Die Bockschüsse der UN

Abschied von Dr. István Bayer

István Bayer arbeitete als Professor für Pharmazeutik lange Jahre für die UN in Genf. 1984 wurde er zum Präsidenten der Suchtstoffkommission der UN (CND) gewählt. Kurz vor seinem Tod im 93. Lebensjahr kritisierte er das UN-Drogenabkommen scharf. Mit einer Zusammenfassung seiner Kritikpunkte nehmen wir Abschied von ihm.

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Dr. István Bayer wurde in eine Budapester Apothekerfamilie hineingeboren. Dies zeichnete seinen Lebensweg von Anfang an vor. Nach Abschluss der Universität arbeitete er in der Pharmafabrik Richter auf dem Gebiet Pflanzenchemie. Später befasste er sich mit der Medikamentenkontrolle, bestimmten pflanzlichen Wirkstoffen und erarbeitete unter anderem die Untersuchungsmethoden für Opiumalkaloide. Anlässlich eines Besuchs des WHO-Sekretärs für Pharmazie in Ungarn fungierte er als Dolmetscher. Zwischen den beiden entstand eine persönliche Freundschaft, die dazu führte, dass Dr. Bayer nach der Pensionierung des Sekretärs zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Die UN-Suchtstoffkommission war die nächste Stufe seiner Karriere. Statt Drogen analysierte er nun  Regierungserklärungen über den Drogenmissbrauch. Jahrelang war er Sekretär der UN-Suchtstoffkommission, später wurde er ihr Präsident. Außerdem stand er zwölf Jahre der ungarischen CND-Kommission vor.

In den letzten Jahrzehnten verfasste István Bayer zahlreiche Bücher über Drogen und ihre Kulturgeschichte. Wiederholt kritisierte er die Kategorisierungen durch das UN-Drogenabkommen, dieses sei unfähig zur Erneuerung und nicht in der Lage, sich den aktuellen Entwicklungen des Drogengebrauchs anzupassen. Er stellt nicht in Abrede, dass Alkohol das traditionelle Rauschmittel der westlichen Welt ist, glaubt aber, dass die Art und Weise des Konsums bedeutsamer ist als die jeweils ausgewählte Droge. Dementsprechend lautet das Motto seines im Jahr 2000 erschienenen Buchs: „Nicht die Droge ist das Problem, sondern der Mensch.“ Es erstaunt nicht, dass er im April dieses Jahres die Petition zur Reform der Drogenpolitik an die führenden PolitikerInnen der Welt anlässlich der Drogensitzung der UN unterzeichnete. Obwohl sein Name außerhalb der engen Fachkreise nur wenigen bekannt ist, kann man behaupten, dass er einer der führenden Experten für Drogenfragen war. In seinem Artikel „Die Bockschüsse der UN“, der im April 2016 in der ungarischen Fachzeitschrift Pharmazie erschien, nimmt er die Fehler der internationalen Drogenkontrolle unter die Lupe und deckt 14 Irrglauben auf, die wir nachfolgend in verkürzter Form abdrucken.

 

Irrglaube 1: Alkohol ist keine Droge

Obwohl Alkohol wegen der gesellschaftlichen Schäden, die er verursacht, eines der gefährlichsten bewusstseinsverändernden Mittel der Welt ist, haben die UN ihn vollkommen aus ihrem Kontrollprogramm ausgeblendet. Professor Bayer merkt an, dass dies keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat, sondern eine rein politische Entscheidung ist.

 

Irrglaube 2: Tabak ist keine Droge

Das Gleiche lässt sich über den Tabak sagen, der ebenfalls aus politischen Gründen nicht auf der Liste der kontrollierten Mittel steht. Er ist „insgesamt“ für 10 % aller Todesfälle verantwortlich, und wahrscheinlich hat er es wegen dieser „Kleinigkeit“ nicht verdient, als Droge betrachtet zu werden, fügt Bayer ironisch hinzu.

 

Irrglaube 3: Marihuana – das mörderische Gras

Nach dem Ende der Prohibition in den USA verbreitete Harry Anslinger, einer der führenden Drogenpolitiker der USA, die Lüge, Marihuana wecke Mordgier, es sei ein „killer weed“. Er brachte in breiten gesellschaftlichen Kreisen Bücher und Schulungsfilme in Umlauf, die dies beweisen sollten. Diese Behauptung bestimmte drei Jahrzehnte lang die US-Drogenpolitik, nicht nur im Inland, sondern auch in der UN-Suchtmittelkommission.

 

Irrglaube 4: Rauchen von Marihuana und Ganja ist das Gleiche

Das amerikanische Marihuana und das indische Ganja waren 1961 – bei der Verabschiedung des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel – das gleiche Cannabis, aber weder die Regierung der USA noch die Vereinten Nationen nahmen zur Kenntnis, dass das Rauchen von Marihuana in den amerikanischen Staaten des 20. Jahrhunderts und das Rauchen von Ganja in Indien mit seiner 1.000 Jahre alten Tradition nicht das gleiche gesellschaftliche Phänomen sind.

 

Irrglaube 5: Cannabis mit 1 % THC ist die gleiche Droge wie Cannabis mit 30 % THC

Das gegenwärtige System macht keinen Unterschied zwischen Cannabis mit hohem oder niedrigem Wirkstoffgehalt. Vor der Einführung des Cannabisverbots 1961 war das Ganjarauchen in Indien erlaubt, aber der Konsum von Charas (Cannabisharz) mit einem THC-Gehalt von mehr als 5 % verboten.

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Bockschuss 6: Marihuana ist eine verbotene Frucht

Das UN-Abkommen von 1961 verbietet den Besitz von Cannabis. Und wie viele Menschen rauchen trotzdem Gras? Nach Schätzungen der UN etwa 200 Millionen. In der Realität sind es aber viel mehr – die UN-Daten basieren ausschließlich auf Regierungsberichten und eine Reihe von Entwicklungsländern stellen überhaupt keine Daten zur Verfügung.

 

Bockschuss 7: Verbot des Kokakauens

Das Abkommen von 1961 verbot eine jahrtausendealte Tradition: das Kauen von Kokablättern. Und das, obwohl der Konsum von Koka in bestimmten Höhenlagen kein Drogenkonsum, sondern eine Frage des Überlebens ist, weil es bei der Akklimatisierung hilft. Professor Bayer erwähnt den Fall eines belgischen Konsuls und seiner Familie. Sie fuhren mit dem Zug auf die Altiplano-Hochebene. „Dort angekommen, begannen die zwei kleinen Kinder des belgischen Konsuls zu rennen, der Konsul und seine Frau liefen ihnen hinterher, um sie aufzuhalten. Das gelang nicht, weil sie nach einigen Metern Rennens alle vier tot zusammenbrachen. Ganz sicher hätte die Vorfahren der Indianer das gleiche Schicksal ereilt, wenn sie ohne Koka angefangen hätten zu arbeiten.“

 

Irrglaube 8: Den illegalen Kokaanbau kann man mit dem Einsatz von Giftstoffen stoppen

In seiner zwanzigjährigen Tätigkeit für die UN stellte Professor Bayer fest, dass einzelne lateinamerikanische Länder die Ausrottung einer größeren Anzahl von Kokapflanzen vermeldeten als ursprünglich in dem Land wuchsen. Das gleiche Gebiet war nämlich mehrmals mit Herbiziden besprüht worden, und wenn ein Hektar dreimal besprüht worden war, zählte das als eine drei Hektar große Kokaplantage. Mithilfe der Herbizide gelang es jedoch nicht, den Kokaanbau zurückzudrängen. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie eine krebserregende Wirkung haben.

 

Irrglaube 9: Nicht der unrechtmäßige Konsum bedeutet einen Missbrauch, sondern der illegale Handel

Nach Bayers Meinung haben die UN aus dem Auge verloren, dass das wahre Problem der unmäßige, problematische Drogenkonsum ist und nicht die Tatsache, dass er gesetzeswidrig ist. Das sei so, als würde man im Falle des Alkohols ausschließlich das illegale Schnapsbrennen als Problem betrachten, aber den unmäßigen Schnapskonsum nicht, weil er legal ist.

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Bockschuss 10: Drei Heroininjektionen täglich und drei Joints in der Woche stellen das gleiche „Drogenproblem“ dar

Durch eine Drogenpolitik, die auf Sanktionen basiert, und durch die Unfähigkeit, sich mit den Folgen des Missbrauchs auseinanderzusetzen, wurde die Unterscheidung zwischen den einzelnen Drogen und der Art ihres Konsums in den Hintergrund gedrängt. Heroin und Cannabis sind die „gleiche“ Droge – die regelmäßigen Injektionen des Heroinabhängigen und das gelegentliche Kiffen eines Jugendlichen, der sein Vergnügen sucht, bedeuten den „gleichen“ Drogenkonsum.

 

Irrglaube 11: Das Drogenproblem kann man mit Sanktionen lösen

„Mit einem Beispiel lässt sich belegen, dass die Drogenpolitik, die auf dem Drogenkrieg basiert, ein Irrläufer ist. Es ist gelungen, ein Viertel oder ein Drittel der illegalen Opiumproduktion der Welt zu beschlagnahmen. Aus dem, was nicht beschlagnahmt werden konnte, lässt sich so viel Heroin herstellen, dass man – wenn die Nachfrage da wäre – sogar die Marsmenschen mit versorgen könnte. In den USA verbreitete sich das Marihuanarauchen am stärksten, als innerhalb von vier Jahren eine Million Jugendliche ins Gefängnis wanderten für den Besitz von einem Joint.“

 

Bockschuss 12: Es gibt drei Abkommen statt einem

1961 wurde eine („einheitliche“) Vereinbarung erarbeitet und verabschiedet, damit das Drogenkontrollsystem in seiner Funktion nicht durch mehrere Vereinbarungen gestört werde. Leider wurden danach zwei weitere Vereinbarungen getroffen (1971, 1988), und das führte nicht nur zu terminologischem Chaos, sondern machte es in der Folgezeit schwer, neue Stoffe zu überprüfen.

 

Bockschuss 13: Der Unterschied zwischen therapeutischem und nicht therapeutischem Gebrauch ist nicht geklärt

Unbestreitbar, dass das therapeutische Potenzial von Cannabis noch nicht ausgeschöpft ist. Aber dass in den Ländern, die den therapeutischen Gebrauch von Cannabis erlauben, oft ungeklärt ist, in welchen Fällen die therapeutische Anwendung der Droge überhaupt angezeigt ist, lässt auf eine neue Quelle von „Drogenproblemen“ schließen. Es fehlt eine umfassende Studie der WHO, die wissenschaftlich fundierte Richtlinien enthält.

Irrglaube 14: Es geht nicht darum, dass es keine Medikamente geben soll

Als die Vereinbarung von 1961 in Kraft trat und die Opiumläden schlossen, raubte man der Bevölkerung Indiens eines ihrer Grundmedikamente. In den entwickelten Industrieländern verwendete man Morphin anstelle von Opium. Natürliche, halbsynthetische und synthetische Alkaloide (Opioide) dienen heute der Schmerzbekämpfung, sind aber für Inder kaum erhältlich. Eines der neun wichtigsten Opioide, die zur Schmerzbekämpfung verwendet werden, erhalten in den USA täglich 30.000 von einer Million EinwohnerInnen, in Indien hingegen nur 10 bis 15.

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