Die Chemie der Farben

Bevor das geerntete Ganja getestet wird, beurteilt man es mithilfe von mindestens drei Sinnesorganen. Man nimmt es in Augenschein, prüft seinen Zustand mit den Fingern und durch Einatmen des Aromas. Bei dieser Prüfung der äußeren Erscheinung kann man von der Beschaffenheit des Harzes und dem Vorhandensein von Trichomen in der Regel auf gute Qualität und einen hohen THC-Gehalt schließen. Die Farben spielen für die meisten nur eine rein ästhetische Rolle, obwohl ihre Anziehungskraft bei der Auswahl der Sorte eine Rolle spielt.

 

Erfahrungsberichte der legalen Cannabisgeschäfte besagen, dass die überwältigende Mehrheit der KundInnen beim Einkauf neben den Inhaltsstoffen nach Farbe und Aussehen entscheidet und die Berührungs- und Geruchsprobe dem Kennenlernen zu Hause vorbehalten bleibt. Wenn die Reaktion auf Reize, wie man sie vom Bekleidungsgeschäft her kennt, so tief in uns verankert ist, dass wir uns von Materialqualität, Farbe und Schnitt leiten lassen, müssen wir mehr darüber wissen, was zum Beispiel die Farbe Bordeauxrot oder Gelb uns über das Marihuana verrät – sie verführt schließlich nicht nur Insekten, damit sie bestäubt werden, sondern auch uns.

Rot und Schwarz

Die Farbe der Cannabispflanze bleibt während der Entwicklung nicht konstant, sondern verändert sich im Reifungsprozess. Neben pH- und Säurewert wird das Vorkommen der Anthocyane – der wasserlöslichen Pflanzenfarbstoffe – beeinflusst, die für die Farben Blau, Rot und Lila verantwortlich sind. Das Wort „Anthocyan“ wurde Anfang des 19. Jahrhunderts aus zwei griechischen Worten zusammengesetzt: aus „ánthos“ (Blume) und „kyáneos“ (dunkelblau). Die Anthocyane bestimmen die Farbe vieler Pflanzen, z. B. der Heidelbeere, der Aubergine und der Kirsche. Sie können auch die Trichome färben und zaubern schon in kleinen Mengen rot-lila-farbene Schattierungen. Man muss wissen, dass die chemische Verbindung über starke antioxidante Eigenschaften verfügt und daher beim Schutz gegen die schädlichen, von der UV-Strahlung hervorgerufenen Radikale eine Rolle spielt. Die Farbe der Cannabispflanze wird darüber hinaus auch von der Temperatur und dem Säurespiegel bestimmt. Niedrigere Temperaturen und ein pH-Wert unterhalb der üblichen 5,5–6,5 in der Blütezeit begünstigen das Auftreten von lila bis roten Farbtönen. Auch der Einsatz spezieller LED-Lampen erhöht die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von roten Blüten. Die rote Farbe hängt außerdem mit den verwendeten Düngemitteln zusammen. Sie lässt sich zum Beispiel durch den Entzug von Phosphor hervorrufen. Dunkle, schon ins Schwarze gehende Farben entstehen durch ein Übermaß an den in den Blättern entstehenden Farbstoffen. Solche Pflanzen sind im Allgemeinen sehr potent und bieten fast psychedelische Erlebnisse. Sie werden unter speziellen Bedingungen angebaut: Durch eine geringere Temperatur gwinnen ihre Farben an Intensität. In einer kühleren Umgebung produziert die Pflanze weniger Chlorophyll, den zur Fotosynthese benötigten Farbstoff (Pigment), weswegen die Pflanze weniger Energie aus dem Licht gewinnen kann. Die ausgesprochen seltenen rosafarbenen Sorten zeigen gewöhnlich einen bestimmten Phänotyp an und können deshalb nicht durch die Gestaltung der Anbauumgebung hervorgerufen werden. Wer nach dem Namen auswählt, sollte wissen, dass sich das im Namen von Canna-bissorten vorkommende „pink“ nicht immer auf die Farbe bezieht, sondern manchmal auf Merkmale in Geruch und Geschmack.

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Es wird schon gelb

Auch gelbe Cannabissorten können uns begegnen. Dafür gibt es ähnlich wie bei der Farbe Lila zahlreiche Erklärungen. Das Anthocyan steht chemisch einer anderen natürlichen Farbstoffgruppe des Cannabis nahe, den Flavonoiden. Das Wort wird hergeleitet vom lateinischen „flavus“ (Gelb) – die Farbe, die zuallererst mit den Flavonoiden verbunden wird. Der geringe Anthocyangehalt lässt die Pflanze wegen der in ihr enthaltenen Karotinoide zu dem Gelb, das wir in der Möhre, der Tomate und im Herbstlaub vorfinden, werden. Anbau in einem basischen Substrat ruft die Farbe Gelb hervor, zu starke Lauge ist aber keineswegs der Königsweg zum Anbau einer gesunden Pflanze. Wenn die Farbe Gelb der Pflanze genetisch eigen ist, dann verfärben sich in einer leicht basischen Umgebung während der Reifung die Blätter durch Verringerung des Chlorophylls von Bordeau zu Gelb. Der Chlorophyllspiegel wird durch zu wenig Nitrogen gesenkt, aber mit dieser Methode schaden wir gleichfalls der Pflanze.

Am besten lassen sich ungewöhnliche Farben durch Veränderung des pH-Werts und der Temperatur erreichen, diese beeinflussen jedoch den Wirkstoffgehalt des Endprodukts. Bestimmte Farben sind genetisch bedingt, daher können wir sie bei der Wahl von ungeeigneten Sorten auch nicht mit Gärtnertricks hervorrufen. Wir sollten uns davor hüten, die Gesundheit der Pflanze wegen einer Farbnuance zu gefährden. Der primäre Gesichtspunkt beim Anbau sollte immer sein, dass die Pflanze sich wohlfühlt und gesunde Blütenstände hervorbringt. Obwohl es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Farbe und Potenz gibt, können rote Sorten wegen des hohen Gehalts an Antioxidantien geeigneter sein, eine beruhigende, entzündungshemmende Wirkung zu erzielen. Wer sich also nicht nur aus rein ästhetischen Gründen für die eine oder andere Farbe entscheidet, sollte auch die weiteren Charakteristika der betreffenden Sorte nicht aus dem Auge verlieren.