Erfahrung in der Praxis

„Ich habe das israelische Medizinalcannabis-Programm aufgebaut“

Auf der Prager Cannafest-Messe hatten wir Gelegenheit, mit Dr. Yehuda Baruch, einem der zahlreichen Referenten der Professional Conference, zu sprechen. Wir fragten ihn nach seiner Rolle beim Aufbau des weltweit bekannten israelischen Cannabisprogramms und nach seinen Praxiserfahrungen.

Medijuana: Wie und wann kamen Sie mit medizinischem Cannabis in Berührung?

Dr. Yehuda Baruch: Im Jahr 2002 wurde ich Vorsitzender der Medizinischen Abteilung im israelischen Gesundheitsministerium. Zu dieser Zeit wurde Dr. Boaz Lev Generaldirektor, er war seit 1992 mit dem Cannabisprogramm betraut und fragte mich, ob ich seine Aufgaben übernehmen möchte. Das war also mein Einstieg. Zu Beginn, sagen wir mal so, war ich nicht so enthusiastisch – ich war der Vorsitzende des Antiabhängigkeitsprogramms und dachte mir, ehrlich gesagt, da geht’s nur um ein paar Leute, die gerne auf legalem Weg high werden wollen.

MED: Also wie gewohnt …

YB: Ja, wie gewohnt [lächelt], und ein Jahr später ungefähr wurde ich von einem Patienten kontaktiert, einem Krebspatienten. Er wollte mir danken, er wusste, dass es seine letzten Tage sein würden; er starb auch wirklich eine Woche später, aber er wollte mir danken, dass er die Möglichkeit bekommen hatte, sich mit Cannabis behandeln zu lassen, und ihm somit erlaubt wurde, sich in Würde und schmerzfrei von seiner Familie und seinen Freunden zu verabschieden. Und in diesem Moment – und immer, wenn ich davon erzähle – hatte ich Tränen in den Augen.

MED: Wie begann das Cannabisprogramm in Israel?

YB: 1992 wurde die erste Bewilligung für Medizinalcannabis erteilt aufgrund eines Gerichtsurteils. Von da an bis zu meiner Übernahme 2002 wurden 64 Bewilligungen erteilt. Ich habe das Amt 2002 übernommen und 2012 die Arbeit beendet. 2012 hatten wir insgesamt ungefähr 12.000 aktive Patienten und über 20.000 Bewilligungen, wovon einige Patienten leider schon verstorben sind oder die Bewilligung anderweitig beendet wurde.

MED: Was genau war Ihre Rolle in diesem Medizinalcannabis-Programm? Und wie sehen Sie dessen Erfolg?

YB: Genau genommen habe ich das Programm aufgebaut und implementiert. Ich habe auch Verbesserungen eingebracht, die in Zukunft hoffentlich noch umgesetzt werden. Wenn ich das System nochmal neu aufbauen könnte, würde ich einige Dinge anders machen – ich habe einige Fehler gemacht, die hätten vermieden werden können. Zu Beginn haben wir es den Patienten erlaubt, selbst für sich anzubauen, da wir dachten, dass es für sie unzumutbar ist, sich auf dem Schwarzmarkt versorgen zu müssen. Denn man kann nie wissen, was man bekommt, und selbstredend gibt es keine Qualitätskontrolle. Die nächste Problematik war, dass einige Patienten nicht zufrieden waren, vor allem Krebspatienten. Sie fragten uns: „Ist das euer Ernst, mit meiner Krebsdiagnose soll ich jetzt auch noch Gärtner werden? Außerdem startet meine Chemotherapie morgen und ich benötige das Cannabis morgen, nicht erst in drei Monaten.“ Also haben wir dann Patienten, die an einer weniger beeinträchtigenden Krankheit leiden, erlaubt, für bis zu fünf weitere Patienten Cannabis zu kultivieren. Einer dieser Patienten, einer der Ersten, der diese Bewilligung bekam, Gil Luxembourg, ist auch hier auf der Messe, ich habe ihn gesehen. Später hat sich dann Tikun Olam entwickelt – das war die erste Bewilligung, die ich für eine Firma erteilt habe. Zu Beginn hatte eine Privatperson den Antrag gestellt, aber es entwickelte sich eben zu einer Firma. Das war Ende 2005. Bis 2010 habe ich dann drei weitere Bewilligungen an Firmen erteilt, Cannabis für Patienten zu produzieren. Es war uns schon von Beginn an klar, dass wir irgendwann damit beginnen müssen, einen Teil der Kosten von den Patienten einzutreiben. Es funktioniert gratis vielleicht für ein paar Hundert Patienten, aber nicht für Tausende. Zumindest ein kleiner Teil sollte in Rechnung gestellt werden können. Da es aber in Israel aufgrund eines Gesetzes verboten ist, Cannabis sowie jegliche anderen Drogen zu verkaufen, haben wir uns entschieden, dies als Dienstleistung anzubieten. Wir bieten einen Cannabisservice an. Das ist der Grund, warum es eine fixe monatliche Gebühr gibt, die sich nicht danach richtet, wie viel Cannabis ein Patient tatsächlich erhält.

MED: Hatten Sie irgendwelche Schwierigkeiten mit der Regierung beim Aufbau des Projekts?

YB: Nein, ich war ja die Regierung [lacht].

MED: Also haben Sie niemanden überzeugen müssen?

YB: Hin und wieder habe ich dem Ministerium für öffentliche Sicherheit erklären müssen, warum ich das tue, aber eigentlich war sogar die Polizei sehr hilfreich. Ich hatte aber auch ein paar Probleme. Mitglieder des israelischen Parlaments warfen mir vor, ein Drogendealer zu sein und ganz Israel high machen zu wollen. Aber ich wurde auch von der anderen Seite kritisiert, dass nicht genug Patienten Zugang zu Cannabis hätten.

MED: Wie waren die Erfahrungen nach Ausstellung der ersten Bewilligungen?

YB: Um ehrlich zu sein, gab es mit einer der ersten Bewilligungen, die ich für den Anbau erteilte, Schwierigkeiten. Der Inhaber der Bewilligung wurde nämlich beim Dealen mit Cannabis erwischt. Das war für das Projekt ein Rückschlag, der uns ein, zwei Jahre gekostet hat. Und es hat natürlich dem Gegner in die Hände gespielt. Aber es ist immer so: Wenn man etwas Neues probiert, treten Probleme auf. Jetzt würde ich es von Anfang an so handhaben, dass alle Produzenten ihre gesamte Ernte an die Regierung geben und diese das Cannabis wiederum an die Patienten verteilt.

MED: Sie waren auch an wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von Cannabis bei diversen Krankheiten beteiligt.

YB: Ja, ich habe eine Studie über Cannabis gegen PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) gemacht, die aber nicht veröffentlicht wurde, da sie keine Doppelblindstudie war. Eine weitere wurde zum Thema Fibromyalgie durchgeführt. Sie wurde jedoch nicht abgeschlossen und verschwand unter fragwürdigen Umständen. ich habe bei mehreren weiteren Studien mitgewirkt, zum Beispiel im Feld der Neurologie bei Epilepsie oder MS, bei mehreren Studien zur palliativen Krebsbehandlung und zu Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, mit Dr. Naftali.

MED: Wie wurde die Forschung von den erteilten Bewilligungen beeinflusst?

YB: Wenn man eine solche Studie durchführen will, muss man zunächst eine legitime Quelle für den Erwerb des Cannabis finden. Schon zuvor war die Forschung mit Cannabis erlaubt, aber wir mussten mit Material arbeiten, das die Polizei vom Schwarzmarkt beschlagnahmt hatte. Und wie schon vorhin erwähnt, kann man sich dann nie über die Beschaffenheit des Produkts sicher sein. In München, ich glaube es war 2009, gab es eine Serie von Bleivergiftungen. Als sich die Behörden die Fälle genauer ansahen, wurde klar, dass ein Cannabisdealer scheinbar nicht wusste, dass Blei giftig ist, und es dazu verwendete, das Cannabis schwerer zu machen. Man kann sich also nie sicher sein, was man bekommt.

MED: Können Sie uns erklären, wie man in Israel als Patient zu Cannabis kommt?

YB: Als Erstes muss man einen Doktor aufsuchen, der Experte auf dem Gebiet ist. Dieser kann dann bei entsprechender Indikation eine Empfehlung ausstellen. Diese wird dann bei der IMCA (Israel Medical Cannabis Agency) eingereicht. Wenn diese der Empfehlung folgt, stellt sie eine Bewilligung aus. Diese ist dann für sechs Monate gültig. Wenn die Dosis gefunden wurde, hat sie eine Gültigkeit von einem Jahr. Die Bewilligung gibt Auskunft darüber, wo das Cannabis gekauft werden kann und wie viel Cannabis pro Monat vom Arzt empfohlen wird.

MED: Wie lange dauert der Bewilligungsprozess?

YB: Ungefähr drei bis vier Wochen.

MED: In welchen Formen ist Cannabis für die Patienten verfügbar?

YB: Wir haben insgesamt neun Optionen: Sativa, Indica und Hybride, diese wiederum gibt es in „high THC:low CBD“, „high CBD:low THC“ und in einem ausgewogenen THC:CBD-Verhältnis. Alle Ernten von allen Produzenten werden gesammelt und gemäß diesen Rezepturen gemischt. Danach werden Analysen gezogen. So kann sichergestellt werden, was die Patienten bekommen. Auch mit Extrakten wird so verfahren. Das ist ein eher klinischer Ansatz. Man verliert hierbei die spezifischen Sortenprofile. Deren Relevanz ist Gegenstand weiterer Diskussionen.

MED: Also werden Terpene nicht berücksichtigt?

YB: Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Wir wissen nicht genug darüber. Es ist gerade ein Schlagwort, aber im Moment wissen wir noch nicht, welche Terpene wo gut eingesetzt werden können. Zuvor benötigen wir die wissenschaftliche Grundlage.

MED: Wie ist die Situation mit den Ärzten in Israel – wie ist deren Wissensstand und woher beziehen sie die Informationen?

YB: Zu Beginn wussten sie nicht wirklich viel. Ich bin von Krankenhaus zu Krankenhaus gegangen und habe dort über Cannabis als Medizin referiert. Für Themengebiete, von denen ich weniger Ahnung hatte, habe ich Experten mitgebracht. Wir waren zumindest in jedem größeren Krankenhaus in Israel. Am Anfang musste ich die Ärzte davon überzeugen, Cannabis zu verschreiben. Nach zehn Jahren musste ich aufpassen, dass sie Cannabis nicht bei jeder Krankheit verschreiben.

MED: Was sind die Pläne der Firma OWC (One World Cannabis), zu deren Vorstand Sie gehören?

YB: OWC ist eine kleine Firma, die die medizinischen Wirkungsweisen von Cannabis untersucht. Wir entwickeln Behandlungen für Multiples Myelom, Psoriasis, Fibromyalgie, PTBS, Migräne sowie eine einzigartige Form der Applikation. Wir haben zwei Applikationsformen entwickelt: eine sublinguale Tablette und eine Salbe zur topischen Anwendung. Bei der Salbe sind wir mitten in der Forschung. Für die lösliche Tablette rechnen wir damit, dass wir Ende Dezember die Genehmigung für die Studie bekommen.