Es gibt noch eine Alternative!

Dr. Kurt Blaas über Cannabis als Medizin in Österreich

Im Jahre 2000 wurde die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (CAM Österreich) gegründet. Der Verein spielte eine riesengroße Rolle bei der Einführung von Cannabinoid-Medikamenten in Österreich, und sein Vorsitzender, Dr. Kurt Blaas, ist der Meinung, dass die Pflanze in einigen Jahren für schwerkranke Patienten auch legal zugänglich sein wird. Bis dahin jedoch gibt es cannabinoidhaltige Kapseln, Tabletten und ölige Suspensionen sowie heftige Diskussionen zum Thema. Dr. Blaas, einer der Ärzte, die diese Medikamente verschreiben können, hat uns über seine Erfahrungen und über die Probleme in diesem Bereich erzählt.

 

Medijuana: Wie beurteilen Sie als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin die Situation von Cannabis in Österreich, sowohl im medizinischen als auch im rekreativen Bereich?

Kurt Blaas: Ich glaube, es ist schwierig, eine Grenze zwischen medizinischer und rekreativer Verwendung zu ziehen. Es gibt eine Gruppe – eine sehr große Gruppe von Menschen – für die Cannabis eine soziale Rolle spielt. Die ganze Geschichte beginnt meist bei der Pflanze, und da ist es egal, ob man Cannabis als Medikament oder als Suchtmittel konsumiert. Heutzutage gibt es sehr viel privaten Anbau, ich würde mal sagen, dass jeder Dritte in Österreich etwas mit Cannabis zu tun hat. Dadurch funktionieren die Headshops so gut, sie machen ein unglaubliches Geschäft. Obwohl auch der private Anbau verboten ist, ist es meiner Meinung nach besser, wenn man die Pflanze nicht auf dem Schwarzmarkt kauft, sondern selbst anbaut oder von einem Freund bekommt. Damit ist aber das Problem noch nicht gelöst: zum ersten oder zum zweiten Mal kommt man mit den Gesundheitsbehörden im Kontakt, wenn die Polizei eine geringe Menge findet. Aber beim dritten Mal wird der Fall an das Gericht weitergeleitet, und es kann sogar zu einer Haftstrafe kommen. Aber die Gefängnisse sind überfüllt, die Gerichte überstrapaziert, und das Ganze kostet den Staat sehr viel Geld. Ich denke, dass die Art und Weise, wie Holland mit dem Thema umgeht, eine sehr gute Lösung sein könnte. Dann dürfte man eine geringe Menge für den Eigenbedarf anbauen. Auch in einigen Kantonen in der Schweiz wurde diese Lösung erfolgreich eingeführt.

M: Womit beschäftigt sich Ihre Arbeitsgemeinschaft?

KB: CAM Österreich beschäftigt sich nur mit dem medizinischen Bereich, unser Ziel ist es, Cannabis für medizinische Zwecken legal verschreiben zu können. Ich habe auch eine Ordination eröffnet, und habe ungefähr dreihundert Patienten. Wenn ich von Neuen angerufen werde, besprechen wir zunächst, ob sie ein medizinisches oder ein soziales Problem haben. Es ist an dieser Stelle wichtig anzumerken, dass eher nicht mehr ganz junge Leute zu mir kommen. Es sind Fünf-zig-, Sechzig- und Siebzigjährige, teils sehr schwierige Fälle. Mein ältester Patient ist 86, er vaporisiert den Stoff. Meistens kommen diejenigen, die festgestellt haben: ach ja, da gab es doch noch eine Alternative zu den Medikamenten, die der praktische Arzt verschrieben hat, es gibt ein natürliches Medikament ohne Nebenwirkungen, was aber gut wirkt.

M: Können Sie dann auch Cannabis Flos verschreiben?

KB: Nein, das geht leider nicht, ich kann ihnen nur Dronabinol aufschreiben. Dronabinol ist ein Medikament in Kapselform, hergestellt von der Firma Bionorica, das reines THC enthält. Aber es gibt auch andere Verabreichungsformen, zum Beispiel ist es auch in öliger Suspension erhältlich. Aber das Wichtigste ist, dass Dronabinol an und für sich reines THC ist.

M: Wie viele von den Leuten, die Ihre Praxis aufsuchen, können dieses Medikament bekommen?

KB: Etwa siebzig Prozent. Man kommt zu mir, wir führen ein längeres Gespräch, und danach kann ich entscheiden, ob man ein Rezept braucht, oder nicht. Es handelt sich hierbei um ein Suchtmittelrezept, es ist also kompliziert zu handhaben. Dann geht man zur Apotheke, und dort kann man das Medikament besorgen. Die Substanz ist aller-dings sehr teuer, eine Kapsel die 2,5 mg THC enthält, kostet zwischen 0,7 und 2 Euro.

M: Wie viel braucht man davon?

KB: Es hängt von der Krankheit ab, aber die durchschnittliche Menge pro Tag liegt bei 7-12 mg. Also wenn man das privat zahlen muss, ist das nicht wenig. Ich glaube, deswegen kommen lieber ältere Leute zu mir, denn sie geben eher auch mal etwas mehr Geld für das Medikament aus, da ihnen die Lebensqualität sehr, sehr wichtig ist. Die jüngeren sagen sich wahrscheinlich, dass sie sich die Pflanze auch selbst beschaffen können. Der Vorteil der medizinischen Versorgung liegt jedoch darin, dass man – wenn man einmal bei mir war und nach einer entsprechende Diagnose das Rezept bekommen hat –die Substanz anschließend grundsätz-lich immer wieder bekommen kann. So einfach ist es nicht überall. In Deutschland zum Beispiel gibt es kaum Ärzte, die Dronabinol verschreiben können. Ich habe Patienten, die von Frankfurt bis nach Wien angereist kamen, um das Rezept und das Medikament zu bekommen.

M: Bei welchen Krankheiten kann den Patienten das Medikament verschrieben werden?

KB: Momentan ist es so, dass ich als Arzt nach meinen persönlichen Kriterien einfach entscheide, ob dieses Medikament für den jeweiligen Patienten geeignet wäre. Derzeit gibt es noch keine Richtlinien, keinen Diagnoseschlüssel, der eindeutig besagt, dass man nur mit diesen oder jenen Symptomen das Medikament erhalten darf. Für mich ist z.B. eine Voraussetzung, dass der Patient schon viele andere Medikamente ausprobiert hat, die gar nicht oder nur unzureichend geholfen haben bzw. starke Nebenwirkungen hatten. Darüber hinaus kommt es auch oft vor, dass der Patient noch nie die Möglichkeit hatte, Dronabinol mit anderen Medikamenten, z.B. Antidepressiva oder starken Schmerzmitteln zu kombinieren.

M: Wie haben Ihre 300 Patienten die Praxis und damit diese Behandlungsmöglichkeit gefunden, und woher kommen die Neuen? Machen Sie z.B. Werbung?

KB: Nein, ich mache gar keine Werbungen, weil Cannabis sogar als Medizin gesellschaftlich noch nicht ausreichend akzeptiert ist. Natürlich könnte ich zum Beispiel in einer Tageszeitung Inserate aufgeben, aber ich denke, ich würde mir damit nur Feinde machen. Also die Leute können meine Praxis erstens über Mundpropaganda finden, aber sehr leicht geht es auch über das Internet. Wenn man bei Google „Cannabis Medizin Behandlung“ eingibt, erscheint unter ande-rem mein Name. Dort kann man sich dann die Webseite der Praxis anschauen.

M: Zu Beginn des Gesprächs haben Sie gesagt, dass Sie mit der Arbeitsgemeinschaft erreichen möchten, den Patienten Cannabis legal verschreiben zu dürfen. Sollte Ihnen dies gelingen, könnte es zu Unstimmigkeiten mit der Pharmaindustrie kommen, denn ich denke, es könnte für die Industrie nicht gerade von Vorteil sein, dass Patienten legal Weed beschaffen können.

KB: Das glaube ich eigentlich nicht. In jeder Sparte der Medizin gibt es eine Vielfalt von Möglichkeiten, bei jeder Krankheit gibt es ein gemeinsames Ziel und diverse Medikamente. Das sollte in der Cannabis-Me-dizin genauso sein. Die Firma Bionorica zum Beispiel möchte ein Medikament produzieren, das vorwiegend Cannabidiol enthält. Dann gibt es zum Beispiel auch Sativex, das sich aus THC und CBD zusammensetzt.

M:  Aber die Pflanze beinhaltet ja sowohl THC als auch CBD.

KB: Ja, aber in der Medizin ist jeder Arzt stets darum bemüht, den Patienten ein Medikament zu verabreichen, das rein, überprüft und pharmakologisch zugelassen ist. Auch beim Hanf geht dies nur durch starke Standardisierungsprozesse.

M: Genau, wie in Holland?

KB: Ja, und wir wollen etwas Ähnliches erreichen hier in Österreich. Medizinischer Cannabis wird dort von der Firma Bedrocan hergestellt, sie haben verschiedene Sorten mit verschiedenen Cannabinoidprofilen entwickelt, die standardisiert sind. Es gibt z.B. eine Sorte mit 18 Prozent THC, eine andere mit 13 Prozent THC und 1 Prozent CBD und so weiter. Momentan sind sie dabei, eine Sorte zu entwickeln, die nur CBD enthält. Also, wenn wir natürlichen Cannabis verschreiben könnten, hätten wir mehr Möglichkeiten. Das heißt aber nicht, dass man dabei die anderen Medikamente vergessen sollte. Deshalb ist die Pharmaindustrie sowieso immer involviert. In Israel will die Pharmaindustrie zum Beispiel Cannabis Flos in Form einer kleinen Münze einführen, die dann etikettiert und zum Vaporisieren verwendet werden kann. Da gibt es schon sehr viele Medikamenten, die irgendetwas mit Cannabinoiden oder mit dem Cannabinoidsystem der Menschen zu tun haben.

M: Und – wirken alle gleichermaßen gut, oder gibt es auch sozusagen Sackgassen?

KB: Meistens wirken diese Medikamente sehr gut, aber dennoch gab es mit einem der Präparate ernsthafte Probleme, und zwar mit dem Rimonabant, einem Cannabis Rezeptor-Blocker. Die Entwickler hatten geglaubt, dass man durch das Blocken der CB1-Rezeptoren das Hungergefühl unterdrücken könnte, aber gleichzeitig wurde auch jegliche Euphorie unterdrückt, sodass die Patienten in tiefe Depressionen fielen. Einer von ihnen hat Selbstmord begangen. Die Entwickler waren davon ausgegangen, dass sie den Stein des Weisen gefunden hatten, jedoch wussten sie damals noch nicht, dass man sich nach einer Blockade der CB1-Rezeptoren überhaupt nicht mehr wohl fühlen kann.

M: Das hätte aber doch logisch sein müssen…

KB: Sie haben es halt nicht gewusst, oder glaubten, dass dem keine Bedeutung zukäme. Andererseits haben sie für dieses Medikament Millionen, vielleicht sogar eine Milliarde Euro ausgegeben. Natürlich kann Rimonabant heute nicht mehr verschreiben werden, zumindest unter diesem Name nicht mehr…

M: Was glauben Sie, ab wann werden die Ärzte in Österreich Cannabis Flos verschreiben dürfen?

KB: Vor einem Jahr haben wir eine Petition zum Thema Cannabis als Medizin formuliert, bis jetzt haben wir ungefähr 5-6 Tausend Unterschriften. Das ist schon gar nicht so schlecht. Ich glaube mit ein paar Tausend mehr können wir uns schon politisch engagieren. Mit diesem Projekt wollen wir keine Liberalisierung und auch keine Entkriminalisierung erreichen, sondern lediglich ein medizinisches Hanfprodukt legalisieren lassen. Aber ich denke, dass dies kein österreichisches Problem ist, und es letztendlich nicht hier, sondern auf EU-Ebene ent-schieden wird, vielleicht in ein paar Jahren. In einigen Ländern, zum Beispiel in Italien oder Deutschland, kann man Cannabis Flos im Rahmen des Ausnahmeparagraphen bekommen. Dies betrifft zwar nur sehr wenige Leute, aber das Wichtigste ist, dass zumindest eine Regelung existiert. Wenn erst einmal juristische Regelungen da sind, wird es darum gehen, für wie viele Leute das Medikament zugänglich gemacht wird? Und dafür kämpfen wir jetzt.

K.H. Mint