Es ist nicht einfach, sich in Deutschland Cannabis verschreiben zu lassen

Interview mit Florian Rister vom Deutschen Hanfverband

Im März 2017 wurde Cannabis für medizinische Zwecke in Deutschland legalisiert. Das Gesetz selbst ist recht fortschrittlich, da es den Gebrauch von Cannabis bei allen Krankheiten zulässt, dennoch gibt es für viele PatientInnen hohe Barrieren. Über die Erfahrungen mit dem Gesetz im ersten Jahr haben wir mit Florian Rister, stellvertretender Geschäftsführer des DHV, im Detail besprochen.

Medijuana: Deutschland hat in jüngster Zeit medizinisches Cannabis verfügbar gemacht. Was sind die ersten Erfahrungen der Ärzte und Patienten?

Florian Rister: Nun, wir haben seit März 2017 ein neues Gesetz, das besagt, dass alle Ärzte, mit Ausnahme von Zahnärzten und Tierärzten, medizinisches Cannabis als reguläres Betäubungsmittel verschreiben können. Das ist natürlich ein recht fortschrittliches Gesetz, das viele Menschen begrüßen, denn es geht viel weiter als die Gesetze anderer europäischer Länder, aber es gibt immer noch viele Probleme. Auf der einen Seite gibt es 15.000 Menschen, die sich ihr Cannabis von den Krankenkassen bezahlen lassen, was großartig ist, denn vielen verschafft das Erleichterung, aber es gibt immer noch viele, die Schwierigkeiten haben, medizinisches Cannabis zu bekommen, sogar mit einem Privatrezept, das sie selbst bezahlen müssen. Wir haben also Patienten, die Schwierigkeiten haben, einen Arzt zu finden, und sobald sie es geschafft haben, ist eines der größten Probleme der Preis, der in den Apotheken bei etwa 25 Euro pro Gramm liegt. Das ist das Dreifache des Schwarzmarktpreises.

MED: Es gibt also Patienten, die Cannabis lieber auf dem Schwarzmarkt kaufen?

FR: Ja, viele von ihnen müssen es tun, denn Privatrezepte übernimmt die Krankenkasse nicht. Also kaufen sie einmal im Monat oder einmal im Jahr Cannabis in der Apotheke, nur um ein Rezept zu haben, als Beleg für den legalen Drogenbesitz, den Rest aber kaufen sie auf dem Schwarzmarkt.

MED: Was sagt das Gesetz über Patienten, die Cannabis auf dem Schwarzmarkt kaufen? Können sie wie alle anderen bestraft werden?

FR: Es gibt keinen Unterschied. Als Patient haben sie den gleichen Status wie alle anderen, aber sie haben eine gute Chance, dass die Polizei nie von ihrem illegalen Kauf erfährt. Mit Vorliegen des Rezepts und einer Quittung aus der Apotheke, die besagt, dass sie 10 bis 20 Gramm Cannabis gekauft haben, muss die Polizei beweisen, dass sie das konfiszierte Cannabis nicht legal erworben haben. Rechtlich gesehen ist es also etwas sicherer für die Patienten, Cannabis auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, als für die normalen Konsumenten, aber es fehlt natürlich die Qualitätskontrolle.

MED: Am Beispiel von Colorado können wir sehen, dass die Preise anfangs hoch waren und später langsam fielen. Glauben Sie, dass in Deutschland etwas Ähnliches passieren wird?

FR: Nein, das ist nicht zu erwarten, denn die hohen Preise sind durch das Gesetz bedingt, das die Apotheken zu einem Preisaufschlag von 100 Prozent zwingt. Lassen Sie es mich erklären: Apotheken kaufen die Blüten und müssen sie für die Patienten aufbereiten, was hohe Kosten verursacht. Wenn ein Arzt Cannabisblüten verschreibt, muss die Apotheke die Dose öffnen, an dem Inhalt riechen, ihn zu Pulver zermahlen und von übrig gebliebenen Stängeln oder Samen reinigen. Obwohl viele Patienten die unberührte Blüte wollen und die Apotheken sie auch so ausgeben können, müssen sie dennoch 100 Prozent Aufschlag erheben. Es ist keine Entscheidung der Apotheken, sondern Vorschrift. Und das macht den hohen Preis in Deutschland aus – die Hälfte des Preises, den die Patienten zahlen müssen, ist die obligatorische Zuzahlung. Selbst wenn die Produktionskosten sinken und Cannabis billiger wird, kostet es am Ende den Patienten immer noch rund 20 Euro.

MED: Woher kommt das medizinische Cannabis in Deutschland? Wird es von lizenzierten Züchtern hergestellt oder aus dem Ausland importiert?

FR: Derzeit wird das gesamte Cannabis aus den Niederlanden und Kanada importiert. Wir hatten eine Ausschreibung in Deutschland für die Vergabe von Lizenzen für den Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke. Die Vorgaben waren wirklich problematisch, denn man konnte die Ausschreibung nur gewinnen, wenn man bereits mindestens 50 Kilogramm medizinisches Cannabis angebaut hatte.

MED: Aber vorher war es illegal, Cannabis zu produzieren!

FR (lacht): Genau! Das hätte man höchstens mit einem Strafverfahren nachweisen können, die Cannabisagentur wollte aber natürlich nur legale Cannabisproduzenten. Es war also unmöglich, diese Ausschreibung zu gewinnen. Glücklicherweise wurde diese Ausschreibung von einem Richter wegen falscher Berechnungen gestoppt. Unglücklicherweise führt das dazu, dass Deutschland wahrscheinlich bis 2020 kein eigenes medizinisches Cannabis haben wird und es weiterhin aus den Niederlanden und Kanada beziehen muss. Deutschland ist ein riesiger Markt mit vier Millionen illegalen Cannabiskonsumenten und 30.000 Cannabispatienten. Und diesen Markt bedienen derzeit Unternehmen aus anderen Ländern. Wir können verstehen, dass die Regierung Belege von den Unternehmen verlangt, dass sie Cannabis in medizinischer Qualität auf einem standardisierten Niveau produzieren, aber wir verstehen nicht, warum die Regierung den Aufbau einer deutschen medizinischen Cannabisindustrie verhindert. Das ist einfach verrückt. Im Jahr 2020 werden die kanadischen Unternehmen so stark sein, dass es schwer sein wird, mit ihnen zu konkurrieren.

MED: Welche anderen Cannabisprodukte gibt es für die Patienten außer den Blüten?

FR: Derzeit gibt es mehr als zwanzig Cannabissorten in Deutschland. Außerdem gibt es pharmazeutische Produkte wie Dronabinol von Bionorica, das reines THC ist, und Sativex von GW Pharmaceuticals, das CBD und THC enthält. Außerdem gibt es Cannabisöl von Tilray.

MED: Ich nehme an, dass sie – auf einen Monat berechnet – teurer sind als Cannabisblüten.

FR: Wenn man sich den THC-Preis ansieht, sind sie viel teurer!

MED: Was sind die Haupttypen von Symptomen und Krankheiten, für die die Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis verschreiben können?

FR: Deutsche Ärzte können Cannabis bei allen Krankheiten verschreiben; es gibt keine staatliche Liste. Die Ärzte müssen entscheiden, ob Cannabis bei dem jeweiligen Patienten wirksam ist oder nicht. Ich würde sagen, dass Cannabis hauptsächlich zur Schmerzreduktion, bei Fibromyalgie, Multipler Sklerose und ADHS verschrieben wird. Wahrscheinlich sind das die wichtigsten, aber es gibt keine Datenbank, um das anhand der Rezepte nachzuprüfen.

MED: Wenn Sie zum Beispiel unter der Parkinsonkrankheit leiden und Glück haben, können Sie Ihren Arzt davon überzeugen, Ihnen Cannabis zu verschreiben.

FR: Genau. Selbst wenn Sie Krankheiten haben, die Sie nicht besonders beeinträchtigen und Ihnen Cannabis hilft, wie bei Schlafstörungen, kann der Arzt es Ihnen verschreiben, wenn er von der Wirkung überzeugt ist.

MED: Wie bekommt man die Unterstützung der Krankenkasse? Und was kann man ohne sie tun, wenn man nicht genügend Geld hat, um sich Cannabis leisten zu können?

FR: Die Patienten können ihr Cannabis von der Krankenkasse bezahlen lassen, aber nur, wenn sie unter einer schweren Krankheit leiden. Leider gibt es keine Liste der schweren Krankheiten, sodass Ärzte und Krankenkassen entscheiden müssen, was darunter fällt. Eine der größten Einschränkungen vonseiten der Versicherung ist, dass der Patient alle regulären Medikamente, alle verschreibbaren Medikamente ausprobiert haben muss – alles, was es gibt. Das verhindert in vielen Fällen, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Viele sind nicht bereit, Opiate und andere gefährliche Medikamente auszuprobieren, wenn klar ist, dass Cannabis ihnen schon seit 10 bis 20 Jahren hilft. Selbst wenn der Arzt ihrer Meinung ist, bezahlt die Krankenversicherung ihnen das medizinische Cannabis nicht.

MED: Bei Multipler Sklerose zum Beispiel kann es zehn Jahre oder länger dauern, bis man alle Medikamente ausprobiert hat. Kann man in der Zwischenzeit Cannabis ohne Krankenversicherung bekommen?

FR: Ja, auf Privatrezept für 25 Euro pro Gramm. Wenn Sie sich das auf die Dauer nicht leisten können, sind Sie in der Klemme.

MED: Verfügen die Ärzte über genügend Wissen über Cannabistherapien?

FR: Die meisten Ärzte nicht. Etwa 99,9 Prozent von ihnen wollen kein Cannabis verschreiben oder sie wissen nicht, wie das funktioniert und was in verschiedenen Fällen zu berücksichtigen ist. Die gute Nachricht ist, dass die kleine Zahl der Ärzte, die bereit sind, Patienten mit Cannabis zu behandeln, nach der Verabschiedung des neuen Gesetzes langsam, aber stetig steigt. Wir erwarten eine weitere Veränderung, denn es gibt immer mehr Schulungen, Kongresse und Tagungen zu diesem Thema. Einige Ärzte sind prinzipiell gegen die Verschreibung von medizinischem Cannabis, aber viele haben eine andere Einstellung dazu und wir sehen unterschiedliche Akteure, die sich an diesem Markt beteiligen wollen. Manche versuchen, Ausbildungsprogramme für Ärzte einzurichten, in denen sie offizielle Leistungspunkte in ihrem Fortbildungssystem erhalten können. Ich glaube, in den nächsten zwei bis drei Jahren wird bei den Ärzten viel geschehen.

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