Eine Million Euro für die Legalisierung

Georg Wurth hat vor Kurzem die Millionärswahl auf Pro7/Sat1 und damit eine Million Euro für seine Organisation Deutscher Hanf Verband gewonnen. Wir haben uns mit ihm über seinen Auftritt in der Show und seine Zukunftspläne unterhalten.

Medijuana: Wie war die Stimmung bei den Dreharbeiten zur Millionärswahl? Hast du deinen Auftritt in der Show genossen? Auf dem Bildschirm hast du die ganze Zeit sehr selbstsicher ausgesehen. Bist du von der großen Medienöffentlichkeit nicht ein bisschen abgeschreckt worden?

Georg Wurth: Ich war schon nervös. Ich musste ja viele Inhalte in sehr kurzer Zeit rüberbringen, und das Ganze genau getimt. Das musste ja wirklich auf die Minute passen, insofern kann man vielleicht nicht gleich von Genießen sprechen. Aber es war schon OK. Die Stimmung war gut und die Mitarbeit im Team hat eigentlich Spaß gemacht. Obwohl die ganze Millionärswahl-Geschichte natürlich sehr viel Spannung reingebracht hat; es war also sehr aufregend und teilweise auch belastend.

MED: Wie hast du eine solch gut zusammengestellte Videopräsentation produziert? Hast du dabei Hilfe bekommen?

GW: Ich hab halt meine Mitglieder gefragt, und andere, ob sie mir ein kurzes Video zur Verfügung stellen würden, warum sie den DHV unterstützen. Die Idee kam eigentlich noch von Brainpool, das kam nicht von mir. Und der Clip an sich wurde auch komplett von Brainpool gemacht. Die meisten Aufnahmen, die im Clip sind, wurden vor Ort in Köln von denen gemacht. Ich habe nur noch ein paar Sequenzen dazugeliefert.

MED: Schon allein die Tatsache, dass du an diesem Rennen teilgenommen hast, und dann auch noch ins Finale gekommen bist, hat dir die Möglichkeit gegeben, mit dem Thema Hanflegalisierung ziemlich viele Leute zu erreichen, die sonst in diesem Thema Laien sind. Was denkst du, wärst du mit deiner Performance zufrieden gewesen oder frustriert, wenn du den Hauptpreis von einer Million Euro schlussendlich nicht gewonnen hättest?

GW: Auch dann wäre ich insgesamt zufrieden gewesen, weil das eigentlich schon unser Hauptziel war: über die Sendezeit viele Leute zu erreichen, die wir sonst nicht erreichen. Innerhalb der Szene haben wir mittlerweile eine ganz gute Reichweite – über Facebook, über unsere Homepage – die Mitgliederzahl wächst ja. Aber den Ottonormalverbraucher, der sich mit dem Thema sonst nicht beschäftigt, den erreichen wir auch sonst eher nicht so gut. Und da war die Show natürlich eine perfekte Möglichkeit. Ich habe auch Glück gehabt, dass ich noch eine Sendung erwischt hab, die überhaupt im TV ausgestrahlt wurde. Es waren ja ursprünglich sieben Vorrunden geplant, und nur zwei wurden ausgestrahlt. Zumindest mit Auftritt, bei den anderen wurden dann im Schnelldurchlauf nur die Einspieler gezeigt. Ich habe beides geschafft: einmal viele Leute erreicht, und dann auch noch den Hauptgewinn. Und das war natürlich verrückt.

MED: Unter den anderen Kandidaten – wem hättest du das Preisgeld gegeben?

GW: Ich hab Amadou gewählt im Finale, der Schulen in Afrika bauen wollte, das fand ich ein gutes Projekt. Viva con Agua fand ich aber im Prinzip genauso gut, also auch denen hätte ich das Geld gegönnt. Ich habe den Eindruck, dass die beiden auch vernünftige Sachen mit dem Geld gemacht hätten.

MED: Viva con Agua waren die Zweiten nach dir.

GW: Ja, wir hatten sogar Punktgleichheit. Viva con Agua hatten genauso viele Punkte wie ich, und ich habe nur deswegen gewonnen, weil ich beim Zuschauer-Voting die meisten Stimmen hatte, und daher war es sehr knapp, und die hätten es auch verdient.

MED: So eine Medienpublizität hat das Thema Hanf in Deutschland bis jetzt noch nie bekommen. Außerdem das Million-Euro-Preisgeld – wie hat der DHV noch von der Millionärswahl profitiert?

GW: Als Hanfverband haben wir an allen Fronten profitiert von der Sache. Also viele neue Facebook-Fans beim Hanfverband, auch bei mir – persönliche Freunde – ich bin jetzt bei einer Grenze von fünftausend angekommen. Wir haben seit Anfang des Jahres zweihundert neue Mitglieder gewonnen. Also auch da stärkt es dauerhaft unsere Struktur, einfach durch die Beiträge. Es gab auch noch einige Medienanfragen nach der Show. Im Prinzip hat es sich für uns an allen Fronten gelohnt, als Hanfverband. Aber ich denke, auch fürs Thema an sich, das ist schon bei vielen Leuten hängengeblieben, dass da dieser Hanf-Typ gewonnen hat bei der Show. Es wird halt viel drüber geredet. Ich habe auch gehört: „Jetzt wird endlich mal darüber geredet bei mir am Arbeitsplatz“ und so, überall war es Thema. Was eigentlich erstaunlich ist, weil gar nicht so viele Leute die Show gesehen haben, aber dass ich gewonnen habe, das haben doch sehr viele Leute mitbekommen.

MED: Bezüglich der Legalisierung von Marihuana bist du der Meinung, dass der erste Schritt die Akzeptanz der medizinischen Verwendung sein sollte. Warum?

GW: Also ich sehe einfach, dass da die größte Not herrscht. Gemessen an der Anzahl der Leute, die betroffen sind, gibt es natürlich viel mehr Genusskonsumenten. Aber ich denke auch, dass das medizinische Thema am leichtesten durchsetzbar ist. Weil wir da in der Bevölkerung großen Rückhalt haben, mittlerweile sind sicherlich achtzig Prozent der Bürger dafür, den Patienten ihre Medizin zu geben. Auch bei den Politikern ist das Thema viel weiter fortgeschritten als beim normalen Genusskonsum. Gut, über das Verbot von Cannabis als Genussmittel kann man streiten. Ich halte es nicht für sinnvoll, aber den Leuten die Medizin zu verweigern, ist schlicht und einfach unmenschlich. Das muss so schnell wie möglich geändert werden. Vor allem sehe ich, dass das am schnellsten durchsetzbar ist.

MED: Du hast in der Fernsehshow gesagt, dass von deinem Preisgeld vor allem Hanfpatienten unterstützt werden sollen. Was ist eure Strategie, welche Art von Hilfe wird der DHV den Patienten anbieten?

GW: Was die Unterstützung von Patienten angeht – nicht, dass da ein falscher Eindruck entsteht – wir werden jetzt nicht anfangen, den Leuten ihre Medizin zu bezahlen. Wir hatten schon einige Anfragen, so etwa: „Ich brauche Cannabis als Medizin und kann es mir nicht leisten, könntet ihr mir da nicht helfen?“ – darum geht es nicht. Sondern es geht um Rechtsverfahren, die die Leute haben. Z.B. diejenigen, die für den legalen Anbau kämpfen und sich die Gerichtskosten nicht leisten können. Da können wir sicherlich helfen und sagen, wir übernehmen die Gerichtskosten, wenn der Fall aussichtsreich erscheint, um damit letztendlich allen Patienten zu helfen.

MED: Mit Blick auf die aktuelle politische Situation in Deutschland: Siehst du realistische Chancen für irgendeine bedeutende Entwicklung in den nächsten ein bis zwei Jahren im Bereich von medizinischem und Genusskonsum?

GW: Eher beim medizinischen Konsum, da könnte es zum Beispiel sein, dass Patienten Prozesse gewinnen, dass sie selbst anbauen dürfen. Das wäre ein Punkt, der möglich ist. Und der andere wäre, dass die Zahlen steigen werden von denjenigen, die legal Cannabis bekommen. Möglich ist es ja jetzt auch, eine Ausnahmegenehmigung erteilt zu bekommen vom Bundesinstitut für Arzneimittel. Das sind im Moment etwas über zweihundert Konsumenten, doppelt so viele wie letztes Jahr. Ich glaube, dass diese Zahl stark ansteigen wird in den nächsten Jahren, das macht natürlich auch was aus. Viele von diesen Leuten haben bis jetzt mit der Drogen-Konsumenten-Szene gar nichts zu tun, und die werden dann auch weitererzählen, dass Hanf ihnen hilft. Und dass sie z.B. Probleme mit der Krankenkasse haben und dass alles sehr kompliziert ist und man das ändern müsste. Das wird eine Schneeball-Geschichte sein, die immer größer und immer mehr zum politischen Thema werden wird. Was die Genusskonsumenten angeht, da besteht zumindest eine kleine Chance, dass es Modellprojekte geben könnte wie jetzt in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg. Ob die eine Genehmigung bekommen, tatsächlich Coffeeshops zu eröffnen, steht in den Sternen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, aber zumindest möglich. Ansonsten könnte vielleicht auch in irgendeinem der Bundesländer noch etwas passieren, aber wirklich nur kleine Schritte. Ich rechne da nicht mit wesentlichen Veränderungen in den nächsten vier Jahren.

MED: Der Verein hat jetzt einen ernstzunehmenden Geldbetrag erhalten – was meinst du: Kann das Geld es ermöglichen, die kritische Masse zu erreichen, und damit die Grundeinstellung der CDU/CSU in dieser Frage zu verändern?

GW: Man kann mit einer Million nicht die Legalisierung kaufen, das ist für uns eine klare Sache. Wir werden damit jetzt wohl kaum einen riesigen Durchbruch erzielen, aber es ist schon ein großer Tropfen auf den heißen Stein. Das wird man schon merken, wenn wir anfangen, Fernsehwerbung zu schalten. Was natürlich auch nicht flächendeckend sein wird, wir werden natürlich nicht jeden Zuschauer erreichen, aber ich glaube, dass wir wenigstens für einige Diskussion sorgen können. Abgesehen davon können wir auch unsere Struktur, unser Team vergrößern und einfach mehr bewirken, mehr Medienarbeit, mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Insofern ist es ein wichtiger Impuls, diese Million, der uns voranbringen wird. Aber die Million alleine wird uns auch nicht zum Durchbruch verhelfen. Das wird nicht die letzte Million gewesen sein, die wir dazu brauchen. Da reicht ein Blick in die USA: Allein die drei größten Legalisierungsorganisationen haben etwa zwölf Millionen Euro Budget jedes Jahr, und jede einzelne Abstimmung in den einzelnen US-Bundesstaaten verbraucht mehrere Millionen an PR-Maßnahmen und Werbung. Da sieht man schon, eine Million alleine bringt´s noch nicht. Daher hoffen wir weiterhin, dass wir Mitgliederzuwachs haben – Leute, die bereit sind, uns über Jahre regelmäßig auch mit kleineren Beträgen zu unterstützen. Weil der Kampf noch nicht zu Ende ist. Wir haben noch einen langen Weg zu gehen.

MED: Letztes Jahr sind auf der Hanfparade auch linksgerichtete Politiker erschienen. Gibt es heute jemanden im Deutschen Bundestag, der den Standpunkt des DHV vertritt?

GW: Wahrscheinlich meinst du Frank Tempel. Der war auch schon in der letzten Legislaturperiode im Deutschen Bundestag und setzt sich schon seit Jahren für die Liberalisierung ein. Die Linkspartei insgesamt steht auf unserer Seite. Die haben die Legalisierung in ihrem Programm stehen, genauso wie im Grunde die Grünen, die zum Teil auch gut an der Sache arbeiten. Aber letztendlich ist auch das noch keine Garantie dafür, dass irgendetwas passiert. Das sehen wir in den Bundesländern, wo teilweise Linke und Grüne an der Regierung beteiligt sind, und trotzdem erstmal nichts passiert. Letztendlich wird es darauf ankommen, mindestens eine der großen Parteien CDU oder SPD mit ins Boot zu bekommen, bevor wirklich wesentliche Veränderungen passieren in Deutschland.

MED: Wie siehst du das uruguayische und das amerikanische Legalisierungsmodell, welches findest du für Deutschland nachahmenswert?

GW: Ich finde beide ganz gut. So riesig sind ja die Unterschiede letztendlich nicht. Ich finde wichtig, dass eine komplette Regulierung vom Anbau bis zur Abgabe an den Konsumenten stattfindet. Das ist der wesentliche Fortschritt gegenüber den Niederlanden. Dass auch eine gewisse Produktqualität gesichert ist bei beiden Modellen. Was ich auch für wichtig halte, dass der Eigenanbau legal ist, dass man sich seine eigenen Pflanzen anbauen darf. Was ebenfalls bei beiden Modellen gut ist: dass es Cannabis nicht überall gibt. Ich fände es nicht gut, wenn Cannabis in jedem Supermarkt verkauft würde oder in irgendwelchen Automaten, an der Tankstelle … Das sind Sachen, die müssen nicht sein. Ich finde aber auch, das muss bei Alkohol und Zigaretten auch nicht sein. Ich würde für diese Drogen ein ähnliches Modell anstreben, wie das jetzt in Uruguay und Colorado passiert. Fachgeschäfte: Da gehören Drogen hin!

MED: Meinst du auch, dass die Legalisierung des Eigenanbaus vor allem für die Hanfpatienten jetzt die wichtigste Entwicklung wäre?

GW: Zumindest für viele wäre das eine sehr gute Lösung, weil es einfach die Kosten enorm senkt. Zumindest im Moment bekommen die meisten Patienten ihre Medizin nicht von den Krankenkassen erstattet. Außerdem haben die Leute durch den Eigenanbau viel mehr Möglichkeiten, sich eine Sorte auszusuchen, die ihnen besonders gut hilft. Weil in der Apotheke auch nur vier oder fünf Sorten erhältlich sind. Und es gibt so viele unterschiedliche Sorten, die alle ein bisschen anders wirken. Deshalb wäre es einfach besser, wenn der Patient sich die Sorte selber aussuchen könnte. Es gibt sicher auch Patienten, die sich den Eigenanbau gar nicht leisten können oder wollen. Weil sie nicht genug Platz haben, weil sie sich nicht mehr genug bewegen können, sich nicht um sich selbst und um die Pflanzen kümmern können – da brauchen wir auch andere Modelle. Ich bin nicht komplett gegen andere Möglichkeiten von Hanf-Medizin. In den USA spielt z.B. Hanföl eine immer größere Rolle, auch in den Niederlanden – so kann man Hanf einfach oral zu sich nehmen, ohne erst Kekse backen zu müssen. Das fände ich schon wichtig, dass Leute – meinetwegen in der Apotheke – solche Medikamente auf Hanf-Basis bekommen. Wobei unser Ziel hier in Deutschland im Moment eher umgekehrt ist, da die deutsche Regierung sehr auf Pharmaprodukte setzt und Hanfblüten eigentlich komplett aus dem Geschäft raushaben will. Deswegen betonen wir im Moment in Deutschland: Die Patienten müssen auch Blüten bekommen können, wenn sie das wollen. Auch weil es viel preiswerter ist.

MED: Es gibt einige Menschen, die Zweifel daran haben, dass der Verband diesen großen Geldbetrag ausreichend wirksam einsetzen kann. Was ist deine Botschaft an sie?

GW: Dass wir dazu in der Lage sind. Wir sind sowieso die größte Legalize-Organisation in Deutschland, und wir haben mit Abstand das größte Budget. Die meisten werden uns zustimmen, dass wir es bisher auch sehr effektiv eingesetzt haben. Und für unsere Größe doch sehr viel erreicht haben an Medienaufmerksamkeit, an politischer Diskussion usw. Wir sind zwar eine große Legalize-Organisation, aber trotzdem ein sehr kleiner Lobby-Verband im Vergleich zu anderen. Alle möglichen Lobby-Verbände sind größer als wir, aber dafür haben wir wirklich sehr viel Aufmerksamkeit erreicht bisher. Dazu kommt, dass ich selber Diplom-Finanzwirt bin, ich hab Steuerrecht studiert, hab mich mein Leben lang mit Zahlen befasst, und ich möchte mal behaupten, dass ich mit Geld umgehen kann. Ich werde schon dafür sorgen, dass es effizient eingesetzt wird!

MED: Was denkst du, wie lange kann aus diesem Geld der Betrieb des DHV finanziert werden?

GW: Ich habe vor, das Geld innerhalb von fünf Jahren zu verbrauchen. Einen großen Teil davon im ersten Jahr, dass wir einen kleinen Knalleffekt haben. Und dann werde ich auch eine erhebliche Summe zurücklegen, damit wir in den nächsten fünf Jahren verstärkte Strukturen haben und damit arbeiten können. Und in dieser Zeit, hoffe ich, weiter wachsen, um diese Strukturen dann auch erhalten zu können.

 

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