein bekannt ist, schwere Nebenwirkungen hat?

MED: Sie sind aus Mazedonien auf diese Konferenz in Budapest gekommen, dort wurde im Mai die therapeutische Anwendung erlaubt. Sie wurden vor der Genehmigung öfter zu Seminaren eingeladen. Könnten Sie uns etwas über den Hintergrund der Entscheidung erzählen?

LH: In Mazedonien wurde vor zwei Jahren das erste Seminar für therapeutisches Cannabis abgehalten, das in dem Land mit 2 Millionen Einwohnern großes Interesse fand. 500 Menschen nahmen daran teil, weitere 300 fanden keinen Platz mehr im Saal. Dieses Jahr wurde Ende Mai, ein paar Wochen vor dem dritten Seminar, schon Cannabisextrakt erlaubt, wobei dessen THC-Grenzwert nicht festgelegt wurde. Ich hoffe, dass es in Ungarn auch so schnell vorangehen wird.

MED: Welche Botschaft haben Sie für die Ärzte und Patienten?

LH: Den Ärzten sage ich, dass sie sich von dem Wort Cannabis nicht ins Bockshorn jagen lassen sollen und sich an erfahrene Spezialisten wenden sollen, die sichere Therapieformen in petto haben. Man muss wissen, dass Cannabis kein Wundermittel ist, nicht jede Krankheit heilt und in seltenen Fällen schädlich für die Patienten ist. Bei der palliativen Therapie hilft es zu 90 Prozent. Den Patienten sage ich aber das, was ich auf einem Seminar von dem Leiter einer pharmazeutischen Organisation hörte: „Solange Cannabis nicht legal ist, kann sich jeder Patient entscheiden, ob er legal stirbt oder illegal seine Krankheit überlebt.“