Epilepsie und Cannabis

Thomas M. leidet an Epilepsie und konsumiert daher täglich Cannabis, um ohne Anfälle durch seinen arbeitsreichen Tag zu kommen. Wir befragten den mit einer eigenen Firma selbstständig Tätigen zu seiner Krankheitsgeschichte und seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit der in Bayern noch illegalen Medizin Cannabis.

Medijuana: Bitte erzähl uns doch zunächst deine Krankengeschichte und wie du dabei auf Cannabis als Medizin gestoßen bist.

Thomas M.: Bis zu meinem 18. Lebensjahr wusste ich noch gar nicht, dass ich selbst Epileptiker bin. Ich komme ja aus dem bayrischen Land – und da sind die Ärzte oft nicht so hinterher. Erst mit 18 Jahren bin ich dann selbst mal zu einem Arzt gegangen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe – ich wusste, bei mir ist körperlich irgendetwas nicht in Ordnung. Aber ich wusste noch nicht, was der Grund für meine Anfälle war – bzw. ich wusste noch nicht mal, dass ich bereits epileptische Anfälle hatte. Ich ging also zu meinem damaligen Hausarzt, erzählte ihm von meinen Beschwerden und daraufhin überwies er mich in die nächstgrößere Stadt zu einem Neurologen. Nachdem mich dann der Neurologe nur etwa fünf Minuten befragt hatte, erklärte er mir unverblümt, dass ich an Epilepsie leide. Er musste mir dann erstmal erklären, was das bedeutet, da ich von Epilepsie bis dahin noch gar nichts gewusst hatte. Dann begann die lange Phase der Suche nach dem für mich geeigneten Medikament und der passenden Dosis. Da ich damals auch schon mal Cannabis konsumierte, bemerkte ich bald, dass mir die Medikamente in Kombination mit Cannabis ein nahezu anfallfreies Leben ermöglichten – zuvor hatte ich immer zwei oder drei Anfälle pro Tag. Inzwischen bin ich auf das für mich passende Medikament eingestellt und nach einer langen Zeit des Suchens habe ich schließlich auch die für mich am besten geeignete Cannabis-Genetik gefunden. Da ich beruflich selbstständig tätig bin, muss ich einfach funktionieren um voranzukommen – da kann ich mir nicht schon in der Früh eine dicke Mörderblüte reinpfeifen, die mich dann für den Rest des Tages plättet. Insofern vergleiche ich mein Glück, eine für mich passende Genetik gefunden zu haben, gerne mit einem Sechser im Lotto – denn bei der “Euphoria” ist der Name wirklich Programm. Was jetzt aber nicht heißt, dass mich diese Genetik übertrieben euphorisch macht. Tatsächlich bleibe ich mit der “Euphoria” immer weitgehend klar und vollkommen arbeitsfähig. Diese Sorte ist für mich wirklich gut – trotz etwa 25 Prozent THC-Anteil.

M: Wie hast du deine Medizin konsumiert?

TM: Anfangs immer pur mit dem Vaporiser – in vielen kleinen Dosen über den Tag verteilt. Allerdings kann ich das nicht wirklich empfehlen, denn nach etwa einem Jahr intensiver Vaporiser-Nutzung kann einem durchaus die Lunge verkleben. Mir ging das jedenfalls so – ich konnte einfach nicht mehr vernünftig abhusten, da war einfach kein Schleim mehr in der Lunge, den man heraushusten konnte. Das vom Vaporiser verdampfte bzw. verflüchtigte Harz verklebt mit der Zeit die feinen Lungenbläschen – das beginnt man aber erst nach einem halben Jahr zu merken. Wenn man zum Beispiel beim Sport keine Luft mehr bekommt. Oder wenn man merkt, da ist irgendwas in der Lunge, aber du kriegst es einfach nicht heraus. Jedenfalls habe ich mir dann eine kleine Purpfeife mit integriertem Aktivkohle-Filter zugelegt und damit ist es dann langsam wieder besser geworden – ich kriegte wieder besser Luft und konnte mit der Zeit auch wieder vernünftig abhusten.

 

M: Konsumierst du deine Medizin eigentlich legal?

TM: Nein, schließlich lebe ich in Bayern – da wird dir kein Arzt ein solches Rezept ausstellen. Ich habe schon eine ganze Reihe Ärzte dahingehend angesprochen, aber ganz egal ob nun Allgemeinärzte, Neurologen oder Fachärzte – alle verdrehten nur die Augen, drehten sich um und wollten nichts weiter davon hören. Das ist bayrischer Standard. Insofern musste ich mir hier auch eine gehörige Leck-mich-am-Arsch-Attitüde zulegen, denn ich muss ja regelrecht auf Behörden und Gesetze scheißen, wenn ich regelmäßig eine verbotene Substanz konsumiere, die mir hilft, ohne Anfälle durch den Tag zu kommen. Was bleibt mir da anderes übrig? Hier geht es schließlich um mich und nicht um den Freistaat.

Medijuana: Hast du selbst auch schon mal die repressive Seite des Freistaats kennengelernt?

TM: Ja, als ich 18 Jahre alt war, wurde bei mir eine Hausdurchsuchung vorgenommen – dabei fand man ganze neun Gramm Marihuana. In der Anklageschrift stand dann aber etwas von 360 Gramm, die verkauft worden seien. Das ist natürlich hirnverbrannter Blödsinn, aber so läuft das nun mal in Bayern: Da wurde aus den Aussagen irgendwelcher Leute einfach mal eine virtuelle Menge hochgerechnet. Als ich die Anklageschrift las, fragte ich mich, was das eigentlich mit mir zu tun hat – schließlich hatte ich das Kraut nie verkauft. Aber die wollten mir partout Handel unterstellen, und selbst ein paar lokale Medien sprangen mit auf und berichteten über meinen Fall – danach war ich für die meisten Freunde und meine Familie nur noch der asoziale Drogenhändler, mit dem keiner mehr was zu tun haben wollte.

M: Wie, nicht mal deine Familie hielt dabei zu dir?

TM: Leider nein. Ich weiß noch, wie meine Mutter damals etwas sagte wie: “Da hast du dir wohl wieder dein Hasch gespritzt.” Wenn du so was hörst, weißt du eigentlich schon ziemlich genau, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht – für die bist du dann wirklich einer, der Spritzen verteilt und Heroin durch die Gegend schleppt. Das ist in Bayern leider immer noch so und da kommt man einfach nicht gegen an. Das war auch bei meinen Eltern so – und das, obwohl mein Vater selbst ein Hardcore-Alkoholiker war, der sich vor fünf Jahren totgesoffen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.