Huichol

Der mexikanische Peyote-Glauben

In Lateinamerika gibt es nur noch wenige Gemeinschaften, die so erfolgreich ihre jahrtausendealte Tradition bewahrt haben wie die Peyote-Gemeinschaft. Ihre Kultur und ihr Lebensraum sind heute vielen Bedrohungen ausgesetzt. Sie aber bemühen sich, mit heiterer Gelassenheit zu reagieren. Ihre erstklassigen psychedelischen Handwerksprodukte begeistern Hunderttausende von Kunstliebhabern.

Huichol - Der mexikanische Peyote-Glauben

Als Tamatz Kayaumari, der älteste der Großen Blauen Hirschbrüder, die Erde Mexikos erblickte, beanspruchte er den Besitz der Götter für sich und beschoss die Erde mit Pfeilen, um Zugang zu ihr zu erlangen. Die ersten Pfeile drangen nicht durch und verwandelten sich in Palmen, Wälder, Kokos, Sand und Felsen. Danach schoss Kayaumari im Traum seinen fünften Pfeil ab, nachdem er ihn mit seinem Blut bestrichen hatte. Der Pfeil und seine Flugbahn wurden zu einem Weg, der die Menschen mit der Welt der Götter verband. Die Götter gingen über diesen Weg auf die Erde. Als aber am nächsten Tag die Sonne aufging, verbrannten sie und wurden unsichtbar. So lautet eine der zahlreichen Mythen der Huicholen – jenes Volkes, das auch den Weg ins Jenseits und das Mittel für den Übergang, den halluzinogenen Peyote-Kaktus, gefunden hat.

In Harmonie mit der WeltIn Harmonie mit der Welt

Als Ursprungsort der Huicholen-Indios gilt San Luis Potosí. Von dort wanderten sie später an die Westküste Mexikos, an den Punkt, wo die Staaten Nayarit, Jalisco, Zacatecas und Durango aufeinandertreffen. Historiker und Ethnologen streiten bis heute über den genauen Zeitpunkt der Migration. Funde belegen, dass sie vor der spanischen Eroberung lag. Neben der Tapferkeit des Volkes kann der Schutz durch die hohen Berge als Erklärung dafür dienen, dass sie die Konquistadoren zurückschlagen und ihre Glaubenswelt und ihre Traditionen bis auf den heutigen Tag bewahren konnten. Die Gemeinschaft der Huicholen, die sich selbst Wixáritari (das Volk) nennen, kann auf eine etwa zweitausendjährige Geschichte zurückblicken, die auch die Kolonisierung überstand. Schätzungen zufolge ist die Gemeinschaft der Huicholen, die Anfang des 16. Jahrhunderts noch 300.000 Köpfe zählte, heute auf 40.000 geschrumpft. Die Hälfte von ihnen lebt einen modernen Lebensstil, die andere Hälfte lehnt aber noch immer den Katholizismus und die moderne Kultur ab und praktiziert ihren schamanistischen Glauben. Man sagt, sie gehörten zu den letzten nordamerikanischen Ureinwohnern, die den Bestrebungen der Eroberer und Missionare trotzten und ihre präkolumbianischen Traditionen bewahrten. Für sie manifestiert sich das universale Leben in jeder natürlichen Daseinsform, daher ist jede Seele mit allen anderen Seelen verbunden. Jedes Lebewesen ist aus den vier Grundelementen der Natur geschaffen: Feuer, Luft, Wasser und Erde. In unseren Seelen verbunden, sind wir alle ein Miniaturuniversum mit ebensolchem Aufbau, der die natürliche und spirituelle Welt gleichermaßen widerspiegelt. Folglich ist alles Wissen der beiden Welten und das Geheimnis in uns zu finden und die Welt ist perfekt eingerichtet. Nach Ansicht der Schamanen kann sich jeder, der mit der natürlichen und spirituellen Welt in Harmonie lebt, davon überzeugen. Es gibt mindestens einen Grund, ihnen Glauben zu schenken, denn in den zweitausend Jahren ihrer Geschichte kannten sie keine Kriege. Wer sich aber tiefere Erkenntnisse über die Natur und das Wirken der spirituellen Kräfte verschaffen möchte, dem sei statt Lektüre ein praktischer Weg empfohlen: der Gebrauch von Peyote – neben Mais und dem Blauen Hirsch ihr dritter Hauptgott.

Pilgerfahrt zum Wissen

Das Beschaffen des richtigen Kaktus selbst ist schon eine ordentliche Reise, denn bei den Huicholen wächst kein Peyote und auch auf den Märkten in der Nähe ist er nicht zu bekommen. Eins der wichtigsten Rituale des Jahres ist Wirikúta, die Pilgerfahrt in der Trockenzeit zwischen März und Oktober, bei der die Schamanen und ihre Familien 400 Kilometer in die Wüsten ihrer Urheimat bei San Luis Potosí zurücklegen. Nach dem Mythos hatte der Blaue Hirsch sich hier geopfert, um zu Peyote zu werden. Das erklärt, warum in dieser Gegend die meisten Peyote-Kakteen zu finden sind. Traditionell legten sie den Weg in drei Monaten zu Fuß zurück. Heute beschleunigen Busse die Ankunft; trotzdem nimmt die Reise zehn bis 15 Tage in Anspruch. Den Blauen Hirsch bitten sie um eine erfolgreiche Reise und machen sich mit Pfeilen ausgestattet, welche die Jagd nach dem Peyote symbolisieren, auf den Weg. Unterwegs sind sexuelle Berührungen untersagt und an einer Station der Reise legen die Pilger Rechenschaft über ihre sexuelle Untreue ab. Damit lassen sie die menschliche Unreinheit hinter sich, um mit neuer, göttlicher Identität ihren Weg fortsetzen zu können. Das Kakteensammeln muss immer mit dem Auffinden einer fünfköpfigen „Peyote-Familie“ beginnen, danach können Einzelkakteen folgen. Schon am ersten Abend konsumieren sie ein wenig von dem Peyote. Dabei rezitiert der älteste Pilger aus der Mythologie der Huicholen – über das Ziel der Pilgerreise und den Ursprung des Universums. Dem schließt sich ein gemeinsames Gebet für die Menschheit und das Universum an. Die Pilger lassen an den heiligen Orten Opfer zurück, um das Wohl ihres Volkes zu sichern. Der Konsum von Peyote und das Eintauchen in die Geisteswelten ziehen sich durch die gesamte Reise. Fünf Tage vor der Heimkunft jedoch essen sie keinen Kaktus mehr, da sie nicht als Götter, sondern als Menschen in ihr Dorf zurückkehren.

Pilgerfahrt zum Wissen

Bedrohte Kultur

Die Traditionen der Huicholen sind durch mehrere Faktoren bedroht. Mit den Berichten über die Pilgerreise Wirikúta setzte in San Luis Potosí der Drogentourismus ein. Obwohl die internationalen Drogenabkommen nur den traditionellen, rituellen Gebrauch von Peyote erlauben, gibt es immer wieder einige Ortsansässige, die reichen Besuchern bereitwillig aus ihren Vorräten zu einem satten Peyote-Erlebnis verhelfen. Andere Touristen machen sich auf die Suche nach den Pflanzen. Die mexikanische Regierung setzte den Peyote schon 1991 auf die Liste der bedrohten Pflanzen, was aber den rekreativen Gebrauch nicht eindämmte. Berücksichtigt man, dass der Peyote langsam wächst und in seiner natürlichen Umgebung gut zehn Jahre benötigt, um sich voll auszubilden, und nicht sachgerechtes Pflücken die Pflanze ihr Leben kosten kann, ist es kein Wunder, dass die Huicholen wegen der Plünderung der Peyotefelder immer größere Schwierigkeiten haben, ihre tausendjährige Tradition auszuüben und ihre Kontakte zur Geisterwelt zu pflegen. Der mexikanische Staat bietet den heiligen Gebieten der Huicholen, die offiziell auch unter dem Schutz der UNESCO stehen, nicht den nötigen Schutz. Neben dem Tourismus gibt es eine noch ernstere Gefahr: den Silberbergbau. Das Bohren gewaltiger Tunnel, die Ausbeutung der Naturschätze und das Hinterlassen von Geisterstädten nach Beendigung der Arbeiten bedroht das Verhältnis der Huicholen zur Natur. Der kürzlich vorgestellte Dokumentarfilm „Huicholes: The Last Peyote Guardians“ (Die Huicholen: Die letzten Wächter des Peyote) zeigt im Detail, wie ein kanadisches Bergbauunternehmen das Leben eines kleinen Huicholendorfes auf den Kopf stellte und wie unvorteilhafte Verträge nicht nur die Huicholen, sondern ganz Mexiko schädigten. Die aufgebrachten Wortführer des Dorfes organisierten eine Demonstration in Mexiko-Stadt und bezichtigten den ehemaligen Präsidenten, seine Versprechen zum Schutz des Kulturerbes gebrochen zu haben. Außerdem sprachen sie auf zahlreichen internationalen Veranstaltungen, woraufhin die Bergwerke vorübergehend geschlossen wurden – gegenwärtig weiß man nicht, für wie lange.

Psychedelische KunstPsychedelische Kunst

Der Peyote selbst hilft den Huicholen, in diesen schweren Zeiten zu überleben – über die Inspiration zu ihrer Kunst. Eine größere künstlerische Vielfalt als bei den Mexikanern ist schon schwer zu finden; die Werke der Huicholen jedoch, die reich an lebhaften Farben und Symbolen sind, lassen sich unmöglich mit den Werken anderer Urvölker vergleichen. Wer schon einmal einen Handwerksmarkt in Mexiko besucht hat, dem sind sicher die auf blauem Hintergrund mit bunten Perlen gelegten Tierformen aufgefallen oder die aus bunten Fäden gewebten Geschichtsabbildungen in Bilderrahmen – die charakteristischsten Schaffensformen der Huicholen. Für sie ist die Kunst eng mit dem Glauben und ihrer Mythologie verbunden. In ihr erscheinen auch ihre Visionen unter dem Einfluss von Peyote. Die Schöpfungen sind also als Kommunikation mit dem Göttlichen zu interpretieren. Nach ihrem Glauben tragen sie zum Wohl der Gemeinschaft bei, zu ihrer Gesundheit, ihrer Fruchtbarkeit. Und nicht zuletzt schmeicheln sie ihrem ästhetischen Empfinden. Auf den meisten Werken sieht man die wichtigsten Götter – den Mais, den Blauen Hirsch und den Peyote. Letzteren immer mit Sicht von oben, in seiner runden Form, in grüner oder blauer Farbe. Jedes gewebte Bild, jede Perlenfigur verfügt über eine solch kräftige psychedelische Erscheinung, die auf jedem Psy-Festival Furore machen würde. Kein Wunder, dass es in den 70er Jahren, als die westliche Kultur über die Arbeiten der Ethnologen die Kunst der Huicholen kennenlernte, eine starke Nachfrage nach den farbenfrohen Kunstwerken gab. Die Ureinwohner fertigen seitdem mit Vergnügen Handarbeiten auch für das breite Publikum an, denn für viele Dörfer bietet dies eine gute Einnahmequelle – nach der Arbeitslosigkeit, die der Schließung der Silberminen folgte. Die Nachfrage beeinflusst natürlich die Kunst grundlegend, sodass man heute nicht nur mit Perlen gelegte und mit Peyote-Mustern verzierte blaue Hirsche und Jaguarköpfe findet, sondern auch Colaflaschen, Gitarren und sogar VW-Käfer, bei denen fraglich ist, ob sie der Handarbeit der Ureinwohner zur Ehre gereichen. Selbst vor der Computerdesign-Welt machte die Kunst der Huicholen nicht Halt. Beim Surfen in Videoportalen findet man zahlreiche Animationen mit Figuren, die in moderner Technik die Mythologie der Huicholen erzählen. Auch nach einem Joint verheißen sie einen angenehmen kulturellen Ausflug.