Freiheitsrechte über alles

Die Kämpfe des Cannabis-Prinzen auf beiden Seiten des Gitters

Nach einer gut vierjährigen Haftstrafe gelangte im Juli 2014 der Prinz des Cannabis wieder auf freien Fuß. Marc Emery, Begründer der Zeitschrift Cannabis Culture und Führer der ersten Cannabispartei Kanadas, war wegen internationalen Hanfsamenhandels verhaftet und in den USA gefangen gehalten worden. Wer aber spielt die Rolle der neuen Public Enemy? Wen jagt man so wie seinerzeit Timothy Leary?

Marc mit seiner Frau Jodie Emery

Das ist alles Nonsens. Sie hätten mich nie der amerikanischen Regierung ausliefern dürfen. Meine eigene Regierung hat mich verraten, deshalb werde ich mich, sobald ich heimkomme, mit einem entsprechenden politischen Skandal revanchieren und eine Kampagne gegen die Konservativen starten, erklärte Marc Emery in seinem ersten Interview nach seiner Freilassung dem Nachrichtenkanal CBC, als er noch auf seine Überstellung nach Kanada wartete. Mit seiner Frau Jodie Emery hatte er schon während seiner Haft Cannabisdemonstrationen in 30 kanadischen Städten angekündigt, sodass die erlebnishungrigen Aktivisten sich schon die Hände reiben können. Was aber bewegt einen fast Sechzigjährigen nach einer langen Gefangenschaft dazu, sich mit frischer Kraft in den Kampf zu stürzen? Wie es in exponierten Aktivistenkreisen nicht selten vorkommt, ist Emery in erster Linie Politiker, den nicht die Legitimierung des eigenen Graskonsums zum Hanfaktivismus geführt hat, sondern einer, dessen gesamte Denkweise von Ideen bestimmt wird, für die er genauso entschlossen eintritt wie für die Sache der Legalisierung.

Die Idee der persönlichen Freiheit

Marc Scott Emery wurde 1958 in London, Ontario, geboren, nach eigenen Angaben in einer liebevollen Familie, in der niemand seine Fähigkeiten einschränkte. Diesem Geiste entsprang sein politischer Aktivismus, der darin gipfelte, dass er mit 22 als Kandidat der kanadischen Liberalen antrat. Ein Jahr später gab er sein erstes Enthüllungsblatt heraus, das nichts mit Cannabis zu tun hatte, sondern Korruptionsfälle und andere Ungerechtigkeiten aufgriff, welche ansonsten nicht die nötige Medienpublizität bekamen. Kurz nach dem Scheitern des Blattes trat Emery mit einer neuen Zeitung unter dem Namen London Metro Bulletin hervor, auf die er seine ganze Arbeitskraft verwandte – von der Recherche, der Herstellung der Fotos, dem Schreiben der Storys und der Redaktion bis zum Vertrieb. In der Zwischenzeit von den Liberalen enttäuscht, gründete er die Unpartei (Unparty), die sich die Einschränkung der Regierungsmacht zum Ziel gesetzt hatte. Diese beiden Projekte boten Emery den Rahmen, um seine individualistischen Ansichten, die die Unabhängigkeit des Menschen und seinen freien Willen in den Mittelpunkt stellten, auszudrücken. Auf die bald aufgelöste Partei der Regierungsgegner folgte 1984 die Partei der Freiheit, für die Emery die Wahlkampagne leitete. In den 80ern demonstrierte er für zahlreiche Anliegen – von den Austragungsorten der Winterspiele, Regulierungen für Mülldeponien bis zur Ladenöffnung an Sonntagen – nur die Cannabisfrage war nicht darunter. Das Eintreten für Dinge, die offensichtlich nicht zusammenhängen, begründete Emery mit dem Gedanken, dass man die Umsetzung der Freiheitsrechte nicht vom Staat erwarten dürfe, sondern man sie nur mit tatkräftigen Aktionen erreichen könne. Die Rechtsbrüche, die er bei seinen Aktivitäten beging, waren seiner Meinung nach moralisch berechtigt, da die kritisierten Maßnahmen und Gesetze die friedliche und lautere Ausübung der Persönlichkeitsrechte verletzten. Er argumentiert, dass in der Geschichte immer wieder Rechtsbrüche zur Überarbeitung von Rechtsvorschriften geführt hätten, drohende Gefängnisstrafen hielten ihn nicht vom Engagement ab und er erreichte mit klarer Argumentation mehrfach die Änderung von Gesetzen. 1990 wandte er sich von der Politik ab und verkündete: Wenn man eine Veränderung will, soll man nicht die eine oder andere Partei wählen, sondern man soll die Gesetze brechen, die der eigenen Meinung nach die Rechte verletzen.

Marc Scott EmeryDie ungerechteste Sache

1984, als Paul McCartney wegen Marihuanabesitzes verhaftet wurde, sprach Emery sich gegen das Grasrauchen aus. Im gleichen Jahr verkündete er seine Quasiabstinenz gegenüber allen bewusstseinsverändernden Drogen, Tabak und Alkohol eingeschlossen, weil er meinte, diese behinderten sein klares Nachdenken über philosophische Fragen. 1990 las er Jack Herers Klassiker “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” (engl. The Emperor Wears No Clothes), der mit einem Schlag seine Meinung über das Cannabis veränderte. Zu seiner größten Überraschung verboten die Gesetze den Verkauf von Büchern oder Videomaterial mit Darstellungen von Produktion, Konsum oder Vertrieb illegaler Drogen, für Zuwiderhandlungen standen 100.000 Dollar Geldstrafe, sechs Monate Gefängnis oder beides zusammen. Emery besaß seit seinem siebzehnten Lebensjahr einen Buchladen, wo er auch das Buch von Herer verkaufte. Der Prinz des Cannabis beging sein erstes Drogendelikt, als er noch keine Ahnung davon hatte und sich ihres Konsums enthielt; sie zu vertreiben, war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen. Als er erkannte, dass die Gesetze versuchten, die Wahrheit über einzelne Mittel zu verschleiern, war das schon genug. Schnell deckte er die rassistischen Ursprünge des Marihuanaverbots auf und erkannte, dass es sich außer gegen die schwarze Gemeinschaft in erster Linie gegen Nonkonformisten und Systemkritiker richtete. Da er wusste, in welchem Maße die Praxis, Konsumenten zu inhaftieren, ganze Familien zerstörte, fand Emery sich plötzlich mit der größten Ungerechtigkeit der modernen Geschichte konfrontiert. Ein vollkommenes Betätigungsfeld für ihn.

Einer seiner Freunde behauptet, Emery sei Cannabisaktivist geworden, weil er über diese Schiene seine Auffassung von der Freiheit am einfachsten zum Ausdruck bringen konnte. Nach der Erkenntnis der Tatsachen schritt er zur Tat und bestellte alle Ausgaben des legendären New Yorker High Times Hanfmagazins und verkaufte sie in seinem Laden. Damit die Aktion den Behörden nicht verborgen blieb, versah er seinen Laden mit einem Transparent: Bei ihm sei erstmals die High Times, die in Kanada schon sechs Jahre auf dem Index stand, erhältlich. Und er lud auch ihren Chefredakteur ein, den Fans die Zeitschrift zu signieren. Doch egal wie er sich bemühte, er organisierte sogar eine Hanfdemo vor der Polizeiwache, man wollte ihn einfach nicht bestrafen. Er musste größere Pläne aushecken. Da er wusste, dass in Vancouver die größte Zahl von Grasrauchern und Züchtern beheimatet war, zog er 1994 dorthin und eröffnete den Hanfsamenladen Hemp BC, wo er auch Bongs, Pfeifen und andere Gerätschaften verkaufte, die zu dieser Zeit in Kanada überhaupt nicht erhältlich waren. 1995 startete er die Zeitschrift Cannabis Canada, die er drei Jahre später in Cannabis Culture umtaufte. Damit gelang es ihm, die Hemmschwelle der Polizei zu überschreiten, die schließlich im Januar 1996 eine Razzia in seinem Laden abhielt, die Waren beschlagnahmte und eine Strafe von mehreren Tausend Dollar verhängte. Emery ließ das kalt und er eröffnete von Neuem. Ein Jahr später verpasste man ihm in einem Interview mit CNN den Namen “Prinz des Cannabis“, den er seitdem stolz trägt. Im Dezember 1997 wurde Emery nach einer neuerlichen Razzia ein paar Tage inhaftiert, jedoch nicht des Samenhandels angeklagt, sondern weil er einen Polizisten, der seine Angestellten beleidigt hatte, anspuckte. In den folgenden Jahren wurde er mehrmals des Samenhandels angeklagt, aber er musste jeweils nur eine Nacht im Knast verbringen, was auf ihn keine abschreckende Wirkung hatte. Um die Sache auch im Parlament zu vertreten, gründete er 2000 die kanadische Marihuanapartei, bei der die völlige Legalisierung des Cannabis an erster Stelle des Programms stand. Ein Jahr später gründete er eine neue Formation mit dem Namen British Columbia Marijuana Party, deren Vorsitz er übernahm. 1999 schloss er sich dem Global Marijuana March an und unterstützte begeistert alle Demonstrationen gegen das Cannabisverbot. 2005 wurde die bisher schärfste Anklage gegen ihn erhoben: Lenkung des internationalen Samenhandels zwischen Kanada und den USA. Schließlich erreichte er, dass man an ihm ein Exempel statuierte. Bei Gefangennahme drohte ihm eine Strafe von mindestens zehn Jahren, doch es konnte auch lebenslänglich werden! Emery schloss seinen Frieden mit dem Gedanken, denn er hatte immer mit einer längeren Haftstrafe gerechnet, er bat nur darum, sie in einem kanadischen Gefängnis absitzen zu können. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Das endgültige Urteil erging Ende 2009 und lautete auf fünf Jahre gemäßigten Vollzug. Die Strafe trat er 2010 in den USA an. Wegen guter Führung wurde er nach gut vier Jahren am 9. Juli 2014 entlassen, aber die Überstellung nach Kanada zog sich noch Wochen hin.

Marc Emery - Pressegespräch

Wo er aufgehört hatte

In seinem ersten Interview mit CBC nach seiner Freilassung sagte er, dass er auch jetzt noch auf seine Taten stolz sei, denn nach seinen zwanzig Jahren Aktivismus zeigten sich jetzt deutliche Ergebnisse: Washington und Colorado geben als erste Staaten Marihuana reguliert frei, und in ganz Amerika und Kanada neigt die öffentliche Meinung zur Legalisierung. Er hob hervor, dass seine Arbeit auch im Gefängnis anerkannt worden war, auch von den Gefangenen, die ihn freundlich behandelten. Er lernte Bassgitarre spielen und wurde Mitglied einer Gefängnisband, sodass er sich mit neuen Kenntnissen und Erlebnissen verabschiede. Man glaube aber nicht, dass Emery im Gefängnis eitel Freude erlebt habe! Abgesehen davon, dass seine Frau sich von ihm trennte, verbitterte ihn, dass die Regierung seines Landes ihn an die Vereinigten Staaten ausgeliefert hatte. Diese Verletzung erwähnte er sofort bei seiner Freilassung und fügte hinzu, dass er alles unternehmen werde, die konservative Regierung zu stürzen. In der Gefängniszeit sei sein Cannabisaktivismus nicht verschlissen und er sei bereit, die begonnene Schlacht für die Legalisierung des Marihuanas zu Ende zu führen, bei der er immer größere Unterstützermassen hinter sich wisse.