Festhalten an einem überkommenen Dogma

Jeff Sessions muss mit einem Krebskranken über medizinisches Cannabis sprechen

Generalstaatsanwalt Jeff Sessions betreibt aktiv Lobbyarbeit im Kongress, um bestehendes Recht, das dem Bund die Einmischung in die Politik der Bundesstaaten hinsichtlich des medizinischen Cannabis verbietet, über den Haufen zu werfen. Da ich selbst an die starken, verfassungsmäßigen Grenzen der Bundesmacht und das Selbstbestimmungsrecht der PatientInnen glaube, bin ich zutiefst enttäuscht. Ich habe eine Krebskrankheit überlebt und ich will über mich selbst bestimmen, daher frage ich mich: Weiß Sessions überhaupt, wie das ist?

Im Jahre 2001 wurde bei mir Krebs im vierten Stadium diagnostiziert. Mein Arzt fand einen großen Tumor in meinem Bauch – die Diagnose klang wie ein Todesurteil. Meine Frau und ich machten schnell ein Testament und ordneten unsere Finanzen, in der Hoffnung, dass meine Frau unser Haus behalten könne, wenn ich sterbe. Nach vielen Stunden in der Chirurgie kam man zu dem Ergebnis, dass mein Krebs mit einem Giftcocktail aus Chemotherapiedrogen, inklusive Cisplatin und Etoposid, behandelt werden könne. Das Todesurteil wandelte sich um in eine Chance, diese Krankheit zu überwinden. Schließlich könnte mir meine Dickköpfigkeit noch gute Dienste erweisen, als Waffe in den langen Monaten des Kampfs gegen den Krebs, dachte ich.

Die meisten wissen, dass man bei Krebsbehandlungen die Haare verliert und unter Übelkeit leidet. Auch Appetitlosigkeit ist üblich – ich nahm während der Behandlung über 20 Kilogramm ab und sah ein wenig aus wie Keith Richards, wenn er ein Glatzkopf wäre. Aber das waren meine geringsten Probleme. Die Zahl meiner weißen Blutkörperchen sank, somit war mein Immunsystem stark bedroht. Ich war anämisch, weil auch meine roten Blutkörperchen durch die endlosen Gaben von Giftstoffen in die Adern zerstört waren. Ich gab mir Injektionen in den Bauch, um einige Zellen in meinem Knochenmark zu retten, und rief damit das unvergessliche Gefühl hervor, meine Knochen würden explodieren. Die Behandlung hatte auch meine Nieren beeinträchtigt, was besonders problematisch war, weil der gewaltige Tumor eine von ihnen schon fast zerstört hatte. Ich leide immer noch unter extremen Nervenstörungen in meinen Beinen und Armen. Insgesamt entspricht meine Erfahrung mit der Chemotherapie dem schlimmsten Kater, den man sich vorstellen kann, multipliziert mit fünf – jeden Tag, ohne Linderung, endlose Monate lang.

Ich lebte im District of Columbia, wo man 1998 medizinisches Cannabis legalisiert hatte. Ich wollte versuchen, damit die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu behandeln. Ich hatte eine Vielzahl von Rezepten gegen diese Nebenwirkungen, Dysfunktionen und Schmerzen, die der Krebs und seine Behandlung verursachten. Der Entzug der Opioide nach meiner ersten Operation war kein Vergnügen gewesen, daher mied ich viele Schmerzkiller, die mir verschrieben wurden.

Ich fand schnell heraus, dass legales medizinisches Cannabis keine Option war, weil das „Barr Amendment“ den republikanischen Kongress durchlaufen hatte und die Implementierung der Legalisierungsinitiative, für die 69 Prozent der WählerInnen gestimmt hatten, blockierte. Diese bittere Ironie war zum Lachen. Ich hatte als Wahlhelfer an der republikanischen Revolution im Jahre 1997 mitgearbeitet. Und damals wurde dieser Bob Barr in den Kongress gewählt. Zu jener Zeit ging es den konservativen Republikanern um den Föderalismus und die verfassungsmäßigen Grenzen der Macht der Bundesregierung. Wir waren der Meinung, dass PatientInnen und ÄrztInnen selbst über die Gesundheitsvorsorge bestimmen sollten und nicht die BürokratInnen in Washington. Jedenfalls war das meine Meinung.

Ich habe diese Geschichte nie in der Öffentlichkeit erzählt und will das auch jetzt nicht tun. Ich bin kein Opfer und heische nicht nach Mitleid. Ich habe alle Hindernisse überwunden, die mir die Krebskrankheit in den Weg geworfen hat, und habe sie bezwungen. Ich bin jetzt krebsfrei. Ich weiß, dass Tausende von PatientInnen einem noch größeren Horror ausgesetzt sind, als ich es war, und diese PatientInnen suchen nach Möglichkeiten, ihre Symptome zu lindern. Eine neue Studie, publiziert in der Medizinzeitschrift der American Cancer Society, belegt, dass überwältigende 74 Prozent der Krebskranken in Seattle, wo medizinisches Cannabis legal ist, überlebt haben und von ihren Ärzten mehr Informationen über die „Droge“ verlangten.

Die Zeiten haben sich geändert. In vielerlei Hinsicht haben meine liberaleren Ansichten zum Cannabis seit der Zeit des „Barr Amendments“ in der Republikanischen Partei an Einfluss gewonnen. 2009 wurde das „Barr Amendement“ abgeschafft. Barr selbst trat für eine Veränderung ein. Eine andere konservative Republikanerin namens Dana Rohrabacher brachte schließlich im Dezember 2015 eine Änderungsvorlage durch, welche die Einmischung des Bundes in mitgliedstaatliche Entscheidungen über medizinisches Cannabis verbietet. Selbst Präsident Donald Trump hatte unzweideutig gegenüber Fox News seine Unterstützung für medizinisches Cannabis erklärt: „Ich bin 100 % dafür.“

An diesem Punkt bringen Sessions Ansichten über das medizinische Cannabis ihn in Widerspruch zur großen Mehrheit der AmerikanerInnen und zu seinem eigenen Boss, Präsident Trump. Sie widersprechen auch den konservativen Prinzipien, für die er einzutreten vorgibt. Die Republikaner im Kongress müssen deshalb seine Einmischung in die Legislative ablehnen und dafür sorgen, dass das „Rohrabacher Amendment“ als Landesgesetz bestehenbleibt.

Warum also Sessions Besessenheit in Bezug auf die Anwendung der Bundesgesetze auf medizinisches Cannabis? „Gute Menschen rauchen kein Marihuana“, meint er. In seinem Brief vom Mai 2017, in dem er im Kongress Stimmung gegen das „Rohra-bacher Amendment“ macht, geht er sogar noch weiter und gibt sich beunruhigt über „signifikante negative Auswirkungen auf die Gesundheit“ durch Marihuana. Ich nehme an, dass er diese negativen Auswirkungen nie bei einer Krebsbehandlung im Stadium 4 erfahren hat.

Ich möchte gern einige PatientInnen, für die medizinisches Cannabis nicht nur sicher und effektiv, sondern auch lebensverändernd ist, nennen: Christine, die Cannabis benutzt, um die kräftezehrenden Schmerzen aufgrund eines Gehirntumors in den Griff zu bekommen; Amanda, die Cannabis nimmt, um trotz ihrer Multiplen Sklerose mobil zu bleiben; Doug, dessen Tochter Ashley eine Cannabistinktur zur Behandlung ihrer Epilepsie benutzt und die vorher unter brutalen Krämpfen litt, und schließlich Audra, deren 80-jährige Großmutter Cannabissalbe verwendet, weil sie ihr hilft, mobil zu bleiben und morgens aus dem Bett zu kommen.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: ©2018 National Review