Die Jungen lässt es kalt

Bei der Einführung von medizinischem Cannabis wird immer wieder die Frage laut, ob damit auch für andere Menschen die Beschaffung erleichtert wird: für diejenigen, die nicht durch eine Krankheit zum Konsum berechtigt sind, ganz speziell für Jugendliche. Oder ganz allgemein: Ob das Programm insgesamt als Ermunterung zum Cannabiskonsum gewertet werden muss.

Samantha Gonzales hilft einem Kunden im Fresh Baked, eine Cannabis-dispensary in Boulder, Colo.

Da das erste Therapieprogramm schon 1996 in Kalifornien begann und Cannabis seitdem in der Hälfte aller US-Staaten auf Rezept erhältlich ist, verfügt man inzwischen über die nötigen Daten, um diese Frage zu beantworten. Das war der Ausgangspunkt einer Forschergruppe der Columbia und der Michigan University, welche die Angaben von fast einer Million Jugendlichen aus insgesamt 48 Staaten über die Spanne von 24 Jahren analysierte. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen den Legalisierungsgesetzen und dem Marihuanakonsum von Jugendlichen. Die Forscher betonten die große Bedeutung dieser Studie, da durch den Konsum von Cannabis in der Jugend unerwünschte gesundheitliche Folgen in späteren Lebensphasen auftreten können. Er kann beispielsweise das Wachstum des Gehirns beeinflussen, die kognitiven Funktionen einschränken oder latente mentale Krankheiten an die Oberfläche bringen.

In der ersten Hälfte der 2000er Jahre beobachtete man einen Anstieg des Konsums bei amerikanischen Jugendlichen. Daher kam bei der Untersuchung der Ursachen der berechtigte Verdacht auf, dies könne auf die Einführung der Therapieprogramme zurückzuführen sein. Eine frühere Untersuchung der Forschergruppe hatte die Hypothese bestätigt, dass der Marihuanakonsum der 16- bis 17-Jährigen in jenen Staaten am größten war, in denen es ein Programm für therapeutisches Marihuana gab. Die damalige Studie erstreckte sich jedoch nur über einen kurzen Zeitraum und untersuchte nicht die Zeit vor dem Inkrafttreten der Gesetze. Aus diesem Grund analysiert die neue Untersuchung auch den Anteil der Gras rauchenden Teenager in der Zeit vor den ersten Programmen für medizinisches Cannabis. Die Untersuchung über fast ein Vierteljahrhundert (1991 bis 2014) stützt sich auf die Angaben von gut einer Million Schülerinnen und Schülern aus 400 Schulen. Die neuen Forschungsarbeiten gewinnen auch dadurch an Bedeutung, dass das National Institute of Drug Abuse (NIDA) einbezogen wurde. Diese unterstützt den Großteil der US-Drogenforschung und kommt in Fragen der Risiken des steigenden Marihuanakonsums oft zu Wort. Die mit neuen Methoden durchgeführten Studien ergeben ein ganz anderes Bild als die früheren Analysen der Forschungsgruppe. Die Ergebnisse zeigen, dass in den Staaten, wo Programme für therapeutisches Cannabis bestehen, der Anteil der jugendlichen Kiffer schon von vornherein den Landesdurchschnitt überstieg, nach der Einführung der Programme sich der Anteil aber nicht weiter erhöhte. In Zahlen ausgedrückt sieht es so aus, dass in den Staaten, die ein Therapiegesetz angenommen haben, im Durchschnitt 16% der Jugendlichen Cannabis konsumieren, während die Zahl in den Staaten, die noch keine Regelung eingeführt haben, bei nur 13% liegt. In den Staaten, die ein Therapiegesetz angenommen haben, blieb auch nach der Einführung die Zahl der konsumierenden Teenager etwa gleich. „Die staatlichen Gesetze für medizinisches Marihuana erhöhen den Marihuanagebrauch im Jugendalter nicht“, stellte die Studie fest. Nicht untersucht wurde die Legalisierung für rekreative Zwecke und deren Wirkung auf den Konsum bei Jugendlichen.

Dabbing am High Times Cup in Denver„Ein Krieg tobt um das Marihuana und ich denke, dass sich beide Seiten von Zeit zu Zeit des Vermischens der Daten schuldig machen“, sagte Dr. Kevin Hill, Professor für Psychiatrie an der Harvard Universität und Autor des Buches Marijuana: The Unbiased Truth About the World’s Most Popular Weed. „Diese Forschungsarbeit ist erfreulich präzis und kann einen Beitrag zur sachkundigen Umgestaltung der Politik leisten”, sagte der Professor weiter. Die Studie, die in der Juli Ausgabe von The Lancet erschien, ist auf der Webseite der Zeitschrift in voller Länge zu lesen.