Growen im Rhythmus der Natur

Gespräch über Biogrowing, Ökocannabis und Mondphasen

 

Alice Legit (Name ist ein Pseudonym) ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, Gärtnerstochter, Langzeit-Vegetarierin, Halbzeit-Biobäuerin und angehende Bioimkerin. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren erfolgreich mit der Kultivierung von Hanf unter Lampen – in diesem Jahr erscheint ihr Buch „Bio-Grow“ im Schweizer Nachtschatten Verlag. Ihrem ganzheitlichen Lebensstil entsprechend, arbeitet sie dabei nicht nur biologisch, sondern hat die verschiedenen Arbeitsschritte – von der Stecklingszucht über die Düngegabe bis hin zur Ernte – an den Mondrhythmus angepasst. In unserem Interview erzählt Alice Legit unter anderem von der Praxis und den Vorteilen des biologischen Growings.

 

Medijuana: Du bereitest zurzeit ein Grow-Buch vor, das es so auf dem deutschsprachigen Markt noch nicht gibt, es geht ums biologische und ökologische Growing – das hört sich sehr interessant an. Was ist dein Hintergrund? Bist du Landwirtin oder Botanikerin?

Alice Legit: Eigentlich weder noch und doch ein bisschen was von beidem. Meine gesamte Familie besteht im Grunde aus Gärtnern und Landschaftsplanern, wobei sich meine Eltern schon auf biologisches, naturnahes Arbeiten spezialisiert hatten, lange bevor „Bio“ im Trend war. Von daher ist mir das biologische Arbeiten mit Pflanzen praktisch in die Wiege gelegt worden. Ich selbst wollte, als ich alt genug war, dann natürlich in eine ganz andere Richtung, habe eine Zeit lang in der Gastro und im Tourismus gearbeitet, hab dann verschiedene Studienrichtungen ausprobiert und schließlich ein wirtschaftswissenschaftliches Studium auch tatsächlich abgeschlossen. In dieser Zeit hab ich jedoch wieder zu meinen Wurzeln zurückgefunden, sprich: Ich habe gemerkt, dass ich in dieses Spiel nicht einsteigen mag, in dem es nur ums große Geld geht. Ich wollte eine Arbeit, die sich mit meinen ethischen und ökologischen Überzeugungen vereinbaren lässt. Ich fand, über zehn Jahre Vegetarierin zu sein, die zu über 90 Prozent biologisch einkauft, und dann für eine Bank arbeitet, die den Bau von Kraftwerken in China finanziert, für die riesige naturbelassene Täler geflutet werden müssen, passt nicht zusammen. Also bin ich aufs Land und habe dann ein paar Jahre in der Biolandwirtschaft gearbeitet. In dieser Zeit hat mir eine liebe Freundin das Anbauen von Marijuana beigebracht, und gemeinsam haben wir ihre Anlage dann nach und nach auf biologisches und schließlich biodynamisches Arbeiten umgestellt. Mittlerweile habe ich eine Ausbildung zur Imkerin begonnen – damit´s nicht langweilig wird.

MED: Deine Arbeit betont, wie wichtig das biologische Gärtnern ist, insbesondere wenn es um Pflanzen geht, die nach der Ernte gegessen oder eingenommen werden. Wie groß ist der Unterschied zwischen deinen Methoden und der herkömmlichen Growpraxis?

AL: Wie groß? Nun ja, alles ist relativ. Der Unterschied im Geschmacksergebnis ist auf alle Fälle riesig! Wie groß der Unterschied in der Arbeitsweise ist, kommt wohl darauf an, wie bisher gearbeitet wurde. Ich meine, schließlich gibt es nicht die EINE Art anzubauen, sondern zig verschiedene. Aber Unterschiede gibt es zahlreiche: Angefangen damit, dass ausschließlich Bioerde als Anbaumedium verwendet wird, über die verwendeten Düngemittel, ohne die es auch im Bioanbau nicht geht, bis hin zum Verzicht auf chemische Pestizide. Je nachdem, wie man vorher gearbeitet hat, sind es teilweise nur kleine Veränderungen, die vorgenommen werden müssten, um biologisch zu arbeiten, oder aber es bedeutet die Umstellung der gesamten Anlage. Außerdem ist auch bio nicht gleich bio. Wer wirklich stringent umweltschonend arbeiten möchte, muss sich zum Beispiel auch überlegen, woher der verwendete Strom kommt. Ich vergleiche das immer mit Bio-Lebensmittelmarken: Es macht einen Unterschied, ob du Eigenmarken wie Alnatura oder Ja!-Natürlich kaufst, oder doch Demeterprodukte. Geht man von Zahlen aus, die aus dem Lebensmittel-Bereich kommen, so ist allgemein der ökologische Fußabdruck von biologisch produziertem Marijuana sicher um zwei Drittel geringer als von konventionellem. Und das macht auf alle Fälle einen großen Unterschied für die Umwelt! Außerdem ist meiner Meinung nach das Ergebnis ebenfalls konkurrenzlos! Einerseits in geschmacklicher Hinsicht, aber auch, was die Wirkung anbelangt, und vor allem, was die Inhaltsstoffe betrifft – diesem Thema widmet sich ein ganzes Kapitel in meinem Buch. Ich fand es bei meinen Recherchen extrem erschreckend, was so alles in „normalen“ Dünge- und Spritzmitteln enthalten ist und was man sich als Konsument damit direkt in die Lunge zieht.

Und schließlich geht es doch auch darum, das Leben möglichst zu genießen – und Bio-marijuana bietet auf alle Fälle ein größeres Genuss-Erlebnis als jedes konventionelle Gras.

MED: Also verspricht die von dir präferierte biologische Arbeitsweise auch einen höheren Ertrag bzw. eine potentere Ernte.

AL: Potentere Ernte – im Sinne von in der Wirkung stärker – auf alle Fälle! Diese Rückmeldung habe ich nun schon von vielen bekommen. Was den höheren Ertrag anbelangt, ist ein Vergleich natürlich schwierig, weil es davon abhängt, was man davor erwirtschaftet hat. An Ergebnisse von über 600 Gramm pro 600-Watt-Lampe, wie es mir von „Profis“ berichtet wurde, die mit mineralischen, chemischen und zum Teil auch mit Hormonen versetzten Düngemitteln arbeiten, bin ich bisher nicht herangekommen. Über 500 Gramm pro Lampe ist jedoch durchaus drin, wenn die Umgebungsbedingungen passen. Wenn jemand also immer nur 200 oder 300 Gramm erntet, so wie es mir von anderen, „normalen“ Growern auch schon berichtet wurde, kann mithilfe des biologischen Arbeitens auf alle Fälle eine Ertragssteigerung erreicht werden. Wie gesagt: Alles ist relativ.

MED: Unter anderem befasst sich deine Abhandlung sogar mit dem Cannabisanbau nach den Mondrhythmen. Das ist in unseren Gefilden etwas, was im Grunde nie wirklich Thema unter Growern ist. Kannst du erklären, worum es da genau geht bzw. wo die Unterschiede zum „normalen Growing“ liegen?

AL: Die meisten kennen doch alte Weisheiten, wie zum Beispiel, dass man am besten Haare schneiden soll, wenn der Mond im Zeichen des Löwen steht. Diese und ähnliche Regeln gehen davon aus, dass der Mond einen großen Einfluss auf das Leben auf der Erde ausübt. Man weiß heute, dass sich viele Tierwanderungen nach dem Mond richten, aber auch das Auf- bzw. Absteigen von Pflanzensäften wird davon beeinflusst. Früher war es selbstverständlich, ganz viele Arbeiten nach dem Stand des Mondes zu richten – so selbstverständlich, dass es leider nur wenige schriftliche Aufzeichnungen dazu gibt. Trotzdem weiß man, dass dieser „Kult“, wie es manche nennen, auf der ganzen Welt verbreitet war. Dieses Wissen ging in den letzten hundert Jahren jedoch leider größtenteils verloren, und heute wird der Mondeinfluss auf den Menschen und das Arbeiten nach „Mond-Regeln“ von vielen – nett ausgedrückt – für Aberglaube gehalten. Wissenschaftlich ist es so, dass es Studien gibt, die den Mondeinfluss widerlegen, genauso, wie es welche gibt, die ihn belegen. Da ich mich in meinem Studium aber mit vielen Studien beschäftigt habe, traue ich ihnen heute genauso wenig wie irgendwelchen Statistiken. Also haben wir es einfach mal ausprobiert, ob sich irgendwelche Effekte bei den Pflanzen zeigen, wenn man z. B. nach dem Mondrhythmus gießt – und das Ergebnis hat überzeugt!

Beim Arbeiten nach den Mondrhythmen geht es also darum, die verschiedenen Arbeitsschritte, die in einer Anlage anfallen, an den Mondrhythmus anzupassen. Also wirklich alles, das Gießen und Düngen, das Ausbringen von Nützlingen, das Schneiden von Stecklingen und auch das Ernten kann daran angepasst werden, ob der Mond gerade zu- oder abnimmt, in welchem Tierkreiszeichen er sich befindet und ob er auf- oder absteigend ist. In der Praxis bedeutet das, dass an bestimmten Tagen bestimmte Arbeitsschritte getätigt werden, weil sie sich dann besonders positiv auf die Pflanzen auswirken, und andere wiederum unterlassen werden, weil sie sich sonst schädigend, oder zumindest nicht fördernd auswirken würden.

Natürlich muss man dazu auch sagen, dass man auch biologisch arbeiten kann, ohne sich an Mondrhythmen zu halten, und umgekehrt. In meinem Buch werden die verschiedenen Mondregeln bei jedem Arbeitsschritt zusammengefasst, wobei wir auch einen richtigen Grow-Mondkalender in Planung haben.

MED: Du siehst vom Einsatz aggressiver chemischer Insektizide und ähnlichem ab und schwörst ausschließlich auf biologische Maßnahmen. Sind die zu erzielenden Effekte gleichartig, oder gibt es einen Grund, weshalb manche immer noch nicht aufs Biogrowen umgestiegen sind?

AL: Ich glaube, der Hauptgrund, aus dem die meisten noch konventionell arbeiten, ist der, dass sie es eben so gelernt haben und nicht wissen, wie sie es anders machen sollen. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Ich empfehle ja in erster Linie Prävention durch die richtigen Umweltbedingungen, Hygiene und die passenden Temperaturen – das braucht Aufmerksamkeit und Hingabe, die nicht jeder bereit ist aufzubringen. Alle paar Wochen irgendein Insektizid zu spritzen, ist auf alle Fälle weniger aufwändig. Außerdem empfehle ich bei akutem Schädlingsbefall den Einsatz von Nützlingen, anstatt von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Da es aber eine Zeit lang dauert, bis sich die kleinen Helfer verteilt, sattgefressen und vermehrt haben, ist auch nicht ganz so schnell ein Unterschied im Schädlingsbefall zu merken, wie beim Einsatz von Insektiziden. Dafür hält die Wirkung dann länger an, da sich die Nützlinge im Idealfall vermehren und ein Teil des Biosystems in der Anlage bleiben. Ein weiterer, jedoch positiver Unterschied: Bei den Schädlingen stellt sich kein Gewöhnungseffekt ein, wenn man mit Nützlingen arbeitet, es bilden sich keine Resistenzen, wie es bei chemischen Mitteln der Fall ist, wodurch die Schädlinge immer aggressiver und hartnäckiger werden.

Natürlich gibt es auch Schädlingsbekämpfungsmittel, die für den biologischen Anbau zugelassen sind und die im „Ernstfall“ eingesetzt werden können, also dann, wenn es zum Beispiel wegen sommerlicher Temperaturen an die 30° C in der Anlage werden sollte und Massen von Spinnmilben fröhliche Urstände feiern. Der Unterschied dieser Mittel zu konventionellen Pestiziden: ihre Inhaltsstoffe sowie die Halbwertszeit, also jene Zeit, die es benötigt, bis nur noch die Hälfte der Wirkstoffe nachweisbar sind. Dies macht vor allem gesundheitlich einen großen Unterschied für den Konsumenten.

MED: Dein Buch erklärt, wie man indoors biologisch Cannabis anbaut. Was ist mit den Outdoorgrowern? Können die von dir vielleicht auch was lernen?

AL: Ich muss gestehen, ich habe noch nie outdoor angebaut, ich kann also nur von den Erfahrungen anderer berichten. Aber ja, ich glaube schon, dass sich auch outdoors gut biologisch arbeiten lässt. Ich meine, alleine, dass die Pflanzen unter der freien Sonne und in großen Erdtöpfen, oder im Idealfall sogar direkt in der Erde stehen, macht einen großen Unterschied, wie man ja an der Ernte von zum Teil über zwei Kilo pro Pflanze erkennen kann. Auch outdoor kann selbstverständlich mit biologischen Düngemitteln gearbeitet werden, und gewisse Nützlinge lassen sich draußen genauso wie drinnen einsetzen – hier muss man sich jedoch vorher informieren, denn nicht alle sind für unsere klimatischen Bedingungen geeignet.

MED: Was hälst du von den modernen, hochtechnisierten Cannabis-Strains wie den feminisierten und Automatic-Pflanzen? Ist damit das biologische Gärtnern auch möglich?

AL: Hmmm … interessante Frage. Natürlich kann man auch mit feminisierten bzw. Automatik-Pflanzen biologisch und/oder nach dem Mond arbeiten. Ich persönlich schließe solche Pflanzen jedoch für die biologische Grasproduktion aus mehreren Gründen aus. Feminisierte Samen werden mittels Einsatz von chemischen Mitteln und Hormonen, sowie durch Selbstbefruchtung von Pflanzen mit Stresszwittern produziert – nichts von dem ist besonders biologisch oder naturnah. Ganz abgesehen davon, dass viele feminisierte Pflanzen sehr stressanfällig und genetisch instabil sind, wohingegen ich beim biologischen Arbeiten auf besonders robuste Pflanzen setze.

Bei Automatik-Pflanzen ist das etwas anders: Diese werden durch Kreuzung von Ruderalis und Sativa bzw. Indica gezüchtet – an und für sich nichts Schlimmes. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie, ganz egal welcher Lichtzyklus herrscht, in die Blüte gehen. Für mich bedeutet biologisch Anbauen aber auch umwelt- und ressourcenschonend zu arbeiten. Pflanzen, die aufgrund ihrer Genetik jedoch sowieso wenig Ertrag bringen, zwecks geringer Ertragssteigerung 18 bis 20 Stunden pro Tag unter eine Lampe zu stellen, wie das viele machen, passt meiner Meinung nach nicht mit den Grundgedanken des biologischen Anbaus zusammen. Dazu kommt, dass auch Automatik-Pflanzen sehr stressanfällig und noch dazu – im Gegensatz zu feminisierten Pflanzen – nicht einmal zur Stecklingsgewinnung brauchbar sind.

Für mich spricht das alles gegen solche Pflanzen. Ich verwende am liebsten alte Sorten, die sind besonders stabil, stressresistent und ertragreich. Das haben ja auch schon viele andere erkannt, darum gibt es mittlerweile auch Growshops, die sich auf alte Sorten spezialisiert haben.

MED: Neben den ökologischen und gesundheitlichen Vorteilen betonst du auch den wirtschaftlichen Nutzen des Biogrowings. Wie ist der geartet?

AL: Der wirtschaftliche Vorteil begründet sich vor allem durch den geringeren Ressourceneinsatz, sowohl durch das biologische, wie auch das an die Mondphasen angepasste Arbeiten, und natürlich die je nach Ausgangssituation mögliche Ertragssteigerung. Durch das Arbeiten nach den Mondregeln verbrauchen wir weniger Dünger und Wasser, auf Pestizide wird eigentlich ganz verzichtet. Andererseits muss man natürlich dazu sagen, dass biologische Düngemittel zum Teil teurer sind als konventionelle Mittel – wobei meiner Meinung nach die Qualität dieser Mittel absolut vorrangig ist. Und auch Nützlinge kosten Geld, und zwar, je nach Art und Menge, gar nicht so wenig.

Ein riesengroßer Vorteil des Biogrowings ist aber sicher, dass du fast alles von den Pflanzen verwenden kannst. Also nicht nur die Blüten zum Rauchen, sondern auch die Blätter zum roh Essen, Smoothen, Kochen, Backen und Öl Herstellen. Blätter und Abschnitte, die beim Blütenputzen anfallen, würde ich aus konventionellem Anbau niemandem empfehlen zu essen, da über die Magenschleimhäute extrem viele Inhaltsstoffe – also auch jene von Düngemitteln und vor allem von Pestiziden – aufgenommen werden. Und schließlich muss man bedenken, dass in der Grasproduktion auch Pestizide eingesetzt werden, die für die Lebensmittelproduktion gar nicht zugelassen sind, oder in viel höheren Mengen verwendet werden, als es das Lebensmittelschutzgesetz je erlauben würde.

Und sollte Marijuana irgendwann endlich einmal legalisiert werden, wird sich auch der Verkauf von Biogras wirtschaftlich lohnen, da dann – wie es zum Beispiel in den Niederlanden jetzt schon der Fall ist – höhere Preise verlangt werden können, ökonomisch gerechtfertigt oder auch nicht, das sei jetzt einmal dahingestellt.

MED: Hast du zum Schluss noch eine Message an unsere Leser?

AL: Handelt eigenverantwortlich! Überlegt euch, was ihr eurem Körper zuführen wollt und was nicht. Denkt darüber nach, in was für einer Umwelt ihr leben und in welchem Zustand ihr einmal die Welt euren Kindern und Enkelkindern überlassen wollt und richtet euer Handeln danach! Und verliert nie den Mut, schließlich bewegen viele kleine Schritte weitaus mehr als Stillstand.