„Ich stelle mein Leben über ein unsinniges Gesetz”

Thomas Michael Knull ist 48 Jahre alt, schwer krank und schon seit über dreizehn Jahren nicht mehr arbeitsfähig. Er hat eine 17-jährige Tochter und lebt heute als Frührentner in der österreichischen Hauptstadt, nachdem er lange Jahre als Vertriebsrepräsentant für Investitionsgüter und als Key-Account-Manager für verschiedene Telekom-Start-ups in Wien und Salzburg tätig war. Wir sprachen mit Thomas über seine Krankheitsgeschichte und seine persönlichen Erfahrungen mit Cannabis als Medizin.

Thomas Michael KnullMedijuana: Bitte erzähle uns zunächst von deinen gesundheitlichen Problemen und wie du dabei auf Cannabis als Medizin gestoßen bist.

Thomas Michael Knull: Ich bin im Januar 2000 HIV/HCV (Hepatitis C) positiv getestet worden und habe durch so krasse Medikamente wie HAART (eine hoch aktive antiretrovirale Therapie) enorme Nebenwirkungen erfahren müssen. Das waren zum Beispiel Schlafstörungen, häufiges Erbrechen oder Durchfall, verschiedene Schmerzen – zudem habe ich auch das Appetitmangelsyndrom bekommen. Da mir die Ärzte immer mehr Medikamente wie Magenschutz, Schlafmittel, Antidepressiva und so weiter verschrieben und ich infolgedessen immer mehr gesundheitliche Schwierigkeiten bekam, sah ich mich zwangsläufig nach vernünftigen Alternativen um und stieß dabei auf Dr. Kurt Blaas, der in Wien schon vielen Patienten mit Dronabinol helfen konnte. Er verschrieb mir dann auch Dronabinol, und das half mir in vielen Bereichen auch sehr gut. Leider ist Dronabinol aber sehr teuer (stolze 280 Euro für ein verhältnismäßig kleines Fläschchen) und die Kosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen. Deshalb und auch wegen der wesentlich besseren Gesamtwirkung habe ich mir dann illegal Cannabis besorgt und damit die besten Erfahrungen gemacht.

MED: Hält deine Familie zu dir und kannst du mit ihr auch ganz offen über deine Medizin sprechen?

TMK: Ja, glücklicherweise zu hundert Prozent. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich an der holländischen Grenze in Krefeld aufgewachsen bin und Cannabis für meine Familie gar nicht so etwas „Besonderes” war. Ich bin sehr froh darüber, dass meine Familie so voll und ganz hinter mir steht. Auch Freunde und Bekannte unterstützen mich, wo sie können, und teilen meine Ansichten zu diesem Thema.

MED: Konsumierst du deine grüne Medizin eigentlich ganz legal?

TMK: Nein, leider konsumiere ich meine Medizin noch immer illegal. Da ich mein Leben aber über ein unsinniges Gesetz stelle, ist mir das ziemlich egal.

MED: Warum versuchst du dann nicht, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten? Die werden ja in letzter Zeit nicht mehr ganz so zögerlich vergeben wie noch vor ein paar Jahren …

TMK: Eine Ausnahmegenehmigung habe ich nie beantragt, weil ich mich damit nicht eingehender beschäftigen konnte und irgendwie auch gar nicht wollte. Mein Gesundheitszustand war aber jahrelang auch so schlecht, dass mir einfach die Kraft und die Motivation dazu fehlte.

MED: Wie konsumierst du deine grüne Medizin? Mit dem Vaporizer? Oral? Oder doch mit Tabak?

TMK: Tatsächlich rauche ich ganz normale Joints – also mit einer Cannabis-Tabak-Mischung. Zurzeit nehme ich zusätzlich auch noch Rick-Simpson-Öl, um eine im letzten Jahr diagnostizierte Leukämie zu besiegen.

MED: Wie viel Cannabis konsumierst du derzeit täglich?

TMK: Aktuell rauche ich drei bis zehn Joints täglich – das variiert je nachdem, wie ich gerade unterwegs bin. Dazu kommt derzeit dann noch etwa ein Gramm Rick-Simpson-Öl – verteilt auf drei Mal am Tag, also morgens, mittags und abends.

MED: Treten bei dir eher erwünschte oder unerwünschte Nebenwirkungen der Medizin auf?

TMK: Hahaha! Ja, unmotiviertes Lachen kann durchaus schon mal vorkommen – aber damit kann ich gut leben.

MED: Gibt es eigentlich auch andere Mittel oder Medikamente, die dir auch so gut wie Cannabis helfen können?

TMK: Ich kenne zumindest keine – und mir wurden bisher auch noch keine verschrieben, die so gut in der Gesamtheit wirken.

MED: Wie erklärst du deinen Ärzten, dass du jetzt plötzlich gar keine Medikamente mehr benötigst?

TMK: Gar nicht – denn zu denen gehe ich ja gar nicht mehr. Nur Dr. Kurt Blaas genießt mein absolutes Vertrauen. Er ist über mein Krankheitsbild informiert, war aber erst recht skeptisch – wir werden ja sehen, wie es mit mir weitergeht. Die Professoren, die mich bezüglich meiner Leukämie behandelten, haben sich da teilweise so krass widersprochen, dass mein Vertrauen zu den „Göttern in Weiß” gegen Null geht. Im Übrigen würde ich persönlich niemals eine Chemotherapie für mich in Betracht ziehen.

„Ich stelle mein Leben über ein unsinniges Gesetz”

MED: Hast du selbst auch schon mal die repressive Seite unserer Gesellschaft kennengelernt oder hat man vielleicht schon mal versucht, dir den Führerschein wegzunehmen?

TMK: Ich habe wirklich schon mal meinen Führerschein verloren – und zwar in Deutschland. Das war vor knapp zwanzig Jahren und man hatte mich dabei erwischt, wie ich angetrunken Auto gefahren bin. Leider haben die deutschen Beamten in meinem Auto dann auch noch eine benutzte Wasserpfeife gefunden und so musste ich zu so einer – „Idiotentest“ genannten – medizinisch-psychologischen Untersuchung. Dabei wurde dann auch ein Drogentest gemacht – aber letztendlich habe ich meinen Führerschein dann doch wiederbekommen.

MED: Die illegale Selbstmedikation kann langfristig ja trotzdem keine Lösung sein – kämpfst du in irgendeiner Weise dafür, dass sich die Gesetze dahingehend auch in Österreich ändern?

TMK: Ja, seit Jahren rede ich zum Beispiel auf der Kundgebung zum Wiener Hanfwandertag oder auf dem Medizinkongress der Cultiva. Als ich noch verheiratet war, habe ich zusammen mit meiner Exfrau den Hanfwandertag unterstützt bzw. mit unserem damaligen Geschäft gesponsert. Auch der österreichische Hanfverband hatte seine Gründungsadresse auf unserer Geschäftsadresse. Heute spreche ich oft auf Kundgebungen über meinen Fall und wie mir Cannabis medizinisch hilft. In den letzten Wochen habe ich auch verschiedene Interviews bei Servus TV oder ORF2 zu diesem Thema gegeben – ich stehe eigentlich immer zur Verfügung, wenn ich irgendetwas zur Aufklärung und zur Legalisierung beitragen kann.

MED: Wie siehst du heute Cannabis als Medizin und welche Zukunft würdest du dir für diese alte Heilpflanze wünschen?

TMK: Cannabis ist nachweislich bei sehr vielen Diagnosen wie zum Beispiel multipler Sklerose, Epilepsie, Tourettesyndrom und eben auch bei meinen Befunden tatsächlich eine Art Wundermittel. Ich würde mir wünschen, dass wir durch eine Legalisierung von Cannabis als Medizin das ganze Potenzial dieser alten Heilpflanze genauer erforschen und früher oder später einsetzen können. Auch in der Krebstherapie sollte Cannabis eingesetzt werden dürfen – nicht nur, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie, die oft mehr zerstört als heilt, zu ertragen. Es sollte auch als heilendes Mittel genutzt werden dürfen. Da werden tagtäglich Kinder mit hoch toxischen Mitteln getötet, denen mit Cannabis sehr schonend geholfen werden könnte. So etwas halte ich für ein Verbrechen, da diese Kinder zwangstherapiert und gequält werden.

MED: Da kann man ja nur hoffen, dass du hier zum Schluss etwas zu schwarz gemalt hast.

TMK: Nee, nee – nichts mit Schwarzmalerei. Das ist leider die Realität. Hier werden Kinder ganz unnötig und grausam zu Tode gequält, ganz legal und ohne zu fragen, ob es da nicht eine Alternative gäbe. Ich, mit meinen achtundvierzig Jahren, kann mich gegen so etwas wehren und eine Chemotherapie ablehnen. Die armen Kinder und auch ihre Eltern aber nicht. Denn denen wird eingeredet, dass die Chemo die letzte Rettung sei, dabei ist das Schwachsinn! 97 Prozent aller Chemotherapien enden tödlich – wie blöd muss man sein, so einen Wahnsinn mitzumachen und seinen Körper langsam zerstören zu lassen? Darüber muss ich mich aufregen – da kann ich doch nicht einfach sitzen bleiben. Ich finde aber auch, dass die Cannabisprohibitition ein staatliches Kapitalverbrechen an der Gesellschaft ist – und dieses Verbrechen wird auch irgendwann geahndet. Da bin ich mir sicher.