Die hundert Gesichter des Marihuanas

Dr. Lester Grinspoon ist 85 Jahre alt

Obwohl Hanfmessen Marihuanakonsumenten, die rekreative und medizinische Absichten verfolgen, zusammenbringen, bleiben die beiden Gruppen auch in Ländern mit einer aufgeklärten Drogenpolitik streng getrennt. Kann es neben der Entspannung und den medizinischen Gründen noch eine andere Motivation zum Konsum geben? Diese Frage versucht der Forscher und aktive Konsument Dr. Lester Grinspoon zu beantworten, der im Juli 85 Jahre alt wurde.

Dr. Grinspoons größtes Problem besteht darin, dass Cannabisforscher fast ausnahmslos untersuchen, ob die Pflanze schädlich ist, und wenn ja, wie sehr. Unter ihnen bilden nur jene Forscher eine Ausnahme, welche die medizinischen Eigenschaften untersuchen, aber diese lenken ihr Augenmerk auch nur auf eine einzige Dimension des Konsums. Es schmerzt den Professor schon lange, dass das Erkennen der tieferen Zusammenhänge der Begleitumstände des Kiffens – der Genuss auf einem höheren Niveau von Musik und Kunst sowie die tieferen Schichten der Erfahrungen der emotionalen und sexuellen Vertrautheit – einfach zu den Folgen des rekreativen Gebrauchs gezählt werden, wenn sie überhaupt Erwähnung finden. Junge Kiffer, die ein Gemeinschaftserlebnis und eine Party im Rauchen suchen und den feineren Stimmungen der Bewusstseinszustände gegenüber weniger offen sind, passen oft in dieses Schema. Solche Zustände treten im Gegensatz zur Hochstimmung und dem gesteigerten Appetit nicht automatisch ein, sondern man muss sie erlernen. Welche Methoden es dazu gibt, dieser Frage hat der Professor eine ganze Webseite gewidmet (marijuana-uses.com), wo jeder seine persönlichen Erfahrungen mitteilen kann.

Von der Heilkunde zur edlen Gesinnung

Aber der alte Professor hat auch nicht als Cannabisgourmet begonnen! Der an der Harvard-Universität ausgebildete Psychiater hatte in den 1960er Jahren noch keine Zweifel, dass Marihuana eine ausgesprochen gefährliche Droge sei, die leider, entgegen aller Warnungen und Verbote, in immer größeren Kreisen genossen würde. Seine 1967 begonnenen Forschungen sollten die Gefahren genau aufklären, und er musste erkennen, dass die allgemeine Meinung hinsichtlich des Cannabis sehr irrte: Er fand keine vertrauenswürdige Untersuchung, die den toxischen Charakter der Pflanze belegt hätte! Seine Forschungsergebnisse fasste er 1971 in dem Buch Marijuana Reconsidered zusammen, gut zwei Jahrzehnte später gab er Marihuana. Die verbotene Medizin über die medizinische Verwendbarkeit von Marihuana heraus. Das Schicksal des Buches ist gegenwärtig auch auf der Webseite rxmarijuana.com zu verfolgen, wo ständig neue Berichte über die Wirkung der “verbotenen Medizin” bei unterschiedlichen Symptomen und Krankheiten erscheinen. Seiner Arbeit wurde schon in den 1990er Jahren drogenpolitische Anerkennung gezollt, aber sein Aktivismus ließ seitdem nicht nach und 2010 war er eine der Autoritäten, die den Washingtoner Gesetzentwurf zur Legalisierung unterzeichneten. Der Professor trat mehrfach in Dokumentarfilmen auf, zuletzt 2011 in Clearing the Smoke: The Science of Cannabis; vorher konnten wir ihn in dem auch bei den ungarischen Kiffern populären Dokumentarfilm aus dem Jahre 2007 The Union – The Business Behind Getting High sehen. Woher kommt dieser Aktivismus? Wie er 2009 in einem Essay schrieb, hatte er nach der Veröffentlichung von Marijuana Reconsidered darüber nachgedacht, wie glaubwürdig es sei, ein Buch über Cannabis zu schreiben, wenn der Autor nie einen einzigen Zug von einem Joint genommen hat. “Aber man muss ja auch nicht schizophren sein, um ein Buch über Schizophrenie zu schreiben”, sagte sich der Professor damals. Während seiner Untersuchung hatte er mehrmals erwogen, sich empirische Kenntnisse von seinem Forschungsobjekt zu verschaffen, glaubte aber, damit seine und die Objektivität seines Werkes zu gefährden. Ein Jahr nach dem Erscheinen seines Buches stellte ihm ein Richter auf einer Sitzung zur Erstellung einer Gesetzesvorlage die Frage: “Herr Doktor, haben Sie schon mal Marihuana probiert?” Grinspoon erwiderte auf die Feindseligkeit: “Herr Senator, bereitwillig beantworte ich Ihre Frage, wenn Sie mir vorher sagen, ob Sie mich nach einer bejahenden Antwort als einen glaubwürdigen oder unglaubwürdigen Zeugen betrachten werden.” Als der Senator, über die “Unverschämtheit” erbost, das Sitzungszimmer verließ, beschloss Grinspoon, dass die Zeit gekommen war, es auszuprobieren.

Er raucht Gras und predigt Gras

Nach dem Erscheinen seines Buches wurde dem Professor ständig Ganja angeboten, das er immer höflich ablehnte. Nach dem ominösen Vorfall stiegen seine Frau und er bei einem Kreis von Kiffern ein. Da hatte Grinspoon sein erstes und letztes unangenehmes Erlebnis mit Marihuana: Er spürte nichts! Beim zweiten Mal kam er auch nicht viel weiter, dann, beim dritten Mal, packte es den 44jährigen Psychiater – dabei half eine Schallplatte von den Beatles. Nach seinem Bericht verstand er zum ersten Mal die Lieder, die er schon so oft gehört hatte. Neue Dimensionen eröffneten sich in ihnen. Ein Jahr später erzählte er dies John Lennon und der Musiker sagte, dass er damit erst ein Gesicht des Marihuana gesehen habe, dass sich nicht nur bei der Rezeption, sondern auch beim Komponieren neue Perspektiven auftun könnten. Der Doktor lernte die vom Marihuana ausgelösten Bewusstseinszustände allmählich kennen und erkannte, dass es sich bei wichtigen Entscheidungen lohnt, sie mit klarem Kopf und bekifft zu bedenken. Seine erweiterte Sichtweise half auch bei seiner Tätigkeit als Psychiater, denn er konnte die Probleme seiner Patienten von einer neuen Seite angehen. Zur Verbindung von Kiffen und seinen ursprünglichen Ideen brachte Grinspoon das Beispiel, dass er 1980 auf die Idee zum Jahrbuch Annual Review of Psychiatry gekommen sei, das die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft seitdem jedes Jahr herausgibt. Im Spiegel all dessen findet der Professor es verblüffend, dass der Streit sich noch immer nur um die Schädlichkeit drehe und die Fragen der Kreativität nicht einmal an der Oberfläche kratze, während gegenwärtig Zehntausende jährlich wegen Marihuana im Gefängnis sitzen. Grinspoon tut alles, was er kann, um dies zu ändern, darum ist er im Führungsorgan der Legalisierungspartei NORML sowie in Dokumentarfilmen aktiv, außerdem künden seine Schriften von der Vielgestaltigkeit des Marihuanas. In einem Interview im März äußerte er sich positiv über die momentanen Entwicklungen in Amerika und hielt das Drogenverbot nun für gescheitert. Möge er recht haben.

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