Hanfhäuser

Was in Asien der Bambus, ist in Europa der Hanf

Obwohl in den letzten Jahrzehnten das Interesse an umweltfreundlichen Technologien und damit auch an umweltfreundlichen Baustoffen ständig gestiegen ist, werden noch immer relativ wenige Passivhäuser gebaut. Nach den Energiesparrichtlinien der EU können ab 2020 nur noch Passivhäuser mit einem Schadstoffausstoß von fast Null gebaut werden. Wie kommt der Hanf dabei ins Spiel?

In den vergangenen Jahrzehnten gab es viele Initiativen, die darauf abzielten, den großindustriellen Hanfanbau auf der ganzen Welt wiederzubeleben. Man träumte vom Aufschwung ganzer Regionen von Osteuropa bis Afrika. Wir haben mehrmals über diese Projekte berichtet. Die Basis dafür ist die absolut nicht neue Entdeckung, dass man aus der sehr faserhaltigen Hanfpflanze Baustoffe herstellen kann, die nicht nur den modernsten Umweltrichtlinien entsprechen, sondern auch sehr viel billiger sind als die herkömmlichen – sagen wir lieber, die gegenwärtig genutzten – Stoffe und Bautechnologien. Blicken wir 50 bis 80 Jahre zurück, müssen wir das Bauen mit Hanf als traditionell bezeichnen.

In einem großen Teil Europas stellten die in den 70er und 80er Jahren errichteten Einfamilienhäuser 60 Prozent der Wohnbauten insgesamt dar, die sogenannten Zeltdachgebäude. Was damals eine zeitgemäße Bauweise war, lässt aus heutiger Sicht, was Energie und Umweltschutz angeht, einiges zu wünschen übrig. Obwohl vielleicht nur zwei Menschen darin leben, ist der Schadstoffausstoß eines solchen Einfamilienhauses so hoch wie der eines modernen Mehrfamilienhauses, in dem vielleicht 100 Menschen leben. Die Wärmeisolierung dieser alten Einfamilienhäuser könnte man in Massenproduktion mit Isoliermaterial aus Hanf umsetzen.

Die Hanfpflanze – die früher in allen Lebensbereichen gar nicht wegzudenken war und in Mittel- und Osteuropa eines der besten Anbaugebiete auf der Welt hat – kann auch für ein solches europäisches Gigaprojekt effektive, billige und umweltfreundliche Grundstoffe bereitstellen. Für sie spricht, dass sie leicht anzubauen ist, relativ anspruchslos ist hinsichtlich der Bodenqualität und man sie nach vier Monaten ernten kann. In Europa wurden in den letzten Jahrzehnten Industriehanfsorten mit ausgesprochen hohem Fasergehalt gezüchtet, die beständig gegen Umwelteinflüsse sind und nur selten eine chemische Behandlung erfordern. Dank dieser Eigenschaften sind die Sorten sehr einfach und sehr wirtschaftlich anzubauen.

Auf einem Hektar kann man so viel Industriehanf anbauen, wie zum Bau eines ganzen Einfamilienhauses nötig ist.

Und wie wird daraus ein Haus? In technologischer Hinsicht sehr einfach: Die Hanffasern werden mit Kalk und Wasser verbunden. Diese Mischung ergibt den Hanfbeton, aus dem man dann verschieden große Ziegelsteine formen kann. Die Ziegelsteine sind leicht formbar. Zum Mauern ist kein Zement nötig. Sie sind sehr feuchtigkeitsbeständig, daher benötigt man nicht unbedingt starke Fundamente – es genügt, aus dem gleichen Material hergestellte Bodenelemente zu verwenden.

Hanfbeton und Bautechnik werden gegenwärtig permanent weiterentwickelt, um die bestmöglichen energetischen und statischen Werte zu erreichen. Bald werden Bauteile aus Hanf für tragende Konstruktionen einsetzbar sein. Dies wäre eine sehr viel umweltfreundlichere Lösung als Holz. Momentan wird viel mit der Verstärkung von Hanfwänden experimentiert. Eine Wand aus Hanfbeton macht einen rustikalen Eindruck und sieht auch ohne Putz gut aus. Aber sie lässt sich auch leicht streichen oder verkleiden.

Leicht, porös, aber wie isoliert sie? Wärmeisolierung und Feuchtigkeitshaushalt sind zwei Hauptfragen – je nach den klimatischen Verhältnissen, in denen wir uns befinden. Hanfbeton ist ein hundertprozentig natürliches Wärmeisolierungssystem. Es funktioniert sogar unter tropischen Bedingungen bei hoher Luftfeuchtigkeit und garantiert zusätzlich eine ausgesprochen gute Wärmeisolierung, sodass wir eine Energieersparnis von 50 bis 70 Prozent erreichen können. Eine bemerkenswerte Eigenschaft der porösen Hanfwände ist der organische, selbst gesteuerte und natürliche Feuchtigkeitshaushalt, da das Kapillarsystem im Inneren der Hanfpflanze die Luftfeuchtigkeit nicht auffängt, sondern wegen ihrer hygroskopischen Eigenschaften absorbiert. Liegt die Feuchtigkeit im Gebäude oder außerhalb hoch, beginnt die natürliche Feuchtigkeitsregulierung durch die Baukonstruktion über die Luft, sodass sich kein Wasser auf der Oberfläche absetzt. Es gibt keinen Dunstniederschlag, der zu unerwünschtem Schimmelpilzbefall führen könnte. Dank des Dunsttransfers ist nach einigen Messungen in andauernder sommerlicher Hitze eine Hanfwand in der Lage, sich selbst zu kühlen. Sie wirkt auch gut bei ständiger Hitze und bei Feuchtigkeit, besondere Rekuperatoren sind nicht nötig. Dies funktioniert natürlich nur bei ständigem Lüften und mit minimalem Wärmeverlust.

In Europa gibt es schon Fertighaushersteller, die grüne Materialien benutzen, zum Beispiel Glas- oder Steinwolle bzw. statt Polystyrolschaum Schafwolle oder milchsäuregetränkte Sägespäne. Die Anwendung von Betonelementen aus Hanf sowie die Verwendung von Isolierstoffen aus Pflanzenfasern beschleunigt nicht nur den Bau von Passivhäusern, sie können auch bei der Isolierung von alten, uneffizienten Gebäuden eingesetzt werden.

Es gibt bereits Firmen, die sich auf die Herstellung von Hanfmaterialien spezialisiert haben, welche nicht nur innen und außen wärmeisolierend, sondern auch schalldämmend wirken. Kurz gesagt stellen sie Baumaterial aus Hanf her, das umweltfreundlich und gesund ist, keine giftigen und schädlichen Chemikalien enthält, nicht von Parasiten befallen wird, feuerfest ist, eine negative CO2-Gesamtbilanz aufweist, über gute akustische Eigenschaften verfügt, flexibel verwendbar ist (gewölbte Wände), dessen Dichte je nach Wandstärke variabel ist und hundertprozentig wiederverwendet werden kann. Aus ihm lassen sich Gebäude mit langer Lebensdauer errichten, die kllima- und erdbebenbeständig sind und nicht nur atmen, sondern – man könnte fast sagen, dass sie mit ihren BewohnerInnen zusammenleben.